Wilde Freude (Sorj Chalandon)

Hängen wir nicht alle an unserem bisschen Leben? Auch dann, wenn wir morgens aufstehen und fluchen, weil der Tag der uns erwartet nicht so beginnt wie es uns gefällt. Auch dann, wenn unser Leben nicht gerade ausläuft, wenn es Stolpersteine hat und es Querschläger gibt. Konflikte, die gelöst werden wollen und auch wenn wir vor solchen stehen, die sich nicht auflösen lassen. Wenn Zoff und Zank uns beschäftigen und besonders auch dann, wenn eine Krankheit uns niederdrückt. Kaum jemand der noch entspannt mit der Situation nach einer Vorsorgeuntersuchung umgeht, wenn die Zeit des Wartens und man zu hoffen beginnt …

Wilde Freude von Sorj Chalandon

Eine wilde Freude verändert die Tagebucheinträge von Jeanne. Mit “der Geschorenen”, “der Versehrten” hat sie jetzt Frieden geschlossen und notiert für sich, ein Blumenkleid kaufen zu wollen. Zuvor aber begeht sie in Gemeinschaft eine Dummheit. Und zwar eine richtige. Denn die Waffe, die ihre Freundin jetzt aus dem Handschuhfach nahm, war echt. Perücken, Kostüme und Sonnenbrillen sollten sie perfekt tarnen und die Frauen verbergen, die hinter diesem Plan steckten. Die Idee dazu hatten sie sieben Monate zuvor geboren und Grund und Ursache dafür war eine Kontrolluntersuchung gewesen.

Eine Mammographie. Ein Ultraschall und danach bewies ein Bild das nichts mehr in Ordnung war und auch so schnell nicht wieder in eine Ordnung kommen würde, die sie gewohnt war.

Vier Schicksalsgenossinnen waren sie und Solidarität, nicht Mitleid regiert diese Frauen, die sich alle einer Krebstherapie stellen müssen und sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Kein Wunder das, oder umso erstaunlicher, ist die Idee, die plötzlich da ist. Vielleicht war es ja auch der eine Joint zu viel, der zwischen ihnen gekreist war und der so gut tat. Gegen die Nebenwirkungen. An diesem Abend, an dem sie Jeanne die Haare abrasiert hatten. Also um genau zu sein, waren nicht sie es gewesen, sondern ein Friseur, den sie gemeinsam zuvor heimgesucht hatten …  

Sorj Chalandon, geboren am 16. Mai 1952 in Tunis, französischer Schriftsteller und Journalist legt mit “Wilde Freude” in der Übersetzung von Brigitte Große einen neuen Roman vor, der an einen Hit, den er gelandet hat, anzuknüpfen versucht. Ich habe den Vorteil, dass ich mit diesem  Roman von Sorj Chalandon in sein Schreiben eingestiegen bin und das sein Erfolgsroman “Am Tag davor” aus dem Jahr 2017 noch ungelesen auf meinem Stapel liegt, obwohl mein Mann hochbegeistert davon schwärmt.

Mich hat irgendwie dieser Plott mehr gereitzt. Diesmal geht es um Pistolenfrauen und Knastschwestern. Fleißige Buchhändlerinnen und kreative Nagelprothetikerinnen. Eine verliebt sich in einen Bad Guy. Einen falschen Argentinier. Eine Pleite und einen Überfall später landet sie hinter Gittern.

Es geht um funkelnde Diamanten, um Wachmänner die wie Raubtiere in den Ecken lauern, um beflissene Verkäuferinnen und um eine perfekte Tarnung, um Trittbrettfahrer und eine ordentliche Portion Blauäugigkeit.  

Keine Tarnung hilft. Keine Maske schützt. Vor dem Tod kann man sich nicht verstecken. Er ist trickreich und er findet die, die auf seiner Liste stehen überall. Vielleicht muss man hier sagen, Humor ist wenn man trotzdem lacht und Zusammenhalt ist alles. Aber.

Kann ein Mann glaubwürdig darüber schreiben, ehrlich und nachvollziehbar, wie es sich anfühlt wenn Frau eine Brustkrebs-Diagnose erhält und wie sie hernach mit der Behandlung klar kommt? Für mich hat Chalandon das nicht gut gelöst, er ist mir zu arg ins melodramatische abgerutscht.

