Hotel Angst (John von Düffel)

Sonntag, 05.08.2018

Menschen im Hotel, das war immer schon mein Ding. Ich liebe es in einem solchen in der Lobby zu sitzen und Gäste beim Kommen und Gehen zu beobachten. Welche Geschichte ein jeder wohl mitbringt? Das Sprachengewirr, das Verwöhntwerden, keine Betten machen, nach dem Frühstück einfach alles stehen und liegen lassen. Kein Abwasch, kein Aufräumen, den Tag einfach kommen lassen. Runterkommen, ankommen, loslassen …

Ferienzeit ist Reisezeit für viele von uns und unsere Landsleute. Obwohl wir uns ohne Frage zu einer der reisefreudigsten Nationen zählen dürfen haben wir den Tourismus nicht erfunden. Das sagt man den Engländern nach, die ja als Kolonialherren in vielen Ländern der Welt zu Hause, dereinst auch gerne gepflegt auf Entdeckungsreisen gingen. Italien als Sehnsuchtsland, das Land in dem die Zitronen blühen. Große Dichter kamen hierher um zu Schreiben, blieben hier hängen. Vielleicht sogar hier im …

Hotel Angst (John von Düffel)

“Sie feierten ihre Ballnächte und Diners am Abgrund der Zeit und schienen insgeheim darum zu wissen, so wie sie sich in Positur warfen vor dem Kameraauge der Ewigkeit. Sie wußten schon damals, dass sie eigentlich nicht mehr existierten, sondern so etwas waren wie Gespenster zu Lebzeiten, die sich noch einmal versammelt hatten für einen letzten körperlosen Tanz im Spiegel des Verschwindens”. (Textzitat)

Der Wind trug leises Lachen und die Fetzen gedämpfter Gespräche. In den kostbaren Kristallgläsern brach sich das Licht der Kronleuchter und sie funkelten mit den Perlen des Champagners, der in ihnen aufstieg, um die Wette. Wer nach dem köstlichen Abendessen nicht zum Tanzen aufgelegt war, flanierte in der riesigen Parkanlage unter den Sternen. Genoss die Brise, die vom Meer her auffrischte und die Nacht, die sich wie ein Mantel auf den Staub des Tages legte.

Der Erzählstrom des Vaters, der jetzt am Tor zur Einfahrt des Grandhotels Angst mit seinen zwei Söhnen stand stockte und sein Blick wies in eine Welt, die nur er sehen konnte. Seine beiden Buben hatten alles gehört, aber nur soviel verstanden, für ihren Vater war dieser Ort etwas ganz besonderes. Er konnte es noch immer sehen, in seinem Glanz, seiner Gloria, dieses beeindruckende Bauwerk, das jetzt hier verlassen stand, mit blinden eingeschlagenen Fenstern, eingestürzten Decken und bröckelndem Stuck. Hier zu stehen nach der langen Autofahrt in den italienischen Süden hatte ihn verändert, so als wäre er in einem anderen Leben angekommen. Der ernste, verlässliche Mann, Statiker von Beruf, blühte hier regelrecht auf. Die Lethargie seines Alltags schien er komplett abgeschüttelt zu haben und man sah ihm an, das etwas in ihm reifte …

“In Karawanen von Wohnwagen und Bussen Schlangenlinien abwärts, Felsklüfte im Seitenfenster, spärliche Leitplanken zwischen dem Abgrund und dir, ansonsten nur Berg und daneben das Nichts. Dein Bruder, grün im Gesicht, leidet mit geschlossenen Augen und schiefgezogenem Mund, du aber kannst dich nicht losreißen vom Blick in die Tiefe, du willst sehen, wohin du fällst.” (Textzitat)

Die Jungs hingegen beschlich stets ein mulmiges Gefühl, wenn sie sich tagsüber durch die Stäbe des großen Eingangstores des Angsts zwängten und in die Wildnis eintauchten, die aus der einst so gepflegten Parkanlage geworden war. Wie ein Geisterhaus erschien es ihnen, es verschwamm unwirklich in der flirrenden Mittagssonne und sein Name Angst schien Programm. Was für ein Name für ein Grandhotel …

Eine der wohl wunderbarsten Hotelgeschichten die ich je gelesen habe, möchte ich Euch heute ans Herz legen. Ich habe mich verliebt, Hals über Kopf, in diese Erzählung von John von Düffel, die bereits 1986 veröffentlicht wurde, und die es zum Glück heute noch in einer Auflage von 2016 gibt. In ihre Sätze die so herrlich perlmuttfarben schimmern, wie die Colliers der Damen die hier seiner Zeit verkehrten. In den Traum von der Wiedereröffnung des Hotel Angst, in die Bilder der Belle Epoque, in den Charme der italienischen Riviera. Den Duft des Sommers, in das Licht und die Farben. Sofort möchte man die Koffer packen!

