DAVE (Raphaela Edelbauer)

Ach Mensch, das hat jetzt wirklich Laune gemacht! Etwa Mitte Januar war in meinem elektronischen Postkasten eine Einladung gelandet. Der neue Roman von Raphaela Edelbauer würde vier Wochen früher erscheinen, und der Verlag lud ein zu einer exklusiven Preview mit der Autorin via Zoom. “Das flüssige Land” hatte im Jahr seiner Nominierung für den Deutschen Buchpreis zu meinen Lese-Highlights gezählt, und so war meine Vorfreude auf diese Online-Veranstaltung riesig. Auf die Teilnehmer wartete eine gut gelaunte Autorin, die im Gespräch mit ihrer Lektorin über ihre gemeinsame Arbeit an DAVE plauderte. Ein selbstgedrehtes Promovideo, in dem Edelbauer (im orangen Astronautenanzug) den ersten Schachcomputer entzaubert und einige vorgelesene Kapitel später, freute ich mich noch mehr auf ihren neuesten Coup …

DAVE von Raphaela Edelbauer

Als er den Alarm hörte, war die Hitze schon mit Händen zu greifen. Sie flirrte unter der Decke und der Geruch nach Verbranntem stach ihn in die Nase. DAVE stand vor dem Kollaps, damit die Arbeit von Monaten, von Jahren, an der bedeutendsten KI.

Die Wasserkühlung der Server war ausgefallen, mit bloßem Oberkörper, das Hemd als Hitzeschutz um die Hände gewickelt, tastete er mit hunderten Kollegen nach Steckverbindungen, die alle manuell gezogen werden mussten, wollte man Schlimmeres noch verhindern …

Aus der Tatsache, dass an diesem Tag viele um ein Haar verglüht wären, wurde wenig später im allgemeinen Sprachgebrauch “der Vorfall”.

Eine Entführung bei Nacht und Nebel. Auf einer Bahre in einem Plastiksack. So wird Syz zum Zentrum einer Forschungsgruppe, zu ihrer unumstrittenen Mitte. Es geht natürlich um ihn. DAVE. Nach dem Brand, dem “Meltdown”, hatte es Klick gemacht bei den Wissenschaftlern. Es fehlte nicht an weiteren Scripts, die diese KI denken lassen würden, es fehlte DAVE an Persönlichkeit und eben diese sollte Syz ihm schenken, oder besser einspeisen, nämlich seine eigene, seine Erinnerungen. Dafür hatten sie ihn ausgewählt, ein Zurück? Unmöglich, hier gab es nur ein Vorwärts …

Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, österreichische Schriftstellerin, im Interview mit ihr erfahre ich, dass es für sie ganz und gar undenkbar ist, eine Geschichte ohne naturwissenschaftlichen Bezug zu schreiben und das die Herausforderung für Sie unter anderem darin besteht, literarische Prosa und Naturwissenschaft zu verbinden. Ihre Freude an der Groteske, ihr ganz besonderer Humor findet auch in DAVE Niederschlag und nur allzu gerne, so die Autorin, würde Sie die “edelbauersche Übertreibung” als feststehenden Begriff etablieren, auch wenn dies literarisch nicht immer passe.

Bei Edelbauer verneige ich mich nicht nur vor ihrer Prosa, sondern auch vor der Ernsthaftigkeit mit der sie sich in Interviews auf Fragen und ihr Gegenüber einlässt. Die Zeit, die sich nimmt um fundiert zu antworten, weil es ihr wichtig ist worüber sie schreibt. Das Gespräch mit Denis Scheck in Druckfrisch, welches am 24. Januar ausgestrahlt wurde, ist schlicht genial. Mit welchem Respekt sie sich einer Schreibaufgabe annimmt, mit welcher Ausdauer, wenn ein Thema sie umtreibt, zeigen zehn!!! Jahre Arbeit an DAVE. Dreimal einen Roman “durch schreiben” bis man endlich zufrieden damit ist, das muss man erst einmal schaffen und es hat sich gelohnt!

Fünf Stockwerke, konstruiert wie ein Bienenstock, mit Kneipen, Spelunken, Kinos, Schulen, Universitäten, Wohnungen, eigener Wasseraufbereitung und Zuchthäusern. Fast 120.000 Menschen wimmeln hier umeinander. Unten Beton, oben ein gläsernes Gewölbe, mit freier Durchsicht in das Zentrallabor in seiner Mitte.

Edelbauer erschafft eine ganze Welt in einem Labor und das Blut in den Adern ihres Gebäudekonstruktes sind die Daten, sie rasen mit Lichtgeschwindigkeit, überwinden mittels elektrischer Impulse auch die Stockwerke, die für die Menschen streng getrennt sind. Sowie die Kopfarbeiter von den Versorgern. Aber Vorsicht, hier ist nie etwas wie es auf den ersten Blick scheint und wer jetzt denkt, hier gehe es steril und kalt zu, den belehrt Edelbauer eines Besseren. Das Restaurant Purgatorium z.B. mutet an wie der Tanzsaal des Waldorf Astoria. Er ist zwar den Bessergestellten, den Professoren vorbehalten, aber uns und Syz gewährt sie Zugang.

Warum speist man DAVE mit nur männlichen Erinnerungen? Was steht noch alles zwischen diesen Sätzen und was habe ich übersehen? Ethische Fragen wie, geben wir gerne Bewusstsein und das Denken ab, an eine Maschine, die das dann auch besser kann als wir? An eine Maschine, die sich dann selbst verbessert, schaffen wir uns damit nicht ab?

