Alles über Heather (Matthew Weiner)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 28.07.2018

Zwischen Schuldgefühlen, Liebe und Dankbarkeit, was ist es, das Mütter und Töchter zusammenhält, Väter und Söhne. Blut ist dicker als Wasser. Das ist zunächst einmal nur eine biologische Tatsache. Steht diese aber auch dafür, dass wir uns ein Leben lang denen, mit denen wir blutsverwandt sind näher fühlen, als anderen? Wie viel Anteil haben Eltern tatsächlich am Schicksal, ihrer Kinder? Wie verantwortlich sind sie, wenn der Nachwuchs einen Weg einschlägt, der erkennbar ins Abseits führt? Gibt es so etwas wie den sechsten Sinn? Haben Väter zu ihren Töchtern eine ganz besondere Verbindung? Schwankend zwischen Beschützer und Ratgeber …

Kann man jemanden mit Fürsorglichkeit und Liebe so erdrücken, dass er sich am Ende gar von einem abwendet? Ich durfte mit großen Freiheiten und doch behütet aufwachsen. In einem Mehrgenerationen-Haushalt, wo die Großmutter auch immer als Kümmerer präsent war. Wo mich mein Großvater mit in die Natur nahm. Mit einem Vater, der mir meinen grünen Daumen beibrachte und alles zu lieben, was grün und gut war. In Matthew Weiners Debütroman wächst ein Mädchen eng umsorgt von der Mutter auf um dann als Teenager zu rebellieren gegen Einmischung und Regeln …

Alles über Heather (Matthew Weiner)

Ein Stück Papier lag vor Karen, in dieser Nacht, auf ihrem Küchentisch, als sie sich die Frage gestellt hatte, ob sie Mark Breakstones Heiratsantrag annehmen sollte. Beide waren bereits über vierzig, an eine dauerhafte Partnerschaft hatten sie schon nicht mehr geglaubt und sie, sie hatte sich ihm anfangs nur seiner Karriereaussichten wegen zugewandt. Die längst fällige Beförderung hatten sie ihm jetzt allerdings ausgeschlagen und sein Antrag hing plötzlich zwischen ihnen in der Luft wie ein lästiges Insekt.

Karen hatte gerade damit begonnen ihre Pros und Contras zum Thema “Ehe mit Marc” zu sammeln, da war ein Satz wie von selbst aus ihrem Stift in die Spalte der Positivnennungen geflossen. Die Buchstaben tanzten jetzt vor ihren Augen: Ja, sie wollte ein Kind und zwar ein Kind mit Mark.

Das Mark dann tatsächlich noch erfolgreich und die kleine Familie so doch noch reich wurde, kam nicht ungelegen. Drei großartige Jahre im Wohlstand, inmitten der besseren New Yorker Gesellschaft, folgten auf die Hochzeit. Für ein Haus auf dem Land, für einen Artikel in einer Hochglanz-Zeitschrift hatte es zwar noch nicht gereicht, aber das würde sich auch noch fügen. Wozu sich also Sorgen machen? Es lief … Und ihre kleine Heather war wie ein Wunder, leicht hellsichtig schien sie in den Menschen, auf die sie traf, zielsicher Glücksgefühle wecken zu können. So niedlich sie als Kind war, so schön war sie als junge Frau. Eine Lichtgestalt …

Bobby, aufgewachsen im Haushalt einer drogensüchtigen Mutter mit wechselnden Liebhabern, Schulabbrecher, schlug sich mit Gelegenheits-Jobs durch. Seine Freizeit verbrachte er mit reichlich Wodka und Bier auf dem heimischen Sofa. Das erste Mal landete er im Knast, nach einer Beinahe-Vergewaltigung mit schwerer Körperverletzung an einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Das Gefängnis war kein Spaziergang, läuterte ihn aber keineswegs, vielmehr zeigten ihm die Sitzungen mit dem zuständigen Psycholgen auf, wer oder was er wirklich war. Er war klug, er war mächtig, er konnte sich nehmen was und wen auch immer er wollte. Die anderen, die seinen Lebensweg kreuzten waren genau dafür gemacht …

Wer ist dieser Matthew Weiner der diese Geschichte geschrieben hat? Ich recherchiere und finde über ihn, dass er einer der erfolgreichsten amerikanischen Serien-Drehbuchautoren ist. Die Serie Mad Men ist seiner Feder entsprungen, auch seine Sopranos waren im deutschen Fernsehen zu sehen, eher düster sind sie, seine Stoffe.

