Sanfte Debakel (Yanick Lahens)

Zwei Nachbarn teilen sich die Karibikinsel Hispaniola: Die Dominikanische Republik im Osten und Haiti im Westen. Während in der “DomRep” die Ferienflieger landen, gilt Haiti als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und wir kennen Bilder von dort, die an alles andere als an das Paradies erinnern. Bilder von Erdbeben und Elendsvierteln. Von Trümmern vor karibischem Blau. Hilfsgelder flossen, konnten die Lage hier aber nicht durchgreifend verbessern. Fast 60% der Haitianer leben noch immer unter der Armutsgrenze und auch die Analphabeten-Quote ist mit um die 40% hoch. Kaum zu glauben, dass das koloniale Haiti einst das reichste Land der Karibik gewesen ist, die Ernte fuhren wohl aber seinerzeit die Kolonialherren ein und dem Land blieb nichts. Heute kämpft Haiti mit wiederkehrenden Naturkatastrophen, den Auswirkungen der Corona-Pandemie, Korruption und einer konstant hohen Kriminalitätsrate. Wegen letzterer gelten noch immer Reisewarnungen der USA und der EU, dies nach gezielten bewaffneten Raubüberfällen auf Touristen.

Die Geschichte, die ich heute mitgebracht habe spielt in der Landeshauptstadt Haitis und ist kein Krimi, auch wenn gleich zu Beginn ein Richter getötet wird …

Sanfte Debakel von Yanick Lahens

übersetzt aus dem Französischen von Peter Trier.

Port-au-Prince. Richter Raymond Berthier ist tot. Ermordet und seine Tochter Brune kämpft. Mit ihrer Wut und ihrem Schmerz. Nichts scheint sie besänftigen zu können. Man glaubt schon, sie an den Wahnsinn zu verlieren, da fängt sie sich. Findet Trost. In der Musik. Sie singt und das ist es was sie am Leben hält. Was sie aus dem Gefängnis ihrer Trauer entlässt. Kurz. Für den Moment. In dem Moment, in dem sie vor ihr Publikum tritt und die Stimme erhebt. Da verschwindet auch sie: Die Angst.

Denn die Macht teilt in den Straßen Haitis die Menschenmenge wie einst Moses das Meer. Vor denen, die nicht warten können weicht man zurück. Besser ist das …

Yanick Lahens, geboren 1953 in Port-au-Prince, Haiti, Schriftstellerin, Radiomoderatorin und engagierte Kämpferin gegen den Analphabetismus bei Jugendlichen, gilt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Stimmen ihres Landes und ihre Sprache ist es, die mich aufhorchen lässt. Mal speit sie mir ihre Sätze förmlich vor die Füße, dann wieder umschmeichelt sie mich.

Lahens beginnt ihren Roman mit einem Brief, einem Abschiedsbrief, des Richters, der danach den Tod finden wird, an seine Ehefrau. Mehr als eine Ahnung, dass sein Leben in Gefahr ist, vielleicht auch das seiner Familie, musste ihn erfasst haben.

Richter Berthiers Tochter Brune wird von der Autorin geschickt im Geschehen platziert. Wir begegnen ihr wenige Monate nach dem Tod des Vaters. Wie auf ein Schachbrett schauend, dürfen wir Leser:innen rätseln, wer macht den nächsten Zug? Wer wird spielprägend, wer entscheidend sein? Ihr ehrgeiziger Freund, der Anwalt Cyprien? Oder ihr Onkel Pierre Martin, der seine Beziehungen spielen lässt um an die Ermittlungsakten des Vaters heranzukommen?

Welche Rolle spielt der Journalist Francis, der aus Frankreich einer Reportage wegen nach Haiti gekommen ist und welche Ézéchiel, seines Zeichens Straßenkämpfer und Poet? Dann haben wir da noch Joubert alias Jojo Piman piké, der zum Auftragskiller aufsteigt, in dieser mit Gewalt aufgeladenen Stadt. Ézéchiel kennt ihn, glaubt ihn zu kennen …

Der Schatten sein, wo andere das Licht sind, als Schatten benutzt werden damit der, der das Licht ist heller strahlen kann, schreibt Lahens und ich sehe Cyprian, der verzweifelt versucht nicht der Schatten sondern er selbst zu sein, während im Freundeskreis seiner Brune die Parzifisten mit den Rebellen in Streit geraten.

Gefoltert, dann gemordet. Hatte er noch nicht. Geschossen, das ja. Gezielt. Die Macht genossen der Todesengel zu sein auch. In diesem Fall aber nicht. Da hatte er vor den Todesschüssen etwas anderes gefühlt. Es musste Mitleid gewesen sein. Mitleid, das er erpfand für den klein wirkenden Mann in dem korrekten Anzug, den sie so übel zugerichtet und jetzt hierher geschafft hatten. Aber Auftrag war Auftrag und der Umschlag mit dem Geld war erst dann seiner, wenn er es erledigt hatte ….

Das Setting ist exotisch, die Schwüle der Nächte quillt aus den Papierporen, während die Autorin ihren Spannungsbogen aufbaut. Dabei entblößt sie ihre Figuren bis auf die Knochen ohne sie bloßzustellen. Zeichnet das Bild einer Gesellschaft in der sie selbst, das spürt man, tief verwurzelt ist. Ihre Liebe gilt dieser Insel, ihre Verachtung den Missständen. Den Herzschlag von Port-au-Prince lässt sie zwischen den Sätzen puckern, er gibt den Takt vor, nachdem hier alle tanzen.

