Der Federndieb (Kirk Wallace Johnson)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 02.12.2018

Der deutsche Vorzeige-Förster und Erfolgsautor Peter Wohlleben sagt über diese Geschichte von Wallace: “Ein aufwühlender Bericht über die katastrophalen Folgen menschlicher Gier für bedrohte Vogelarten, ein starkes Argument für den Umweltschutz – und vor allem: ein fesselnder Kriminalfall.”

Na, das nenne ich mal eine Ansage, und da ich mich zu den Wohlleben-Fans zähle, liege ich doch da genau richtig, dachte ich bei mir und bin nicht gerade mit geringen Erwartungen in diese Geschichte eingestiegen. Zudem habe ich vom Fliegenfischen so überhaupt gar keine Ahnung, mal sehen, ob sich das hier ändern lässt und reale Geschichten mit eingebettetem Kriminalfall – Herz was willst Du mehr …

Der Federndieb (Kirk Wallace Johnson)

Er hatte es geschafft!

Tring, Nähe London, 24. Juni 2009. Im Schutz der Dunkelheit dieser Neumond-Nacht war ihm die Kletterpartie ganz nach oben auf die Mauer des Rothschild Museums gelungen, welches eine der kostbarsten Vogelbalgsammlungen weltweit beherbergte. Er hatte sich schon siegessicher am Ziel gewähnt, als ihm sein Glasschneider herunter fiel, in den Spalt zwischen Mauer und Museumsgebäude, ganz bis nach unten auf die Erde, scheppernd in der nächtlichen Stille. Er hielt den Atem an. Das Fenster, in das er sich hineinstehlen wollte lag noch jungfräulich vor ihm. Was jetzt? Sollte er nach wochenlangem ausbaldowern aufgeben? Unverrichteter Dinge einen Rückzieher machen? Oder alles auf eine Karte setzen und die Scheibe geräuschvoll einschlagen? Er entschied sich für letzteres und was er nicht wissen konnte, das Schicksal oder evtl. auch der Fußballgott meinten es gut mit ihm, denn der diensthabende Wachmann hatte statt der Außenüberwachungsmonitore fest den Fernsehbildschirm im Blick, auf dem sich gerade ein anderes Drama abspielte.

Unser Einbrecher gelangte so ungestört zu seinem Ziel und er entwendete wie im Rausch einen Reisekoffer voll seltener exotischer Vogelbälger, teils waren diese über einhundertfünfzig Jahre alt, unter ihnen zahlreiche ausgestorbene Arten. Etwas lautloser als er gekommen war, verließ er wenig später ungehindert, dem Fußball ein erneuter Dank, das Museum und verschwand in den Straßen ohne eine weitere Spur zu hinterlassen, sein Fluchtfahrzeug – die nahegelegene Eisenbahn …

Jahrzehnte nach diesem Vorfall, stieß Kirk Wallace Johnson, der das Fliegenfischen für sich als meditativen Ausgleich entdeckt hatte, tief im Flußwasser stehend, im Köderkoffer seines Trainers auf ein aus Federn so kunstvoll gefertiges Fliegen-Exemplar, dass er stutzig wurde. Unter Sammlern seien diese Köder ein Schatz erklärte ihm sein kundiger Begleiter, man hüte sie, angle nicht mit ihnen. Was waren das für Federn, die hier verarbeitet waren, bunt schillernd auf keinen Fall künstlich und auch nicht eingefärbt? Wo bekam man solches Material heute noch her?

Die Geschichte, die Johnson, unser Autor, so erfuhr, packte ihn und ließ ihn fortan nicht mehr los. In jahrelanger Recherche, für deren Akribie im Buch-Anhang mehr als dreißig Seiten Bild-und Quellennachweise Zeuge sind, rollte er diesen skurrilen Fall auf, blieb immer auf der Spur der Federn und stieß so auf einen unglaublichen Raub, der bis dato noch nicht vollständig aufgeklärt war. Ein großer Teil des Diebesgutes galt noch immer als verschwunden …

Kirk Wallace Johnson, engagierter Publizist, schreibt u.a. für den New Yorker, die New York Times und die Washington Post. Er unterhält eine eigene Stiftung das “List Project”, die sich für die unterschiedlichsten Themen einsetzt.

