Alles was ich dir geben will (Dolores Redondo)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 15.08.2019

Es war noch früh an diesem Morgen und wir kamen auf dem Klosterberg Montserrat an, da hatte die Sonne noch nicht begonnen die letzten Nebelschleier zu zerreisen. Wir traten auf unserem Spaziergang durch sie hindurch wie durch einen Vorhang und wurden so nach und nach der Schönheit dieses magischen Ortes gewahr. Es gibt sie diese Orte, die eine Spiritualität abstrahlen, die man mit Händen greifen kann, die man tief im Innern spürt wie eine Erschütterung. Einem solchen Ort kann man auch in diesem Roman begegnen und er ist mehr als nur Kulisse …

Alles was ich dir geben will von Dolores Redondo

Ein unnachgiebiges Klopfen an der Tür. Zwei Polizeibeamte. Ein Unfall. Eine Todesnachricht. Ungläubig griff Daniel zu seinem Handy. Sein Mann sollte tot sein? Gestern erst war er aufgebrochen nach Barcelona zu einem Meeting mit Kunden. Wie also sollte er jetzt in Galizien verunfallt sein?

Das Handy klingelte ins Leere und Daniel fing den mitleidigen Blick der beiden Polizisten auf, die nach mitfühlenden Worten suchten. In der Wohnung hatte sich eine unheilvolle Stille ausgebreitet. 

Wer konnte schon alles über seinen Partner wissen, hörte er sie sagen. Was wussten sie schon. Nie hatten sie Geheimnisse voreinander gehabt. Nie. Seit fünfzehn Jahren hatten sie zusammengelebt. Vertrauensvoll, allerdings, wenn er ehrlich war mit sich und seinem Ehemann, hatte vor drei Jahren wie aus heiterem Himmel der Blitz in ihre Beziehung eingeschlagen.

Álvaro war damals für Tage verreist, ohne ihn, ohne ein Wort, hatte auch nach seiner Rückkehr lange geschwiegen. Daniel hatte ihre Beziehung schon brechen sehen. Lange war Álvaro wie ein Geist gewesen, zwar körperlich anwesend, aber in Gedanken immer woanders. Auch die Anrufe bei denen Álvaro dann plötzlich das Zimmer verlassen hatte, was zuvor undenkbar gewesen war, fielen ihm jetzt wieder ein. Das und der nagende Zweifel, das er ihm nicht treu war, damals nicht und jetzt auch nicht, ein dumpfer Schmerz der Entfremdung, eine Erinnerung stiegen in ihm auf.

Ein Anwalt deckt die Karten auf, die Karten eines Doppellebens. Führt uns direkt in eine Familie, die wie eine Schlangengrube anmutet.

Niemand sollte seinen Partner auf einem kalten Seziertisch identifizieren müssen. Wer dabei dann auch noch feststellen muss, dass dieser den Ehering abgestreift hat, dem wird es schwer fallen, Trauer zuzulassen. So zumindest ergeht es der Hauptfigur Manuel, die in diese Geschichte gestürzt wird, konfrontiert wird mit einem tödlichen Unfall, der sich des nächtens auf einer einsamen Landstraße ereignet hatte, und der für sich feststellt, dass er bislang offenbar in einer Beziehung und doch wie in einem Schneckenhaus gelebt hat. 

Eine fünfzehn Zentimeter tiefe Stichwunde im Bauchraum, die Zweifel einer Gerichtsmedizinerin wegen einer abgesetzten Obduktion, kann man als Todesumstände doch nicht ignorieren und sicherlich auch nicht als unverdächtig bezeichnen. Sie wecken eine alte Spürnase bei der Guardia Civil, in knapp einem Monat soll er pensioniert werden, er befindet sich schon im Resturlaub und will jetzt nur allzu gerne diese Zeitanteile investieren um einen Mörder zur Strecke zu bringen, der sich offenbar hinter einer mächtigen Familie verschanzt hat. Seine eigene Vergangenheit wirft einen langen Schatten, der ebenfalls bis zu Álvaros Familie zu reicht und mir scheint, der Herr Kommissar hat da noch eine Rechnung offen. So beginnt er, der Einstieg in den Abstieg zu den Abgründen einer Sippe, deren Stammbaum bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht.

Eine alte Gräfin die dort herrscht wie eine graue Eminenz, nein, wie eine böse Hexe. Kalt, herablassend und gefürchtet zieht sie die Strippen. Berechtigte Zweifel an einem Selbstmord keimen auf, oder war das alles doch nur Gerede, eine Verschwörungstheorie? Glaube und Aberglaube und ein Schritt in ein fernes, in das Leben eines Anderen, des Partners, der sich plötzlich wie ein Fremder anfühlt, der vieles ungeteilt ließ.

Von hellsichtigen Momenten. Von Eingeweihten. Von Schweigen und Geheimnissen. Enterbt, vererbt – Eine Familie die nicht akzeptieren kann, dass der älteste Sohn einen Mann liebte. Der Bruch der Bande zu einer der bedeutendsten Hochadels-Familien Spaniens, schmerzhaft vollzogen. Geld und teure Reitpferde, edler Wein und Bordelle. Gegensätze, die sich wie magisch anziehen.

