Das gekaufte Leben (Tobias Sommer)

Die Pausetaste drücken. Eine Auszeit nehmen. Klingt machtbar. Ist notwendig. Ab und zu. Aussteigen. Nicht mehr zurückkommen. Erfordert Mut. Finanzielle Mittel. Am Besten. Schon. Das fällt einem nicht in den Schoß. Oder doch?

“Herzlichen Glückwunsch, Sie haben soeben mein Leben erworben. Die Schlüssel dazu finden sie im Briefkasten.”

Textzitat Tobias Sommer Das gekaufte Leben

Das gekaufte Leben von Tobias Sommer

Schlappe 250.000 Euro waren im Handumdrehen abgebucht worden, nachdem Clemens Freitag das Höchstgebot abgegeben hatte. Für dieses Schnäppchen. Bei einer Internetauktion. Ganz einfach war das gewesen, so als habe er sich in einem Online-Shop ein paar Alltagsartikel bestellt und kein neues Leben.

Was ganz und gar unglaublich klingt ist der Kern dieser Geschichte. Wer würde nicht manchmal sein Leben eintauschen wollen? Nach Zoff und Zank, Schulden oder einem schmerzhaften Verlust? In die Haut eines anderen schlüpfen, dem alles scheinbar so viel besser gelingt als einem selbst?

Freitags neues Leben ist irgendwo in Brandenburg, in einem Haus an einem stillen Waldsee, in einem 150-Seelen-Dorf, in dem Mann getrost die Haustür offen stehen lassen kann. Mit “seiner” Viertelmillion ist der ihm völlig Fremde, der hier zuvor gelebt hat, in ein anderes Land aufgebrochen. Möglicherweise. Das sagen sie hier im Ort jedenfalls.

Clemens Freitag kommt zu Fuß, nur mit einem Rucksack auf dem Rücken, in seinem neuen Leben an. Zwei Kilometer vor dem Ziel steigt er aus dem Bus, um den Rest des Weges zu laufen. Er hat keine Eile. Es ist kurz nach Neujahr.

Seine Bindungs- und Verlustangst, die ihn seit dem Tod seiner Eltern nicht mehr verlassen hat, ist mit ihm hierher umgezogen. An’s gefühlte Ende der Welt. Nach Zaun. Unvernetzt wie er ist, hatte er wenig Brücken hinter sich abbrechen müssen und diesmal will er welche bauen. …

In seinem neuen Zuhause mit Bootssteg, in dem die Jacken des Vorgängers noch an der Garderobe hängen, makellos geputzte Schuhe bereitstehen, ein randvoll gefüllter Kühlschrank und eine teure Espressomaschine warten. Alles zu schön um wahr zu sein? Warum wollte der “Vorbesitzer” ein solches Leben verlassen? Schlag auf Schlag geht es jetzt. Neuer Job, neue Nachbarn, neue Freunde, die Fragen sie kommen ihm erst später. 

Schulden. Ein Schuldenberg. Vor ihm ist er auch geflohen. Sie aber haben einen langen Arm. Es greift vieles nach ihm. Hier in Zaun. Auch die Schatten seiner Vergangenheit. So schlüpft Clemens Freitag also in die Schuhe von Götz Dammwald, seines Zeichens Mitarbeiter der Reklamationsabteilung eines Onlineversandhändlers für Jagd- und Fischereibedarf, der nach der Trennung seiner Frau offenbar einen harten Schnitt setzen, Haus, nebst Nachbarn und Freunden einem anderen hatte vermachen wollen und diese Schuhe von Dammwald, also irgendwie wollen die einfach nicht passen …

Ich stelle mir die Frage, ob man seiner eigenen Bestimmung auf diese Weise entfliehen kann? Ob man ihr überhaupt entkommen kann? Den alten Namen im nagelneuen Leben behalten, aber bitte alles verlieren was im alten Leben belastet hat. Wie geht sich das aus?

Jeder Tag, jedes Lebens ist unvorhersehbar, auch wenn wir glauben planen zu können. Und nimmt man sich nicht immer mit? Gleich wohin man auch geht, ob mit leichtem oder schwerem Gepäck? Der Herr Dammwald hier scheint dann auch ein nicht ganz so unbeschriebenes Blatt zu sein wie man zunächst annehmen kann und sein Lebensstil ist dem seines Jobs auch so gar nicht angepaßt. 

Vielleicht lag ja auf dem Speicher des neuen Hauses sowas wie die Wahrheit? Zumindest war es hier nicht so aufgeräumt, schien nicht alles so perfekt geordnet und klinisch rein. Tatsächlich findet sich hier dann so einiges, was über seinen Vorbesitzer erzählt, ein klares Bild von ihm ergibt sich aber auch hier nicht.

