Sprich mit mir (T.C. Boyle)

Menschenaffen sind etwas besonderes. Wir schauen Sie, an sehen etwas in ihnen, erkennen etwas wieder. Die Zoologin Diane Fossey beobachtete sie im Nebel und ich war wie gebannt. Diese Mimik, diese Gestik, ist der unseren so ähnlich. Ihr Nachwuchs rührt uns. Was wäre wenn, wir mit Ihnen, sie mit uns sprechen könnten?

Sprich mit mir von T.C. Boyle

Redegewandte Finger. In einer Fernseh-Talkshow hatte sie Sam zum ersten Mal sprechen sehen. Sam, war ein zweijähriger Schimpanse und während das Publikum sich über ihn amüsiert hatte, war sie sich sicher. Die Antwort des Affen, die gerade eben aus der Gebärdensprache, in der er sich mit seinem Trainer unterhalten hatte, für die Zuschauer übersetzt worden war, war ein kleines Wunder und sie war dessen Zeuge geworden. Mit einem in die Zukunft gerichteten Wunsch hatte Sam sogar geantwortet, und das war unmöglich. Tiere planten nicht. Was war das hier? Ein billiger Trick?

Aimee war noch Studentin, drauf und dran Lehrerin zu werden, träumte aber insgeheim von einem Beruf ohne allzu viele menschliche Kontakte. Vielleicht konnte sie als Försterin, oder Imkerin arbeiten? Dieser Professor für Psychologie und sein Affe faszinierten sie. Die Verbindung der beiden zueinander, die selbst im Fernsehen deutlich geworden war, hatte etwas, das sie magisch anzog.

Geduld und ein starker Rücken, mehr war nicht gefordert und so bewarb sie sich, mit all ihrer Schüchternheit und Introvertiertheit, um eine Stelle als studentische Hilfskraft in diesem Primatenprojekt, und lernte Sam kennen. Streng genommen war es umgekehrt, denn Professor Schermerhorn überließ die Entscheidung, wer letztlich für seine Betreuung eingestellt würde ihm, und er entschied sich, mit einem Sprung in ihre Arm, und sie zuckte nicht zurück. Spürte seinen Herzschlag an ihrem und wusste, ab jetzt, ab heute, gehörte sie zu ihm und er zu ihr …

Thomas Coraghessan Boyle, wurde am 2. Dezember 1948, in Peekskill, New York als Thomas John Boyle geboren. Im Alter von 17 Jahren gab sich Boyle selbst den irischen Namen Coraghessan, den einst einer seiner Vorfahren mütterlicherseits getragen hatte. Aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen, beide Elternteile waren Alkoholiker, schaffte Boyle nur knapp seinen High-School-Abschluß. Während seines Studiums (Englisch und Geschichte) entdeckte er seine Liebe zur Literatur und begann selbst zu schreiben. Heute ist er so eine Art Rockstar unter den Literaten. Dem historischen Roman verlieh er in den USA neues Ansehen und ich, die ich tatsächlich nur und ausschließlich Wassermusik von ihm kenne, bin ihm genau dafür verfallen. Ein grandioses Stück ist das, im Hörbuch ein unvergessliches Abenteuer, bunt, leidenschaftlich und tollkühn erzählt (meine Besprechung findet wer mag nach einem Klick auf das eingefügte Cover:).

Aber zurück zu seinem neuesten Streich: Mutterentzug bei Affenkindern, darüber forschen hier die einen, da passt es gut, dass die anderen mehr darüber wissen wollen, wie es ist, wie es sich auswirkt, wenn ein Schimpanse nur von Menschen aufgezogen wird. Kann er Sprache lernen, in diesem Fall die Gebärdensprache? Wie verändert sich dann sein Verhalten, was adaptiert er von uns Menschen und was nicht?

Sie sind uns ähnlich, die Menschenaffen, so ähnlich, dass man sie in der AIDS Forschung und der Transplantationsmedizin besonders gut als Versuchstiere einsetzen kann. Hat man sie verbraucht, schläfert man sie aber nicht etwa ein. Was ja ein Akt der Gnade wäre, der den Menschenaffen aber meist verwehrt bleibt. Selbst mit Hepatitis oder Krebszellen infiziert, oder mit Elektroden im Gehirn, sind sie als Versuchstiere noch zu wertvoll um sie einfach sterben zu lassen. Für sie gelten mittlerweile strenge Einfuhrverbote, u.a. aus den Ländern Afrikas. 50 Jahre und älter kann ein Schimpanse werden, auch wenn man ihn einsperrt, in einen engen Käfig, ihm Kontakte verweigert, außer eben solche mit Elektroschockern. Dann, wenn ihre Schreie oder ihr Wimmern ihre Wärter zu sehr nerven …

Das es bei wissenschaftlicher, biomedizinischer Forschung, immer auch um’s Geld geht, nicht nur um Forschungsgelder und notwendige Mittel, sondern eben auch um Profit, das macht Boyle sehr plakativ deutlich, und es schmerzt, weil es auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die sich gegen solche Praktiken nicht wehren können.

