Cloris (Rye Curtis)

Die Frage nach dem WARUM stellen wir uns häufig, nicht? Warum, werde ausgerechnet ich krank. Warum mussten ausgerechnet sie oder er sterben. So früh, so tragisch. Warum, trifft es immer uns, während anderen die Bäume schier in den Himmel zu wachsen scheinen? Prüft uns das Schicksal mit seinen Schlägen? Wer oder was ist dieses Schicksal? Eine göttliche Macht, die die einen straft und die anderen schont? Die Antwort darauf bleibt man uns zumeist schuldig. Manchmal, wenn es gut läuft, spüren wir Dankbarkeit oder auch Demut, und es gelingt uns, nach einem solchen Schlag einen neuen, einen unverstellten Blick auf unser Leben zu werfen. Vielleicht kommen wir davon, wagen einen Neustart, wenn wir an einem solchen Wendepunkt ankommen …

“Wie oft sind es gerade die Hilflosen und die Sanftmütigen, die die Schulden anderer bezahlen.”

Textzitat Rye Curtis Cloris

Cloris von Rye Curtis

Sich ein paar schöne Tage machen, das hatten sie gewollt, die Waldrips. Ihre Nachbarn hatten ihnen die Gegend hier in den Bitterroot Mountains empfohlen. Cloris hatte gezweifelt, oft geflogen war sie in ihrem Leben noch nicht, die Ferne hatte für sie keinen Reiz. Die Schönheit dieses riesigen Waldes aber, die sich ihr jetzt darbot, als sie aus dem kleinen runden Fenster ihres Flugzeuges schaute, ließ sie erwartungsfroh werden. 

Sie nickte ein, das eintönige Brummen des Motors hatte sie schläfrig gemacht. Als sie wach wurde, lag die Hand ihres Mannes auf ihrem Bein. Das muntere Plappern ihres Piloten war verstummt und ein seltsames Geräusch zerschnitt das gleichmäßige Tuckern des Motors, die Maschine sackte ab und näherte sich rasend schnell den Baumwipfeln. Cloris begann zu beten. Als sie wenig später benommen zu sich kam, war der Rumpf ihres kleines Flugzeuges geborsten, auseinander gebrochen und ihr Mann fort. Terry, ihr Pilot, hing noch vor ihr in seinem Sitz, leblos wie ein Puppe aus der man die Luft herausgelassen hatte …

Das Lieblings- und mittlerweile Alltagsgetränk von Ranger Debra Lewis war der Merlot. Ihn führte sie stets in einer Thermosflasche mit sich. Ihre Scheidung lag jetzt drei Monate zurück und ihr Mann, dieser Mistkerl, hatte sie nicht nur mit einer Frau betrogen, er hatte gleich und gleichzeitig drei Ehefrauen gehabt. Jetzt saß er ein und sie war allein hier oben, depressiv würden die sagen, die man nach ihr fragte. Nur der Rotwein und die Radiosendung von Dr. Howe hielten sie zusammen. Irgendwie. 

Die Routine von Lewis störte diesmal kein Unruhestifter oder Wildcamper, sondern ein Funkspruch, ein Kollege hatte ihn aufgefangen. Wie gemorst habe er geklungen, er wollte im Stakkato so etwas wie Cloris, Cloris, Cloris verstanden haben und ein Kleinflugzeug werde außerdem vermisst. Eine Suchaktion mittels Helikopter startet. Hoffnungslos sei das sagen alle. Alle außer Rangerin Lewis …

Angst, Verzweiflung, Durst und Hunger. Ob in dieser Reihenfolge empfunden spielte keine Rolle. Ein Sturm, ein Gewitter, eine Gestalt in den Schatten. Ein Holzstapel der sich selbst entzündet hatte? Ein Kochtopf mit einem gehäuteten Tier tanzte auf den Flammen! Ein Fisch mit einem Stock zwischen den Kiemen, an dem eine Nachricht steckte: Gehe flussabwärts.

Wer oder was war hier? Wer oder was führte sie? Warum, gaben er oder sie sich nicht zu erkennen? 

Rye Curtis, stammt aus Amarillo, Texas lebt heute in Queens. Cloris, ist sein erster Roman und noch druckfrisch, erst seit 16.07.20 ist er in deutscher Übersetzung im Handel erhältlich. Übersetzt hat ihn Cornelius Hartz. Der den Ton dieser Geschichte wunderbar trifft, der eher ein herber ist, und der zu dieser unwirtlichen, wilden Umgebung herrlich passt.

Zu dem Schauplatz in den Bitterroot Mountains, einem Gebirgszug der zwischen Idaho und Montana gelegen ist, der eine grandiose Kulisse für dieses Abenteuer und für diese Geschichte bietet, die durchaus auch mit dem Unheimlichen und Widersprüchen spielt.

Eine zweiundsiebzigjährige Frau nach einem Flugzeugabsturz allein in der Wildnis. Allein? Hier braut sich etwas zusammen und damit meine ich nicht alleine die aufziehenden Unwetter. Also mir ist schon mal bang zumute und wäre Cloris nicht noch immer im Schock, sie hätte wohl ebenfalls mehr Angst. Oder sie ist einfach verdammt mutig. Das hier muss mehr sein als der Mut der Verzweiflung.

