Brüder (Jackie Thomae)

*Rezensionsexemplar*

Freitag, 06.12.2019

Der Mauerfall hat für beide Seiten einen Vorhang beiseite geschoben, der den Blick verdeckt hatte auf Leben, Gewohnheiten und Schicksale. Rassistisches Gedankengut hatte dafür gesorgt, dass diese Mauer errichtet und dieser Vorhang zugezogen worden war, und wer, ganz gleich zu welcher Zeit und in welchem Land die falsche Hautfarbe trägt ist wie gebrandmarkt von der Natur. Ist von Natur aus dazu ausersehen anders zu sein. Kann man sich das auch zunutze machen? Vorteile daraus ziehen? Oder ist die Hautfarbe am Ende alles?

Brüder von Jackie Thomae

Mick hatte den Plan verlegt, den Plan für sein Leben. Er war jetzt Anfang zwanzig, vaterlos aufgewachsen in Ostdeutschland. Nachdem er mit der Mutter in den Westen “rübergemacht” hatte, hatte man ihn für ein GI-Kind gehalten, und eigentlich in Ruhe gelassen. Sogar ein bisschen schick war das, anders auszusehen als die anderen und gut sah er auch noch aus, an gängigen Maßstäben gemessen.

Unterschiedliche Jobs und Finanzspritzen des Stiefvaters hatten seinen Lebenstropf bisher nicht versiegen lassen. Als seine Mutter ihm jetzt, zwischen Döner und weicher Pizza eröffnete, sie habe sich von seinem Geldgeber getrennt, da wurde Mick klar, dass er jetzt angekommen war, auf dem dem Boden der Tatsachen und wenn er weiter von den Annehmlichkeiten des Lebens würde profitieren wollen, dann würde er Geld verdienen müssen …

Kolumbien. Desmond mit seinem schillernden Leben. Er war wie ein Bruder für ihn und deshalb hatte er sich überreden lassen. Okay, gut auch weil er pleite war. Aber jetzt, jetzt hatte Mick Angst. 

Der junge Mann, den sie el medico nannten, rollte ihm den Ärmel auf und setzte ihm eine Spritze. Das Mittel sollte dafür sorgen, dass sein Würgereflex aussetzte und sein Darmtätigkeit. Dann würde es ihm leichter fallen, die tampongroßen Kokainpäckchen zu schlucken. Ein Kilo sollte es werden. Desmond legte vor, für ihn war es ja nicht das erste Mal …

Jackie Thomae, geboren 1972 in Halle an der Saale. Mit ihrem Roman Brüder landete sie dieses Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie nimmt uns mit nach Berlin, in eine wilde Zeit. Sie erzählt mit einer Beiläufigkeit, mit einer Sprache, die sich flüssig und angenehm lesen lässt. Sie erzählt von jugendlichem Leichtsinn, von Wagemut, etwa dann, wenn sich Mick zum Drogenschmuggel überreden lässt. Sie erzählt vom Suchen und Finden, von Lebensentwürfen und Verbindungen und nehmt Euch in acht, ihre leichtfüßig daher kommenden Sätze haben Widerhaken. Man kann sie nicht so einfach abstreifen, vielleicht auch, weil sie weiß, was sie da schreibt. Weil sie auch schon gefühlt hat, was ihre Figuren spüren?

Wie sind wir zu den Menschen geworden, die wir heute sind? Wer oder was bestimmt uns? Thomaes Roman hat mich mit einer Leichtigkeit in die Gedankenwelt einer ganzen Generation entführt, hat mich durch die Augen ihrer Figuren sehen lassen. Hat mich mitgenommen auf abenteuerliche Trips und zu bodenständigen Auseinandersetzungen.

Auf der Frankfurter Buchmesse saß ich in diesem Jahr bei einem Interview in der ersten Reihe vor ihren Füßen, so dicht, dass ich ihr die Schnürsenkel hätte binden können, wenn sie denn welche getragen hätte. Damals hatte ich ihren Roman noch nicht einmal begonnen und fühlte mich schon magisch angezogen. Ob der Roman autobiographische Züge trage, wollte man von ihr wissen. Ob sie selbst schon Rassismus erlebt habe. Thomae wird nicht müde zu betonen, dass sie fiktional schreiben wollte und das auch getan hat. Ich glaube ihr sofort, so lässig, wie sie da vor mir aufragt, auf einem Barhocker, die Beine übereinander geschlagen, das Mikro in der Hand wie ein Rockstar, der die Bühne gewöhnt ist.

Jackie Thomae im Interview, FBM 2019

Mit lästigen Fragen, auch mit solchen über ihre Hautfarbe hat sie Erfahrung, sagt sie. Thomae ist in der DDR in den Siebzigern, in Leipzig aufgewachsen, als Mischlingskind. So wie ihre beiden erdachten Figuren, hat Thomae ein Halbgeschwister von dem sie ebenso getrennt aufwuchs, wie von ihrem Vater.

