Sodom und Berlin (Yvan Goll)

Die Zwischenkriegszeit war keine Zeit des Friedens. Die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vom 11. September 1918 bis zum 1. September 1939 war geprägt von wirtschaftlichen Krisen, politischen und militärischen Auseinandersetzungen. In Osteuropa entwickelten sich zahlreiche Grenzkonflikte, viele junge Demokratien zerbrachen und wurden von autoritären Regierungen abgelöst. Es herrschte Hyperinflation, alles gipfelte in einem Börsen-Crash und in einer Weltwirtschaftskrise die 1929 begann und bis in die 1930er Jahre andauerte. Auf diese Zeit, und zwar auf Berlin, hat auch er seinen Blick gerichtet:

Yvan Goll, eigentlich Isaac Lang, geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié-des-Voges, verstorben am 27. Februar 1950, sein Grab findet man auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, wo unter anderem auch Chopin, Balzac und Maria Callas zur Ruhe gebettet worden sind, war bis zu seinem Tod verheiratet mit der Schriftstellerin und Journalistin Claire Aischmann. Er promovierte, nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und München, 1912 mit einem Doktortitel in Philosophie. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges floh Goll in die Schweiz, heiratete in Paris, verkehrte im Kreis der französischen Surrealisten, emigrierte vor Beginn des Zweiten Weltkrieges nach New York und verstarb mit 58 Jahren an Leukämie. Goll, ein überzeugter Pazifist, bezeichnete sich selbst als Weltbürger mit französischem Herzen, deutschem Geist, jüdischem Blut und amerikanischem Pass. In einer Neuübersetzung von Gerhard Meier ist sein Roman Sodom und Berlin, der erstmals 1929 erschien, im August dieses Jahres neu von Manesse verlegt worden und ich habe, schockverliebt in dieses Cover, nach ihm gegriffen. Der Hauch eines goldenen Schimmers offenbart sich erst wenn man das Buch leicht in den Händen dreht. Dieser Einband ist auch haptisch ein Genuß und passt ganz wunderbar zu Golls Prosa, griffig und schmeichelnd zugleich. Zu dieser aus der Zeit gefallenen Sprache, zu dieser Übersetzung aus dem Französischen die Gerhard Meier, der u.a. auch Das Damengambit von Walter Trevix übersetzt hat, ganz wunderbar gelungen ist.

Meier findet für Golls metaphernreiche Sprache im Deutschen Entsprechungen, die mich nicht nur eine Passage haben mehrfach lesen lassen. Man könnte den Text mit Unterstreichungen und Post it’s nur so spicken, so viel bemerkenswertes enthält er. So wurde diesem Roman nicht nur den Staub abgeklopft, er erstrahlt in ganz neuem Glanz.

Autoren, die die Zeit vergessen hat zu entdecken ist immer etwas Besonderes. Außergewöhnlich wird es, wenn eine Geschichte so wie diese hier, ihrer Zeit den Spiegel auch so gekonnt vorhält, wenn sie so dermaßen politisch, außer Rand und Band, satirisch überzeichnet, anstrengend, aufmüpfig und herrlich, vergessen, vergangen und doch auch gegenwärtig ist.

Kommt mit mir, wenn ihr mögt, auf dem Kalender steht zunächst das Jahr 1918 und wir tanzen ein bisschen mit Dr. Odemar Müller auf dem Vulkan:

Sodom und Berlin von Yvan Goll

Im Zentrum der Handlung steht Odemar Müller aus Bonn, oder auch Dr. Odemar. Ihn schickt Goll durch ein aus den Fugen geratenes Berlin, genauer gesagt befinden wir uns im reichen Berliner Westen. Er surft dabei wie auf einer Welle, die der Eskalation entgegenbrandet. Dabei werden reichlich Seitenhiebe auf deutsche Tugenden und Eigenheiten ausgeteilt. In Odemars neu eröffneten Salon am Kurfürstendamm werden Orgien gefeiert, Sekten aller Couleur versammelt, der Paragraph wird 175 ignoriert, denn groß in Mode so Goll, war damals in Berlin das Perverse.

“Und da alles in Deutschland Ursache und Wirkung haben muss, eine Katalogkarte und einen Grund, wurde das Freiheit genannt, intensives Leben, große Hysterie, göttliche Ekstase.”

