Von Herzen (Peter Spans)

Pssst!? Könnt Ihr ein Geheimnis bewahren? Denn das wird nötig sein. Hier wird gekocht, genossen und gehasst, geliebt, geglaubt und gemordet und selbst wenn Ihr wild entschlossen seid, kann ich Euch nicht versprechen, dass Euch das, was hier passiert kalt lassen wird. Im Gegenteil. Es wird Euch eher kalt den Rücken runter laufen. Denn Eckerd von Herzen und sein gleichnamiges Lokal das “Von Herzen” betritt man durch einen Vorhang, der mehr als nur ein Geheimnis vor der vorbeiführenden Straße und neugierigen Blicken verbirgt …

Von Herzen von Peter Spans

Eine rote Neonleuchtschrift “Von Herzen” auf einer bemalten Wand. Vor ihr steht Lolita, ganz in schwarzem Leder. Die Bar, oder was auch immer hinter dieser Eingangstür liegt, offenbart sich dem Betrachter nicht von außen. Der erste Eindruck den Frank gewinnt ist für ihn eineindeutig. Was wenn kein Bordell, sollte sich hinter einem mannshohen Mund, einem Frauenmund, der den Eingang umfasste denn sonst verbergen? Durch ihn musste man eintreten. Ein roter Samtvorhang verhängte das Innere des “Lokals” und drinnen spielte der “Bossanova” mit einer Frau, die am Hals eines gut gekleideten Mannes hing …

Peter Spans, geboren 1963, studierte Kommunikationsdesign und gründete Deutschlands erstes Studio für animierte Charaktere. Von Herzen ist sein erster Roman und er bleibt fasziniert von dem Menschlichen, das uns zu Unmenschen macht. Wer diesen Satz über ihn liest, der ahnt vielleicht schon was auf ihn zukommt und doch auch wieder nicht.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Mit dem ersten Toten in dieser Geschichte überschreiten wir mit Peter Spans und seinen Figuren eine Schwelle, die den weiteren Verlauf irgendwie unausweichlich macht. Alles Aufbegehren, moralische Bedenken – nutzlos. Die Opfer sind schutzlos, ausgeliefert, alle samt. 

Ausgänge bedeuteten Neuanfänge. Sie folgten auf Entscheidungen und Ergebnisse. Sie bedeuteten einen Anfang oder ein Ende.

Textzitat Peter Spans Von Herzen

Von dem Herzen lasst Euch daher nicht täuschen, denn diese Geschichte ist schwarz,  auch ihr Humor, so schwarz wie ihr Einband. Stofflich und inhaltlich fiel es mir zu Beginn zunächst schwer zu folgen, weil es förmlich Figuren regnete und ich ihre Namen und ihre Rollen in dieser Geschichte alle auf die Kette kriegen wollte. Nur wenig später dann merke ich, merke Dir nicht so viele von ihnen, sie leben nicht lange …

Schweine keult man, Menschen nicht. Da scheint mir jemand etwas gehörig durcheinander gebracht zu haben. Wie geht sich das jetzt aus? Anmachsprüche vs, Quantenphysik und ein Koch der fünf Sterne verdient, in einer Location wütet die komplett unter dem gastronomischen Radar fliegt. Muttersöhnchen treffen auf Selbstmordkandidaten. Was hier auf den Tisch kommt, wird auch gegessen. Auch dann, wenn es ein Entsorgungsproblem darstellt. 

Geldhaien Geld schulden, viel Geld. In einer Stunde war Zahltag und der Treffpunkt eine stillgelegte Baustelle. Bei uns Roman- und Krimilesern schrillen da alle Alarmglocken. Bei der Figur, die hier an Eckerds Tresen sitzt und eine dicke Lippe riskiert klingelt da gar nix. Der lebt in seiner Blase und schwadroniert sich einen ab, ich schlackere bei soviel Naivität noch kurz mit den Ohren, dann ist es aber auch für ihn zu spät.

Eigentlich will er ja nur helfen, allen jenen, die sich selbst nicht mehr zu helfen wissen. Mit der Erlösung, also der endgültigen und so.

Diese seine Bar sammelt menschliche Kuriositäten, reichlich von ihnen. Serienmörder wider Willen, mit Widerwillen oder wider besseres Wissen, oder im besten Fall mit Gewissen. Mitwisser und Mittäter sein. Hier geht es rund, ich sag’s Euch und zimperlich dürft Ihr wirklich nicht sein. Schwarz sind die Seelen seiner Figuren, und Spans zeichnet sie wie mit dem Rasiermesser. Pardon, mit dem Tranchiermesser.

