Winterbienen (Norbert Scheuer)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 10.08.2019

Nie verlor er die Geduld mit ihnen, oder mit mir, die ihm Löcher in den Bauch fragte. Mein Großvater Wilhelm liebte sie, seine Bienen, und er gemahnte mich immer, nicht nach ihnen zu schlagen, wenn sie mich aufgeregt umschwirrten, weil sie wieder einmal auf der Flucht waren, in den Apfelbaum des Nachbarn oder in den nahen Wald. Bienen stechen nur bei Bedrohung, schließlich lassen sie ihr Leben, wenn sie ihren Stachel in einen Warmblüter wie mich stecken. Mein Herz klopfte trotzdem immer etwas lauter und etwas schneller, wenn wir uns einem ausgebüchsten Schwarm näherten, den Bienenkasten zwischen uns tragend, in dem wir unsere Revolutionäre wieder nach Hause bringen wollten …

Diese Geschichte hier hat mich angefüllt mit Bildern, mir den Honigduft meiner Kindheit zurückgebracht. Hat mich auf meine Kinderhände schauen lassen, wenn ich meinem Opa beim Schleudern der Waben half. Immer durfte ich dann auch naschen. Wachswabe mit Honig – das beste Kaugummi der Welt!

Winterbienen von Norbert Scheuer

Über und unter Tage, war hier Ende des 19. Jahrhunderts geschürft worden, nach Bleierzen, Mangan und Silber. Ein Labyrinth aus Gängen und Stollen war entstanden, das heute vergessen war und das sich perfekt als Versteck eignete. Eine Grotte, tief unter den Schlackebergen und den Hügeln aus Bleisand, diente als Versteck für die Flüchtlinge, zumeist waren sie jüdisch, die Egidius Arimond von hier aus nach Belgien schmuggelte. Hier holte er sie ab, meist einzeln, versteckte die Menschen in seinen Bienenkästen. Die Nachrichten tauschten die Fluchthelfer in der nahen Bibliothek aus, zwischen den alten Aufzeichnungen der Minen steckten sie, seine Aufträge.

Im Winter reduzierte sich der Bestand seiner Bienen auf ein Viertel. Alle im Stock waren jetzt im Überlebensmodus, kümmerten sich nur darum, genug Wärme zu erzeugen um der Kälte zu trotzen. Bis der Frühling kam und wieder genug Larven da sein würden, die dem nahenden Sommer entgegenstreben würden. Emsig, fleissig und bis zur Erschöpfung würden sie dann Nektar und Pollen sammeln, seine Sommerbienen. Die er brauchte um seine Flüchtlinge zu bedecken, die er einschloß in seinen Bienenkästen, mit der ein oder anderen Bienenkönigin im Lockenwickler am Leib und mit ihnen auf dem Fuhrwerk gen Belgien aufbrach …

Die Anfälle kamen meist mit der Vorahnung eines Schwindels, es hob ihn dann heraus aus dem Hier und Jetzt. Seine Wahrnehmung richtete sich nach innen, auf sein früheres Leben. Vorbei zogen Bilder seiner Kindheit, Erinnerungen an den Bruder, an seine Bienen. Sie kamen jetzt wieder häufiger seine Epilepsie-Anfälle und er lebte in der ständigen Furcht vor dem Grand Mal. Das notwendige Medikament, das ihm sein Bruder verlässlich geschickt hatte war zur Neige gegangen und von dem Apotheker im Ort konnte er keinen Nachschub erhoffen. Einen Volksschädling wie ihn galt es auszurotten, ihm hatte man nicht zu helfen. Die Verbohrtheit und Bosheit dieses Apothekers war nicht mehr zu überbieten. Zwangssterilisiert hatten sie ihn schon, nur seinem Bruder dem hochdekorierten Piloten und Volkshelden hatte er es zu verdanken, dass er noch am Leben war, sie ihn nicht verschleppt hatten, in eine dieser Anstalten …

Was für eine Kombination aus spannender Geschichte und Lehrbuch! Nicht nur über Winterbienen erfährt wann erstaunliches und über ihre Schwestern die Sommerbienen. Die mit einem hübschen braunen Pelz ausgestattet, meist aber schon nach vier Wochen, einem kurzen arbeitsreichen Dasein, vor Erschöpfung sterben, ihr Leben geben, um uns Honig und Obst zu schenken. 

“Ich kann nicht garantieren, das alle Ausführungen im Detail historisch belegbar sind, aber wer weiß schon, was an den Geschichten, die wir uns erzählen, wahr ist oder erfunden. Sicher ist jedenfalls, das die Bienen Arimonds immer noch die Blüten des Urftlandes bestäuben und ihren Nektar sammeln”. (Zitat Norbert Scheuer)

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel, dort in der ländlichen Beschaulichkeit, spielt auch sein Roman Winterbienen. Hier in Kall kennen sie ihn alle, Egidius Arimond, den Mann, der im Zweiten Weltkrieg Juden in seinen Bienenkörben über die Grenze geschmuggelt hat.

