Männer in Kamelhaarmänteln (Elke Heidenreich)

Jemanden nach Äußerlichkeiten beurteilen, wer kann sich davon wirklich frei sprechen? Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck, hat man mir für Bewerbungsgespräche eingebläut und es stimmt, nicht? Ganz unbewusst stecken wir unser Gegenüber oft in eine innere Schublade und manchmal kommt es da nie wieder heraus. Was mich wohl hier erwartet denke ich noch und dann bin ich auch schon mittendrin in dieser eloquenten, überaus kurzweiligen Plauderei über …

Männer in Kamelhaarmänteln

Elke Heidenreich ist kein fashion victim, irgendwie nicht, so nennt sie auch schon mal Kleidungsstücke ihr eigen, die gut und gerne dreißig Jahre alt sind, so lange sie ihr noch passen und gefallen. Jeans und Blazer passen eh besser zu ihr als beispielsweise ein goldener Overall von Jil Sander. Das findet selbst die Designerin, die sie hat ausstaffieren sollen für eine Fernsehsendung, und die dann schwupps einen Rückzieher macht und Frau Heidenreich wieder sie selbst sein lässt. In ihrer Alltagskleidung, ganz unverstellt.
Manchmal aber, da reißt es sie dann doch, die Frau Heidenreich …

Kleider machen Leute und Kleider können Sünde sein. Modesünde. Elke Heidenreich hat es noch am eigenen Leib erlebt, in den spätzen 1950ziger, das Hosenverbot für Mädchen, weswegen sie Cordhosen unterm Rock getragen hat und mich damit an meine geliebten karierten Karottenhosen denken ließ, die ich in meiner Teenagerzeit, in den 80ern trug. Mit Stolz und Freude, und heute? Schlage ich mir die Hand vor den Kopf, betrachte ich mich auf Fotos aus dieser Zeit. 

Mode spiegelt den Zeitgeist, drückt Persönlichkeit aus, Kreativität und Mut.

Sich verkleiden, in eine andere Haut schlüpfen. Das geht mit Kleidung auch.

Lakonisch, ehrlich, augenzwinkernd und sehr unterhaltsam, erzählt Elke Heidenreich hier von Kleidern und Leuten. Plaudert zwanglos und manchmal auch mit einer gehörigen Portion Ironie über Dies und Das. Richtet ihren Fokus dabei stets darauf, was Garn und Zwirn dabei aus uns machen können.

Jemand anderen vielleicht, wenn auch nur für Stunden, für den Moment.

Erzählt von roten Handtaschen, die man nie ausführt, von Kamelhaarmänteln und Türkisringen. Von knalllila Anzügen, Farbenblindheit und jeder Menge Gesprächsstoff. Von einem Kleid wie Venedig, wie aus Licht, Luft und Wasser scheint es gemacht, sündhaft teuer und in Größe 34, natürlich viel zu klein, trotzdem muss es mit.

Etwas kaufen weil es einfach nur schön ist, oder doch vielleicht mal etwas wagen, sich etwas trauen, auch wenn man sich dabei vielleicht modisch verirrt, dann wenn Frau danach ist. Irgendwann. Vielleicht. 

Natürlich kann Mann mit dem richtigen Pullover auch das falsche Buch lesen, so gesehen in einem Café. Der Pullover war aus Kaschmir, das Buch Fifty Shades of Grey.

Elke Heidenreich, geboren 15. Februar 1943 in Korbach, deutsche Schriftstellerin, einflussreiche Literaturkritikerin, Moderatorin, Journalistin, Kabarettistin, Opern-Librettistin, Tausendsassa. Ihre Sendungen gestaltete sie stets mit der Leidenschaft einer Leserin, nicht mit der einer Kritikerin und allein dafür verehre ich sie und als Wegbereiterin für das Lesenswerte.

