Nachtleuchten (María Cecilia Barbetta)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 14.04.2019

Manche Romane machen es einem nicht leicht. Erst locken sie mit Einbänden, mit Klappentexten, die uns neugierig machen. Schlägt man sie dann auf, zieren sie sich, wollen uns nicht einlassen in ihre Geschichte, verweigern sich beinahe. Das macht noch neugieriger.

Seite um Seite arbeitet man sich voran, wartet auf den Durchbruch. Versucht sich den Figuren anzunähern. Man fremdelt, längst hätte man aufgegeben, wäre da nicht diese Sprache, diese Ausdrucksweise …

Mit dem Roman von María Cecila Barbetta ist es mir so ergangen. Angelockt auf der Frankfurter Buchmesse von dieser Präsentation:

Von dem magischen Lächeln der Autorin und wie die Sonne auf diesem Cover leuchtete, das auf dunklem Hintergrund von ganz feinen Linien durchzogen ist. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass diese zu einem Stadtplan gehören. Zu Ballester, einem Viertel von Buenos Aires in dem Barbetta auch aufgewachsen ist, ihre Geschichte lässt sie genau hier spielen. Hier kennt sie sich aus. Eine Geschichte wie ein Streifzug, nicht nur durch diesen Stadtteil, sondern auch durch die Leben ihrer Figuren.

Eine katholische Mädchenschule, das Instituto Santa Ana, liegt ebenfalls hier und hierher in dieses Klosterinternat kommt die Arztochter Teresa Gianelli jeden Tag als Externe. Hier fasst sie den Entschluss, die Religion zu den Menschen bringen zu wollen und wählt dafür eine Plastik-Madonna, die sie fortan mit sich herum trägt wie eine Schutzpatronin. Teresas Mutter ist guter Hoffnung und vielleicht ist es das, die Aufmerksamkeit der Eltern und anderer, die sie künftig verliert oder wird teilen müssen, die sie jetzt mit der Madonna durch die Straßen schickt. Das und die “wilde” Vespa fahrende Nonne Maria, die sie unterrichtet, mit ihrem zerzausten Haar und diesem Buch, das sie in den Unterricht mitgebracht und wie achtlos auf ihrem Pult liegen liegen gelassen hat, Auf drei Wegen zu Theologie der Befreiung. Wie das klang!

Diese Madonna ist eine Replik der Marienfigur aus der Wallfahrtskirche von Luján, welches westlich von Buenos Aires liegt und die dort um 1630 aufgestellt worden sein soll, als Lasttiere an dieser Stelle den Weitertransport verweigerten. Sie galt fortan als Nationalpatronin Argentiniens. Teresas Plastikmadonna fluoresziert auch, will sagen sie kann des Nachts leuchten und sie leuchtet auch uns Leser den Weg in dieser Zeit der politischen Wirren, bis sie ganz profan stürzt und zerschellt …

María Cecilia Barbetta, geboren 1972, kam 1996 aus Buenos Aires nach Berlin um zu bleiben. Ihren ersten Roman Änderungsschneiderei Los Milagros  schrieb sie 2008 bereits auf Deutsch, mit ihm gewann sie den aspekte-Literaturpreis. Mit Nachtleuchten kletterte sie, zehn Jahre danach, 2018 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Ich bin beeindruckt! Wie kann man in einer Sprache, die nicht die Muttersprache ist, so poetisch schreiben! Beinahe artistisch mutet das an, wie sich ausschließlich mit wohl formulierten Sätzen in ihrer Geschichte fortbewegt. Figuren mit Herz und Hand begleiten sie, Moped fahrende Nonnen brausen durch die Seiten, homosexuelle Friseure (erst denkt man Klischeealarm, aber dann …) lassen Locken fallen und rebellische Autoschrauber versuchen sich an einer Wende.

Sie lässt ihren Roman 1974/75 spielen, in einem Argentinien, das Gewalt und politische Umschwünge nur zu gut kennt. Die politische Szenerie bleibt dabei aber eher im Hintergrund ihrer Geschichte, das Atmosphärische scheint ihr wichtiger zu sein. Ihre Figuren stattet sie mit Visionsfähigkeit aus, nicht nur mit Überlebenswillen und mit Humor. Sie blickt mit Liebe auf dieses Viertel und ihre Menschen, z.B. auf einen uralten Ceibobaum mit seinen fleischroten Blüten:

“Der Bürgersteig von CLEAN EASTWOOD stand komplett unter Wasser. Auf der Oberfläche schwammen Blumen wie Seerosen. Für einen Augenblick ewiger Schönheit schien Ballester stillzustehen”. (Textzitat)

Sie erzählt uns in ihrem ersten Roman-Teil von Schlafwandlerinnen von Geheimnissen, Mädchenfreundschaften und Internatsfeindschaften. Von Lieblingslehrerinnen und Ordensschwestern, von Sartyren und Exibitionisten. Von Wäschereien deren Bürgersteig ebenso reinlich ist wie die Hemden ihrer Kunden. Von magischem Leuchten, von Kleingläubigkeit von großen und kleinen Herzen, streunenden Hunden. Ich finde ja ihre Namensgebung Klasse! Wer kommt schon auf die Idee eine Wäscherei Clean Eastwood zu nennen? Wer würde nicht zu einem Friseur gehen wollen, der Ewige Schönheit verheißt? Barbettes Sprache kommt dabei nicht literarisch sperrig sondern leichtfüßig daher.