Textzitat Yvan Goll Sodom und Berlin

Der Champagner von Mumm floß in Strömen, er wurde ihnen kostenlos geliefert. Töchter aus gutem Hause ließen alle Hüllen fallen.
Ein Hauch Surrealismus durchweht die Zeilen. Die Nächte wurden durch getanzt vorzugsweise mit Charleston. Ein Freund aus Studententagen taucht auf. Als wiedergeborener Heiland. Erinnerungen an unbedarfte Tage flackern auf. Für eine Mark bekommt man jetzt eine Billion Scheine und kann davon doch nur ein Kilo Brot kaufen. Alles scheint einem Höhepunkt entgegen zu streben den nur der Autor kennt, Aktien zerfallen, Spekulationsblasen platzen, unser Held greift nach seinem Hut und macht sich unbehelligt durch das Küchenfenster davon, vielleicht um seinen Schatten zu suchen …

Die Beschreibungen der gollschen Szenen sind so überbordend, dass ich mich mitten drin wähne in diesem Sündenbabel. Die Stimmung in der Stadt ist bis zum Bersten gespannt. Das ist großartig eingefangen. Im starken Kontrast dazu steht dieses andere Berlin, das hungernd und frierend vor mir liegt.

“Berlin. Bleiche Stadt. Stadt des fahlen Zements. Stadt der eisigen Winter. In angstvollen Nächten wird sie von einer Vorstellung geplagt: Das weiße Gesicht Rosa Luxemburgs blüht wie eine tragische Seerose im Eis des Landwehrkanals. Der ewig gejagte Schatten Karl Liebknechts flieht hinter die schwarzen Büsche des Tiergartens, aus denen die wilden Augen seiner Mörder herausleuchten.”

Textzitat Yvan Goll Sodom und Berlin

Das Yvan Goll auch Lyrik geschrieben hat, merkt man einem jeden Satz an. Paul Celan, mit dem er gut bekannt war übersetzte nach seinem Tod drei seiner Bände.

Es brauchte ein wenig, bis ich mich fallen lassen konnte in die Handlung und in diese Sprache. Diese 189 Seiten waren für mich eine Herausforderung, aber eine, die ich gerne angenommen habe. Die Literaturkritik gesteht Goll Hellsichtigkeit zu, mich hat er verführt. Verführt dazu, mehr über diese Zeit erfahren zu wollen. Verführt, indem er mit das Lebensgefühl das damals herrschte so nah gebracht hat, das ich die Musik die spielte durch die Seiten gehört habe, genauso wie das Rascheln des Stoffes der Kleider beim Tanz auf diesem Pulverfass, dass Berlin seinerzeit auch gewesen ist. Goll und Meier zeichnen mit Worten einzigartige Bilder. Bilder, die eine Opulenz und Wucht entfalten, die ihresgleichen sucht. So elegant, so sprachgewaltig!

Tagediebe, Studenten, Schieber, Kriegsheimkehrer und Lebenskünstler. In einem Café, dessen Teppich so weich ist wie Rasen, erfahre ich mit dem Stehaufmännchen Odemar von einem Bazillus, der Eurokokke heißt und der die europäische Zivilisation zerfrisst. Mit diesem Einwurf dockt Goll an seinen gleichnamigen Paris-Roman “Die Eurokokke” an, der zwei Jahre früher, 1927 erstmalig erschienen ist. Diesen Bazillus lässt er von einem amerikanischen Wissenschaftler auf den Türmen von Notre Dame entdecken. Er ist es, der den Dingen und Menschen in Europa ihre innere Substanz raubt, ihre Hülle aber unversehrt lässt und er hat auch Odemar Müller befallen. Die Szenerie wandelt sich und erhält beinahe etwas apokalyptisches, Leere und Langeweile prägen jetzt das Empfinden Odemars.

Kriegsversehrte. Goll nennt sie Heldenschatten, Menschenwracks und dies sind nur einige Wortbeispiele für seine punktgenaue Beobachtungsgabe. Für seine schmerzvoll treffsicheren Beschreibungen.

Die Verlorenheit der Kriegsheimkehrer, die mit dem Erlebten im Gepäck in ein Zuhause katapultiert worden sind, das ihnen keines mehr ist, ganz gleich wie sehr sie das vielleicht auch wollen – ich denke an Volker Kutschers Geron Rath, noch so eine verlorene Seele aus dieser Zeit …

Wir verlassen mit Müller Berlin und reisen, mit der Liebe unseres Lebens und der Liebe wegen nach Paris. Eine Reise mit dem Orientexpress und ein Hafen an der dalmatinischen Küste bescheren uns Heimweh. Heimweh nach Berlin. Der Kreis schließt sich und ich schließe einen Roman der mich beeindruckt hat, ich verneige mich vor diesem expressiven Stück klassischer Literatur, das mich weit aus meiner Lesekomfortzone herausgeführt hat und denke noch eine ganze Weile nach über, die zahlreichen poetischen Blitzlichter, das ausführliche Nachwort von Hans Zischler, das mir den Autor und den Kontext in dem sein Schreiben stand nochmals verdeutlicht.

Eine Wiederentdeckung die sich lohnt und mein Dank geht an den Manesse Verlag für das Besprechungsexemplar und diese Wiederbelebung.

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