Zwischen Traditionen und Moderne bleibt es nicht bei einem Mordverdacht. Unser vom Erfolg verwöhnter Schriftsteller Manuel wird eingeholt und konfrontiert mit eigenen Kindheitserinnerungen.

Klostermauern beherbergen Bibliotheken in denen man Tage lang verschwinden kann. Klostergärten und ein Friedhof mit Gräbern, die mehr als dreihundert Jahre alt sind. Ein Ort, der Manuel Ortigosa und uns festhält wie ein Magnet.

Geprügelte Hunde und Mädchen mit Puppengesichtern. Alte Schulden, ein Vermögen und ein Machtkampf, der um ein Geheimnis, um das Erbe entbrennt, erbittert und rücksichtslos.

Verdachtsmomente erhärten sich und werfen einen Schatten auf die, mit man liebt. Vom Leugnen der Dinge. Von Vertuschung, Schande und Scham. Je tiefer man gräbt, umso mehr fördert man zutage. Die Neugier war es, die  mich in dieser Geschichte voran getrieben hat, die mit ruhiger Hand erzählt ist. 

Dolores Redondo, lebt in Nordspanien, wurde 1969 in San Sebastion geboren. Mit diesem Roman stand sie wochenlang auf der spanischen Bestsellerliste, von einem Millionenpublikum wird sie gelesen, literarischer Spannungsroman, das klingt doch wie der pure Lockstoff, findet Ihr nicht?

Redondo ließ mich eintreten in eine andere Welt. In eine traumhafte Gartenanlage, die eine preisgekrönte Gardenienzucht beherbergt, mit uralten Bäumen, moosbewachsenen Bänken schattigen Sitzplätzen und einem Seerosenteich, in der sich über die Jahrzehnte zahlreiche Landschaftsarchitekten verwirklicht haben. Der einlädt, die Zeit abzustreifen. Wie gerne ich mich hier hingesetzt hätte, im Gewächshaus oder im Schatten. Wir werden ebenso entführt in malerische Weinberge, erklimmen Steillagen über Treppenstufen, auf die ein Fuß gar nicht ganz rauf paßt. Balancieren in üppigem Grün und genießen die Aussicht auf eine Landschaft, die von opulenter Schönheit ist und wunderbar beschrieben wird. 

Weinlese und ein Duft von warmem Zitronenkuchen der durch das Haus zieht. Moralvorstellungen, die einer anderen, einer vergangenen Zeit entspringen. Klassische Ermittlungen, wir stellen Fragen und werden belogen.

“Das Weinlaub hatte sich dunkelrot verfärbt, und wenn der Wind hindurch strich, sah es aus als brenne die Ribeira Sacra, als verschlänge die rote Glut all die knorrigen Weinstöcke, bis zur nächsten Ernte”. (Textzitat)

Mit einer Sprache, die melodisch ist, weich und getragen, wie in Hochglanz Bildern erzählt Redondo, ja beinahe verschwenderisch geht sie mit der Schönheit des Anwesens von Álvaros Familie um. Setzt Euch bequem hin und lehnt Euch zurück, hier wartet ein Film für die Ohren auf Euch, detailreich ausgestattet und brilliant besetzt bis in die Nebenrollen. Echter Schmökerstoff! Unter seiner Stimme hindurch könnt Ihr wegtauchen in diese Welt, aber Obacht, hier warten auch Intrigen und Ungemach, Trauer und Wut, gegen die man sich wappnen muss …

Matthias Koeberlin, geboren 1974, die Krimi-Romane von Luca D’Andrea und auch Donna Tartts Distelfink habe ich nur wegen ihm gehört statt gelesen. Er ist mit seiner Art vorzutragen wie geschaffen für diesen Roman. Das literarische, wohl formulierte liegt ihm, seine Satzpausen verstärken jedes gesprochene Wort. Wie er die Satzenden verhallen lässt, da könnte ich einfach nur schmachten! Ich laure immer schon auf neue Texte von ihm, auf Geschichten die er liest, fühle mich sofort zu Hause bei ihm, er klingt für mich vertraut wie ein Freund.

Mit Manuel Ortigosa durchlebt er alle Phasen der Trauer. Er wütet so, dass es Gift und Galle durch den Lautsprecher spuckt. Dann wieder ist er mitfühlend, Güte schwingt in seiner Stimme mit, wenn er als Geistlicher antwortet. Was für ein Wechselbad! Was für eine Lesung! Köberlin scheint mit dem ganzen Körper zu sprechen!

Hochmut kommt vor dem Fall. Die Wahrheit, sie kauert zwischen all diesen Sätzen, wird von den verlorenen Söhnen gehütet, von eiskalten Schwiegertöchtern, bis eben jetzt, bis zu dieser letzten Beichte. Bei der wir Mäuschen spielen dürfen  …

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