Rote Kreuze (Sasha Filipenko)


Wahrscheinlich verbinden wir kein Symbol so sehr wie dieses mit humanitärer, mit medizinischer Hilfe. Das rote Kreuz steht in der Welt für eine Organisation, die auf eine wechselvolle Geschichte zurück blickt. Ihre Gründung vor über 150 Jahren soll sich auf Henry Dunant gründen.

1945 fiel dem Roten Kreuz eine weitere Aufgabe zu. Zwei Wehrmachtsoffiziere gründeten, als das DRK 1945 in der sowjetischen und französischen Besatzungszone aufgelöst worden war, einen Vermisstensuchdienst, ein Flüchtlingshilfswerk und sie legten eine zentrale Suchkartei an. Diese Kartei inkl. Bildliste umfasste Ende 1957 über 200 Bände, sie enthielt 1,4 Millionen Namen und über 900.000 Bilder. Seit seiner Gründung hat dieser Suchdienst mehr als 16 Millionen Menschen zusammengeführt (Quelle Wikipedia).

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Sie kamen um Mitternacht. Sie nahmen ihre Wohnung auseinander und forderten sie auf ein paar warme Sachen zu packen. Das man eigene warme Kleidung mitnehmen durfte war kein humanitärer Akt. In den Lagern, den Gulags, hatte man nicht genug Bekleidung für alle. So einfach war das und auch so grausam. Wir schreiben das Jahr 1945 und es ist zwei Uhr Nachts, als sie Tatjana Alexejewna mitnehmen und in einen Wagen stoßen. Ihre Tochter kauert auf ihrem Schoß, als ihre Fahrt jäh gestoppt und ihr das Kind aus den Armen gerissen wird. Man stopfte sie in einen Bus, der schon übervoll war mit anderen Kindern.

Vor den Wölfen musste man sich immer in acht nehmen und es gab auch welche auf zwei Beinen. Ihr Mann war in Gefangenschaft geraten und zum Feind übergelaufen und aus welchem Grund habe sie diese Detailzeichnungen angefertigt? Stand sie noch im Kontakt zu ihm? Mit bohrenden, unablässigen Fragen bedrängte man sie.

Alle standen sie am Rand einer Grube. Bevor der erste Schuss fiel, stürzten schon die ersten Frauen hinein. Barfuss oder Schuhe in Größe 37 etwas anderes gab es nicht. Vergewaltigung, Strangulation, was hier im Lager geschah will man nicht wissen …

Ein Umzug nach Minsk und die Erinnerung an diesen Satz, den seine Mutter so gerne benutzte.

“Das Glück hat gerne eine Vergangenheit und jeder Kummer eine Zukunft.”

Textzitat Sasha Filipenko Rote Kreuze

Einzug in die Wohnung einer Toten. Einer kommt, einer geht. Ein rotes Kreuz an der Wohnungstür.

Eine Nachbarin hat es aufgemalt. Alzheimer lautet ihre Diagnose und diese Kreuze weisen ihr den Heimweg. So lange zumindest, bis sie auch vergessen haben wird, was diese Kreuze bedeuten. 

Alexander, Sasha, will kein Gespräch. Nicht jetzt und nicht über sich. Die Alte mit dem Gehstock die ihm eines aufdrängte, war ihm lästig. Aufdringlich bugsierte sie ihn am Ende gar in ihre Wohnung.

Tatjana, die Nachbarin, will und muss unbedingt ihre Lebensgeschichte loswerden, so scheint es. Denn, wenn sie erst vergessen hat, was sicher bald ist, wird es niemanden mehr geben, der das was geschehen ist, was ihr geschehen ist noch weiß. In London wurde sie geboren, als Kind ist sie durch Europa gereist, wurde von Hauslehrern erzogen, verliebt hatte sie sich in einen Italiener …

Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist ein weiß-russischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Übersetzt ins Deutsche hat für ihn Ruth Altenhofer. Filipenko lebt in St. Petersburg. Rote Kreuze ist der erste seiner vier Romane, der in Deutsch erhältlich ist.

Filipenko schreibt von Gesprächen über Gott und die Welt, von einem Glauben, der aus Wut entsteht. Für den studierten Literaten, der auch als Journalist arbeitet, sind Originaldokumente nicht nur stumme Zeitzeugen, sie wirken für ihn wie eine Droge. Deshalb hat er hier auch Briefe eingeflochten, die er in der Schweiz recherchiert hat. Im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes. In Russland hatte man ihm den Zugang zu den dortigen Archiven verwehrt. Diese Dokumente sollen belegen wie sehr und das Russland sich geweigert hat für einen Kriegsgefangenen-Austausch im Zweiten Weltkrieg zu kooperieren. Man betrachtete die eigenen Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren als Verräter, überließ sie ihrem Schicksal, verhaftete ihre Familien, sie wurden allesamt als Volksfeinde angesehen. 

