West (Carys Davies)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 24.10.2019

Western mag ich eigentlich nicht. Während ich das schreibe fällt mir auf, das ich seinerzeit mit meinem Papa gemeinsam keine Folge von Bonanza oder Rauchende Colts verpasst habe, und das ich “Der mit Wolf tanzt” gefühlt zehn mal schon gesehen habe. Ok, ein bisschen lag das sicher auch an Kevin Costner, aber trotzdem heule ich immer an der gleichen Stelle, dann wenn sie den Wolf, Socke heißt er, erschießen. Also, mit mir und dem Western ist das also wohl so eine Sache. Warum ich trotzdem diesen hier gelesen habe? Keine Ahnung. Wie es mir damit ergangen ist, dass weiß ich allerdings sehr wohl …

West von Carys Davies

Pennsylvania, Anfang des 19. Jahrhunderts.

Cyris Bellmann, knappe vierzig, Witwer und Maultierzüchter war ruhelos. Rastlos seit er diesen Zeitungsartikel zum ersten Mal gesehen, dann gelesen, dann ausgeschnitten und wieder und wieder gelesen hatte. Er musste das hier beschriebene mit eigenen Augen sehen. Er musste einfach, und wenn er dafür über ein Jahr, vielleicht zwei Jahre hin und zurück unterwegs sein würde, seine kleine Tochter für diese Zeit bei seiner Schwester abgeben musste. Es ging nicht anders. Eine Uhr, einen Goldring, einen alten Hengst, drei Stuten und ein paar Maulesel später, ließ er dies alles zurück, um aufzubrechen in das Abenteuer seines Lebens …

Über Stock und über Stein, jagend, fischend, sich von Beeren ernährend. Mit glitzerndem Tand handelnd. Auf Unverständnis und Staunen stoßend. Einen Winter überstehend, der ihn an den Rand des Todes brachte. Derweil ertragen zu Hause, die zurückgebliebenen, seine Schwester und Tochter, Spott und Hohn. Man verlacht sie, ihn, man verlacht seine Idee,  seinen Traum, weil er so anders ist, so ungeheuerlich. Weil man das Ziel, den Sinn und Zweck dahinter nicht begreifen will und kann …

Carys Davies, wurde in Wales geboren, sie wuchs in den Midlands auf. Elf Jahre lebte sie in New York und Chicago und ist jetzt wieder in ihrer alten Heimat ansässig. Nach einigen Kurzgeschichten hat sie nun einen ersten Roman veröffentlicht und sich dem Western verschrieben, sie stellt uns Cyris Bellmann und seinen Traum vor, vielmehr wie er ihm nachjagt und alles für ihn aufgibt.

Wie hoch der Preis ist, den er dafür zu zahlen hat und was mit denen geschieht, die er zurück lässt, mit deren Leben, denn nicht nur für das eigene hat man Verantwortung wenn man Kinder hat, erkennt er erst, als es bereits zu spät zu sein scheint. Aber ist es auch zu spät? Gute Geschichten haben immer mindestens eine Wendung im petto und das hier ist eine gute Geschichte.

Gottesfürchtig und frauenverachtend zugleich kommt sie daher und knüppeldick kommt es auch, und ich darf nichts verraten, um Euch nur ja nichts vorweg zu nehmen. Das ist schon hart für eine Plaudertasche wie mich. Soviel nur, Davies dreht ihren Maultierzüchter Bellmann ganz schön durch die Mangel. Die Winter hier in der Einsamkeit verlangen ihm alles ab und als ihm das Schicksal einen jungen indianischen Weggefährten zu lost, dem ich, Hand aufs Herz, keinen Meter über den Weg traue, wird es für ihn keinen Deut besser.

Davies Beschreibungen sind häufig eher knapp als szenisch, sie setzt bei uns voraus, das wir die Bilder kennen, wenn wir den Wilden Westen benennen, sie formuliert nicht alles aus, deutet an. Einem Zeichner ähnlich, der er es vermag mit wenigen Strichen eine Skizze zu erschaffen und uns in der Fantasie weiterarbeiten lässt. Bei Davies ziehen in unseren Köpfen Planwagen vorbei, gen Westen, entstehen kleine Siedlergemeinschaften, die ihr weniges Hab und Gut zu verteidigen suchen, gegen Banditen und gegen die Indianer, denen man das genommen hat, was sie jetzt besitzen. Land.

Gefühl gründet sie anders, sie lässt ihren Witwer Bellman Briefe an seine Tochter Bess schreiben, die er als Kind bei seiner Schwester lässt und die während seiner Jahre dauernden Reise zur jungen Frau heranwächst. Briefe die ihr Ziel nur auf Umwegen erreichen …

Der wilde Westen war nichts für Memmen, das wussten wir schon und auch in diesem kleinen Roman, der mit seinen 204 groß bedruckten Seiten, davon einige ganz und andere halb leer, auf etwa 180 Seiten Text kommt, wird nicht gespart mit Hunger und Entbehrungen. Für mich ist er mehr eine verlängerte Kurzgeschichte denn ein Roman, die auf den letzten Seiten eine fast schon galoppierende Dynamik entwickelt. Atemlos reitet man da mit dem Wind und hofft inständig rechtzeitig da zu sein …

Es geht um Pelzhändler, ums nackte Überleben, um verlorene Nachrichten und jede Menge Sehnsucht. Um eine Auswanderung, die man bereut, um eine Ehe, die der Tod zu früh auflöst, um einen Vater und eine Tochter, um garstige Tanten und üble Burschen. Cowboy gegen Indianer und die weißen Siedler wieder am längeren Hebel.

Was Don Quijote seine Windmühlen waren, sind Bellman seine Riesenknochen und die Hoffnung und der Glaube daran, die Tierart zu der sie gehören noch irgendwo lebendig an zu treffen. Dieses irrwitzige, wahnsinnige Vorhaben das er da startet, wie er sich lächerlich damit macht, in den Augen der anderen, keine einfache Gemengelage und trotzdem schafft es Davies, ihren Helden nicht der Lächerlichkeit preis zugeben.

Wie das jetzt mit meinem “Der-mit-Wolf-tanzt-Gefühl” ausgegangen ist wollt ihr wissen? Hier hatte es mehr wilde Flussfahrten und Täler als Prärie, einem Wolf bin ich nicht begegnet, wohl aber Geheul habe ich in den Nächten gehört, vor Bären und Schlangen war ich in Sorge, das Flattern der Fledermäuse über meinem Schlafplatz hat mich schon beunruhigt und die Einsamkeit nagte an mir.  “Der-mit-dem-Wolf-tanzt” heißt hier “Alte-Frau-aus-der-Ferne”, an ihn und an den Mann mit Zylinder und langem schwarzem Mantel auf seinem Pferd, werde ich sicher noch länger denken.

Und Bess, einen Lidschlag lang hatte ich Angst um dich, Du kluges, warmherziges Ding, ich hoffe Dein Schutzengel hält weiter die Hand über Dich …

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