Herz auf Eis (Isabelle Autissier)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 12.05.2018

Nicht wehren konnte ich mich gegen diese Bilderflut. Der Lektüre dieses außergewöhnlichen Romans verdanke ich sie. Wie aus dem Nichts, und in null komma nix, ist sie in mir aufgestiegen, wie perlendes Wasser …

Bereits über das Beitragsbild habt ihr mit mir diese Welt betreten, über den Anleger von Pyramiden, einer Geisterstadt umgeben von Gletschern, gute tausend Kilometer vom Nordpol entfernt. Dem Verfall preisgegeben, unwirklich, empörend und faszinierend gleichermaßen. Springt ab auf meinen Blog und staunt mit mir über meine Fotos von damals. Wer Lust hat, findet die fünf Logbücher meiner Reise und einen ausführlichen Bericht über unsere Wanderung durch Pyramiden dort ebenfalls.

Alle anderen entführe ich derweil an den Rand der Antarktis, wo sich Königspinguin und Robbe „Gute Nacht“ sagen:

Foto Pyramiden, Quelle: Petras Bücher-Apotheke, Logbuch 2017

Herz auf Eis

Die Diät aus ranzigem Fisch, Vogel- und Robbenfleisch, Muscheln, Schnecken und Algen, die ihnen diese Insel aufzwang, ließ allmählich ihre Kräfte schwinden, ihre Muskeln vergehen. Für die Finanzbeamtin und Hobby-Bergsteigerin und den Eventmanager hätte dieses Sabbatjahr das Abenteuer ihres Lebens werden sollen. Welch Ironie!

Ludovics Hunger nach mehr Leben war es, der Luise aus Furcht ihn zu verlieren, schließlich hatte mitziehen lassen. Verliebt wie sie war. Dumm genug, wie sie jetzt fand. Fast ein Jahr lang hatten sie den Trip geplant, ein Boot gekauft, ihre Jason, segeln wollten sie von Frankreich über die Antillen, dann Patagonien, Kap Horn, Kapstadt. Frei sein. Hier wollten sie dann entscheiden, ob und wie es weiter gehen würde, wieder nach Hause in ihr altes Leben oder weiter mit der Jason Richtung Indien.

Alles war glatt gelaufen, sie fühlten sich leicht und unbeschwert, ohne die Zwänge der Neuzeit. Ihr Handy hatte man ihnen geklaut und sie hatten keines mehr gekauft. Ohne GPS-Sender mit dem man sie hätte tracken können waren sie tatsächlich grenzenlos frei. Alles war glatt gelaufen, bis heute. Bis zu diesem Ausflug auf die verbotene Insel Stromness. Das zu England gehörende, gebirgige Naturschutzgebiet und Tierparadies in der Antarktis war dereinst eine betriebsame Walfängersiedlung gewesen. Heute wurde es ausschließlich in der warmen Jahreszeit noch von Forschern angelaufen, Touristen und Besuchern war der Zutritt untersagt. In den 1950er Jahren hatte man die kleine Stadt aufgegeben, das grausige Schlachten erst beendet, nachdem die Wal-und Robbenbestände nahezu ausgerottet waren.

Ihre Jason lag draußen auf dem Meer vor Anker, ihr Beiboot hatte sie mühelos an den Strand getragen, an diesem klaren, herrlichen Januartag, einem Sommertag auf dieser Erdhalbkugel. Sie waren auf den Gletscher gestiegen, staunend wie die Kinder, die erhabene Schönheit dieses Ortes am Ende der Welt betrachtend. Als der Sturm aufkam schafften sie es nicht mehr zurück zur Jason zu rudern. Die Brandung warf sie immer wieder an Land. So hatten sie Schutz gesucht in den maroden Behausungen der einstigen Walfängersiedlung und waren erst am nächsten Morgen wieder ins Freie getreten. Der blitzblanke Ozean hatte vor ihnen gelegen, als sei nichts geschehen, mit einer Ausnahme – ihr Schiff war nicht mehr da …

Isabelle Autissier geb. 1956 in Paris – gehörte zu den nomminierten Autoren für den Prix Concourt 2017 mit ihrem Herz auf Eis. Pressestimmen vermelden man erobere sich hier lesend eine Extremerfahrung und dem stimme ich zu!