Treffen sich zwei in einem Treppenhaus, neue Nachbarn sind sie. Eine alte Frau und ein junger Mann. Der sich, sein Leben und seine neue Wohnung gerade zu ordnen versucht. Die betagte Frau kämpft gegen das Vergessen. Im Lager soll sie gewesen sein. Man schaut auf sie herab, sie musste Dreck am Stecken haben. Dabei ist sie nur, oder wegen ihres Schicksals, auch heute mit über Neunzig noch nicht bereit zuzulassen, das das was unter Stallin passiert war in Vergessenheit geriet.

Von Verhaftungen berichtet sie. Von den Säuberungen. Dieser Gulag war die Hölle, und sein Ziel war es nicht seine Insassen umzubringen, vielmehr hatte er/man Spaß am Quälen. Es war als würde man prüfen wollen, wieviel aushaltbar war. Zehn Jahre verbringen in dieser Hölle, was machte das mit einem Menschen?

Wenn man niemanden mehr hat, drängt man sich dann einem Fremden auf, den man im Flur trifft? Einfach so?

Dies ist eine Geschichte die vieles zu vereinen versucht. Sie ist eine Zeitreise und sie ist zeitgleich auch sehr gegenwärtig. Sie erzählt von Fehlern, die man offenen Auges und in vollem Bewusstsein begeht. Sie erzählt von unverhofften Begegnungen, die wie ein Spiegel sind, in dem man seinen eigenen Abgrund erkennt und man weiß, dass man selbst nur noch einen Schritt entfernt vom Bodenlosen ist.

Eine Entscheidung trifft man nie nur für sich allein. Eine jede hat Folgen. Absehbare und unabsehbare. Es geht darum das Richtige zu tun, zum richtigen Zeitpunkt und darum, was geschieht, wenn man es nicht geschafft hat. Wie man damit leben muss, wie man damit leben kann …

Zornige Männer, die Metro geschlossen, das Geld verschwunden. Dokumente werden eilig verbrannt. Schaufenster zerbrochen. Moskau im Ausnahmezustand.

Denunziation und Kriegsgefangenschaft. Eine Todesnachricht trifft auf eine Todesdiagnose. Chancen die eins zu einer Milliarde stehen. Welches Leben schützt man? Wenn es hart auf hart kommt. Das Ungeborene, oder das der Mutter?

“Verlass mich bitte nicht, solang der helle Mitternachtsstern glüht. Wenn auf der Straße und im Haus alles so schön ist wie sonst nie. Ohne Ziel und ohne Grunde, nein, einfach so und nebenbei, verlass mich dann wenn Schmerz mich drückt. Geh weg, lass mich allein zurück.”

Textzitat Sasha Filipenko Rote Kreuze

Einem Fussballschiedsrichter zeigt das Leben die rote Karte. Er ist es gewohnt auf dem Platz 22 Gegner zu haben, dosiert zu strafen, aber mit der Strafe, die ihm zuteil wird umzugehen, das ist schon eine Hausnummer. Den Faden verloren, das hatte er wohl, als er jetzt seiner Nachbarin im Stiegenhaus begegnet.

Tja, mich lässt sie etwas ratlos zurück, diese Geschichte, für mich hat sie einen Misston, sie fühlt sich für mich etwas “überdosiert” an und auch eine Spur zu gefühlig. Das Schicksal seiner Tatjana, hätte kein solch dramatisches Gegenschicksal mehr gebraucht, wie er es hier seinem Sasha noch mitgibt. Auch die Abgeklärtheit mit der Filipenko seine Tatjana erzählen lässt, hat mir nicht gefallen. Was immer sie so hat abrücken lassen von ihrer empfindsamen Seele, auch wie sie ihrem Nachbarn so mit der Tür ins Haus fällt, um ausgerechnet ihm ihre Vergangenheit vor die Füße zu werfen, war für mich nicht glaubwürdig. Schließlich ist er Fussballschiedsrichter, eine Zufallsbekanntschaft und kein Biograph.

Der Romankern, der in der Zeit des stallinistischen Russlands spielt hätte mehr Gewicht verdient und vertragen. Schade. So ist der Roman, der wie in einer Randnotiz von den Gräueln der Gulags erzählt für mich nur kurzweilig und eine Spur zu melodramatisch geraten …

Robert Stadlober, geboren 1982 in Friesach, gibt dabei sein Bestes. Seit er elf Jahre alt ist arbeitet er als Synchronsprecher. Ich habe ihn, der 2001 den Nachwuchspreis des Bayrischen Filmpreises bekam und 2016 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert war, sehr gerne im Ohr. Hier entführt er mich in der ungekürzten Lesung 300 Minuten lang, souverän und auf sehr angenehme Art nach Russland. Den beiden Hauptfiguren gibt er in ihrer Unterschiedlichkeit Kontur ihm gehen beide leicht von den Lippen. Ohne ihn wäre ich vielleicht, wahrscheinlich schon vor der Zeit aus dieser Geschichte gesprungen …

Mein Dank geht an den Diogenes Verlag für dieses Hör-Exemplar.

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