Shuggie Bain (Douglas Stuart)

Sie hat leider weder den Figuren dieses Romans noch einer der umstrittensten Politikerinnen Großbrittaniens langfristig geholfen. Die einen nennen sie Trickle-down-Theorie, im deutschsprachigen Raum sagt man auch Pferde-Äpfel-Theorie dazu, wenn man meint, das der Wohlstand der Reichsten eines Landes nach und nach durch deren Investitionen und Konsum zu den unteren Schichten einer Gesellschaft durchsickert. Margaret Thatcher hatte mit dem Wirken ihrer Regierung in den Achtziger Jahren u.a. auf diese Karte gesetzt und zunächst schien ihre Rechnung mit sinkenden Arbeitslosenzahlen auch aufzugehen. Dann aber verlor sie den Investitionswillen der Industriebosse, die sich mehr und mehr ins Kapital flüchteten und Werftarbeiter und Bergmänner verloren massenweise ihre Arbeit. Ganze Siedlungen lagen darnieder, Gewerkschaften waren entmachtet, die Selbstmordrate stieg und wer einst stolz seine Arbeitskraft in den Berg oder in den Hafen getragen hatte, ertränkte Frust und/oder Depression im Alkohol. In diese Zeit, die geprägt war von den Reformen der “eisernen” Lady wurde er hineingeboren:

Shuggie Bain von Douglas Stuart

Ich lerne Shuggie kennen da ist er 16 Jahre und 3 Monate alt und ich staune darüber wie genau Douglas Stuart jeden Handstreich, jeden Atemzug,  jede Regung, jeden Lichtstrahl beobachtet der auf ihn fällt und wie detailgetreu er ihn beschreibt. Wie er dafür Vergleiche, Metaphern findet und auswählt davor ziehe ich den Hut. Sein Repertoire scheint schier unerschöpflich. Ich feiere das sehr!

Dabei ist die Kulisse die er seiner Geschichte in den Hintergrund stellt und die sich immer wieder in den Vordergrund drängt alles andere als rosig. Wir sind im Glasgow der Achtziger Jahre wie gesagt und die Stadt liegt am Boden. So wie Agnes Bain, Suggies Mum, nachdem ihr zweiter Mann sie hat sitzen lassen. Aber immer der Reihe nach. 

Agnes hat ihren ersten Mann, Mr. McGowan, von dem sie zwei Kinder hat verlassen um dem Katholiken und Taxifahrer “Big Shug” Bain zu folgen. Er “schenkt” ihr einen Sohn, sie nennen ihn nach ihm Hugh, “Shuggie”. Ihre Ehe scheint ansonsten so ganz und garnicht gesegnet, der smarte Mr. Bain wollte sich die schöne Agnes offenbar nur gesichert wissen, sie allein ist aber nicht genug, rastlos durchstreift er die Nächte …

“Die Tage waren zu lang für einen Mann der Nacht. Das endlose Tageslicht ging herum wie ein unhöflicher Gast. Das nördliche Zwielicht wollte einfach nicht gehen.”

Textzitat Douglas Stuart Shuggie Bain

Die Ehe mit Big Shug entwickelt sich rasch für Agnes so ganz anders als erhofft. In seinem schmalen schwarzen Anzug hatte er ausgesehen als sei er wer. Jetzt musste sie erleben, dass er war wie alle Männer. Das er jede Menge “Gelegenheiten” hatte, dass er als Taxifahrer in seinen Nachtschichten auch reichlich Gebrauch von diesen “Gelegenheiten” machte. Es gab so viele Frauen. Der, bei dem sie Trost fand, war ihr allerdings ein falscher Freund. Sein Name: Alkohol. Der Vorname: Wodka. Aus Teetassen getrunken in Gesellschaft, direkt aus der Flasche wenn sie allein war und dann war da plötzlich diese eine Geliebte wegen der Big Shug sie verließ.

Prügelnde Ehemänner, Arbeitslose Familienväter, blau geschlagene Mütter, verhärmte Hausfrauen, Not und Elend. Die von Stuart beschriebenen Szenen fassen mich an, wühlen mich auf, weil ich eine Faust immer in der Tasche hab’. Ein “Mü” mehr noch aber bin ich in allen Szenen bei seiner Sprache. Nachdenkliche, ja traurige Geschichten gibt es viele aber nur wenige von ihnen sind so erzählt wie diese. Sie wäre preisverdächtig hätte sie nicht bereits einen der bedeutensden Literaturpreise abgestaubt.

Los ist ebenfalls viel in dieser Geschichte. So packt Shuggies Großvater schon mal den Gürtel aus als Antwort auf die Probleme seiner erwachsenen Tochter und die Mutter ihre katholische Erziehung. Ratschläge sind auch Schläge. Mit ihrem zweiten Mann waren sie ja nie einverstanden gewesen und jetzt war es Agnes also auch nicht mehr? Tja …

Douglas Stuart, der ebenfalls 1976 in Glasgow geboren ist und der Presse kann man entnehmen, dass seine Biografie Parallelen zu seinem Roman aufweise, räumte mit seinem Debüt Shuggie Bain gleich so richtig ab, er wurde 2020 dafür mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet. Stuart von Haus aus Modedesigner, er arbeitete u.a. für Calvin Klein und Ralph Lauren, lebt heute in New York. Wer jetzt fragt, wie ein Designer zum Autor wird, dem antwortet Stuart so, wie er es in einem Interview mit der amerikanischen Vogue getan hat: Die Mode habe ihn vor allem deshalb interessiert weil “sie Geschichten erzählen könne” und das tut er jetzt mit seinem Roman, der viel Leid im Gepäck hat, aber auch eine besondere Bindung zwischen Mutter und Sohn, mit klarem Blick für die Details, mit Leidenschaft und in aller Ausführlichkeit. Die Bösartigkeit die er dabei bisweilen aus seinen Figuren, gleich ob Nachbarin, Mitschüler, Ehemann oder Mutter förmlich herausquellen lässt, tragen ihr Übriges zur Dramatik seiner Geschichte bei.

