Propaganda (Steffen Kopetzky)

*Rezensionsexemplar*  – Montag, 09.12.2019

„Unmöglich rationale Worte zu finden, um das ungestüme Töten, das tobende Auslöschen von Leben zu beschreiben. Es ist ein gottverlassenes Fleckchen deutscher Erde, erfüllt vom Nachhall berstender Explosionen. Erfüllt auch vom Widerhall von Todesschreien und gebadet in Blut. Und dann, im Moment größter Not, in der dunkelsten Stunde, dann wenn nur noch Verzweiflung herrscht, zeigt sich, dass dieser Ort größter Misere nicht von Gott verlassen ist. Denn jetzt geschieht ein unfassbares Wunder …

John A. Brogan III, US-Generalkonsul a. D

Dieses Wunder hatte einen Namen und wie so oft hat die Geschichte ihn vergessen. Eine zeitlang zumindest. In einer Gedenkfeier, sechzig Jahre nach einer der schwersten Schlachten des Zweiten Weltkrieges, (auf Seiten der Alliierten fielen allein in der ersten Welle 6.184 Soldaten, die Verluste auf deutscher Seite lagen etwa bei der Hälfte), erinnerte ein US-Generalkonsul a.D. an ihn: An Günter Stüttgen, Dermatologe und deutscher Truppenarzt, der insgesamt dreimal, im November 1944, mehrstündige Kampfpausen in der Allerseelen-Schlacht im Hürtgenwald, zwischen Aachen und Düren erwirkte, um Verletzte zu bergen und zu versorgen. Dabei machte er keinen Unterschied, ob es sich um alliierte oder deutsche Soldaten handelte, teilweise arbeitete er dafür auch mit amerikanischem Sanitätspersonal zusammen.

Von den Deutschen in Abwesenheit zum Tode verurteilt, und geehrt von den Amerikanern, verstarb Güttgen 2003 in Berlin im Alter von vierundachtzig Jahren, der german doctor, der Mann für den das Wort Menschlichkeit erfunden worden sein musste.

Mit Wundern, Schicksalen, Wald, Dschungel und Voodoo-Soldaten, mit großen Schriftstellern und Worten, die versuchen zu beschreiben, was damals geschah, beschäftigt sich dieser Roman eindringlich und eindrücklich:

Propaganda von Steffen Kopetzky

Denn hier beginnt auch sie, die Geschichte von John Glück. Im Oktober 1944. In der Nord-Eifel, südlich von Aachen, im Hürtgen-Forrest, wie die Amerikaner diesen Abschnitt nannten. Der Wald selbst hatte seinerzeit eigentlich keinen Namen. Hürtgen war ein Dorf, das mitten in diesem Waldgebiet lag und wurde daher kurzerhand namensgebend für dieses Schicksalsgebiet.

Die letzten Einheiten der deutschen Wehrmacht hielten diesen Wald, verteidigten ihn, Mann gegen Mann, bis auf’s Blut, um die Amerikaner daran zu hindern zum Rhein durchzubrechen. Ein Ort von dem man nichts wissen wollte und doch musste. Ein Ort, der wie kein anderer für diesen Krieg stand, an den man zahlreiche deutsche Soldaten von der Ostfront verlegt hatte, kampferfahrene Männer, die jeden Schrecken kannten und die auf Divisionen trafen, die aus jungen Amerikanern bestanden, viele von ihnen erst um die zwanzig Jahre alt und die z.T. erst vier Wochen in ihrer Uniform steckten. 

Unter ihnen John Glück, Mitglied der amerikanischen Proganada-Einheit. Der auch selbst dann noch bleiben wollte, als sie ihm sagten, dass das Sterben hier gerade erst begonnen habe. Jeden Tag wurden Särge abgeholt, dieser Wald hier, das ganze Gebirge sei verflucht …

“Nur eine freie, unbehindert agierende Presse kann wirksam Täuschungen durch die Regierung aufdecken. Und über allen Verantwortlichkeiten einer freien Presse steht die Pflicht, jeglichen Teil der Regierung daran zu hindern, die Menschen zu betrügen und in ferne Länder zu schicken, um an fremdländischen Krankheiten und fremdländischen Kugeln und Granaten zu sterben.”