Fassungslos folge ich dieser mit Archivfotos bebilderten Story die Johnson hier nach und nach aufdeckt. Ein Fall, der wegen seines Faktenreichtums Sachbuchqualität hat, der dabei aber so spannend unterhält wie ein Roman und mir so eine Welt erschlossen hat, die mir gänzlich fremd war.

Dabei meine ich nicht nur das Fliegenfischen, sondern es hat wunderbare Expeditionsfahrten in ferne Länder um eben diese Schätze für das Museum erst einmal einzusammeln. Rückschläge und Geldnot, schier grenzenloser Enthusiasmus und Stehvermögen, aber auch eine gehörige Portion Skrupellosigkeit kennzeichneten so manchen Entdecker ferne Tage. Zumindest wenn er im Auftrag handelte, wie seinerzeit diejenigen die wegen des in Europa ausgebrochenen Federnfiebers u.a. am Amazonas die seltensten Vogelarten töten und einer skurrilen Modevorliebe wegen nach Europa ausschifften.

Patientin null sei Marie Antoinette gewesen erfahren wir, unbestritten eine Mode-Ikone ihrer Zeit, die Federn und ganze Vögel an der Kleidung, in den Haaren und auf Hüten trug, damit eine Damenmode begehrlich machte, die sogar Mäntel hervorbrachte die aus Kolibri-Bälgen bestanden. Ein ungeheuerlicher, weltweiter Raubbau und Vogelmassenmord wurde so eingeläutet, der in Preisen gipfelte, die die Unze Federn sogar die Unze Gold überflügeln ließ. So kosteten seinerzeit die 28,24 Gramm Gold zwanzig Dollar und das gleiche Gewicht in Federn zweiunddreißig. Hunderte Millionen Vögeln wurden in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts so nur für die Mode getötet. Selbst auf der 1912 gesunkenen Titanic war die kostbarste und höchstversicherte Fracht im Laderaum vierzig Kisten Federn. Nur Diamanten standen damals noch höher im Kurs.

Unfassbare Zahlen und Fakten trägt der Autor zusammen und ich muss sagen, es fühlte sich für mich an wie zurück auf der Schulbank im Geschichtsunterricht wenn man ihm zuhört – nur besser, weil langweilig kann er nicht.

Unser Autor holt zunächst weit aus und stellt uns einen Namensvetter A. R. Wallace und damit einen Naturforscher vor, der als Landvermesser und Autodidakt in die Welt aufbrach, und für das British Museum am Ende mehr als 8.050 exotische Vögel gesammelt, abgebalgt, vor hungrigen Räubern wie Ameisen, Maden und Hunden beschützt und geliefert hatte, der Darwin mit seinen bahnbrechenden Thesen sogar das Fürchten lehrte, unabsichtlich und ohne jeglichen Argwohn. So trägt dann auch die Tiefseestraße zwischen Bali und Lombok, die er als Grenze zwischen australischer und asiatischer Fauna erkannte jetzt den Namen Wallace-Linie.

Wir gehen mit ihm 1848 auf Amazonas-Expedition, verlieren bei einem Schiffsbrand alles, um dann von Ruhr, Gelbfieber und Malaria zu genesen 1856 im malaiischen Archipel wieder los zu ziehen auf der Suche nach dem mythischen Paradiesvogel. 1522 hatte die Besatzung von Magellan einen präparierten Paradiesvogel als Geschenk für den König von Spanien nach Europa mitgebracht und auch wenn dem Exemplar die Füße fehlten, so gingen viele Europäer angesichts dieses wunderschönen Vogels davon aus, er müsse in einem himmlichen Reich leben, die Portugiesen nannten ihn Sonnenvogel. Wallace gelang es auf all seinen Reisen nur fünf der bekannten neunundreißig Paradiesvogel zu sammlen, einer davon trägt dafür bis heute ebenfalls seinen Namen.

