Schwere Knochen (David Schalko)

Samstag, 11.08.2018

Wir gehen alle jeden Tag in die Schule des Lebens. Holen uns Schrammen, blutige Nasen, stolpern, stürzen, richten unser Krönchen und stehen wieder auf. Wir stecken ein, teilen aus und lernen. Ab und an werden wir zu Helden des Alltags für andere. Vielleicht finden wir Beachtung, hoffentlich erfahren wir Respekt und Achtung. Zur Legende werden dabei allerdings die wenigsten von uns, anders als die Hauptfigur in diesem Roman. So oder so ähnlich, könnte sich ihre Lebensgeschichte zu getragen haben, die uns David Schalko hier erzählt. Er läßt uns seinem “Notwehr-Experten” Ferdinand Krutzler buchstäblich auf die Finger und auf’s Maul schauen. Dem Mann, der dereinst nach dem Zweiten Weltkrieg zum heimlichen Herrscher über Wien aufgestiegen war. Ach ja, by the way, die hatte er nach eigener Aussage auch:

Schwere Knochen

Wien. Das Leben schreibt doch die besten Geschichten.

Sechs Kilo schwer bei der Geburt, als Erwachsener zwei Meter groß, mit riesigem Kopf und ganz eindeutig schweren Knochen, verlieh ihm eine dunkle Hornbrille ein beinahe insektenartiges Aussehen. In elf Fällen wegen tödlicher Notwehr freigesprochen, hatten sie ihn jetzt am Haken. Weil er es diesmal übertrieben und inmitten dieses jugoslawischen Gangster-Clans ein Blutbad angerichtet hatte.

Der Krutzler galt als der gefährlichste Mann der Stadt. Ein Mann, eine Legende, geachtet, bewundert und gefürchtet, der jeden Lügner durchschauen konnte, Frauen niemals küsste und es nicht zuließ, dass man seinen beigefarbenen Kamelhaarmantel oder gar ihn berührte.

Ein Mann der Tat, großzügig und mit Stil. Ungeliebt von der Mutter, die nur seinen älteren Bruder Gottfried abgöttisch verehrte und selbst dann noch glorifizierte, als man ihn, den Bomberpiloten der Nazis schon vom Himmel geholt hatte. So verkannt und verstoßen, war es also eigentlich kein Wunder, dass der Krutzler genau diesen Karriereweg eingeschlagen hatte und zu Wiens “Notwehrspezialist” geworden war. Sein erster Fall von Notwehr könnte der eigene Vater gewesen sein, so munkelt man. Dieser war, nach einer durchzechten Nacht, im eigenen Haus unglücklich in etwas spitzes gefallen. Offiziell hatte Ferdinand ihn nur von der Mutter weggestoßen, weil dieser sie hatte schlagen wollen, in Notwehr halt. Als dann auch seine Mutter, irgendwie auch “notwehrtechnisch” verstarb, wollten die Munkler dann nicht mehr verstummen …

Mit seinen Kumpels gründete der Ferdinand 1938 die “Erdberger Spedition” und raubte, unter diesem Deckmantel, in Wien einen stadtbekannten Nazi aus. Daraufhin wurden die Jung-Ganoven kurzerhand nach Dachau deportiert, wo sie als sogenannte Kapos den KZ-Betrieb aufrecht erhalten sollten. Im Lager fand Ferdinand bald heraus, dass dort die Verbrecher in der Hierarchie ganz oben standen und durch perfektionierte Unterwürfigkeit, extremste Verschwiegenheit und durch den  “krutzlerschen Halsstich”, der sein Markenzeichen werden sollte, gelang ihm der Aufstieg zum Assistenten des Lagerkommandanten. Er überlebte so nicht nur diese Zeit, sondern er wurde nach Mauthausen verlegt wo seine Karriere als Schwerverbrecher so richtig in Fahrt kam. Diese sieben Jahre im KZ waren es, die den Krutzler und seine Jugendfreunde für immer veränderten, die Gewalttäter aus ihnen machten.

Ei, ei, ei – hier geht es ja rund! Überliefertes und erfundenes verbindet David Schalko, der Wiener Autor, der in seiner Heimat als “enfant terrible”, für seinen schonungslosen Blick auf seine Stadt und sein Land, berühmt und berüchtigt ist, in seinem neuen Roman.

Köstlich unverblümt geschrieben und vorgelesen – ein Hochgenuß. Lakonisch, ironisch, bissig und auf den Punkt. Pointiert, charmant und irgendwie auch rotzfrech skizziert Schalko das Leben des Unterwelt Bosses Ferdinand Krutzler. Seziert dabei die Gesellschaft in all ihren Facetten, in ihrer Engstirnigkeit, die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft inklusive, die er einmal auf eine ganz und gar andere Weise beleuchtet. Unerhört anders.

Es mag Leser, respektive Hörer geben, die diese Erzählweise als unverschämt empfinden, für mich wirkt sie wie ein Verstärker für die Gräuel jener Tage und Taten und ja, bei allem Humor ist dieser Roman für mich durchaus eine Generalabrechnung mit dem Nationalsozialismus, mit seinen Mitläufern, mit seinen Folgen. Durch die Augen seiner Figuren läßt er uns die damalige Weltsicht sehen, blickt mit ihnen auf den Holocaust. Das Lachen bleibt einem dabei so manches Mal im Hals stecken, angesichts der Ereignisse die hier beschrieben werden. Ein jeder, der dieses epochale Sittengemälde erobert, muss dies am Ende für sich bewerten, mir war es unmöglich, mich dieser Geschichte zu entziehen.