Eine Mumie auf dem Balkon, alles kommt immer raus. Früher oder später. Die Normalen sind doch die Fiktion. Meint Paul, der muss es wissen, er hat sie schließlich selbst nicht mehr alle. Sage nicht ich. 

Hier saugen Augen am Geschehen. Gehen ganze Einrichtungen zu Bruch und Gewalt spielt keine untergeordnete Rolle. Also und diese “spanschen” Metaphern, Körperwahrnehmungen betreffend, sowas habe ich auch noch nicht gehört. 

Ein Krampf verhindert einen Selbstmord, die Bewachung eines Kronzeugen ist der Anfang vom Ende und nur ein Kuss schmeckt hier nach Zuversicht. Ich mochte diese Typen und das klingt jetzt echt schräg. Weil ich ständig bei mir dachte, das darfst Du nicht. Das war wie ein Gewitter in meinem Kopfkino, alle Synapsen funken. Ich glaub, ich brauch was zu trinken.

Und dieses Adjektiv-Feuerwerk da, hätte das nicht der Lektor streichen müssen? Zum Glück hat er nicht. Mann ist das cool!

Wer Achtsam Morden oder auch Charlie Berg mochte, dem wird Peter Spans gefallen, ich fand ihn sogar noch eine Spur abgedrehter, seine Figuren noch ein wenig verschrobener.

Bei ihm geht es um vertane Chancen, um Sex, um die Leidenschaft für’s Kochen. Um kleine Gedanken und um die ganz großen und dieser Eckerd ist des Wahnsinns knusprige Beute. Alles dreht sich, dreht sich um Mord und Totschlag, um Glauben, um Hoffnung und Selbstmordabsichten. Es geht wild und ungestüm zu. Dabei formuliert Spans brilliant und sehr virtuos und er wirft ein paar Fragen auf, die beinahe im Chaos untergehen. Die ob es möglich ist allen Menschen gleich zugewandt zu sein, ob man sie mit all ihren Fehlern akzeptieren kann, ob man Halt finden kann im Glauben und ab wann einen der Glaube auf Abwege führt. Ob der Zweck immer die Mittel heiligt, ich kann es gar nicht verhindern, dass es in all diesem Tohuwabohu in mir zu arbeiten beginnt. Chapeau, was für ein Ritt! Situationskomisch, orgiastisch, wartet,-  ich fühle mal, meine Haare stehen immer noch.

Mit Abführpillen kann man sich nicht umbringen und es geht jetzt um die Wurst. Nicht um die sprichwörtliche, denn die Wurst ist hier aus Gästen gemacht und nicht nur die.

Die Küche, –  demoliert. Die Kämpfe, die hier ausgefochten werden kommen von innen, finden aber nicht nur dort statt. Das Schicksal konnte gemein sein, schreibt Spans und hier ist es das auch. Sehr sogar. Seine Geschichte folgt eigenen Regeln und sie ist ganz und gar anders als ich sie erwartet hatte, war/bin gleichermaßen abgestoßen wie fasziniert. Es war beinahe so, als tauche mich Spans mit dem Kopf in einen Eimer kaltes Wasser. Ich schnappe nach Luft, und als ich wieder auftauche aus dieser Geschichte checke ich erst mal ob noch alles an mir dran ist.

Also was rate ich Euch jetzt zum Schluß? Überlegt es Euch gut, ob Ihr bei Eckerd im Von Herzen Gast sein oder anheuern wollt. Jobs hat er immer im Angebot, und Verschleiß an Gästen auch, aber nur die Harten kommen in den Garten … 

Dann: Willkommen in Eckerds Parallelwelt, denn nur das kann sie sein und sie ist genial, genial, genial vorgelesen. Diesen Sprecher habe ich ab jetzt so was von fest auf meinem Zettel! Er fegt wie ein Orkan durch diesen Text, inszeniert dieses Kuriositäten-Kabinett stimmlich absolutely perfect:

Björn Bonn, geboren 1978, Schauspieler, Synchronsprecher, freischaffend für Film, Theater und Fernsehen liest sich 793 Minuten durch dieses rabenschwarze Stück. Erstklassisch macht er das. Denglisch im Stakkato? Kein Problem. Sein Vortrag birst förmlich vor Lebendigkeit, das hat mir echt Laune gemacht. Er kann aufdrehen, Heidewitzka. Unfassbar unglaublich. Dieses Hörstück ist wie ein ganzer Film, außergewöhnlich inszeniert, klingen die Kapitelanfänge wie ein unterbrochenes Telefongespräch. Knacken in der Leitung inklusive. Herrlich!

Mein Dank geht an den Atrium Verlag und an Politicki & Partner für dieses Hörexemplar.

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