Nordwasser (Ian McGuire)

Sonntag, 06.05.2018

Eine Mischung aus Floss der Medusa und Moby Dick? Oder eher eine Story à la Meuterei auf der Bounty im Nordland? Was erwartet mich wohl hier?

Derzeit bin ich irgendwie auf Seefahrer-Geschichten abonniert, vielleicht auch, weil mich in den letzten Wochen wieder das Fernweh gepackt hat, und ich mit Wehmut an unsere Schiffs-Reise im letzten Sommer von Norwegen über Spitzbergen nach Island zurückdenke.

Damals hat mich auf Höhe der Insel Jan Mayen früh am Morgen der Staubsauger des Kabinen-Stewarts geweckt und ich konnte so, noch vor dem Frühstück, einen traumhaft schönen Ausblick auf dieses beeindruckende Eiland werfen. Bequem vom Balkon eines Kreuzfahrtschiffes aus, bei stahlblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein, ist dieses heutige Naturschutzgebiet und Tierparadies eine wahre Augenweide:

Eingefügt: Foto Jan Mayen, Quelle Petras Bücher-Apotheke, Reise-Logbuch 2017.

Im heute hier vorgestellten Abenteuer passiert der Walfänger Volunteer nach zehn Tagen Sturm, bleiernem Himmel und Eisregen, auf seinem Weg nach Grönland, ebenfalls Jan Mayen.

(Da hatte ich doch eindeutig die besseren Bedingungen!)

Nordwasser von Ian McGuire

1859 nordwestlich von England, im Eismeer. Als der Wind nachließ, das Schiff endlich aufhörte zu schlingern, zu rollen und sich nicht mehr gegen die Wellenberge stemmen musste, fragte sich der frisch gebackene Schiffsarzt Patrick Sumner, der beinahe die ganze Zeit nach dem Ablegen kotzend unter Deck verbracht hatte, was er sich da wirklich eingebrockt hatte. War er doch davon ausgegangen, dass diese Reise für ihn eine Ferienfahrt werden würde. Die Anwesenheit eines Arztes auf einem Walfänger sei ja lediglich eine formaljuristische Angelegenheit, so ging jedenfalls die Rede. Gerade erst dem Militärdienst in Indien, wo er die Truppen ihrer Majestät zusammengeflickt hatte entkommen, wollte er jetzt mit Hilfe seiner Reise-Ration Opium, sowie der nordischen Landschaft Ruhe und Abstand gewinnen.

Soweit sein Plan, der jedoch bereits bei seinem ersten Landgang eine Delle bekam, wurde er doch in eine Kneipenschlägerei verwickelt und auf’s Heftigste „demoliert“. Ein gewisser Henry Drax und der erste Offizier halfen ihm danach in seine Kajüte, legten ihn in seine Koje und – spionierten zwischen seinen Sachen. Schon bald pfiffen die beiden Teufelsbraten durch die Zähne, entdeckten sie doch am Grund von Dr. Sumners Schiffskiste seine Armee-Entlassungspapiere mit dem Vermerk „unehrenhaft“ und einen riesigen, mit kostbaren Edelsteinen besetzten Ring …

In einem Dunst aus Fürzen und verschüttetem Bier waren wir Henry Drax in einer Taverne zum ersten Mal begegnet. Seine letzte Nacht an Land hatte er mit Huren, Schnaps und dem Mord an einem Shetlander verbracht. Was ihn kalt ließ, denn wenn sie sein Opfer mit eingeschlagenem Schädel in diesem Kohlenkeller finden würden, wäre er längst weg, mit der Geldbörse des Saufkumpans in seiner Tasche, auf dem Walfänger Volounteer unterwegs in Richtung Grönland…

Als sie ihn zwischen den Packeis-Schollen fanden, sah er aus, als wäre er bereits tot. Blass war er, jeder Tropfen Blut schien aus ihm gewichen. Wie lange er wohl im Wasser gelegen hatte? Sumner hatte nach seinem Sturz in die eiskalte Brühe schnell das Bewußtsein verloren. Ein jeder der an Bord war und ein Messer halten konnte, hatte an diesem Tag mit in die Boote gemußt. Robbenjagd war angesagt. An Land hatten sie Dutzende der Tiere erschlagen. Auch er hatte ein zerfetztes Bündel Leiber hinter sich her zurück in Richtung Boot geschleift, bevor er zu Fall gekommen war …

Unheilvoll nimmt die Geschichte jetzt Fahrt auf. Das Unheil selbst nähert sich dabei aber nicht von außen, sondern es ist längst an Bord, kauert in Lauerstellung, geduckt unter den Männern. Als einer der Schiffsjungen mit Bauchschmerzen zum Schiffsarzt kommt und dieser eine Vergewaltigung diagnostiziert, verläßt das Unheil seine Deckung. Nur wenige Tage danach findet die Mannschaft den verstörten Jungen tot auf, erwürgt. Der Verdacht fällt schnell auf einen Seemann, der sich offenkundig an anderen Ufern wohler fühlt und das Unheil? Es nimmt seinen Lauf …

