Petras Reise-Logbuch (2 von 4) *Bilbao – La Coruna*

Samstag, 15.09.2018 – Bilbao – am Golf von Biskaya

Getxo heißt der Vorort von Bilbao in dem unser Schiff heute früh gegen 8 Uhr festmacht. Wir frühstücken während des Manövers mit bestem Blick auf die Kai-Anlagen und ich bewundere, wie schon so oft, wie sachte, langsam und punktgenau ein derart riesiges Schiff manövriert werden kann.

Die Provinz Biskaya, in der Bilbao liegt gehört jetzt zu den grünsten Landstrichen in Nord-Spanien. Eine Gegend, die bis in die 1990ziger Jahr von Industrie verschandelt war, Eisen wurde hier geformt, Stahl verarbeitet, es hat die Stadt reich, aber auch grau gemacht. Mut und der Wille zur Entwicklung ließen nach dem spanischen Bürgerkrieg, und nach den Friedensverhandlungen mit der ETA, als Bilbao in der Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte, mittels Einsatz von Abrissbirnen aus grau grün werden.

Das Stadtzentrum von Bilbao liegt malerisch in einem Tal umrahmt von Bergen, alle so um die vierhundert Meter ü.n.N., einer von ihnen, der Artxanda, der Hausberg von Bilbo, wie die Basken ihre Stadt nennen, ist heute der Ausgangspunkt für unsere Unternehmung.

Hier oben am Endhaltepunkt der alten Zahnradbahn, in der frühmorgendlichen Stille, nur vereinzelt führt jemand seinen Hund Gassi und eingehüllt von spätsommerlichem Dunst, der das Tal unter uns in weiches Licht taucht, kann man die Entscheidung der Stadtväter, ihr Wagnis mit der Kunst die Stadt und damit eine ganze Region zu retten, besonders gut nachvollziehen. Schaut man doch aus der Vogelperspektive auf eine geteilte Stadt aus alt und neu, die wie durch eine Perle in der Mitte von und durch ein Museum verbunden wird.

Bedeutende Architekten holte man in die Stadt, unter ihnen Sir Norman Foster, der den Hauptbahnhof und die Metrostationen erschuff. Die Guggenheim Foundation konnte Frank O. Gierry für den Bau eines neuen Museums gewinnen, das 1997 fertiggestellt wurde. Es liegt am Ufer des Rio Nervion und ließ Bilbao wie einen Phönix aus der Asche auferstehen. Um das Guggenheim herum konzentrieren sich heute moderne Gebäude, aufsehenerregende Brücken aus Glas, eine Privat-Universität und imposante Hotelbauten. Folgt man dem Fluß abwärts, an der sanierten Uferprommenade entlang kann man herrlich vom Museum zur Altstadt laufen, in deren Mitte sich die alte Kathedrale erhebt. Ein letzter schneller Blick aus dem Bus auf die historischen Gebäude, wir haben heute einen anderen Schwerpunkt, wir wollen zum Guggenheim, von außen von innen und überhaupt – mit Ruhe.

Große Exponate, wie z.B. die Spinne “Maman” kann man auch schon ohne Eintritt im Außenbereich bestaunen, sie überspannt die Uferpromenade mit ihren gewaltig langen und zahlreichen Beinen, an ihr kommt man nicht vorbei!

Zum Museum gehört auch eine Brücke, sie führt den Verkehr auf das Museum zu und man kann auch als Fußgänger auf sie rauf klettern, über einen Aufgang, der mich an die Palisaden der französischen Revolution erinnert. Überhaupt ist die Formensprache, sind die Gegensätze hier etwas ganz besonderes. Der Materialmix aus in der Sonne glänzenden, metallenen Schuppen, die sich mit hellem Stein abwechseln und die mit den spiegelnden Wasserflächen als Blickmagnete wetteifern schlagen auch mich in ihren Bann.

Wir verfallen in einen Fotorausch, versuchen uns an einem Selfie und von diesem Stab will schon wieder der Auslöser nicht funktionieren. Während wir noch basteln, kommt ein Mitreisender von unserem Schiff auf uns zu, wir dachten schon der will uns helfen, da ertönt in breitem Dialekt “Jetzt machen Sie mal Platz, wir wollen fotografieren und Sie wollen wir nicht drauf haben!”. Okay, okay – verstehe schon, es gibt immer Touristen mit eingebauter Vorfahrt. Wir sind erst einmal sprachlos, dann trollen wir uns, um uns diesen strahlenden Tag nicht von Miesepetern verderben zu lassen.