Befragt man Wikipedia, erfährt man dort, dass Autissier 1991 von sich reden machte, als sie als erste Frau im Rahmen einer Regatta allein die Welt umsegelte. Davor hatte sie bereits 1986 einhand den Atlantik in ihrer Segelyacht überquert.

Ihr Roman Herz auf Eis ist getragen von einer Authentizität, die ich mir nur so erklären kann, dass diese Frau genau weiß was Einsamkeit bedeutet. Auf sich allein gestellt bei einer Weltumsegelung, tagelang, wochenlang, den Naturgewalten ausgesetzt.

Von jetzt auf gleich schneidet sie die beiden Hauptfiguren in ihrem Roman von jeglicher Zivilisation ab. Sie kappt ihnen die Verbindung zu elektrischem Licht, Wärme, zu fließendem Wasser. Zur Kommunikation läßt sie ihnen nur noch einen Gesprächspartner, den eigenen Lebensgefährten. Sie wirft sie auf sich selbst zurück, wenn dieser zusammenbricht, hilflos und machtlos, den Naturgewalten ausgeliefert, am anderen Ende der Welt.

Die Tage erhalten eine völlig andere Struktur, die Nahrungsbeschaffung rückt in das Zentrum des Tagesablaufs, nimmt ihn nahezu gänzlich ein. Man tötet was man ißt, mit den eigenen Händen. Lebensmittel die bis gestern jederzeit verfügbar waren, sind allesamt gestrichen. Die Ratio wird ausgeschaltet, die Instinkte und der pure Überlebenswille übernehmen. Er tritt an die Stelle aller Gefühle, schafft sich Raum. Die Scham, die aufflammt, betrachtet man das eigene Handeln, die blutigen Hände, wird von diesem Willen im Keim erstickt.

Kälte, Mangelernährung und Einsamkeit – auf den ersten Blick ist es schwer vorstellbar, wie die Beiden da heutzutage so stranden können, ausgeliefert ohne Satelitten-Telefon und GPS in unserer so modernen, aufgeklärten Zeit. Selbstüberschätzung, Ignoranz, oder einfach nur Dummheit? Was hat sie in diese Lage gebracht? Das zu bewerten überläßt die Autorin uns, ihren Lesern. Sie zeigt nur auf, was geschieht. Mit den Beiden, die die Schuldfrage ihrer Robinsonade offen und laut diskutieren. Die bei ihrem Kampf ihre Liebe verlieren, sich mitleidig aneinander klammern.

Wie schnell wir oftmals schon, und das in unserem wohlgeregelten Alltag, die Geduld miteinander verlieren. Was würde da eine solche Ausnahmesituation mit uns anstellen? Nicht nur einmal habe ich mir diese Frage gestellt. Wie ich selbst wohl gehandelt hätte? Nicht das man das je erleben will. Bewahre!

Was die einen zerbricht, läßt die anderen erstarken, über sich selbst hinauswachsen. Was ist da in uns angelegt? In wem von uns schlummert was?

Autissier zitiert zum Ende ihres Romans George Orwell aus seinem Roman 1984 und läßt einen Satz zum Schlüssel für ihre Hauptfigur werden. Lange habe ich darüber gegrübelt, auch wie ich meinen Beitrag hier beende. Ich lasse diese Sätze daher einfach mal so stehen:

  • Der Weg ist schwer, der Weg ist weit,
  • Doch kann ich nicht zurück;
  • Wer einmal dein ist, Einsamkeit,
  • Dem bist du Tod und Glück ….

Quelle: Hermann Hesse, Die Gedichte, Insel-TB S. 763, Einsamkeit

 

 

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