Slade House (David Mitchell)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 03.03.2019

Kommt und eilt Euch! Wir sind um fünfzehn Uhr mit Lady Grayer verabredet. Es bleiben uns noch ganze zehn Minuten. Wie, Ihr könnt die Slade Alley nicht finden? Die Wegbeschreibung war doch glasklar und der Taxifahrer hat uns exakt an der Kreuzung aussteigen lassen, die die Lady mir genannt hat.

Na, was sag ich denn! Schaut mal, das alte Straßenschild dort gegenüber, steht da nicht Slade Alley? Also, bitte! Wie, aus der schmalen Gasse weht ein kalter Hauch und ihr habt eine Gänsehaut? Wir sind hier in London, schon vergessen, und haben keine Schönwetter-Ferien gebucht.

Und was soll das jetzt wieder heißen, “DIESE Kälte kommt nicht von außen, sie kriecht uns von innen in die Knochen?” Ihr Hasenfüße! Na gut, dann gehe ich halt vor. Schaut mal, dort in der Mauer ist ja eine kleine Tür. Wie seltsam, sie hat gar keine Klinke … Aber sonst ist weit und breit kein Eingang zu sehen. Das glaube ich jetzt nicht, ich habe nur meine Hand auf das Türblatt gelegt, es fühlt sich ganz warm an, fast wie etwas lebendiges und die Tür geht ganz leicht nach innen auf. Oh Mann! Seht Ihr das auch? Dieser Garten, die vielen Blumen, das mitten in der Stadt, um diese Jahreszeit und dort oben auf dem Hügel, das muss es sein, das Slade House!

Kommt, eilt euch, uns bleibt nicht mehr viel Zeit …

Slade House (David Mitchell)

“Die Wahrheit hat die dumme Angewohnheit, sich nachträglich zu ändern …”. (Textzitat)

Neun Jahre hatte Fred Pink im Koma gelegen, nachdem ein Taxi den Handwerker über den Haufen gefahren hatte. Um sich jetzt alles Versäumte zurückzuholen, las er sich kreuz und quer durch das Londoner Zeitungsarchiv und stutzte plötzlich. Die junge Frau da auf dem Foto, mit ihrem Sohn, die Bildunterschrift lautete auf “vermißt” und dann das Datum, es war der Tag seines Unfalls!

Er war sich ganz sicher, die beiden hatten ihn kurz bevor ihn das Auto erfaßt hatte angesprochen und nach dem Weg gefragt. Wo hatten sie noch gleich hin gewollt? War das nicht die Slade Alley gewesen? Ein herrschaftliches Haus hatten sie gesucht, das dort baulich in der engen Gasse gar keinen Platz gefunden hätte.

Fred begann zu recherchieren. Was war an diesem Nachmittag außer seinem Unfall noch passiert? Mehr und mehr häuften sich die Widersprüche. Das Verschwinden von Nathan Bishop und seiner Mutter Rita konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein und Fred steckte mit seiner Manie auch seinen Neffen an, der sich mit einer Gruppe Kommilitonen, die sich für paranormale Ereignisse interessierte zusammenfand und sich an die Fersen des “Slade House-Geheimnisses” heftete. Dies mit ungeahnten Folgen für alle Beteiligten …

David Mitchell,  sein episches Werk “Der Wolkenatlas” wurde von Tom Tykwer, den Wachowski-Geschwistern und mit Tom Hanks erfolgreich verfilmt. Dreimal bereits schrieb sich der britische Autor Mitchell auf die Long bzw. die Short List des Booker Price. Noch eine Erfolgs-Story.

Schauerroman meets Alice im Wunderland. Schon als Mädchen bin ich Alice und dem Kaninchen gefolgt, bin der Grinsekatze und dem Hutmacher begegnet, und London, ja London! Wie viele Geschichten spielen zwischen seinen Nebeln, sind Garant für Grusel und Spannung. Wen wundert es da noch, das ich meine Nase in diesen Roman stecken musste und David Mitchell hat mich bestens unterhalten. Er hat mich mit Illusionen gelockt, mich Mäuschen spielen, mich zusammengekauert auf dem Dachboden schaudern lassen. Bei Beschwörungen war ich so nah dabei, das ich mir beinahe die Nase an der Kerzenflamme versengt hätte. Fasziniert, gebannt und ängstlich zugleich lauschte ich auf die Stimmen, die hier zwischen den Mauerritzen wispern, die mich zur Flucht aufforderten, solange ich noch konnte, schnell und weit zu fliehn …

Alle neun Jahre, immer am letzten Sonntag im Oktober öffnet das Slade House und ein einziger Gast wird eingeladen, Pardon angelockt. Der Tod kostet das Leben und mehr als das. Unsterblichkeit hat ihren Preis, den Preis der Seele. Aus traumhaft wird alptraumhaft. Aus jeder Einladung ein Tanz mit dem Tod.

Mal flirrend bunt, mal düster und schaurig, immer spannend und mit einem ganz eigenen Humor läßt Mitchell seine Figuren agieren. Subtil setzt er Gruselakzente und bettet sie im besten Wortsinn phantastisch ein. Schier unerschöpflich scheinen die Szenenbilder zu sein die er erschafft, immer wieder neu gewandet er sein Slade House und ich bin ihm ebenso verfallen wie seine Opfer. Genarrt durch Visionen, die mich permanent an der Wirklichkeit zweifeln lassen, die mir vorgaukeln in Sicherheit oder aber in Gefahr zu sein. Was ist Sein was ist Schein …

Schlagende, übergroße, alles verschlingende Herzen, verwunschene, üppige Gärten, verlorene Seelen und zwei Rattenfänger auf der Jagd. Neugier und Abenteuerdurst, ein Haus wie ein lebender Organismus, vor aller Augen verborgen in einer pulsierenden Stadt. Telepathen, Gedankenleser, Spiritisten und Okkultisten auf der dunklen Seite der Macht.

All das ist wunderschön verpackt in diesem gebundenen Buch mit seinem blutroten Einband. Und nicht nur davon bin ich angetan, sondern auch von Michells Art zu schreiben, sie ist leicht und anspruchsvoll zugleich. Eigenwillig und pointiert, zum Nägel kauen spannend in diesem Fall. Seine Charaktere läßt er durch Agieren wirken, beschreibt sie wenig bis gar nicht, und sie sind trotzdem oder deswegen sofort griffig und nahbar.

Volker Oldenburg, freier Übersetzer aus Hamburg – ihn möchte ich hier nicht unerwähnt lassen, er hat den Roman fabelhaft ins Deutsche übertragen.

Nach dem Buch ist vor dem Buch – Jetzt freue ich mich, weil ich auf meinem SuB noch einen Mitchell-Roman ausgraben konnte, “Die tausend Herbste des Jacob de Zoet”. Zum Glück habe ich also noch eine stille Reserve und es scheint, als sei sein “Slade House” auch für mich die Einstiegsdroge in sein Werk gewesen, das haben ja schon zahlreiche Pressestimmen prophezeit. Ihr “Knochenuhren” und “Wolkenatlanten” macht euch also bereit …

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