Wir erreichen eine Reihe Springbrunnen und ein riesiges Huhn aus bunten Fliesen, die zum Verweilen am Museumsufer einladen. Mit herrlichem Blick auf die moderne Szenerie ringsum.

 

Wir haben uns von hinten angeschlichen, der Haupteingang des Guggenheim wird ja auch schließlich von “Puppy” bewacht, einer haushohen Terrier-Figur, die mit blühenden Blumen bepflanzt ist und als Fotomotiv belagert wird. Eigentlich sollte “Puppy” nach der Eröffnung ja wieder weg, weil alle Besucher und Einwohner ihn aber lieb gewonnen hatten, steht er immer noch und wird jetzt zweimal im Jahr neu bepflanzt. Ich bin auch froh, das der Gute noch da ist, das kobaltblau des Seitenbaus leuchtet durch ihn nochmal so schön.

Eine große Freitreppe führt mit breiten Stufen in seinem Rücken abwärts, jetzt will ich aber endlich rein und raus schauen dürfen aus dem guten Stück! In dem Roman Origin von Dan Brown und mit seinem Robert Langdon habe ich hier schließlich schon eine aufregende Nacht verbracht, den Räumen und Schauplätzen der Geschichte will ich jetzt nachspüren, sie hatte den Wunsch in mir geweckt die Koffer zu packen und genau hierher zu kommen.

Um auf Nummer sicher zu gehen hatten wir die Eintrittskarten ja online reserviert, das ist generell zu empfehlen, auch wenn es am heutigen Tag, da in der Nachsaison, zum Glück hier ruhiger ist. Nicht immer wird man nach zwölf Uhr noch eingelassen, wenn der Besucheransturm groß ist oder man steht lange in der Schlange. Heute klappt alles reibungslos und ohne anstehen.

Unmittelbar hinter der Eingangstür empfängt uns schon für mich das Highlight der Ausstellung, ich glaub ich bin im “Little Shop of Horrors” – kennt Ihr den Film? Eine wunderschöne, aber leider fleischfressende Pflanze spielt dort eine Hauptrolle. Nein, keine Angst, hier wird man nicht gefressen, aber hier gibt es aus einem unglaublichen Materialmix eine Pflanze, die sich wie ein lebender Organismus, riesig groß vom Atrium aus, oder auch von woanders aus, so genau sieht man das nicht, in alle Gänge zu verteilen scheint. Wie haben sie die Einzelteile nur so aufhängen können? So unglaublich eng und hoch und all die Ecken? So langsam beginne ich doch an ein Eigenleben dieses Kunstwerkes zu glauben …

Das Atrium ist das Herzstück des Museums, und es pumpt auch seine Besucher über die Treppen, Flure, Stege und Aufzüge wie in einem Blutkreislauf durch die Ausstellungsräume. Es ist der Anfang und das Ende eines jeden Rundgangs, von hier aus gelangt man auch in den Außenbereich und zu “meinen” fünf Tulpen. Spontan verliebt habe ich mich in dieses Exponat von Koonz, gefertigt in Thüringen aus Metall, eine jede Blüte ist in ihrer Gesamtheit fünf Meter lang. Die Oberfläche glänzend geschliffen, poliert und lackiert ist so empfindlich, dass es einen eigenen Betreuers bedarf um sie so makellos zu erhalten. Jeden Tag ist er unermüdlich im Einsatz um die Skulptur “abzuwienern”.

Plötzlich zieht Nebel auf – F.O.G. dieser Name der Installation von Frank O. Gierry ist Programm. Aus der Begrenzung des Wassergartens, der eine Seite des Museumsbaus einrahmt wird aus zig feinen Düsen in regelmäßigen Zeitabständen Nebel versprüht, der Wind und seine Richtung entscheiden wohin es ihn treibt. So wirkt entweder der Bau als Ganzes schwebend, oder die Exponate im Außenbereich. Ich bin baff, welche Effekte das hat!

Nach dem der Nebel abgezogen ist, ziehen auch wir weiter und ich sinniere auf dem Rückweg in die Stadt über das Gesehene. Das Paar überdimensionierter, mindestens drei Meter hoher High Heels aus Kochtöpfen, das neben einem Helikopter stand, der mit rosafarbenen Straußenfedern geschmückt war wie ein Las Vegas Show Girl hatte es mir angetan. Genauso wie die begehbare venezianische Maske aus zig antiken Spiegeln, der rostige Stahl der haushohen Elypsen, mit ihren schmalen Gängen in denen man die Orientierung verlieren konnte. Hab ich eigentlich schon von dieser genialen Video-Installation erzählt, deren Sätze flimmernd über schmale Pfeiler huschen, den Raum dahinter wie einen Wasserfall aussehen lassen, einen Wasserfall aus Worten!