Parallelen. Zwei Männer, zwei Leben, zwei Brüder getrennt und verbunden durch die Zeit, durch ihre Hautfarbe und durch den gleichen Vater, durch das gleiche Blut, dass durch ihre Adern fließt. Mick der Überlebenskünstler mit dem Herzen aus Gold, der immer irgendwie die Kurve kriegt  und Gabriel der Star-Architekt, der Wolkenkratzer, Bahnhöfe und einen Designer-Slum entwirft. Den ein einziger unkontrollierter Moment von den Füssen, seine Sätze aus dem Zusammenhang reißt, der ihn seinen Erfolg und sein bisheriges Leben kostet, ihn zwischen das Räderwerk der freien Presse geraten lässt. 

Auch in Micks Leben gibt es einen solchen Moment, der in seiner Beziehung wirkt wie ein Stoppschild. Die Schuldfrage und ein Kinderwunsch, der wächst, bis er sich auftürmt wie eine Wand. Egoismus und/oder nackte Angst? Ignoranz und/oder Gleichgültigkeit? Wahrheit oder Moritat? 

Am Ende des Romans angelangt, bin ich mir immer noch nicht sicher, ob ich Mick und Gabriel mochte. Nicht gemocht habe ich die beiden aber auch nicht. Verstanden? Keine Ahnung. Mick, diesen Jungen, diesen Mann, den Thomae beschreibt als einen der alles mit macht, als Sundance Kid mit der Geisteshaltung eines Samariters. Wo stehe ich mit ihm und seinem Leben als Luftikus?

Seinen Bruder, den wir mit Gabriel kennen lernen, und dessen Leben sich komplett parallel zu dem von Mick entwickelt, und das unterschiedlicher nicht sein könnte, kennt auch einen Schlüsselmoment, der wegweisend ist. Ein einziger Kurzschluss, der ihn, den kontrollierten, strukturierten, zielgerichteten, der rechnet um sich zu entspannen, übergriffig werden lässt. Jackie Thomae beginnt ihre Erzählung über Gabriel mit diesem Moment und stellt ihn uns dann erst vor. Als Mensch, als Person. So wie sie auch ihr Romangerüst wie einen Schmetterling gebaut hat. Den Körper in der Mitte bildet der Vater der beiden Brüder, diesen Mittelteil nennt sie im Roman Intermezzo. Ein jeder der Brüder ist wie ein Flügel dieses Falters. Von links nach rechts oder von rechts nach links erzählt sie uns von ihnen. Über diese Flügel spielt sie mit Belanglosigkeiten, die ein Leben ausmachen ebenso, wie mit den Momenten die es erfüllen oder zusammen stürzen lassen. Die Partnerinnen der Brüder kommen auch zu Wort und so entsteht ein spannender Perspektivenwechsel.

Hat Thomae jetzt DEN Wenderoman geschrieben? Wurde sie deshalb für den Deutschen Buchpreises nominiert und hat es bis auf die Shortlist geschafft? Das habe ich in einem Interview mit ihr vernommen und in ihrem Roman habe ich alles gefunden, aber nicht das. Die Wende spielt eine Rolle ja, die Wendezeit auch. Unterschiede zwischen Ost und West auch. Aber für mich war es vielmehr ein Ausloten all dessen was uns als Persönlichkeiten ausmacht. Wann wird uns bewusst wer wir sind? Wissen wir es im Grunde eigentlich irgendwann wirklich? Welche Schlüsselmomente braucht es, bis wir es schaffen uns frei zu schwimmen? Uns in oder aus einer Partnerschaft zu befreien, die uns nicht gut tut? Biologische Uhren ticken laut und unüberhörbar, während der Ehrgeiz treibt, und Hoffnungen auch, sich Gesprächsnotwendigkeiten aufdrängen. Man wär so gerne Millionär, so gerne, das man diesen Berufswunsch schon als Kind fasst und die Illegalität ganz einfach und kurzer Hand als gewohnten Zustand annimmt.

“Mit dem Mantelärmel wischte sie den letzten Dunst vom Spiegel und hatte einen dieser Momente, in denen man sich selbst nicht nur betrachten, sondern sehen kann.”

Textzitat Jackie Thomae

Thomae bringt all das auf den Punkt. Mit Sätzen, von denen ich mir wünschte, sie würden mir gelingen. Kurz gefasste Aufzählungen setzt sie dabei verstärkend ein, oder als Schalldämpfer, je nachdem. Als  Kapitelüberschriften nutzt sie ihre Satzanfänge, das ist nicht nur effektiv sondern ungewohnt, ungewohnt gut. Die Leichtigkeit mit der sie erzählt hat mich beeindruckt, sie ist fesselnd, modern und schafft trotzdem einen Nachhall. Wie viel sie auf ihren Romanseiten unterzubringen weiß, wie sie drei Parallel-Leben unterschiedlich gewichtet und dann zu einem Bogen formt, so dass sich ihre Enden berühren können, das hat eindeutig was … 

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