Schutzzone (Nora Bossong)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 20.10.2019

Ihr findet mich dort, wo ihr mich sucht. Dort, wo ich Schutz finde. Vor inneren und äußeren Feinden. Wo Vertrauen gegen Vertrauen selbstverständlich ist. Ohne Worte. Meine Ecken und Kanten kenne ich und sie helfen mir dabei, mir einen Schutzraum zu schaffen. Indem ich wachsen, mich entfalten, schreiben kann. Auf dem Weg dahin lerne ich, dass Freundlichkeit aus Wohlwollen nicht gleichbedeutend ist mit einverstanden sein.

Das ist mir möglich, weil ich in einem Land lebe, in dem Frieden herrscht. Politisch und wirtschaftlich beschützt von Bündnissen und Partnerschaften, die den Weltfrieden langfristig schützen sollen.

Wo Grenzen von Kolonialmächten wie mit dem Lineal gezogen werden, sind in der Folge Konflikte vorher bestimmt. Schaut man auf die Landkarte von Afrika und auf die Teilung dieses Kontinentes fällt dies sofort ins Auge. Beinahe mit der Lupe suchen muss man darauf den Staat in den es die Hauptfigur dieses Romans bei ihrer ersten UN-Mission verschlägt, Burundi:

“Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.” (Textzitat)

Schutzzone von Nora Bossong

Genf, 2017. Dies war dann wohl die Woche der unerwarteten Begegnungen. Erst fing sie am Abend in der Hotelbar seinen Blick auf. Ewig schon hatten sie sich nicht mehr gesehen. Während der Trennung ihrer Eltern 1994 war Mira einige Monate bei einer Freundin ihres Vaters untergekommen. Deren einziger Sohn war er gewesen, Milan. Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug acht Jahre und Milan war damals, als sie zehn wurde, in der Oberstufe gewesen. Seit sie wieder getrennte Wege gegangen waren hatte sie nicht mehr an ihn gedacht. An diesem Abend führte sein Blick und das was sich daran anschloss weiter als sie es geplant hatte, oder hätte erwarten können. An den folgenden Tagen und jetzt, wo sie im Café Remor saß, führten ihre Gedanken sie immer wieder zu ihm zurück, zu ihm zu dem Danach …

So saß sie über der Tageszeitung, den inneren Blick noch auf dieser Begegnung, da betrat eine Frau das Café und steuerte auf sie zu. Sarah, gemeinsam waren sie fünf Jahre zuvor in Burundi gewesen, kurz vor dem Staatsstreich war sie ausgeflogen worden. Sarah hatte länger ausgeharrt, mehr erlebt, verändert kam ihr die einstige Freundin vor, blass, grau und unglaublich ausgezehrt. Vergiftet habe sie sich mit einer Überdosis Idealismus, gibt sie an auf die Frage was mit ihr sei. Viel zu viel gab sie anschließend preis und achselzuckend meinte sie, dafür sei sie, Mira, ja bekannt. Dafür, dass sie jeden zum Reden bringe …

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, lebt heute in Berlin, wurde schon mit zahlreichen Preise geehrt. Mit Ihrem Roman “Schutzzone” hat sie sich bis auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 geschrieben. Bei insgesamt 203 Einreichungen unter die 20 Nominierten zu kommen, ich gratuliere und bedauere es gleichzeitig, dass ihr ein Platz unter den Top 6 verwehrt wurde.

Denn sie ist eine Meisterin in Sachen “Bandwurmsätze”, bisweilen bedecken sie eine halbe Buchseite und nicht selten reihen sie sich aneinander. Winden sich über die Seiten und wir folgen ihnen, diesen Kunstwerken, mit den Augen, dem Herzen und dem Verstand. Dafür zolle ich dieser Autorin uneingeschränkt Bewunderung. Sie verschachtelt nicht unverständlich, sondern bleibt flüssig in ihrem Erzählstrom. Verbirgt in ihren Sätzen Worte, für eine Haltung der Mächtigen denen gegenüber, die man meint beschützen zu müssen, denen gegenüber man es an Intervention staatlicher Natur nicht mangeln lässt, weil man es ja besser weiß. Arrogant nennt man im alltäglichen Miteinander eine solche Verhaltensweise. Im politischen Kontext wird durch ein solches Auftreten und Wirken aller Orten viel unnötiges Porzellan zerschlagen, werden Einigungen behindert statt Wege zu ebnen.

Wie rezensiert man ein Buch, das einen angestrengt hat und doch konnte man nicht lassen von diesem Text? Weil man die Sprache der Autorin bewundert, die Herausforderung annehmen will, für sich klären will, wo diese Reise hinführt. 