Es hupt, ich habe mit offenen Augen geträumt – ach laßt mich doch noch ein bisschen! Es war so schön …

Sonntag, 16.09.2018 La Coruna – Santiago de Compostella

Ein neuer Tag, ein neuer Hafen – das geht hier Schlag auf Schlag. Die schönen Eindrücke von gestern arbeiten noch in mir, da gibt es heute schon Nachschlag.

Der Pilger von heute geht nicht ohne Handy. Wenn es dabei darum geht, auf dem Jakobsweg in der Weite und Einsamkeit ggf. via GPS geortet werden zu können, wenn einen die eigenen Füße nicht mehr tragen wollen, kann ich das gut verstehen. Wenn es aber darum geht, seine “Pilgerei” fortlaufend zu posten, dann finde ich das schwierig.

Per pedes unterwegs sein, ist hier der Klassiker, man darf aber auch auf dem Rad, mit dem Rollstuhl oder auf dem Pferd ankommen und es “zählt” für den begehrten Stempel als gepilgert. Diejenigen, die hier ganz standesgemäß im Aston Martin anreisen und vor dem 5* Hotel der Parador Gruppe vis à vis der Kathedrale ihre Kutsche, gut sichtbar für jedermann parken, den Motor aufheulen lassen, haben in Sachen Demut irgendetwas falsch verstanden – okay, meine Meinung und herzlich willkommen in Santiago de Compostella, dem Zielort des Jakobsweges in Galizien.

Alles das, was ich zuvor erzählt habe, kann man hier beobachten, junge Leute mit Rucksack und Stöcken im Selfie-Fieber. Über den Köpfen der Besucher schweben zahlreiche Reiseleiter-Lollies, wir sind da nichts besonderes und folgen heute der Nummer 11, zusammen mit unserem spanischen Führer Luis, zu Fuß durch die Altstadt. Gehen unter in der Menge derer, die dem Zauber dieses Ortes nachspüren wollen.

Das die Galizier keltischstämmig sind, daran erinnert hier ein unermüdlicher Dudelsackspieler, der mir schon nach fünf Minuten auf den Zipfel geht. Ein paar Meter weiter verschafft sich ein Straßenmusiker mit Verstärker Gehör. Unzählige Bettler verteilen sich in den Gassen. Was immer ich erwartet hatte, diesen Rummel um die Gebeine des Apostel Jakobus jedenfalls nicht. Meine Gedanken schweifen ab nach Rom, wo sich auch tausende Besucher am Petersdom versammeln und wo man trotzdem zur Ruhe kommen kann. In mir ruft etwas nach einer Besucher-Kontingentierung für Santiago, für diese Stadt, die es nur wegen der sterblichen Überreste von Jakob überhaupt gibt. Hierher hatte man sie 45 n.Chr. gebracht und auf einem römischen Friedhof versteckt, wo man sie 800 Jahre später erst gefunden und den Fund bekannt gemacht hat. Immer mehr Pilger kamen in der Folge hierher um sie zu sehen. Der in Deutschland wohl bekannteste unter ihnen ist Hape Kerkeling, der über seine Pilgerreise von Frankreich nach Santiago de Compostella einen Bestseller schrieb, sein Leben neu ausrichtete. “Ich bin dann mal weg” – ach ja!

Die Reliquie des Jakobus wird heute unter dem Altar der Kathedrale von Santiago in einem Gewölbe, in einem silbernen Sarg aufbewahrt. Obenauf im Altarraum findet man eine lebensgroße Jakobusfigur, sie von hinten zu umarmen soll Glück und Segen bringen. Dafür steht man hier auch schon mal eine Stunde oder länger an.

Ich will nicht spotten, versteht mich nicht falsch, wir sind ja auch hier unter den Tagestouristen, wenn wir auch nicht in dieser Schlange stehen. Zu gerne spüre ich selbst einem Geist nach, den man mit der Ratio nicht fassen kann und den man nicht nur an Orten findet, die von Menschen geschaffen sind. Hier jedoch habe ich ihn nicht wahrnehmen können, er wird erstickt von Zirkus und Kommerz. Das obwohl die Altstadt wunderschön ist und das nicht verdient hat.