Jetzt also sein erster Roman, über einen Traum, der sich zum Albtraum wandelt. Ganz allmählich und gut konstruiert. Sprachlich ausgefeilt. Über Gewaltphantasien, Drogen, Alkohol und zerbrochene Bindungen.

Wir erleben wie sich Heather in der Pubertät von ihrer Über-Mutter ab- und mehr dem Vater zuwendet. Eine Mutter, die an der kalten Schulter ihrer Tochter zerbricht, sich krampfhaft um Normalität und Anerkennung bemüht, ihre Ehe gerät dabei auf Messers-Schneide. Unterstellungen und eine zunehmende Entfremdung zwischen den Eheleuten, mit denen jeder auf seine Art umzugehen versucht. Eine Tochter die zwischen die Eltern gerät, wie zwischen zwei wacklige Stühle.

Verwöhnt oder nur gut behütet? Luxusurlaube, und Entscheidungen die da lauten: “Will ich lieber dem Tauch-oder dem Debattierclub angehören”, bestimmen Heathers Alltag. Kein Wunder, wenn das Begehrlichkeiten bei denen weckt, die auf der anderen Seite des Zauns stehen und dieser Bobby stand ganz klar auf der anderen Seite dieses Zauns … Begehrlichkeiten ganz anderer Art entdeckt Heather indes, die ihre Hormone und Gefühle für diesen jungen Bauarbeiter vor dem Haus nicht sortiert bekommt …

Berechnung oder Vorsatz? Mir egal, ich bin der Meinung er hat seine Mutter umgebracht und die kalten Augen dieses soziopathischen jungen Mannes scheinen selbst mich jenseits der Geschichte zu streifen. Ich kriege Gänsehaut, dort wo sich Bobby und Heather das erste Mal begegnen, stellen sich die Weichen für die Wege aller plötzlich neu, und wie ein D-Zug nehmen die Ereignisse an Fahrt auf …

Heather trennt und verbindet, sie ist der Anfang, die Mitte und das Ende. Wie die Planeten um die Sonne kreisen alle Beteiligten der Geschichte um sie, inklusive diesem Meteoriten, der da am Ende mit zerstörrerischer Kraft einschlägt.

Meine Gänsehaut hatte sich schon sehr früh in der Geschichte zu einer bösen Vorahnung ausgewachsen. Eine unterschwellige Spannung die zwischen den Sätzen steht hatte mich gepackt. Wie ein Fakir seine Kopra beschwört Weiner sie, wer dann denkt aha, also doch – der ist am Ende ziemlich schief gewickelt. Genau das mag ich, die Unvorhersehbarkeit eines Plots kombiniert mit der Zwangsläufigkeit von Ereignissen. Die Handlung drängt und fesselt.

Wie schützt man ein Kind, wenn man drohendes Unheil kommen sieht?

Über das Leben der Breakstones hätte man sicher noch mehr schreiben können, gewiß. Genau dieser Schlusspunkt, den der Autor wählt macht diesen kleinen, feinen Roman aber für mich erst richtig rund. In meinem Kopf habe ich die Geschichte weitergesponnen, das kann jeder der sie liest oder hört auf seine Weise tun. Denn wie im Leben auch, ist schließlich alles möglich …

Auf dieses Hörbuch war ich wirklich neugierig. Die kleine, feine gebundene Ausgabe des Romans, schlicht und schön im Layout hatte ich schon vor Weihnachten des letzten Jahres ganz oben auf der Spiegel-Bestenliste entdeckt. Ein Shooting-Star sozusagen, wie von null auf hundert schien er dort eingeschlagen zu sein.

Sehr genial gelesen ist sie, die Hörbuch-Fassung von Ulrich Mattes. Dieser wurde bereits für seine Sprechkunst mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet, als Schauspieler gehört er fest zum Ensemble des Berliner Theaters. Er ist ein Gewinn für diesen Roman, bleibt unaufdringlich und doch ist seine Art des Vortrages eindringlich. Klar ist sie seine Sprache, die Stimme angenehm. Seiner Sprachmelodie, mit ihren wohl platzierten Pausen folgt man gern. Besonders die Sequenzen um Bobby haben mir Schauder beschert. Angespannt habe ich den letzten Kapiteln gelauscht, mein Lenkrad muss mittlerweile Fingernagelspuren haben – also ab sofort habe ich Herrn Mattes auf meinem Zettel, Kategorie Lieblingssprecher!

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