Kindheit – Jugend – Abhängigkeit – (Tove Ditlevsen)

Wie ein Fieber ist diese Geschichte seit Mitte Januar diesen Jahres über die Bücherwelt gekommen. Hochansteckend infiziert sie seither Bücherherz um Bücherherz, und jetzt also auch meines? Die Geschichte einer Frau in drei Teilen, die mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen so viele berührt. Woraus ist sie gemacht, wenn das gelingt? Worauf gründet sich diese Faszination? Was hat sie mit mir gemacht? Diese Tove Ditlevsen

Die Zeit verging und die Kindheit wurde dünn und platt wie Papier, sie war müde und fadenscheinig, und an schlechten Tagen sah es nicht so aus, als würde sie halten bis ich erwachsen war.

Textzitat Tove Ditlevsen Kindheit

Kindheit (Teil 1)

Von der Mutter fühlte sie sich nicht geliebt auch mit ihrem Vater verband sie keinen tiefen Gefühle. Früh lernt sie als Kind, das während der Weltwirtschaftskrise in Dänemark aufwächst, Mangel, Hunger und Armut kennen. Den Vater, einen sensiblen, belesenen Mann stürzt die Arbeitslosigkeit ins Abseits, da ist er gerade mal dreiundvierzig. Scham und Schande galt es fortan zu verbergen.

Pfiffig wirkt sie die kleine Tove, die rasch zu einer „Bohnenstange“ heranwächst, von Wachstumsschmerzen geplagt. Ihr Bruder meint, mit zwanzig würden die wieder vergehen. Na, Trost geht irgendwie anders.

„Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten schwarzen Haar meiner Mutter, das ich nie zu berühren wagte, und sie lag mir auf der Zunge, wie der Zucker im lauwarmen Haferbrei, den ich langsam verspeiste, während ich ihre schmalen, gefalteten Hände betrachtete, die reglos auf den Zeitungsberichten über die Spanische Grippe und dem Versailler Vertrag ruhten.“

Textzitat Tove Ditlevsen Kindheit

Eine Kindheit, die wie Gefängnis empfunden wird. Wie eine Drangsal, ein ständiges Streben danach zu gefallen, danach gehalten und unterstützt zu werden. Von den Eltern. Düster und ärmlich sind die Verhältnisse, aus der die Fröhlichkeit gewichen zu sein scheint, wie die Sonne aus der Nacht. Wie ein Rettungsanker muss das Schreiben für Tove gewesen sein. Ihre Anfänge hält ein Poesiealbum für sie fest, dass sie sorgfältig verbirgt, ist ihr Vater doch der Meinung Mädchen könnten keine Dichter sein.

„Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat.“

Textzitat Tove Ditlevsen Kindheit

Die Kindheit ist ein Sarg, dem man nicht aus eigenen Kräften entkommt. Mehr braucht es nicht an Erklärung um zu verstehen, was in dieser Frau vorging und das macht ihren schonungslosen Text auch für mich aus. Mit wenigen, unfassbar treffenden, vergleichenden Bildern beschreibt sie ihr Leben und Erleben. Ihre Rolle als Tochter, Ehefrau und Mutter. Passgenau, hat es nie ein Wort zu viel und dennoch findet sie genug wunderschöne Wörter und Sätze um ihre jeweilige Lebenssituation zu beschreiben. Dabei ist sie ganz und gar unsentimental. 

Jugend (Teil 2)

Auf der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend, liegt für Tove ihre Konfirmation. Als Kindfrau, als Überlebende ihrer Kindheit, hetzt sie fortan durch wechselnde Lehrstellen, wie später durch ihre Ehen, wie ein waidwundes Tier. Als rast- und ruhelos, experimentierend, hat sie sich auch selbst erlebt. So ist in Jugend ist zu lesen:

„An einen herrenlosen Hund erinnere ich, struppig, verwirrt und allein.“

Textzitat Tove Ditlevsen Jugend

Die große Politik und ein kleines Mädchen. Männer die sich nur allzu gern bedienen, für die klar ist,  wofür eine Frau ausschließlich taugt. Tove wächst heran, wird enttäuscht, erlebt Verlust, fühlt sich gefangen in ihrem Viertel. In ihrer Rolle. Heiraten soll sie, will sie aber nicht. Schreiben will sie, soll sie aber nicht.

So steht denn auch die erste Veröffentlichung ihrer Gedichte, als zentrales Thema und Bestreben im Mittelteil dieser Trilogie. Der für mich wie das Bindeglied gewirkt hat, das Bindeglied zwischen Kind und Frau. Der von weniger einschneidenden Ereignissen geprägt ist wie Teil 1 und 3, der wie ein Atem holen ist, zwischen den Jahren, wie die Ruhe vor dem sprichwörtlichen Sturm, der mit und durch Toves Abhängigkeit(en) beginnt …

Abhängigkeit (Teil 3)

Psychotisch und von einer seltsamen Schwermütigkeit ist Tove als junge Frau. Abhängig von ihrem ersten Mann, einem Verleger, der um einiges älter war als sie. Abhängig von einem zweiten Mann, einem Liebhaber, einem Herzensbrecher, der sie zur Scheidung anstiftet, dann im Stich lässt. Abhängig von einem Dritten, ungewollt schwanger und abhängig von einem, der ihr zeigt dass man mit und durch Drogen vergessen kann. Vielleicht unabsichtlich. Vielleicht aber auch nicht.

Alle Seligkeit in dieser unheilvollen, fünf Jahre andauernden Beziehung liegt plötzlich in einer Ampulle und alle Träume, ihr Schreiben, werden eingetauscht gegen ein Leben für die Sucht.