Schritte in der Nacht. Ein Besucher. Ein Hund der ums Haus streicht und der bis in den Keller vordringt. Zu viel Alkohol und ein Schlaf im Rausch. Nein, das ist kein bloßer Traum gewesen!

Tief ruht der See also? Von wegen. In diesem Fall ist es ein Waldsee, an dessen Ufer nebst Anleger Freitags neues Zuhause liegt und ein abgeschnittener Finger, den ein Angler hier vor ein paar Jahren an Land gezogen hat, ist vielleicht nur die Spitze eines Eisberges. Das warnende Graffito an der Wand des Bootsschuppens könnte ein Hinweis darauf sein. Auch, dass die Nachbarn Clemens Freitag, als den “neuen Gast” in Zaun bezeichnen ist irgendwie merkwürdig. Als wüssten sie, dass er nicht gekommen ist um zu bleiben …

Leise Töne und ein Hauch Lakonie durchwirken den Text des Holsteiners Tobias Sommer. Der 1978 geborene Autor von Lyrik, Prosa und Erzählungen lebt in Bad Segeberg. 2014 war er unter den nominierten für den Ingeborg-Bachmann-Preis mit seiner “Steuerstrafakte“, ich lerne sein Schreiben tatsächlich jetzt erst kennen mit diesem Roman und werde mir seine Lyrik noch genauer anschauen, soviel steht für mich nach den ersten Kapiteln schon einmal fest. Wer lieber hörgen mag, kann das auch tun. Eine Hörbuch-Fassung ist erhältlich und wird in rund neun Stunden von Philipp Oehme vorgelesen.

Mir hat die Absurdität dieser Idee und ihre durchaus realistische Umsetzung in der Geschichte richtig gut gefallen, mit leichter Hand ist sie erzählt und ihr Autor, verzichtet dabei nicht auf die Fragen, die wir uns stellen, wenn wir nach dem Sinn suchen, der in dem steckt was (uns) geschieht. Stille Wasser gründen tief, dieses Sprichwort ist alt und der See in diesem Roman mehr als nur eine Methaper für die Abgründe und Umwege der menschlichen Natur. In seinen Tiefen ruht, an seinen Ufern rumort es.

Sommers Geschichte entwickelt nach und nach eine ganz eigene Dynamik, während man sich als Leser:in Stück für Stück mit dem Romanhelden in sein gekauftes Leben vortastet. Unerwartetes entdeckt, einen neuen Job in Angriff nimmt und erlebt wie sich immer mehr Ungereimtheiten aufstapeln. Das ist spannend, aber kein Krimi, auch wenn es eine Leiche gibt, es mehr als ein Rätsel hat und er nicht wenige Zweifel bei seinem Helden und seinen Leser:innen sät. Kein Leben ist nur rosarot und gibt es nicht bei uns allen Dinge die wir im Geheimen halten?

Zu schön um wahr zu sein. Auf der Suche nach dem Haken in diesem so perfekten Arrangement kommt Clemens Freitag recht bald schon ins Grübeln. Wer war dieser Dammwald und war dessen Leben seine, Freitags’, Lösung? War dieser verzweifelte Versuch eines Neustarts ohne offene Rechnungen, Schulden und Schuldgefühle wirklich möglich?

Auch mich macht Tobias Sommer nachdenklich und selbst dann, wenn er einen plaudernden, kurzweiligen Ton anschlägt, gibt es da so einiges zwischen seinen Zeilen. Das mochte ich. Sehr sogar. Die losen Fäden und das was er offen lässt auch. Das sogar ganz besonders, weil ich es mag wenn nicht immer alles zu Ende erzählt ist.

Man kann sein wer man sein will. Ist das so?

Ein Berg Lügen, ein perfide komponiertes Spannungs-Puzzle, das seine Leser:innen Teilchen um Teilchen zusammenfügen und seinem Finale Kapitel um Kapitel entgegeneilen lässt, versucht darauf eine Antwort zu geben. Bis aus Ahnung Gewissheit wird, und eine Auflösung sich anbahnt, die so zwangsläufig wie notwendig ist.

Ein modernes Abenteuer. Ein ungewöhnlicher Romanansatz. Wartet auf die, die sich trauen, den Sprung ins kalte Wasser dieses Waldsees zu machen und nicht nur an seinem Ufer zu angeln. Petri Heil, Euch Wagemutigen!

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