Ein Krieg kennt viele Geschichten, und dies ist eine von ihnen, über einen kleinen Ort, einen außergewöhnlichen Mann, dem wir dank seiner überlieferten Aufzeichnungen in alten Notizheften, an die Norbert Scheuer durch einen Dorfbewohner gelangt ist, folgen können. Dem wir in sein Innerstes schauen dürfen, der noch dazu entfernt mit Scheuer ist verwandt ist. Diese Notizen hat er für seinen Roman verwendet, in Tagebuchform, chronologisch präzise, episodenhaft und mit Ausflügen in die Ahnentafel seines Helden, erzählt er von Bienen und Menschen, von der Liebe in Zeiten des Krieges. Von Wut, Ausweglosigkeit, Mangel und Verzweiflung, das in einer Sachlichkeit und mit einer Nüchternheit, die mich betroffen macht. Ernst sind seine Sätze, zumeist kurz und knapp sein Stil, ja sogar nüchtern, mit dem ein oder anderen Schachtelsatz, den er kunstvoll baut, wie die Bienen ihre Waben, holt er dann aber die Nachdenklichkeit aus seiner erzählenden Hauptfigur heraus, verblüfft mich: 

“Das was ich notiere, ist nur eine Projektion meines Lebens, es ist weniger und doch gleichzeitig mehr, als ich selbst bin, wie auch die gesprochene Sprache immer mehr ist als ihre schriftliche Wiedergabe, die aber auf der anderen Seite doch vielleicht eine tiefere Wirklichkeit aufzeigt, ebenso wie eine Landkarte niemals die tatsächliche Landschaft selbst dazustellen vermag”. (Textzitat)

Seine Tagebuch-Erzählung gewinnt an Dynamik als das Bombardement der Allierten zunimmt, die Fluchtrouten die unser Held gewählt hat gefährlich dicht von Soldaten bevölkert werden und seine erste Übergabe an der belgischen Grenze fehlschlägt …

Sein eigener Gesundheitszustand verschlechtert sich durch das fehlende Medikamente dabei zunehmend und als eine seiner Geliebten, die gut vernetzt mit den Nationalsozialisten ist, ihn krampfend am Boden findet, wird es eng für ihn. Die Gestapo steht kurze Zeit später vor seiner Tür, er wird verhaftet …

Eine Geschichte der eher leisen Töne, von großem Mut, von Dankbarkeit, aber auch von Leichtsinn und wer genau hinhört, kann ihr Summen zwischen den Seiten hören. Das Summen der Bienen, dieser fleißigen, kleinen Geschöpfe, und auch das Brummen, das bedrohlich anschwellende Brummen von sich nähernden Flugzeugen am Himmel. Kunstvoll ergänzend illustriert sind die Kapitelanfänge mit den unterschiedlichen Flugzeugmodellen in Form von Bleistiftskizzen. In Formation fliegen sie und sie sind beladen mit einer tödlichen Fracht. 

1944 starben im Bombardement der Alliierten Streitkräfte Tausende in den Trümmer deutscher Großstädten. Heute noch kann man Bomben aus dieser Zeit bei Tiefbauarbeiten finden, in regelmäßigen Abständen werden noch ganze Straßenzüge evakuiert um solche Blindgänger zu entschärfen. Das “platte Land” war seinerzeit weitestgehend verschont geblieben von solchen Abwürfen, bis die Eifel kurz vor der Ardennenoffensive zum Aufmarschgebiet wurde, der Katzensprung nach Belgien wurde dieser Region zum Verhängnis. Im letzten Kriegswinter war diese Gegend von Bombenkratern übersät, Feldlazarette, die eilig errichtet wurden,  spieen täglich Leichenberge aus. 

Hautnah kann man bei Scheuer erfahren, wie es hier Friedhöfe mitsamt ihrer Kirchen getroffen hat, so das man die aufgesprengten Toten ein zweites Mal beerdigen musste. Beinahe in Nebensätzen erzählt er von solchen Erlebnissen seines Egidius und er führt mich so auch in Gedanken zurück zu meinen eigenen Großeltern, die diesen Krieg auch auf dem Land, in einer Kleinstadt erlebt haben, zu meinem Großvater der lange in  russischer Gefangenschaft gewesen war.

Ich blättere die letzte Seite um, wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel, halte die Hände auf dem Buch. Vielleicht wird es Euch nicht ebenso ergehen wie mir, weil Euer Großvater, Euer Vater keine Imker gewesen sind, weil eure kleinen Finger im Sommer nicht immer vor Honig klebten. An so vieles was er mir beigebracht hat, habe ich mich wieder erinnert. Bin mit Opa Wilhelm wieder in seinem Bienenhaus gestanden, bin auf seinem Schoß gesessen, auf dem alten Hackklotz, und habe mit ihm dem ersten Flugbetrieb im Frühling zugeschaut. Mich hat diese Geschichte ins Herz getroffen, in mein Bienenherz und ich bin dankbar für sie und für die Erinnerung  …

“Der laue Wind berührt die sich färbenden Blätter in der Baumkrone der Esche; die durchsichtigen weißen Ziruswolken erscheinen unendlich weit weg. Der Schatten unter dem alten Baum mutet an wie ein wehender Vorhang”. (Textzitat)

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2 Kommentare

  1. Petra
    11. August 2019

    Sehr gerne Barbara, ich fand es bemerkenswert. LG von Petra

  2. Barbara Gross
    10. August 2019

    Scheint mir ein lesenswertes Buch zu sein.
    Danke, für die Vorstellung.

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