Und die Braut schloss die Tür (Ronit Matalon)

Samstag, 08.12.2018

Für die einen ist es der schönste Tag im Leben, in der Kutsche zur Kirche, auf Rosenblättern nach der Trauung durch eine jubelnde Menge wandeln, große Show, große Gefühle. Die anderen lassen sich eher vom Ehegatten-Splitting und Steuervorteilen motivieren und wagen den Schritt zu heiraten. Immer wenn ich Kontakt zu Paaren habe, die ihre Goldene- oder gar Diamantene-Hochzeit feiern dürfen, sich immer noch an den Händen halten und glücklich miteinander wirken, frage ich mich: Was ist das Geheimnis einer solcher Partnerschaft? Was ist der Kitt, der diese Paare so lange zusammenhält?

Bis es zu einem solchen Jubiliäum kommt, muss man den Schritt aber erst einmal wagen. Kalte Füße bekommen, kurz vor knapp, das soll ja schon vorgekommen sein. So zum Beispiel auch in in dieser Geschichte, hier schließt sich die Braut am frühen Morgen ihres Hochzeitstages erst einmal in ihrem Zimmer ein. Die letzten Sätze die man von ihr noch durch die geschlossene Tür vernimmt lauten: “Ich heirate nicht, heirate nicht, heirate nicht” …

Und die Braut schloss die Tür (Ronit Matalon)

In purer Verzweiflung hämmerte ihr Mutter Nadja an die Tür. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein! Von drinnen drang kein Laut auf den Flur, kein Atmen, kein Weinen, kein Klagen – nichts. Wie in einer Blase schien das Zimmer verschlossen und Margalit, die Braut, in ihrer Mitte. Auf niemandes Ansprache reagierte sie, reihum versuchten die unterschiedlichen Familienmitglieder in heller Aufruhr zu ihr durchzudringen – vergeblich. Schließlich zog man sich, verzagt und ratlos in die Küche zurück.

Der Bräutigam wagt erneut, diemal alleine noch einen Vorstoß, was war denn nur passiert? Hatte er etwas verpaßt? Und, er wollte sich schon abwenden, da wurde zaghaft ein Blatt Papier unter der Tür durch geschoben.  Eine Nachricht darauf, die schöner aber auch nicht kryptischer sein könnte – ein Gedicht, von der Schriftstellerin, die er so verehrte. Was wollte sie ihm denn jetzt bloß damit sagen? Aber – es folgte kein weiteres Wort mehr erklärend, weder verbal noch schriftlich …

Beinahe sieben Stunden ging das so. Unterdessen fiel die Klimaanlage aus und die ersten Anrufer aus dem weiteren Freundes- und Bekanntenkreis wurden unruhig. Die Schwiegereltern in spe ergriffen schließlich die Initiative, Kürzlich hatte man doch erst von einem psychologischen Dienst gehört, der rund um die Uhr Bereitschaft hatte und sich um die Nöte “bereuender Bräute” kümmerte. Da man die Option, die Schlafzimmertür mit Gewalt aufzubrechen auf Wunsch des Bräutigams verworfen hatte, einigte man sich jetzt auf diese Möglichkeit. Ein Anruf genügte und schon nach kurzer Zeit stand eine junge Frau vor der Tür, die mit einem Ordner voller Routinefragen und bohrendem Blick ebenfalls in der Küche Platz nahm …

Ronit Matalon wurde als Kind ägyptisch-jüdischer Immigranten 1959 in der Nähe von Tel Aviv geboren, sie studierte Literatur und Philosophie, war Dozentin an der Universität von Haifa und der Spiegel-Filmschule in Jerusalem. Sie hat mehrere Romane veröffentlicht und wurde ebenso wie Amos Oz mit dem Literaturpreis des Israelischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet. Sie verstarb Ende 2017. Dies ist ihr letzter Roman. Eine unterhaltsame Komödie, so steht es im Klappentext – ich habe mich beim Lesen eher gefühlt wie ein trauriger Clown, hatte immer auch eine Träne im Knopfloch.

Die Geschichte lässt einen durchaus auflachen, seiner Situationskomik und seiner leicht schrägen Figuren wegen. Da hat es den Cousin der Braut, der gerne reichlich Schmuck und Frauenkleider trägt und unbedingt helfen will. Die Schwiegereltern, die der Witwe und Mutter der Braut auf ihre eigenwillige Art beistehen und Matti, den Bräutigam, der verzweifelter nicht sein könnte, bei sich nach der Schuld sucht. Ach ja, und Sabtuna – die Großmutter der Braut, alle denken, sie ist nicht mehr ganz dicht, wie ein stiller Wächter wohnt sie diesen Szenen bei, die sich voller Dramatik abspielen. Während alle denken, das sie das hier gar nicht richtig mit kriegt, scheint mir, sie allein kennt den Schlüssel zu Margis Herzen …

Ein Roman über verschüttetes Leid, unverarbeitete Trauer, Enttäuschungen, Schicksalsschläge, Verpflichtungen, der Angst vor der eigenen Courage, von der Suche nach sich selbst, Abhängigkeiten und der Macht der Familie.

In klarer Sprache, mit der Liebe zu extremen Schachtelsätzen erzählt die Autorin, beinahe sachlich, schnörkellos und dabei doch auch sehr unterhaltsam. Ein ganz leichter, trockener Humor wird gekonnt eingesetzt. In den Dialogen zwischen den Schwiegereltern, dem Bräutigam und den Eltern fliegen herrlich die Bälle.

Die Sorge um die finanzielle Last, die diese Hochzeit den Brauteltern aufgebürdet hat, die Mutter der Braut ist beinahe mittellos und sieht sich schon Rückforderungen der Gegenseite ausgesetzt, und dann die Scham vor fünfhundert geladene Gäste treten zu müssen um die ganze Soße ab zu blasen läßt die Wellen hoch schlagen. Zehntausend Schekel sind schließlich kein Pappenstiel …

Ein eilig herbeigerufener Laster mit Leiter eines arabischen Unternehmers, der dem Schwiegervater noch einen Gefallen schuldet soll helfen und sorgt nur für zusätzlichen Aufruhr. Nachbarn rufen die Polizei, besteht doch der Verdacht er könne eine Bombe tragen, dabei wollte man doch nur mal von außen ins Zimmer schauen, ob auch wirklich noch alles ok ist. Wie ein skuriles Accessoires garniert dieser LKW die um Klarheit ringende Familie, Nachbarschaftsaufläufe und Psychologinnen mit Höhenangst kämpfen den Kampf mit und gegen eine eigenwillige Braut.

Einen Tag wie im Zeitraffer erleben wir so mit zweien, die von der Liebe wund geschlagen sind. Jeder für sich einsam, auch ohne das sie durch eine Tür voneinander getrennt sind. War da etwa schon vorher symbolisch gesehen eine Tür zwischen den beiden zugefallen? Was ist das, was da zwischen ihnen steht? Diese Fremdheit befeuert, die Angst nährt, sich dem anderen wirklich zu öffnen? Dunkel und tief wie ein Abgrund, den zu überqueren ein einziger Schritt nicht auszureichen scheint …

“Ich habe kein Wort für diese Tage, ich kenne nur ihre Farbe, dieses Schwarz. Aber eigentlich auch kein Schwarz. Selbst Schwarz trifft es nicht. Sie haben gar keine Farbe, Ihre Farbe ist die Un-Farbe,” (Textzitat)

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