Eine Geschichte von harten Männern, die das KZ Dasein nach Jahren zurück spuckt ins Leben, nichts ist mehr so wie es einmal war, sie sind nicht mehr so, wie man sie einst kannte. Harte Männer mit Narben auf ihren Herzen. Schalko schreibt von Körpern, die wie Ruinen waren, in denen es spukte, ihre Bewohner längst ausgezogen. Die Schrecken in den Lagern, die erst nach deren Befreiung richtig ins Bewußtsein stiegen, vermittelt er dabei mit brutaler Deutlichkeit. Die Herrschaft der Läuse zitierend, die die Typhus auch danach noch verteilten. Von Leichen-und Knochenbergen, die in Massengräbern verteilt werden mussten. Es herrschte der Hunger, ganz Wien war auf siebenhundert Kalorien, erzählt er uns.

Es geht um Freundschaft und Verrat, um Seilschaften, auch von solchen komplett kurioser Natur. Wie z.B. die mit dem Tierarzt Harlacher, dessen Giftschlangen, in diesem Fall eine Viper, schon auch einmal als Mordwaffe eingesetzt werden. So kommt der Tod im Pappkarton daher. Oder aber mittels eines Pilzes, der zeitverzögert wirkt und so zum Meuchelmörder wird, der keine Spuren hinterläßt.

Hier zieht man durch Hurenhäuser im Nachkriegs-Wien. Trifft auf notorisch neugierige, ihre Männer bespitzelnde Ehefrauen. Ist bei nicht wenigen konspirativen Treffen mit dabei. Es wird gekillt, geschmuggelt was das Zeug hält und gejazzt. So manches Frolleinwunder erliegt dabei dem Charme eines GIs und es werden reichlich Soldatenbabys produziert. Zumindest im amerikanischen Sektor von Wien, indem der Krutzler sein Unwesen trieb, Pardon, seinen Geschäften nachging.

Man trifft sich beim “Schwarzen Baron” dort werden Cocktails gemixt, die zu jedem passen und alles erreichen können, was der Barkeeper will. Seine Drinks machen wahlweise gefügig oder gesprächig. Dieses Lokal wird zur Operationsbasis für den Krutzler, der am Rande der Geschichtsbücher agiert, den das Leben zum Gewaltverbrecher gemacht hat.

Es wird mit Birnenschnaps gefoltert, Opfer werden mit Fischkräten erstickt – die Operation “Eiserner Besen” erfordert zahlreiche Mordmethoden, die aussehen, als habe jegliche Fremdeinwirkung gefehlt. In ihrer Skurilität suchen diese ihresgleichen. Der Krieg in der Wiener Unterwelt folgt halt seinen eigenen Regeln.

Man hantierte mit Angelegenheiten, die heikel bis aussichtslos sind, die Korruption blühte. Wir erleben Nächte, die alles verändern, die Geschichte schreiben, obwohl sie in keinem Schulbuch stehen. Man datete schöne Frauen, kämpfte mit offenem Visier, spielte russisches Roulette. Eine Hand wäscht hier die andere und die Hände sind immer auch schmutzig. Alternativ wäscht man seine Hände in Unschuld.

Es wird Geld gefälscht, jeden Geldschrank kann man knacken, Feinden werden komprommitierende Dokumente untergeschoben, wenn es sein muss auch in deren eigene verschlossene Tresore. Immer sind es die richtigen Informationen, zu rechten Zeit, in den richtigen Händen, die auf die Erfolgsstraße führen, zu Trumpfkarten werden. So manches Eifersuchtsdrama geht nicht gut aus für die Beteiligten.

Glücksspiel, Etikettenschwindel und Beute-Kunstschmuggel, Bis über beide Ohren steckt man im Rotlichtmilieu mit drin. Alles hat seinen Preis, ist eine Frage von Ursache und Wirkung. Auf dem Schwarzmarkt kennt er sich aus, der Krutzler, dieser Wolf im Schafspelz. Im Wiener Wald hat er so manchen Knochen vergraben.

Kalter Krieg, rote Knöpfe, Gefängnisausbrüche, Aderlässe, enttäuschte Liebe und Muttersöhnchen. Ob Wetten, Ringkämpfe, sogar Männer gegen Frauen, hier sind die Typen zahlreich, schräg, schon auch mal arrogant, voller Testosteron und die Sprüche salopp.

Ein Historienspektakel der anderen Art, mit der Betonung auf Spektakel, auf die Spitze getrieben, bunt und schillernd, “Mordsdrumm-Aufstände” wegen allem und nichts inklusive.

Tja, was jetzt noch eine Affen-Dame und Old Shatterhand mit all dem zu tun haben? Hört selbst …

Die Hörbuch-Fassung schlägt ungekürzt mit 17h 6 Min zu Buche, gelesen entspricht das 576 Seiten. Genial und mit reichlich Wiener Schmäh wird sie von Wolf Bachofner vorgetragen, der zu dieser Geschichte paßt, wie die sprichwörtliche Faust auf’s Auge, oder besser wie der Finger auf den Abzug. Mal läßt er seine Wortsalven fliegen, wie die Männer im Roman ihre Fäuste, respektive ihre Messer. Mal ist er extremst lässig unterwegs. Er sorgt dafür, das ich mich am Ende frage, ob man mit einem Verbrecher wie dem Krutzler Ferdinand Mitgefühl haben darf.

Bachofner ist es, der diesen Roman für mich zu einem “Must-Hear” macht. Seines charmanten Akzentes wegen, der reichlich Lokalkolorit in die Geschichte einbringt und den er stets so einsetzt, dass auch wir “Hochdeutschler” ihn gut verstehen können. Sein eingeworfenes “Ja seit’s denn jetzt völlig deppert …?” finde ich ehrlich zum Niederknien. Eine rundum großartige Lesung!

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