Wenn das Leben die besten Geschichten schreibt, dann aber auch die grausamsten. Die von Tove hat auch mich berührt. Zu erleben, wie sie sich immer mehr ergibt, das geht mir in diesem dritten Teil echt an die Nieren …

Ein Leben aus den Fugen, und wenn es je eine gegeben hat, dann war es eine Fuge in Moll. Ein Leben, das beim Betrachten traurig macht, einen aber zugleich auch über die Kreativität dieser Frau staunen lässt. Darüber wie sie unablässig an ihrer Liebe zum Schreiben festgehalten hat, dass sie es aller Widrigkeiten zum Trotz geschafft hat, das auszudrücken was in ihr brannte.

Dieses Leben hat Risse, wie die Eisdecke, die letzte Woche noch schwer auf unserem Brunnen im Garten lag, und der der nahende Frühling jetzt Sprünge beibringt. An manchen Stellen ist sie schon durchlässig, so wie das Leben von Tove, das von außen und von anderen in seine Form gebracht wurde. 

Ihre Kindheit habe ich mit ihr mit Beklemmung durchlebt, ihre Jugend ist irgendwie an mir vorbei gezogen, ihre Abhängigkeit(en) von Männern und Medikamenten machten mich betroffen, und vor allem wegen der Offenheit, mit der Tove Ditlevsen über all das schreibt, hat sie auch mich betroffen gemacht.

Tove Ditlevsen, dänische Schriftstellerin, geboren 14.12.1917 in Kopenhagen, verstarb zwischen dem 4. und 7. März 1976 nach einer Überdosis Schlaftabletten. Ihren Leichnam fand man am 08.03.1976. Wobei dies nicht ihr erster Suizidversuch gewesen war, bereits 1974 hatte sie versucht sich das Leben zu nehmen. Ditlevsen war insgesamt viermal verheiratet und schenkte einer Tochter und zwei Söhnen das Leben.

Im dänischen ist diese autobiographische Romanreihe bereits 1967 erschienen, ins Deutsche übersetzt hat ihn jetzt Ursel Allenstein. Aufgeteilt auf die drei Bände Kindheit, Jugend und Abhängigkeit ist er in dieser Fassung seit Mitte Februar komplett und wiederentdeckt auch bei uns erhältlich.

Brilliant. So würde ich den Erzählstil beschreiben, durch den sich diese Trilogie für mich auszeichnet und die uns eindrücklich vermittelt, wie sich ein Erwachsenenleben anfühlt, das von einer Sucht geprägt ist. Tove Medikamentensucht gründete ein Schmerzmittel, welches ihr ihr Ehemann und Arzt bei einer Abtreibung verabreicht hatte. Das ist an Tragik nicht zu überbieten und obwohl das Leben von Ditlevsen keine wirkliche Butterseite zu haben scheint, geht es mir nicht um das WAS ihr passiert, sondern um das WIE sie es uns erzählt. Wie sie ausdrückt, was Rahmenbedingungen und Selbstbild mit ihr, aus ihr haben werden lassen. Schnell ist man mit Beschreibungen wie lyrisch, poetisch oder eindrücklich bei der Hand, was bei ihr alles zutrifft, aber für mich zu kurz gegriffen ist. Mir fällt es in der Tat schwer, zu beschreiben, was da in mir und mit mir beim Hören passiert ist. Die Sprache die sie findet fehlt mir dafür und ich glaube auch, dass die Berührung mit diesem Text sich für jeden anders anfühlen wird.

Vielleicht ist es das, was nach all den Jahren noch ihren Erfolg ausmacht? Ditlevsen kann innere Bilder aufwecken, schmerzvolle und freudige. Wie eine Wortarchäologin legt sie erst die äußeren Hüllen frei, dann arbeitet sie sich Stück für Stück ins Innere ihrer Leser und Hörer vor. Das, indem sie sich selbst offenbart, Licht und Schatten und Kummer teilt, sich nahbar macht und verletzlich zeigt. Unnötig zu sagen, wie gut mir das gefallen hat. Wobei gut gefallen in diesem Zusammenhang nicht so recht passen will. Alte Narben, die das Leben auch mir beigebracht hat, spannten plötzlich wieder, dafür ist Literatur aber auch da, und lesen wir nicht genau auch deshalb? 

Dagmar Manzel, begleitete mich vorlesend durch diese Trilogie, hintereinander weg habe ich die drei Hörbücher förmlich inhaliert.

Manzel, geboren am 1. September 1958 in Berlin-Friedrichshaben, deutsche Schauspielerin, Sängerin und Hörbuchsprecherin, vielfach ausgezeichnet für ihr Wirken, u.a. mit dem Deutschen Kritikerpreis, dem Deutschen Fernsehpreis, dem Adolf-Grimme-Preis, ist für mich eine Idealbesetzung für diese Hörbuch-Reise. Sie drängt sich dem Text nicht auf, sie unterstreicht ihn, lässt ihn für sich stehen, trägt ihn, hilft ihm mit ihrer Zurückhaltung, noch mehr zu strahlen. Ganz und gar unprätentiös bleibt sie im Hintergrund und tritt für mich dadurch besonders in den Vordergrund. Sehr wohltuend und unfassbar authentisch führte sie mich so, dass ich oft zurück gespult, mir Lesezeichen gesetzt habe, um Textstellen noch einmal anzuhören. Empathisch hat sie Tove für mich lebendig werden lassen. Wenn ich aufschaue, meine ich manchmal noch, ich könne sie nachdenklich am Fenster stehen sehen, dabei hat sie sicherlich ein neues Gedicht im Sinn …

Danke, dafür, Frau Manzel!

Danke, für diese gelungene Inszenierung und die Besprechungsexemplare, liebes Team von Der Audio Verlag.

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