Schatten der Welt (Andreas Izquierdo)

Kaum zu glauben … Die Wurzeln der Fotografie gehen zurück auf das 4. Jahrhundert vor Christus. Aristoteles beschrieb die “Camera Abscura” als Grundstein aller fotografischer Verfahren. In das innere einer Lochkamera wurde ein Bild projiziert, durch eine kleine Öffnung konnte man dann die auf dem Kopf stehende Projektion der Außenwelt sehen. Als die Erfinder der Fotografie wie wir sie kennen gelten die beiden Herren Niépce und Daguerre. 1826 gelang es einem von ihnen das erste beständige Bild aufzunehmen, über 8 Stunden lang belichtete Niépce eine mit Asphalt beschichtete Zinnplatte.

Heute fotografieren wir digital, müssen uns keine Gedanken mehr machen ob wir immer auch genügend Filmaterial zur Hand haben. Schleppen weder Platten noch Filmrollen mit uns rum. Wir greifen zum Handy um Momente einzufrieren, an die wir uns später erinnern wollen und das können wir dann auch, in brillanter Qualität … was für eine Entwicklung! In dieser Geschichte dreht der Autor für uns die Zeit zurück, nicht nur was das Fotografieren anbelangt, das seine Rolle noch zu spielen haben wird:

Schatten der Welt von Andreas Izquierdo

1910, Thorn, Westpreußen an der Weichsel, unweit der russischen Grenze.

Was für eine Verschwendung. Den schönsten Anzug im Raum trug ein Leichnam. Auf dem Bett ausgestreckt lag er. Morgen würde der gute Anzug mit ihm begraben werden. Ihr Auskommen hatten der Vater und er beinahe ausschließlich durch Beerdigungsanzüge wie diesen. Der Vater Schneider, der Sohn sein Lehrling. Sechzig Stiche schaffte der Vater in der Minute. Soweit würde sein Carl, der Schüchterne, wohl als Schneider nie kommen …

Wie man die Zeit anhält. Dieser Tag hatte sein Leben für immer verändert. Das und der Blick durch diese Schaufensterscheibe auf die spärliche Auslage eines Fotografen, der sein Geschäft neu in ihrer kleinen Stadt eröffnet hatte. Er konnte die Zeit einfrieren. Erinnerungen festhalten die überdauern würden. Das wollte Carl können, nicht schneidern! Unbedingt.

Die ersten Fotos die Karl auf Platte bannt, die genau richtigen Motive dafür, der Hüne Artur, sein bester Freund, weiß wo man sie findet. Aber sie hätten nix genutzt, hätte der Carl nicht dieses Auge. Ein Auge für das was man in den Menschen sehen kann. Den „normalen“ Leuten wollte er ein Gesicht geben, nicht nur das Bürgertum in seinem Sonntagsstaat ablichten. Die Handwerker, die Wirte, die Huren und ihre Freier wollte er zeigen. Die Seite seiner Stadt, die sonst keiner porträtierte …

Andreas Izquierdo, geboren 1968, Schriftsteller und Drehbuchautor – blumig ist seine Sprache. Einen satten Schmöker hat er hier erdacht, eine Geschichte in die man sich fallen lassen, in der man schwelgen kann. Er erzählt uns von Alltagsabenteuern, von Zwängen, von Aufbegehren, von Tradition, Krieg und Frieden, von Liebe und Freundschaft, hat den Schalk im Nacken und Mut im Gepäck. Eine Lausbubengeschichte ist das, oder besser eine Lausmädchengeschichte, ein Gaunerstück und ein Drama auch.

Als Ich-Erzähler führt Carl mich als Teil eines jugendlichen Trios durch die Geschichte. Was leichtfüssig beginnt, mit dem “Geschäft ihres Lebens”, nimmt alsbald an Dramatik zu. Rund um die Himmelserscheinung des Halleyschen Kometen am 19. Mai 1910 verkaufen drei Teenager, aus Militärbeständen trickreich ergaunerte Masken mit Campher betropft, als Heilsbringer. 

Mit alsbald meine ich zunächst das Jahr 1912. Mit sechzehn denken andere an die erste Liebe und Artur – ok, das tut er schon auch, will lieber noch einen LKW kaufen und ein Geschäft gründen. Er ist sich nämlich sicher, er hat die Zukunft gesehen und sie hat vier Räder und vierzig P.S.. Nie hatten ihn die Freunde auch nur ansatzweise so begeistert gesehen. Ihr „Kometengeld“ aus dem Maskenverkauf musste einfach reichen für den Schritt in die Selbstständigkeit und ihr jugendliches Alter durfte kein Hinderungsgrund sein …

Zwei Jungs und ein Mädchen. Geschichten von Freundschaft, von einer Frau zwischen zwei Männern hat man schon häufiger erzählt. Diese hier ist süffig wie ein guter Sommer-Rotwein, kurzweilig und augenzwinkernd mit einer schönen Portion Humor ausgestattet. Diesen Grundton habe ich wohl am meisten gemocht. Es sind diese Dialoge gewesen, die pfiffigen Ballwechsel die mir in der ersten Hälfte der Geschichte besonders viel Freude gemacht haben und diese Geschäftchen mit dem Unglauben, der Leichtgläubigkeit erinnerten mich ein bisschen an Pippi Langstrumpf und den guten Michel aus Lönneberga. Verfilmt könnte dieser Stoff überaus erfolgreich in Serie gehen würde ich meinen. Also ich täte es mir auf jeden Fall in meinem Sessel bequem machen! Der einzigartige Gerd Fröbe würde herrlich in diese Geschichte passen– aber leider geht das nicht mehr.