Nach fünf Jahren eingerüsteter Sanierungszeit überstrahlt die Vorderfront der monumentalen Kathedrale wieder den gesamten Platz. Das hat mich tief beeindruckt. Auch die Gassen und Plätze rundum bieten immer wieder spannende Aus-und Einblicke.

Das Innere der Pilgerkirche birgt einen für mich seltsam anmutenden Widerspruch. Schlicht sind die Bänke und Gewölbe, hinter dem Seiteneingang ist noch das Portal der alten römischen Basilika zu sehen, die hier zuerst stand. Die heutige Kathedrale ist drum herum entstanden, mit reicher ornamentaler Verzierung, einem vor Gold nur so strotzenden Altarraum, überbordend, überladen. Mit offenem Mund sitze ich in einer der Bankreihen.

Wer Ruhe sucht, wird sie hier drinnen auch nicht finden, nicht zu dieser Tageszeit, es herrscht ein reges Kommen und Gehen, ein Gewirr aus Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen. Ich werde nachdenklich, grübele ob das Pilgern wirklich einen Zielort braucht, der die innere Reise abschließt und ob ich mir dann diesen hier dafür wünschen, aussuchen würde. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich dieser Ort früh am Morgen oder vor Einbruch der Nacht anfühlt. Vielleicht hält er sich ja wirklich hier versteckt, der Geist der inneren Einkehr. Vielleicht erlebt man diesen Moment auch nur unterwegs, allein auf der Strecke, bei sich in eigenem Tempo und hier angekommen will man ihn feiern und teilen, den Erfolg, das Erreichte … Pilgern ist ja irgendwie immer schon auch ein massentouristisches Ereignis, oder? Denken wir mal an Mekka oder auch an Lourdes. Wie auch immer.

In einem Cafe etwas abseits sitzen wir jetzt in der Sonne mit Blick auf das Geschehen und ich bin trotz allen widrigen Eindrücken froh hergekommen zu sein.

Die Uhr gemahnt uns zum Aufbruch und wir folgen unserem Luis, zurück vorbei an  Eukalyptuswäldern nach La Coruna, zu dem Hafen, an dem wir heute früh galizischen Boden betreten haben. Das Nebelhorn unseres Schiffes hatte uns den Weg hierher frei getutet, im frühen Dunst des Tages waren wir aufgebrochen. Ob wir heute am Abend werden nachvollziehen können, warum La Coruna für seine kristallverglasten, zahlreichen Balkone berühmt ist, in denen sich die untergehende Sonne spiegelt?

Ich bin mir nicht sicher, mag aber eigentlich diesen mystischen Dunst, der sich auch am Abend wieder über die Hafenbucht legt fast ein bisschen lieber. Er umwabert so schön leicht den Torre de Hercules, den ältesten noch in Betrieb befindlichen römischen Leuchtturm der Welt, auf den wir bei der Ausfahrt noch einen Blick werfen können. Was wir diesen Römern nicht alles an Baudenkmälern zu verdanken haben, alle Zeit scheinen sie überdauern zu können …

Ein Sohn dieser Stadt hat auch ein Imperium begründet. Mit fünf Näherinnen hat er angefangen in einem kleinen Atelier in der Nähe des Hafens. Heute ist er ein reicher Mann und sein Label ZARA zieht Frauen und Wohnungen in der ganzen Welt an.

Ja, Hafenstädte stehen immer irgendwie auch für den Aufbruch, haben einen besonderen Flair. Findet Ihr nicht? Ich für meinen Teil freue mich jetzt auf einen entspannten Abend an Bord und mit der Aussicht auf einen Tag auf dem Meer schließe ich für heute mein Tagebuch. Wie lesen uns spätestens in Lissabon wieder, versprochen!
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2 Kommentare

  1. Petra
    10. Oktober 2018

    Ich bin mir da fast sicher, dass es Dir im Guggenheim Bilbao gut gefallen würde.Bleib neugierig, ich freue mich, dass Du an Bord bist, es folgen noch tolle Häfen, in der kommenden Woche. LG Petra

  2. Dorothee
    10. Oktober 2018

    So, ich war dann mal im “Guggenheim”…geradezu plastisch von Dir geschildert
    Aber ich habe durch Deine Schilderung auch gesehen, dass ich auf den Jakobs-Weg nicht muss…ja, schade, überall nur noch Menschenmassen…wir bleiben in Deitschland – da ist es auch sehr schön!
    Wann kommt Teil 3 Deiner Reiseerlebnisse?
    Bis bald!

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