Zehn Tage lang folgt Cloris dem Fluss, der immer breiter wird und der sie dann in einen Wald führt. Auf Ihrem Weg findet sie jeden Abend ein brennendes Lagerfeuer und einen Fisch, oder ein anderes Tier  …

Nackte Panik spüren, weil ein eiskalter Fluss einen mitreißt. Weil ein Fremder mit Maske am Lagerfeuer sitzt, der einen wie ein Geist verfolgt. Keine Menschenseele sonst weit und breit. Hat man überlebt um so zum Opfer zu werden?

Wie auf eine Armlänge entfernt hält Rye Curtis seine beiden Hauptfiguren. Lewis, die unerschütterlich an die Rettung von Cloris glaubt, die hartnäckig daran fest hält, sie finden zu wollen und Cloris selbst, die zäh ist und Durchhaltevermögen beweist. 

Sich selbst verstehen wollen. Curtis balanciert seine Geschichte gut aus. Einerseits liest man sich flüssig durch Cloris Überlebenskampf und dann wieder kommt man seinen Figuren auch sehr nah. Gedanke für Gedanke. Vor dieser einsamen, rauen Kulisse stapelt er förmlich die Schicksale von ruhelosen Seelen auf.

Inzwischen verirrt sich ein Stinktier in einen Whirlpool, wird ein räudiger Elch zum Schlafgefährten und Freundschaftsbande werden geknüpft. Man denkt, hier ist es aber schon auch friedlich, und dann kommt das Feuer und Hosenbeine an denen Flammen lecken, lassen selten bis nie die Haut und das Fleisch darunter unversehrt … 

Immer im Wechsel erzählt Curtis. Mal wirft er einen Blick auf den Suchtrupp um Lewis, mal auf Cloris. Beide bewegen sich voneinander weg, statt aufeinander zu. Dabei schaut jede der Figuren auch zurück. Auf Erlebnisse aus einem frühen Leben, auf Gutes ebenso wie auf die Schatten. 

Was für eine starke Triebfeder doch die Hoffnung ist. Das kann man hier mit jeder Faser spüren. Und was bedeutet Rettung? Kann man für ein Leben gerettet werden, das man nicht führen will? Will man in ein Leben zurück geholt werden, in das man, nach allem was geschehen ist, nicht mehr hinein passt?

Irrational oder konsequent? Ich mochte Cloris und ihre Entscheidungen. Ihre Rückbesinnung auf das was wesentlich ist. Die Klarheit mit der sie Bilanz zieht.

“Ich warf einen allerletzten Blick auf diesen abscheulichen Berg, und dann ging ich durch das Schlüsselloch in den dunklen Wald. Was mich dort erwartete, werde ich wohl niemals vergessen, so gerne ich es täte.”

Textztitat Cloris von Rye Curtis

Sätze wie dieser sind es, die mich durch die Seiten jagen. Andeutungen, die Curtis wohl dosiert platziert, halten seinen Handlungsbogen auf Spannung.

Abenteuergeschichte, Survivaltrip, sprachlich mit Ecken und Kanten. Die Figurenzeichnung von Curtis hat mich ein klein wenig an die von Castle Freeman erinnert, den ich sehr mag.

Curtis Protagonisten tragen ihre Narben nicht nur im Gesicht. Sie haben Schrullen, Macken, sind Kauze, genau das hat mir besonders gefallen. Es wird geflucht und gehadert. Rangerin Lewis’ Lieblingswort ist wohl eindeutig “gottverdammt”. Was mich an anderer Stelle gestört hätte, das Fluchen meine ich, macht diese Figur griffig und glaubwürdig. Ebenso wie Cloris, aus der eine Altersklugheit spricht, die mich berührt hat. Wie unbeirrt sie ist. Wie entschlossen.

Sich selbst zu finden, ist harte Arbeit. Ob andere dabei helfen können? Wer weiß. Hier wirft die Natur Cloris und auch Ranger Lewis auf sich selbst zurück. Die Natur. Wem, wenn nicht ihr steht das zu? Schließlich kommen wir aus ihr und zu ihr gehen wir auch zurück. Mit ihr sind wir verbunden, ein Leben lang. Auch dann, wenn wir sie nicht immer spüren. 

Genau das mochte ich an dieser Geschichte und auch, weil es in ihr um Vorverurteilung geht, wie schnell wir damit doch bei der Hand sind, jemanden in eine Schublade zu stecken und ihn da auch nicht wieder heraus lassen. 

Wenn also auch ihr aufbrechen wollt, um Cloris zu suchen, in den Wäldern Nordamerikas, gebt gut acht auf Euch, und stellt Euch darauf ein, dass ihr Dinge werdet essen müssen, die ihr nicht einmal beim Namen nennen wollt und ihr werdet allein sein. Ich meine so richtig allein, besonders in den Nächten und es wird dort kalt sein. Bitterkalt. Am Bitterroot.

“Aber nichts entgeht den Zeigern der Uhr. Und nichts im Leben bedeutet am Ende genau das, was Sie erwartet haben, und es ist auch nichts simpel oder einfach, vor allem, wenn Sie so alt sind wie ich.”

Textzitat Rye Curtis Cloris

Mein Dank geht an den Verlag C.H. Beck für dieses Rezensionsexemplar.

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