Des einen erster Atemzug, ist der anderen letzter. Die Stimmung kippt und mit ihr schleicht sich der humorvolle Ton Izquierdos aus, die Schilderungen werden drastisch, mit seinen Figuren bin ich viel zu schnell erwachsen geworden. Ein Krieg zieht auf. Angriff ist noch immer die beste Verteidigung? Auch und besonders wenn es um einen Sohn aus bestem Hause geht, der eine geschickte Scharlatanerie auffliegen lassen könnte. Traditionen und Ansehen treffen auf Rebellion und Widerspruchsgeist.

” … manchmal war das Schicksal ein launiges Scheusal …”

Textzitat Andreas Izquierdo Schatten der Welt

Was man selbst nicht haben darf, das darf auch kein anderer besitzen. Lieber zerstören als gönnen. Das sind Lehren die man lieber nicht zieht und Charakterzüge, die man nicht bei einem anderen wahrnehmen will. Eine Familie von Stand zeigt hier leider beides. Gehässigkeit. Gemeinheit. Man tut was man tut, weil man es kann.

„Loyalität ist die Währung in der Ehrenmänner ihre Schulden zu zahlen pflegen.“

Textzitat Andreas Izquierdo Schatten der Welt

Pickelhauben, Gewehre mit Bajonett, kratzige und prächtige Uniformen. Panzer, Granaten und Gas. Ein unsichtbarer Gegner, die spanische Grippe. Männer werden zu Mördern, Deserteuren, zu  Schmugglern. Ehrenmänner verhalten sich hier nicht wie solche und Carl und Artur, beide noch keine zwanzig, müssen in den Krieg. Es verschlägt sie an verschiedene Fronten desselben. Hochfliegende Pläne und ihre Träume werden auf einem Kasernenhof in den Staub getreten, es folgt Lektion auf Lektion im Kampf Mann gegen Mann. Unzählige opferten man um einen einen Graben zu gewinnen …

Hunger, Verzweiflung und ein aufrührerisches Puppentheater. Auch Luise muss einmal mehr ihre Frau stehen. Aus der “Kleidräuberin” von einst, die Carl kurz vor seinem vierzehnten Geburtstag kennen gelernt, und die ihn und den Vater damals um ein notwendiges Einkommen gebracht hatte, ist eine junge Frau geworden, die für ihre Rechte einsteht, dies mit verhängnisvollen Folgen. Diesmal aber sind ihre beiden Freunde nicht zur Stelle um ihr beizuspringen, was feige Feinde mutig werden lässt …

Es geht in die Karpaten, mit Zug und zu Pferd. Propaganda, wie das geht, mit Fotografie und Film einen Krieg gewinnen? Das bringt man Carl bei, bewaffnet ihn mit Munition der anderen Art und er? Er verliert sich und das was ihm einmal wichtig war aus den Augen und Artur? Sein Leben hängt an einem seidenen Faden …

Auf und ab, so wie das Leben selbst, wogt es in dieser Geschichte. An Wendungsreichtum mangelt es nicht. Mal gewinnt man, mal verliert man. Niemandes Bäume wachsen bis in den Himmel. Das macht uns Izquierdo deutlich, er zeichnet ein Sittengemälde, bevölkert es mit liebenswerten Helden, die er ganz schön durchschüttelt.

Wie Pech und Schwefel, wie der Wind und das Meer. Diese drei scheinen untrennbar. Ihre Freundschaft unzerstörbar …

Ganz und gar zu einer Wohltat hat diesen Roman dann ER für mich gemacht:

Uve Teschner , geboren 1973 Synchron- und Hörbuchsprecher entführte mich 12 Stunden und 46 Minuten lang in eine andere Zeit, in eine andere Welt. Ich hatte ihn jetzt länger nicht auf den Ohren, wie konnte das passieren? Wie ein guter Freund öffnet er mir auch die Tür zu dieser Geschichte. Dank ihm fühle ich mich in ihr gleich wie zu Hause, nehme Platz. Lehne mich zurück. Lausche. Es ist schon ein paar Hörbücher her, da habe ich geschrieben, ich bin sein Fan und ich bin es noch immer. Oder schon wieder, egal auf jeden Fall. Was er aus einer Geschichte herauszuholen vermag macht mich immer wieder staunen. Man merkt seinem Vortrag an, das er sich immer inhaltlich ausführlich hat mit dem Plot beschäftigt bevor er zu lesen beginnt. Er ahnt immer den nächsten Satz voraus. Er ist immer dem nächsten Satz voraus.

Als militärischer Ausbilder bellt er Befehle, ich zucke gehorsam zusammen und knalle mit den Hacken. Er ist sanfter, fördernder Lehrherr als Fotograf. Als Artur schwingt er stimmlich auch schon mal die Fäuste und das Herz von Carl muss auch in seiner Brust schlagen. Danke, Herr Teschner! Es war ein Fest für mich!

Mein Dank geht an Der Audio Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    16. August 2020

    Sehr gerne! Ich bedanke mich für diese wunderbare Geschichte und freue mich auf weitere …

  2. Andreas Izquierdo
    16. August 2020

    Ebenso tolle wie sprachlich geschliffene Rezension – Danke!

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