New York Times Co. v. United States, 403 U, S. 713 (1971)

Zeitsprung zum 13. Juni 1971. Es erscheint eine Titelstory in der New York Times und zum ersten Mal in ihrer Geschichte versuchte die US Regierung unter Präsident Nixon die Pressefreiheit einzuschränken, klagte gegen eine weitere Veröffentlichung der Pentagon Papers, die im Auftrag von Verteidigungsminister Robert McNamara erstellt worden waren und belegten, dass die USA die US-amerikanische Öffentlichkeit gezielt desinformiert hatte, was deren Kriegsabsichten in Vietnam betraf. Diese Papiere waren offenbar einem whistleblower in die Hände gefallen. Wir begegnen in dieser Zeit im Roman einem alten Bekannten wieder, dieser ist schwer krank, nach einem Unfall mit Entlaubungsmittel, und fragen uns warum gerade jetzt …

Steffen Kopetzky, geboren 1971 in Pfaffenhofen an der Ilm, ist Schriftsteller und Kommunalpolitiker. Auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt konnte ich ihn in einem Interview mit Denis Scheck erleben, er hat mich sofort und komplett vereinnahmt, mit seiner Art, mit dem ganzen Körper und voll von Leidenschaft zu sprechen und an dem Roman den er vorstellte führte für mich kein Weg mehr vorbei. Auch seinen 2015 erschienen Vorgänger Risiko werde ich mir jetzt auf jeden Fall näher ansehen.

Über das Drama im Hürtgenwald erfahre ich von ihm, dass es sich u.a. darauf gründete, das die Amerikaner, die bis dato nie zuvor einen Waldkrieg geführt hatten, ohne Plan und nur mit unzureichendem Kartenmaterial der Gegend in diesen Angriff gingen. So übersahen sie gar bei der Luftaufklärung eine ganze Talsperre und versuchten ihrem Gegner in unwegsamem, undurchdringlichem Gelände mit Maschinen beizukommen. Erlebten zwischen eng stehenden Bäumen im Unterholz ein Desaster. Denn die Deutschen sahen in ihrem Wald immer einen Ort der Zuflucht und fürchteten ihn nicht, machten ihn hier zu einer verminten Festung. The death factory, nannten die US-Militärs ihn, weil die Anzahl an Toten, die er unaufhörlich gebar, in Schlamm und eisiger Kälte, an ein mechanisches Schlachthaus erinnerte …

Das Ernest Hemingway zu den Berichterstattern im Hürtgenwald gehörte, ist keine Mär, und Kopetzky webt ihn in sein Netz aus Fakten und Fiktion ein. Er stößt mich ab und zieht mich an, wie die zwei Pole eines Magneten. Mal schlägt er dabei einen lakonisch, ironischen Ton an, mal bleibt er sachlich und klar, sprachlich formuliert er immer auf den Punkt. Sein Held John Glück ist das Kind deutscher Einwanderer, das mit den Märchen der Gebrüder Grimm aufwachsen ist und zu Hause nur Deutsch sprach, und der Einfluss nehmen will, um das Land zu retten, dem er sich zugehörig fühlte, obwohl er es noch nie zuvor betreten hatte. Er, der er unverbrüchlich an die Macht des Wortes glaubte, landete so 1943 in der Londoner Redaktion der amerikanischen Propaganda-Zeitschrift Sternenbanner. Mit einer Druckauflage von vier Millionen Exemplaren war Sternenbanner die größte deutschsprachige Tages-Zeitung der Welt. Vier Seiten umfasste sie und mittels Trichterbomben aus Pappe wurde sie regelmäßig über Deutschland abgeworfen. 