Auf diesem Weg gewährte Bossong mir Einblicke in die Arbeit der UNO, sie erzählt mir auch von Dingen, von denen ich lieber nichts wissen will. Von innen nach außen erzählt sie. Von Jobs im Menschenrechtsrat, von schwierigen Verhandlungspartnern und Staatsgästen. Von verbalen Balanceakten auf dünnem Eis. Vom Zögern, von Schachzügen, von Friedensmissionen und Wahrheitskommissionen. Ihre Protagonistin Mira setzt sie dabei wirkungsvoll ein und ich bin ihr gerne gefolgt bei ihren Aufträgen und an den Verhandlungstisch. Lügen gilt es zu enttarnen, viel hat sie schon gesehen und vor allem gehört. Vielleicht zuviel. Ihr eigenes Leben lassen diese Erlebnisse nicht unberührt. Wie soll das auch gehen, wenn man noch jung an Jahren in eine Welt stolpert, die beherrscht wird von einem Genozid, von Machtmissbrauch und Elend, von einer lähmenden Hitze …

“… vielleicht habe ich an dem Bild gelernt, wie man mit Lügen lebt, wie man gut mit ihnen lebt, nicht sie sind es, die stören, es ist nur irgendwann die Wirklichkeit, die nicht mehr dazu passt.” (Textzitat)

Mitglied der Wahrheitskommission zu sein hieß, das Unmögliche finden, auf einer Reise durch unzählige Dörfer, die EINE Wahrheit. Ihr Job war es Menschen zum Reden zu bringen, ihre Worte zu messen, zu wiegen und aus all den Geschichten die Wahrheit heraus zu lösen, die ein Tribunal zur Folge haben konnte. Damit die zur Verantwortung gezogen wurden, die Schuld traf. Schuld daran, dass das Töten hier durchdacht, gelenkt, und geplant worden war. Das Vergolten werden konnte.

Es gab meinen ersten Einsatz in einer Mission. Es gab Erinnerungen. Es gab Wut. Es gab Angst. Es gab die Lebenden und die Toten und die dazwischen.” (Textzitat)

Am Rande von Flüchtlingslagern im Jahr 2012 erlebt sie, dass man über Glück streiten und mit Unglück Geld verdienen kann. In Wellblechhotels, mit Namen “Park View”, inmitten von Blauhelmsoldaten, werden Journalisten abgezockt. Tagsüber werden “Führungen” durch das Lager organisiert. Hier trifft sie auf ehemalige Kindersoldaten, die Klebstoff schnüffeln um zu vergessen, um die Angst vor dem Schlaf zu verlieren. Was für ein Widersinn, das ein Land, das reich an Bodenschätzen ist, seine Bewohner umso ärmer macht. Hier wo Minen und Tagebau, die Natur schon zerstörten, im Reich der Warlords, nahm man sich jetzt der Kinder an. Entfernte ihnen die Gefühle und damit jede Hemmung vor dem Töten.

Kinder die tot waren, ohne begraben worden zu sein, schreibt Bossong, und man möchte sich jede ihrer Satz-Passagen anstreichen. Das diese Autorin auch Lyrik schreibt spürt man dabei mit jeder Faser.

“Der Geruch in den Lagern war der von Folie und Schlamm. Von Feuer und Plastik. Von Staub und Zucker. Von zwei Dingen, die nicht zusammengehörten. Es war der Geruch davon, dass man nicht ankommen durfte oder konnte.” (Textzitat)

Ungewöhnlich lange habe ich an Bossongs Roman gelesen. Eingangs habe ich schon gesagt, er hat mich angestrengt, mich herausgefordert. Ja, er ist anspruchsvoll, sprachlich wie inhaltlich, aber lohnend. Meinen Blick auf Intervention, Verantwortung, Macht, Herrschaft und Schutz hat er verändert. Jede Medaille hat zwei Seiten und niemand ist jemals nur privat. Oder anders gesagt, alles was wir beruflich entscheiden, lässt das Private nie unberührt. Nicht jeder Lebensweg verläuft schnurgerade aus.

Ist Versöhnung möglich? Wie gründet und erhält man Hoffnung? Ist wer Zeuge ist, Augenzeuge, auch derjenige, der die Wahrheit kennt? Wem gehört diese Wahrheit?

Fast gegen Ende überrascht die Autorin mich dann mit der Erwähnung meiner Heimatstadt. Idar-Oberstein steht da plötzlich zwischen den Sätzen. Sie erzählt mir von einer dortigen Perlenfabrik und von Perlen, die in Kenia den Ausverkauf eröffnet hatten, die wunderschön waren und doch das Elend brachten.

Bossong stellt zwischen ihren Zeilen die wichtigen Fragen, bleibt unbequem. Das Lesen ihres Romans hat mich aus meiner Lese-Komfortzone geholt und mir dann Schutz zwischen ihrer unglaublichen Satzgebilden geboten …

Scheitern, Kapitulation und mit leeren Händen da stehen. Ich schlage die letzte Seite um und schaue auf, bleibe mit meinen Gedanken zurück. Das, was wir tun, entscheidet immer auch darüber, wer wir sind, und dieser Satz von Bossong wird mir im Gedächtnis bleiben:

“Menschen sind immer ein Problem, und das Problem werden Sie nicht los.” (Textzitat)

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