Hier habe ich für Euch einmal ein paar der hübschen Gesellen zusammengestellt von denen im Buch vielfach die Rede ist, ganz rechts oben ein Paradiesvogel (Bildquelle Wikipedia):

Wir Leseratten werden ja auch meist von einer Sammelleidenschaft besetzt, wollen die Schätze, die wir besonders ins Herz geschlossen auch besitzen und nicht ausleihen – aber wir brechen dafür nicht gleich in eine Bibliothek ein, zumindest habe ich davon noch nichts gehört. Spektakuläre Museumseinbrüche hingegen, davon gab es schon einige, meist sind kostbare Gemälde oder auch Schmuckstücke das Ziel, aber ausgestopfte Vögel stehlen?

Gibt es dafür heute wirklich noch einen Markt, nachdem das Federnfieber doch längst auskuriert ist, Organisationen wie Peta oder Greepeace im Tierschutz aktiv sind, oder war der Raub die Passion und Tat eines verrückten Einzeltäters? Wer war der Täter und wohin verschwand er?

Wie konnte es sein, dass die Museums-Kuratoren wohl den Einbruch am folgenden Morgen bemerkten, aber weder eine Inventur veranlassten noch tatsächlich meinten, das überhaupt etwas fehlte? Das obwohl der Dieb mit seiner federleichten Beute im Gegenwert von rund 1 Million Dollar entkommen war?

Die für mich unglaubliche Antwort auf viele dieser Fragen ist dann tatsächlich das Fliegenfischen und so schließt sich der Kreis hin zur Eingangs bereits erwähnten Leidenschaft unseres Autors. Es existiert bis heute eine Community von Lachsfliegen-Bindern, die weltweit vernetzt ist, nach alten viktorianischen Rezepten und Anleitungen Fliegen bindet und wohl auch so einigen besessenen  Mitgliedern eine Heimat bot. (Im Bild eine solche Anleitung; Quelle Wikipedia):

Einige der von Wallace angegebenen Quellen habe ich im Internet nachvollzogen und bin baff. Vor allem auch angesichts der Tatsache, dass viele der nach dem Einbruch bei e-bay gehandelten Federn, die nach Angabe des Autors unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fielen, nicht etwa unter Codenamen, nein sogar unter deren lat. Namen in Verkaufsangeboten auftauchten und mit PayPal erworben frei Haus in den USA per Post verschickt worden sind. Das und noch so vieles mehr gibt es zwischen diesen erstaunlichen Buchseiten zu entdecken, macht Euch selbst ein Bild, es lohnt sich!

Dieses Buch ist ein Augenöffner, ein Aufreger, eine spannende und unterhaltsame Lehrstunde. Für mich ein Ausnahmetitel der prall voll mit Informationen, eine schier grenzenlose Gier aufzeigt, das auch ein Interview mit dem Täter enthält. Sogar mit den Polizeiermittlern und dem entscheidenden Hinweisgeber hat der Autor Kontakt aufgenommen für sein Plädoyer die Natur mit allem was sie umgibt und enthält zu achten – wir haben schließlich nur die Eine!

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2 Kommentare

  1. Petra
    2. Dezember 2018

    Tja, ich habe da halt so meine Quellen, Dorothee ;-). Es ist wirklich ein Titel der aus dem Rahmen fällt und den ich mir gut auch für Gottfried vorstellen könnte. LG von Petra

  2. Dorothee
    2. Dezember 2018

    Petra, Du machst mich arm…😂
    Woher nimmst Du nur immer diese außergewöhnlichen Bücher? Auch diese Rezension macht Lust auf das offensichtlich besondere Buch! Danke für den Tipp!
    L. G. Dorothee

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