John von Düffel wurde 1966 in Göttingen geboren, ist Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer, arbeitet als Theater-Dramaturg. Witzig, für das Musical “Der Schuh des Manitu” nach Bully Herbigs Film schrieb er den Bühnentext. Ich bin aus dem Stand sein Fan geworden und werd’ mich unter seinen bisherigen Veröffentlichungen jetzt mal genauer umschauen.

So poetisch, so voll Wärme, Sehnsucht und Melancholie beschreibt er hier die Zeitreise eines Sohnes, der nach dem Tod des Vaters dessen Lebenstraum nachspürt. Man streift mit ihm durch die Gassen von Bordigheras Altstadt, sieht überall alte Männer sitzen, lachend im Gespräch, mit Gesichtern, in die sich die Zeit eingegraben hat. Alle sind sie noch am Leben, nur sein Vater nicht.

Der dabei eine Komplizenschaft entdeckt, von der er sich seltsam verraten fühlt. Zeigt sie ihm doch auf, dass er seinen Vater nicht wirklich gekannt hat. Kann man denn einen Menschen wirklich kennen? Wie viel hält ein jeder von uns vor anderen, auch vor der Familie, vor Freunden verborgen? Hütet man seine Träume nur umso mehr, spricht man sie uns ab?

Der Schweitzer Hotelier Adolf Angst erbaute ab 1887, nachdem ein schweres Erdbeben sein Hotel Bordighera zerstört hatte das Grandhotel Angst, erschuf eine Welt die geprägt war von Modernität und Luxus. 180 Zimmer und Suiten mit eigenen Bädern und Toiletten, fließend warmem Wasser und unglaublich einer Zentralheizung, das in Italien! Sein Mut dem Hotel seinen Namen zu geben, auch wenn er auf den ersten Blick so gar nicht passte, wurde belohnt. Er zog die Adligen, Staatsmänner und vor allem betuchte englische Touristen wie magisch an. Alle wollten sie hier gewesen sein, die Bälle die hier veranstaltet wurden, waren Salongespräch in ganz Europa. Der Schriftzug in Metall am großen Eingangstor zu Parkanlage wurde legendär. Sogar Queen Victoria buchte mit samt Entourage, musste dann aber wegen des Burenkrieges wieder stornieren, ihr Besuch sollte für Adolf Angst eine unerfüllte Hoffnung bleiben.

Als der Erste Weltkrieg begann wurde das Hotel wie viele andere auch zum Lazarett und es konnte sich danach nicht mehr wirklich erholen, an die Besucherströme von damals anknüpfen. Die italienische Regierung limitierte zudem die Einsätze beim Glückspiel. San Remo, das als Casinostadt dem Angst bislang immer zuverlässig Gäste geliefert hatte, gab seinen Ruhm an Monte Carlo und Nizza ab und plötzlich war eher die Cote D*Azur en voque.

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schloß Adolf Angst sein Haus und es fiel in einen Dornröschenschlaf, der die Legende aber nur noch befeuerte. Die Pilgerscharen zu diesem zeitlosen Ort ebbten nicht ab. Beeindruckende Bilder kann man zum Hotel Angst im Internet finden, beinahe märchenhaft schön ist es noch in seinem Verfall. Nach fast 75 Jahren Leerstand, sollen jetzt denkmalschutzkonform, in dem imposanten Hauptgebäude Eigentumswohnungen erstehen. Die Legende lebt!

“Das Angst hatte einen Schutzengel des Untergangs. Die Zeit zog nicht bei ihm ein, niemand wagte es, den Schlaf seiner Geschichte zu stören. Zwar verfiel das Gebäude zusehends, doch das Phantastische an ihm wuchs und wucherte wie das Gestrüpp in den zerbrochenen Fenstern. Mit jedem Monat, jedem Jahr rückte das Hotel weiter von der Gegenwart ab und löste sich allmählich aus Raum und Zeit auf seiner Reise in die fünfte Dimension.” (Textzitat)

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