Preiswürdig ist für mich nicht nur seine Geschichte, sondern auch die Arbeit seiner Übersetzerin Sophie Zeitz verdient für mich einen eigenen, so ausbalanciert und berührend hat sie gearbeitet und ganz frech holt sie die umgangssprachlich angelegten Dialoge in einem Ton ins Deutsche, der mich dialektisch mal an Berlin, mal an den Ruhrpott erinnert hat, was sich einerseits komisch anfühlt, dann allerdings auch wieder großartig passt.

Denn Agnes Bain landet mit ihren Kindern, da ist Shuggie sieben Jahre alt, in Pithead, einem Viertel am Rand von Glasgow, in einem zugigen, feuchten Haus, in einer Bergbausiedlung. Nur der Bergbau ernährt hier keinen mehr. Die meisten leben von der Stütze und man empfängt die neue Nachbarin, die man sogleich kundig als Alkoholikerin identifiziert, mit zwei Valium. Zum Testen. Nachschub gewährt man zum Sonderpreis. Hunger und Sorgen gibt es hier gratis und Shuggie der lieber mit Puppen spielt, ist den Jungs der Siedlung von Anfang an ein Dorn im Auge und sie schonen ihn nicht.

Südafrika verspricht Arbeit und Shuggies große Schwester folgt alsbald ihrem Verlobten und flieht vor der trunksüchtigen Mutter. Ihre beiden Brüder fühlen sich wie von ihr ausrangiert, bleiben zurück in ihrem Teufelskreis aus verkarterten Tagen, biertrunkener Seeligkeit und in einer Nachbarschaft wo keine(r) ein gutes Haar am anderen lässt. Dabei hätte die Not allein sie eigentlich schon zu Verbündeten machen müssen.

Man erlebt Bilder einer Kindheit die flankiert wird von Schikanen und Anfeindungen, von der Freude darüber das die Mutter einmal nüchtern ist. Shuggie spürt das er anders ist schon als Bub, was sie, die gehässigen Nachbarskinder, damit meinen wenn sie ihm im Chor hinterher rufen er sei schwul versteht er erst nicht. Noch nicht. Sie wissen aber schon wie sie ihm beibringen was er ist.

Weicher Junge in einer harten Welt, sagt Stuart und so wie sein großer Bruder, der lieber zeichnet als pünktlich morgens an seinem Ausbildungsplatz zu erscheinen, tanzt Shuggie lieber als Fussball zu spielen. Allein dafür verlachen und prügeln sie ihn. Wie sehr er zum Kümmerer in seiner kaputten Familie wird sehen sie nicht. Sieht niemand.

Man schaut Dallas und steht an für Zucker. Ein neuer Mann ein neues Glück? Wieder ein Taxifahrer. Agnes scheint verliebt, ist ein ganzes Jahr trocken, als ihr Neuer sich plötzlich zurück zieht und sie an einem schicksalhaften Abend ausgerechnet durch ihn wieder ein Glas hochprozentiges in die Hand nimmt …

Die nächste Woche war egal, zuerst musste er den Rest dieser Woche wuppen, es bricht mir das Herz ihn das sagen zu hören. Dieses ewige Auf und ab. Erst ein Neuanfang, dann wieder ein Absturz. Gleich wo man auch hin umzieht, sich selbst nimmt man immer mit. Shuggie lernt, dass das nicht nur für seine Mutter gilt. Wie oft haben sie ihn schon ausgelacht, getreten, geschlagen? Wie oft werden sie es noch tun? Zaghaft schließt er eine Freundschaft. Wird sie halten?

Sozialer Brennpunkt, soziale Gegensätze. Sehnsucht nach ein bisschen Glück. Neben der bunt und tragisch bebilderten Lebensgeschichte von Shuggie und seiner Mum blicken wir mit Douglas Stuart gleichzeitig in einen Zeitspiegel. Der, der ihn in der Hörbuch-Fassung für mich hält ist:

Mark Waschke, geboren am 10. März 1972 in Wattenscheid, deutscher Schauspieler, Tatort-Fans bekannt aus dem Berliner Team, liest aufmerksam für jeden Zwischenton. 15 Stunden und 26 Minuten lang habe ich mit ihm auf Shuggies Leben und das seiner Mutter Agnes geschaut. Klebte an jeder Silbe, hing an seinen Lippen. Habe mitgelitten, mitgefühlt. Viele Winkel davon kenne ich jetzt. Fasziniert hat mich Waschke vor allem anderen mit seiner Empathie, die er ganz offenbar für eine jede von Stuarts Figuren hat und die man aus jedem Satz heraushören kann. Er ist der Master of Desaster in jeder Sequenz, gibt Kontur und haucht den Romanhelden Leben ein. Eines das man, dafür trägt das Dream-Team Stuart/Zeitz/Waschke Sorge, so schnell nicht wieder vergißt! Merci dafür. Das ist großes Hör-Kino!

Mein Dank geht an Osterworld Audio by Hörbuch Hamburg Verlag für dieses Besprechungsexemplar.

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