“Seit dem Tod ihres Vaters, Raymond Berthier, ist Brune eine Lawine. Ein Tumult grollt, zieht sich durch sie hindurch. Gelegentlich bricht die Wut einfach so heraus. Ohne Vorwarnung. Eine bittere Flüssigkeit in ihren Adern.”

Textzitat Yanick Lahens Sanfte Debakel

Sanfte Debakel. Dieser und ähnliche poetische Vergleiche ziehen sich durch den Text wie ein roter Faden, sättigen ihn auf und machen ihn damit zu einem ganz besonderen. Es hat reichlich Metaphern hat, auch für die Figurenzeichnung nutzt Lahens solche Vergleiche und man hat so sofort ein Bild.

Voodoo und Hahnenkämpfe. Wut und Hass. Gestank und Trümmer. Schmuggler und unverwüstlich Hoffende. Die Menschen die hier leben nähren sich von Ereignissen die ihren Alltag unterbrechen, von jedem Aufsehen, jeder Schlagzeile …

“Nichts zu essen, aber etwas zum Reden. Eine Stunde lang. Zwei Stunden. Bis der Tag zu Ende ist. Den Bauch mit Bildern gefüllt bis zum Abend. Und mit vielen solchen Ereignissen kommt man durch die dreihundertfünfundsechzig Tage des Kalenders.”

Textzitat Yanick Lahens Sanfte Debakel

Fragmentarisch werden von Lahens rasch wechselnde Erzählperspektiven aneinandergereiht wie Perlen an einer Schnur. Düster und bedrückend sind die Bilder die dabei in mir entstehen. Der Wohlstand einiger weniger, die ihn protzend zur Schau stellen kontrastiert mit einer Gewaltbereitscht und Verrohung  die sprachlos macht. Ein Stück vom Kuchen abhaben, beseitigen wer stört …

Szenen in denen im Nebensatz erzählt wird, wie leicht es doch von der Hand geht jemanden zu erschießen, ich würde am liebsten glauben, das kann so nicht sein, geht aber nicht. Beschäftigt man sich mit der jüngeren haitianischen Geschichte findet man ein Netz aus Korruption und Gewalt, neben sich immer häufiger ereignender Naturkatastrophen. Spenden und Hilfsgelder scheinen zu versickern, das Elend unbesiegbar. Wie einer solchen Spirale entkommen?

Im Roman bereist der Journalist Francis Haiti, zeitlich nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo und vor dem Amoklauf im Bataclan, auf der Suche nach Antworten. Woher kommt ein solcher Hass?

Licht kommt ganz allmählich ins Dunkel. Zusammenhänge werden deutlicher. Die Mosaiksteinchen fallen an ihren Platz. Werden sich meine Ahnungen am Ende bestätigen? Diesen Roman habe ich gern gelesen, er bewegt sich angenehm außerhalb des Mainstreams und den litradukt Verlag, beheimatet ganz in meiner Nähe, in Trier, mit seinem Schwerpunkt für Literatur aus Haiti, habe ich mir gleich notiert.

Auch Yanick Lahens habe ich ab jetzt auf dem Zettel. Sprachlich wie inhaltlich hat sie mich beeindruckt mit ihrem faszinierenden Mix aus Gesellschaftskritik und Spannung.

Ich habe lange gelesen an diesem Text, es steckt viel drin in ihm, schaute mich um zwischen seinen Sätzen, mit Zitaten nur so spicken könnte ich diesen Beitrag. Eines ist mir lieber als das andere. Ich las diese Sätze mehrfach und das nur zu gerne. War konzentriert, da sich die wörtliche Rede nicht klar abgrenzt, sondern fest verwoben ist mit den Empfindungen und Wahrnehmungen der Figuren. Das ist herausfordernd und wunderbar zugleich. Auf 156 Seiten ist so ein eigener kleiner Kosmos entstanden, der sich beim Lesen zu dehnen scheint.

Jede Geschichte hat im Irgendwo ihren Anfang und im Nirgendwo ihr Ende. Die letzte Seite ist umgeblättert, aber diese Geschichte wird noch eine Zeitlang an meiner Seite sein und bitte lasst Euch nicht von dem Cover und der broschierten schmalen Ausgabe abhalten, die ein ganz anderes Genre impliziert. Wer das tut, verpasst eine literarische Perle, einen großen kleinen Roman und …

“Worte, die auf Messers Schneide tanzen. Worte, die mit dem Messer zerschlitzt sind wie eine Grimasse. Unglücksworte. Hungerworte. Worte der übereilten Süße. Der stechenden Süße. Traum- und Lichtworte.”

Textzitat Yanick Lahens Sanfte Debakel
Verfasst von:

2 Kommentare

  1. Petra
    1. Juli 2022

    Liebe Mikka,

    vielen Dank für Deinen Kommentar und sehr gerne! Ich freue mich, dass es Dich anspricht. Für mich war es etwas ganz besonderes und wohltuend herausfordernd abseits des Mainstreams.

    Herzlich Petra

  2. Mikka
    30. Juni 2022

    Hallo Petra,

    das muss direkt auf die Merkliste, das klingt nach einem hochinteressanten Buch. Danke für die ausführliche Rezension!

    LG,
    Mikka

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