Was Notwendig und pragmatisch klingt, ist unleugbar grausam. So folgte ich dieser Geschichte auch mit der Faust in der Tasche, und mit Wut und Trauer im Herzen. Ein brutaler, ein gewissenloser Mann hat hier das Sagen, eine wahrhaft hassenswerte Figur ist T.C. Boyle da gelungen. Eine, an der man sich vortrefflich reiben kann.

Ein Wunderkind hingegen ist sein Sam. Mit Aimee, bei Aimee, kommt er zur Ruhe, lernt und übt, versucht sogar ihr etwas beizubringen. Sein Vokabular vergrößert sich dabei beinahe mühelos, es ist wie ein Spiel, aber man ahnt schnell, so einfach ist das nicht …

Ein Käfig, Gefangenschaft, Angst und schmerzhafte Bestrafung. Ich werfe einen Blick durch die Gitterstäbe mit T.C. Boyle, und er gestattet mir noch mehr. Lässt mich teilhaben an den Empfindungen eines eingesperrten Tieres. Lässt mich die Perspektive wechseln und wieder zurück in meinem Kopf.

Es geht um Tierexperimente und da darf man nicht zimperlich sein. Ein Plan reift. Aus Verzweiflung und Mut ist er gemacht, aus dem Mut der Verzweiflung.

Ein Wutausbruch, ein jähes Ende. Ein Zaun und stechender Draht. Eine Trennung. 4.000 Volt, ein solcher Stromstoß hinterlässt keine Spuren, bringt aber jedes Tier dazu, zu tun was es soll.

Boyle thematisiert den Umgang mit Tierexperimenten zu Forschungszwecken ebenso, wie die Frage, ob Intelligenz und Empathie, sowie die Begabung für Sprache und Kommunikation allein uns Menschen vorbehalten ist, das tut er anschaulich, spannend und bildhaft. Filmreif baut er seine Handlung auf, als habe er die Vorlage für einen Blockbuster geschrieben.

Sprache, wie wichtig ist sie uns? Wie wichtig sie für uns ist, frage ich mich zwischen den Zeilen. Ohne sie, sind wir der Kommunikation beraubt, verlieren wir die Orientierung. Wer schon einmal in einem Land gewesen ist, dessen Sprache er weder in Wort noch in Schrift verstanden hat, der weiß was es heißt “lost in translation” zu sein. Abgeschnitten und isoliert. Damit wir verstehen, hat Dirk van Gunsteren den Roman für uns in Deutsche übersetzt.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von diesem Roman erwartet habe, am Ende bleibt ein Gefühl von Vermissen.

Obwohl Boyle Forscherdrang gegen Moral antreten lässt, das Bewerten von richtig und falsch überlässt er seinen Lesern und Hörern, geht er mir zu wenig in die Tiefe. Dafür spickt er seine Geschichte mit wilder Freude, mit Eifersucht und Leidenschaft. Dieser Sam, und nicht nur er, ist zu so einigem imstande. Was rührend ist, und auch für eine Zuspitzung der besonderen Art sorgt.

Trotzdem fehlte es mir an Fakten. Besonders weil ich von Boyle wusste, wie gut er historische Stoffe aufbereiten kann. Hier hält er uns zwar mehr als gegenwärtig den Spiegel vor, zeigt auf, wie überheblich und mit welcher Arroganz, wir ganze Spezies behandeln, von denen wir annehmen, sie sind uns unterlegen. Zeichnet ein Bild davon, wie grausam und zweckorientiert es im Wissenschaftsbetrieb zugehen kann und lässt mich hoffen das ist nur Fiktion, beschränkt sich für mich aber zu sehr auf die Beziehungsebenen, was mir rückblickend dann doch etwas zu wenig gewesen ist …

Florian Lukas, geboren 16. März 1973 in Ost-Berlin, deutscher Schauspieler, u.a. 2003 ausgezeichnet mit dem Bambi und dem Deutschen Filmpreis als Bester Nebendarsteller in Good Bye, Lenin, liest diese leicht gekürzte Hörbuch-Fassung, in 9 Stunden und 29 Minuten. Er gestaltet Boyles Text als lebendigen Vortrag, betont die leichte Ironie zwischen den Zeilen perfekt. Legt sich mit Leidenschaft in die dramatischen Passagen. Besonders hat er mir gefallen, wenn er mir in den Perspektivwechseln erzählt hat, was in Sams Kopf vor sich geht. So empathisch, so sanft, um dann im nächsten Moment buchstäblich wieder auf dem Tisch zu stehen …

Mein Dank geht an Der Hörverlag für dieses Besprechungsexemplar.

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