Wir segeln derweil mit der Volunteer und ihren neundreißig Mann Besatzung, einem bunt zusammengewürfelten Haufen weiter nordwestwärts. Der eiskalte Nieselregen legt einen siebzig Zentimenter dicken Panzer auf ihren Rumpf, den die Mannschaft immer wieder abschlagen muss. Sumner reist in seinen Fieberträumen zurück nach Indien und wir mit ihm. Wir betreten mit ihm ein Feldlazaret, stehen zwischen den entstellten Männerkörpern, hören die Knochensäge, die ohne Unterlaß ihren Dienst tut. Dieser üble Geruch, der von denen, die die Schlacht nicht überlebt haben und von ihren amputierten Gliedmaßen ausgeht, der Schmutz, die Schmerzen und diese unsägliche schwüle Hitze, zweitausend Tote in zehn Stunden sind eine Qual …

Ian McGuire, geboren 1964 ist britischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. In seinem 2016 für den Man Booker Prize nominierten Roman Nordwasser spielt er Schiffe versenken im Packeis, zwischen knirschenden Schollen, rauh und brutal wie das Nordmeer an einem stürmischen Tag. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, erschafft mit kraftvoller Sprache ein historisches Gemälde, drastisch, dramatisch und ungeschönt.

Als 1859 die Volunteer aufbricht liegt der Walfang bereits im Sterben und eine ganze Industrie stirbt mit ihm, denn man erleuchtet sich jetzt lieber mit Petroleum als mit Tran. Die Männer sind Rauhbeine, teils roh, wie so manches was hier verzehrt wird. Unfassbar, was man alles essen kann. Augäpfel von Robben, Haferbrei mit Nieren – was für ein Frühstück!

Wie vom Klabautermann zusammengetrommelt und vereint zu einer Schicksalsgemeinschaft bevölkern Abenteurer, Mörder, Versicherungsbetrüger, Sodomiten, Ehrgeizlinge, Eskimos, missionierende Priester, habgierige Reeder und einfache Seeleute diesen großartigen Roman, der vor der ehrfurchtgebietenden Kulisse der Arktis verortet ist.

Die Landschaft hier ist eine Schönheit aus glitzerndem Eis und Schnee. Die Kälte ist ein Ungeheuer. Wie aus einem Alptraum krallt sie sich an die Männer, läßt ihr Blut dicker werden, sie in der Bewegungslosigkeit erstarren. Hier wo sogar der Schweiß auf der Stirn, am Körper und die Atemluft auf den Gesichtern gefriert, das Nordlicht funkelnd und strahlend am Himmel die unwirkliche Szenerie beleuchtet, läßt McGuire uns Blinddarmoperationen auf einfachen Holztischen erleben. Als wolle er uns zwischendurch mal aufzuwärmen läßt er uns durch Dr. Sumners laudanumgetränkte Fieberträume einen anderen Kontinent betreten: Indien.

Für zarte Gemüter, sind seine schockiernd bildhaften Beschreibungen eher nicht geeignet. Man schluckt hart und trocken, wenn das Kopfkino sich mit blutigen Bildern eines grausamen Schlachtens bei Minus achtzehn Grad füllt. Geerntet werden stinkende Haut, Felle und Tran. In ihrer Verzweiflung am Ende mit halb leerem Frachtraum heimkehren zu müssen, balgen sich die tapferen Männer mit zahlreichen Haien sogar um einen halb verwesten Walkadaver. Retten sich vor dem Gestank beim Hieven und zerlegen in die Wanken …

Was für ein Roman! Ein echtes Fundstück, ein großes Abenteuer. Kein Wunder das die New York Times ihn 2016 zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gekürt hat. Was für eine Freude, dass er jetzt zwei Jahre danach, in einer wunderbaren deutschen Übersetzung erhältlich ist und als nicht minder beeindruckende –

Hörbuch-Fassung, mit 9h und 45 Min.:

– in der unheimliche Klänge die Kapitelanfänge untermalen. Walgesang oder U-Boot-Sonar? Auf jeden Fall unheilverkündend, umfangen einen diese Töne.

Wolfgang Koch als Vorleser zu besetzten – da kann nix schief gehen! Ihn kenne ich bereits als Sprecher der Joona-Linna-Romane des Autoren-Duos Lars Keppler. Im Spannungsbereich ist er mit seiner Art des Vortrages eine Bank. Kaum einer kann wie er Sätze so in der Luft hängen lassen, dass man den Atem wie gebannt anhält. Seine kunstvollen Pausen wirken auch in diesem historischen Abenteuer wie ein Verstärker für die Spannung. Einzelne Charaktere hebt er stimmlich perfekt hervor ohne dabei clownesk zu werden. Dafür gibt es von mir eine unbedingte Hörempfehlung! Schnallt Euch an, das wird ein wilder Ritt …

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