Dem Himmel sei Dank, ihrem Verlag auch, hat Elke Heidenreich aus diesen Geschichten hier ein Hörbuch gemacht und es auch selbst eingelesen. 4 Stunden und 15 Minuten lang. Keiner, keine könnte das besser als sie. Es ist so unsagbar genial, Ihr müsst Euch das selbst erlauschen. Ob zum auf die Schenkel klopfen komisch, süffisant oder auch staubtrocken, gekonnt wechselt Heidenreich die Pointen und zeigt uns alle Farben, in denen intelligenter Humor leuchten kann.

Der Teufel trägt Prada. Das wissen wir schon und Löcher in Wollpullovern, stopft man am besten mit gleichfarbigem Garn. Oder man macht den Makel zur Marke. Gut sichtbar für jedermann. 

Ach, Mensch. Einmal, und nur ein bisschen so wie Frida Kahlo sein. Geschmacks- und stilsicher, und die Farben die sie trug! Die waren so bunt wie die Geschichten die Elke Heidenreich zu erzählen hat. Z.B. über 20 DM-Scheine die sich in ausrangierten Mänteln, respektive ihren Taschen finden lassen (nein, es war nicht in einem Kamelhaarmantel), über die einzig wahre Zweckbestimmung von High Heels, oder über die Socken von Karl Lagerfeld, die er im Interview mit ihr trug, eine blau, eine schwarz und was war der Kerl, pardon, der Karl nachtragend …

Ach, ja und die Haare. Die wollen wir bitte nicht vergessen. Zu jeder Erscheinung gehören sie dazu, egal wie, erst die passende Frisur macht ein Outfit perfekt. Oder kaputt. Je nachdem. Heidenreich hat sich mit den ihren arrangiert. Glückwunsch. 

Mit geht nicht, ohne ist besser. Schönheits-OPs können aber richtig ins Geld gehen. Auch bei Jacken mit Kaputze, wenn selbige weg muss. Unbedingt.

Kölsch mit T.C Boyle? Auch zwei oder drei? Bitte gerne, in Köln ist Literaturfestival und alle sind da, auch die legendäre Susan Sontag. Wie Heidenreich eine jede Begegnung, ein jedes Gespräch, immer mit einem Kleidungsstück verbindet, das finde ich großartig. Wenn wir nur achtgeben wird ein jeder Eindruck ja auch von mindestens einem begleitet. Schließlich begegnen wir einander ja nicht nackt, also in der Regel. Zumindest.

Ach, ich bin ganz vernarrt in diese Episoden. Heidenreich hat ja recht, so recht. Wenn sie u.a. über Umkleidekabinen schreibt, diese Vorhöllen, die jedwedem modischen Abenteuer vorgeschaltet sind und erst einmal überwunden werden müssen. Sie und die Einsicht, das Konfektionsgröße 36 eben nicht passt. Oder nicht mehr. Oder noch nie gepaßt hat.

Ach, Mensch hat mir das Spaß gemacht! Mal habe ich prustend und schnaubend los gelacht. Mal verschmitzt gegrinst, mal verständnisvoll geseufzt. Ich fühlte mich verstanden, erkannte mich wieder.

Was tat mir diese Aufheiterung gut, und diese klugen Zwischentöne. Hier war ich richtig. Glitzergoldrichtig. Hier konnte ich Ausflüge machen in magischen Sommern, nach Saintes-Marie-de-la-Mer, konnte durch kleine Boutiquen bummeln, oder eine Ausstellung besuchen mit Bildern von der großartigen Frida Kahlo. Auf einer Damentoilette habe ich mein blaues Wunder erleben und Heidenreichs Schlagfertigkeit feiern.

Ich für meinen Teil mache das, stehend applaudiere ich ihr, bewundere wie pointiert sie mich vom Hundertstel ins Tausendstel und wieder zurück plaudert und zack ist dieses wunderbare Hörbuch auch schon zu Ende. Leider. Krieg ich nicht doch noch einen Nachschlag? Ich mach mich auch ganz chic dafür. Versprochen!

Mein Dank geht an Random House Audio für dieses Besprechungsexemplar.

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