DAVE ist kompliziert, es braucht Konzentration, auch stolperte ich nicht nur einmal über ein mir unbekanntes Fremdwort im Text, und über den Computerjargon. DAVE ist komplex, ich habe einiges an Lesezeit für ihn verbraucht und hatte das Gefühl die Seiten werden beim Lesen mehr, nicht weniger, so viel ist in sie/ihn hinein gepackt. Ideen und Input, Input, Input, ich komme mit meinem gedanklichen Output kaum noch hinterher. Auch heute, Tage nach der letzten Seite sinniere ich noch über einzelne Passagen nach, grüble, vor allem wegen dem was unausgesprochen bleibt.

Hinweise, dann Zweifel, Manipulation? Was wäre wenn und, was wenn nicht? Ziel und Absichten ändern sich, und diese Erkenntnis ändert alles.

Wo liegt hier der Hund, respektive die Wahrheit vergraben? Gedächtnispaläste, Memoriertechniken, so viele lose Fäden. Unterwegs auf hohen Seilen, über schwankendem Grund. Es hat reichlich Überwachungskameras, besser man versteckt gut, was man zu verbergen sucht.

Mensch, ist das spannend! Damit meine ich die Handlung, die sich zunehmend zuspitzt, ebenso wie diese Gedankenexperimente. Im Gesamtkontext ist das gar nicht selbstverständlich, schließlich lese ich hier keinen Thriller. Aber irgendwie schon …

Edelbauers Rechnung, ihre Gleichung mit reichlich Unbekannten geht auf. Ihr DAVE ist nicht nur eine exzellente Parodie auf den Wissenschaftsbetrieb, die schon auf den ersten Seiten richtig gut los geht, und die den Zirkus, der in sicherlich so mancher Forschungseinrichtung herrscht gekonnt auf die Spitze treibt, er unterhält auf höchstem Niveau und stellt die richtigen Fragen, auch solche, auf die man eben keine kurz gefassten Antworten geben kann.

DAVE ist ein Wunder und Edelbauers Geschichte ein Wunderding von einem Roman. Seine Sprache bisweilen nüchtern, technisch, dann wieder doch poetisch und der Humor, der ist hier staubtrocken. Wenn es passt, dann passt es. Edelbauer halt!

Grundphilosophie meets Algorithmus. Gründet sich Bewusstsein durch Sprache? Braucht eine künstliche Intelligenz einen Charakter um sich entwickeln, um selbständig weiter lernen zu können? Was passiert mit einem Menschen, mit seiner Identität, seinem Identitätsgefühl, wenn man ihn, seine Erinnerungen mit einer Maschine kurz schließt?

Nein, der Zweck heiligt nicht die Mittel, auch diesmal nicht und Fragen der Moral und Ethik lassen sich doch nicht einfach beiseite schieben. Geschichten über künstliche Intelligenz ängstigen mich mindestens genauso sehr, wie sie mich faszinieren. Denn immer dann, wenn Forscherdrang Grenzen überschreiten, wird es haarig für mich.

Kann eine Maschine Bewusstsein erlangen? Was ist Bewusstsein überhaupt? Wie organisch und wie menschlich ist es, nein besser, ist es ein Merkmal, dass nur uns Menschen auszeichnet, uns zu Menschen macht?

Raphaela Edelbauer hat neben ihrem Faible für die Naturwissenschaft Philosophie studiert. Von daher haben Grenzgängerfragen in ihren Romanen Brisanz, Substanz, aber auch Irrwitz, genau das begeistert mich. Auch diesmal.

“Jedes Hinsehen war ein Augenverschließen, und jedes Verweigern des Blicks eine Vision, dachte ich – das heißt, es konnte nicht mehr lange dauern, bis Lüge und Wahrhaftigkeit vollständig ihre Plätze getauscht haben würden.”

Textzitat Raphaela Edelbauer DAVE

Alles ist paradox alles ist klar. Nur aus dem Chaos entsteht eine neue Ordnung. Die “edelbauersche Übertreibung” packt mich im Genick, schüttelt mich. Treibt mich an. Wohin führt sie mich? An eine Grenze, an die meiner Vorstellungskraft, und weit darüber hinaus. Ich meine mich zu verlieren, zwischen Wahn und Sinn. Den notwendigen Zweifel hat sie längst gesät und was jetzt folgt ist Eskalation und Erkennen …

Der Countdown läuft oder safe the best for last. Auf den Schluss des Romans war ich ganz besonders gespannt, hatte Edelbauers Lektorin doch verlauten lassen, sie habe selten ein derart klug komponiertes Romanende gelesen. Tatsächlich fallen spätestens jetzt alle Puzzleteile an ihren Platz, und hatte ich auch zwischendurch nicht immer jeden wissenschaftlichen Zusammenhang verstanden, jetzt fügt es sich. Auch für mich.

Und damit ich auch nach dem Lesen noch was zum Freuen hab, hat Frau Edelbauer ihren nächsten Roman schon in Angriff genommen. Im Interview verrät sie, es solle dabei um Mathematik gehen, um den Ersten Weltkrieg und um Psychologie. Also wenn das nicht verlockend klingt? Besonders weil wieder einmal die richtige Portion offensichtlicher Unvereinbarkeit in dieser Aufgabenstellung steckt und damit für mich die Art Herausforderung, die ich beim Lesen ihrer Texte genieße. Weil sie sich halt einfach was traut, die Frau Edelbauer. Recht so!

Mein Dank geht an den Klett-Cotta Verlag​ für dieses Besprechungsexemplar.

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