“Uns steht das Wasser bis hier, Celio. Argentinien, das weite Land am Rio de la Plata, geht unter und mit ihm die Zauberlehrlinge, die die Geister gerufen haben … Da der zurückgekehrte Meister inzwischen tot ist, haben wir lauter Quereinsteiger: Einen obskuren Minister, der eine Präsidentin führt, als wäre sie ein Handpuppe”. (Textzitat)

Im Teil zwei wird es politisch, und hier lernen wir nicht nur den Friseursalon Ewige Schönheit und die Automobilwerkstatt der Wortrebellen Autopia kennen, ich habe hier auch meine Lieblingsszene gefunden, was diesen Teil für mich zum stärksten des Romans macht. Hier habe ich an Fahrstunden teilgenommen, die wirklich witzig sind und die, wie kann es auch anders sein, mit einem CRASH-TATÜTATA-SCHLUCHZ enden. Fahrstunden, die ein Techtelmechtel begründen, das in einem Wortgefecht zwischen Gehörntem und Don Juan münden, das seinesgleichen sucht.

Hier werden auch schon einmal Ereignisse aus Träumen in Zahlen umgerechnet und auf den Lottoschein gebracht. Sie sollen am Ende den Volltreffer sicherstellen. Der Feierabend wird mit Schnapspralinen begangen, sie sollen helfen dunkle Erinnerungen zu mildern. In Autopia geht es bunt zu, hier wird nicht nur gefachsimpelt, sondern sogar das Bermuda-Dreieck thematisiert.

Als Einsprenkler finden sich Artikelausschnitte aus dem ballester lokalanzeiger, die das aktuelle politische Geschehen in Fragmenten spiegeln, der Handlung einen Rahmen geben und unsere Madonna aus Teil eins taucht wieder auf. Diesmal arbeitet sie gegen die Schreibblockade eines Schriftstellers an.

Hier ist mit drei Worten alles gesagt: Der Regierungs-Slogan SCHWEIGEN IST GESUNDHEIT,  wird ausgeben und mit ihm wollte man sich nicht, wie offiziell verlautbart, gegen den anschwellenden Autolärm in der Innenstadt richten, im Grund wollte man nicht mehr lange fackeln und künftig aufbegehrende Regierungsgegner aus dem Weg räumen …

Auch ein Blick auf die Legende Evita darf natürlich nicht fehlen in einem Roman, in dem es um Argentinien geht. Wie es vielen mit ihrem Tod erging, wird im Beispiel des Salons Ewige Schönheit erzählt und wir sehen vor uns, wie die Inhaberin dort vor einem kleinen improvisierten Altar kniet um zu beten.

In ihrem dritten Teil streift Barbetta dann auch die Schreckensherrschaft der Militärjunta nach dem Sturz von Perón mit ihren Todesschwadronen um mit Der vierten Dimension zu enden, in der sie nochmals zusammenfasst und mich ratlos zurücklässt, mit ihrem Roman, der es mir  wie Eingangs erwähnt nicht leicht gemacht hat. Der wie eine schöne Frau beim Tango erobert werden will. Der eine außergewöhnlich Erzählform wählt, die seltsam mathematisch schon im Inhaltsverzeichnis anmutet und der mit einer Vielzahl von Lebenssträngen aufwartet, für die förmlich einen eigenen Stadtplan und einiges an Konzentration erfordert.

Alles in allem bin ich hin und her gerissen von Barbettas Roman. Komplett hat er mich nicht abholen können, kalt lässt er mich aber auch nicht. Die Episodenhaftigkeit der Geschichte hat mich angestrengt, hat ihn nicht zu meinem werden lassen.

Wenn sie mir wie in ihrem Teil zwei aber zeigt, mit welch beeindruckender Leichtigkeit sie schreiben kann und Szenen in Wortduellen eskalieren lässt, die einem wie ein brillianter Funkenregen nur so um die Ohren und Augen sausen, dann war ich ganz und gar bei ihr. Das kann sie, die Frau Barbetta, Geschehenes sprachlich auf die Spitze treiben. Sie liefert so verbale Showdowns, bringt mit einzelnen Sätzen politische Drangsal und Dringlichkeit auf den Punkt.

Wie bringe ich das jetzt für mich zusammen? Wie beim Tango konnte ich zwar ihre Leidenschaft spüren, der Tanz selbst aber ist wohl doch nicht so wirklich meiner …

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