Paranoia, Denunzianten und abgekartete Spiele. Drogen und ein Pilzsud, der einen mit dem Waldboden eins werden lässt. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen und tauchen die Geschichte von John Glück in gleißendes Licht, in den Widerschein von Mündungsfeuern …

Wir verfolgen flüsternde und hustende Schatten durch das Unterholz, verlaufen uns, frieren während Schneestürmen in Sommeruniformen. Irokesen führen uns als Fährtensucher und Kundschafter, warnen uns vor Stolperdrähten. Zahllose Lagerfeuer brennen hier in der Nacht entlang der Siegfried-Linie. In der aufgewühlten Erde graben sich hunderte von Soldaten Löcher wie Fuchsbauten, in denen sie Tag und Nacht ausharren, auch schlafen. Ein einstmals stattlicher Wald ist in eine Milliarde Splitter zerschossen. Die Lastwagen, die Pfirsich-Konserven und andere Lebensmittel bringen, werden für die Rückfahrt mit Leichen beladen. Die Sargvorräte reichen schon lange nicht mehr aus, denn nur zu Beginn der Kämpfe hatte man auf beiden Seiten noch Gefangene gemacht …

John Glück würde sagen, von hier an, ging es nur noch abwärts. Jetzt nämlich betreten wir als Leser mit ihm den Hürtgenwald erneut und ich stelle fest, im Prolog hatte ich ihn bei allem Grauen nur gestreift …

Dieser Roman ist anders, anders als ich erwartet habe. Ich erfahre von einfachen und zugleich überirdischen Erzählstimmen. Beinahe zärtlich beschreibt Kopetzky die Bewunderung, die sein Held seinen Kollegen der schreibenden Zunft entgegenbringt. Ich hatte nicht gedacht, hier auf Hemingway zu treffen und auch nicht, dass es hier tatsächlich um Literatur gehen könnte. 18 Tage hat Ernest Hemingway im Hürtgenwald an vorderster Front verbracht und sein Roman Über den Fluss und in die Wälder gründete sich hier. J.D. Salinger schrieb ebenfalls hier in der Nord-Eifel während der Kämpfe die ersten Seiten seines Welterfolges Der Fänger im Roggen und das er sich nach der Veröffentlichung seines Romans komplett von der Öffentlichkeit zurückzog, erklärte man sich u.a. mit den traumatischen Erlebnissen, die er in dieser Zeit erlitten hat. Beiden, Hemingway und Salinger, begegnen wir mit John Glück.

Kopetzky gönnt uns zum Glück immer wieder Auszeiten, indem er die Schauplätze wechselt. Die Bilder, die in meinem Kopf entstehen, tun dies allerdings auch,  durch das was er weg lässt. Einen solchen Stoff aufzuarbeiten ohne zu bewerten, geht das? Auf welche Seite stellt man sich, kann man dabei wechselnde Perspektiven einnehmen? Ich schaue Kopetzky über die Schulter und schaudere, froh wäre ich gewesen hätte ich seine Geschichte als reine Abenteuergeschichte hernehmen können, die jeglicher Grundlage entbehrt. So aber ist es nicht, denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf …

Ein unfassbarer Roman, der fassungslos macht. Ein Roman wie ein lebendig gewordenes Kapitel aus einem Geschichtsbuch, der eine Mahnung und Aufarbeitung ist, der Persönlichkeiten, von denen ich an anderer Stelle gehört oder gelesen habe in einen Kontext rückt, den ich nicht kannte, nicht einmal erahnte.  Auf zwei Zeitebenen schreibt Kopetzky und führt so zwei Geschichten zusammen, die sich so wahrscheinlich nie berührt hätten. Das zu erleben war so faszinierend wie erschreckend. So muss ein guter Roman sein! Einer, der noch dazu grandios und einfühlsam gelesen wird von:

Johann von Bülow, geb. 1972 in München, deutscher Film-und Theaterschauspieler, und entfernter Verwandter von Vico von Bülow alias Loriot. Die kindliche Freude von Glück, die den Zeitungsabwürfen über Deutschland gilt, teilt er mit uns, als wäre er selbst dabei gewesen. Das Frotzeln unter den Soldaten und ihr Galgenhumor, er weiß jeden Satz richtig zu nehmen. Ich vertraute mich ihm an, er wurde mir zum Fährtensucher, ich sitze mit ihm und John zum ersten Mal überhaupt in einem Flugzeug und realisiere, dass diese Zeitungsbomber nicht landen werden, wir aber aussteigen müssen. Von Bülow übergibt uns ein sorgfältig gefaltetes Fallschirmpäckchen, nimmt uns stimmlich an die Hand und wir springen …

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