Und er lässt seine Hauptfigur Jeanne, sehr schnell mit ihrer Krankheit und ohne ihren Mann dastehen. Lässt sie beten und kämpfen geben das rote Gift, dass sie ihr eingeben, gegen die Übelkeit, die Müdigkeit und die Schmerzen. Mit dem Gefühl des Versehrteins, mit ihrer Angst.

Das Verhalten, dass er ihren Ehemann an den Tag legen lässt, wirkte auf mich konstruiert und angedichtet. Oder gibt es solche, pardon, Arschlöcher wirklich? Der schaut doch tatsächlich während des Behandlungsgesprächs seiner Frau auf die Uhr. Wie sehr kann man sich innerlich von einem Lebenspartner entfernt haben, das man nicht genug Empathie aufbringt, ihm in einer solchen Situation beizustehen? Dieses Exemplar von einem Ehemann, ist ein einziger Vorwurf und seine größte Sorge scheint der schwindenden Haarpracht seiner Frau zu gelten. Und sie entschuldigt sein Verhalten auch noch permanent. Hatte er doch seinen Sohn verloren (sie doch aber auch!). Seine Schwester und seine Mutter. Auch, an den Krebs (ganz schön viel auf einmal) und jetzt war seine Frau krank, metastierend sogar. Ich verstehe, dass es ihm damit nicht gut geht, kann diese Roman-Figur aber einfach nicht tolerieren. Er verlässt sie, weil das alles für ihn zu hart ist und weil sie doch so stark und ohne ihn besser dran ist. Aha. 

Was bittersüß sein könnte, hat für mich einfach ein zu viel an Drama und ist zu sehr gewollt. Es treffen sich vier Frauen, die alle von einem Mann beschissen worden sind. Ok. Das kann ich noch glauben. Das alle vier Krebs haben und sich bei der Chemo kennen lernen. Gut, das geht sich für mich auch noch aus. Das alle vier aber um ein Kind gebracht worden sind, ist mir dann die eine Gemeinsamkeit zu viel.

Chalandon wird von seinen Fans besonders für seine Wendungen gemocht und auch hier hat es eine solche und zwar ein Wendemanöver hin zu einer Gaunerkomödie und das Schurkenstück, das hier geplant wird, hat auch mir wieder Laune gemacht und hat mich dran bleiben lassen.

Gewünscht hätte ich mir, dass diese Gaunerei in der Geschichte etwas mehr Raum einnehmen würde, trotz des Überraschungseffektes für die Chalandon sie nutzt, ist der Roman für mich so nicht rund geworden. Die Wende wirkte seltsam deplatziert, hat dem Roman für mich eher eine Unwucht gegeben, denn der Grundton der Geschichte ist und bleibt ein anderer und der Turnaround zur Tragikomödie für mich deshalb nur mäßig gelungen.

Mein Fazit fällt daher so aus: Kann man lesen, muss man aber nicht, oder wie ich in diesem Fall hören, denn die junge Dame hier versucht da einiges rauszuholen …

Jodie Ahlborn, geboren 1980 in Hamburg, ist Schauspielerin und bereits mehrfach wurden von ihr eingelesene Texte auf die hr2″-Hörbuchbestenliste gewählt. Sie ist sehr empathisch bei den Figuren und versteht es besonders die älteren Damen im Roman in ihren Rollen glaubwürdig und liebenswert in Szene zu setzen. Sie bewahrt ihrem Vortrag eine Leichtigkeit die ich besonders in der Wendung, die Chalandon seiner Geschichte gibt, sehr mochte. Sie passt so sehr gut zu der Lebensfreude und zu dem Kampfgeist, dem sich die vier Frauen verschrieben haben. Sobald sie ihr Lachen in der Stimme, leise aber wahrnehmbar dazugeschaltet hat, hätte ich sie am liebsten umarmt. Für weitere Hörabenteuer habe ich sie daher jetzt fest auf meinem Zettel, liebe Frau Ahlborn!

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