Mond über Beton (Julia Rothenburg)

Berlin. Deutsche Hauptstadt. Von der UNESCO betitelt als Stadt des Designs. Rund 3,7 Millionen Einwohner, zwei Flüsse, Spree und Havel findet man im Stadtgebiet, vom Roten Rathaus aus wird das Land Berlin regiert. Geteilte Stadt, wiedervereinigte Stadt. Rund 1,3 Millionen der hier lebenden Menschen haben ausländische Wurzeln.

Stadt der Regierenden. Stadt der Kunst, Kultur und Architektur. Bestehend aus 12 Stadtbezirken, darunter Kreuzberg und Neukölln, beide mit die größten türkischen Gemeinden außerhalb der Türkei. Hier liegt auch der Kotti, wie man im Volksmund den Platz “Kottbusser Tor” nennt, mit seinem U-Bahnhof ist er ist das Zentrum des nordöstlichen Kreuzbergs.

Der Kotti ist Verkehrsknotenpunkt, aber auch harte Drogen werden hier umgeschlagen, ein öffentlicher Drogenkonsumraum (Fixerstube) wird auch gegen den Willen von Bürgerinitiativen am Leben gehalten um Abhängigen zu helfen. Diebstähle, Raub und Körperverletzung haben hier ein Zuhause gefunden, Obdachlose und Streifenwagen gehören zum Straßenbild. Auch wenn es hell ist.

War der Kotti früher, vor 2017, noch ein beliebter Ausgangspunkt für Touristen und Kneipentouren, ist er heute für viele zur No-Go-Area geworden. Zwischen gesichtslosen Hochhäusern hat es zahlreiche dunkle Gänge, die diesen Parallelkosmos zerteilen in dem die unterschiedlichsten Schicksale beheimatet sind, von ihnen erzählt Julia Rothenburg in:

Mond über Beton

“Wo Menschen sind, da ist Geld, da ist Dummheit. Matheunterricht, das weiß er auch noch: Menschen wachsen linear, Geld und Dummheit exponentiell.”

Textzitat Julia Rothenburg Mond über Beton

Eine Bürgerversammlung. Gedanken, die man nicht zu Ende denken will in Halbsätzen. Früher war es besser hier, jetzt hat es nur noch Schlagzeilen in der Zeitung die keiner lesen will und doch sind sie wahr. Es passiert hier, mitten unter ihnen. Jeden Tag. Der Kotti ist ein Tatort. Kein Wohnort mehr. Marianne schneidet die Artikel aus der Zeitung aus, sie dokumentieren den Abstieg des Viertels und ihr Günther schweigt. Wie immer. Es gibt Dinge die ändern sich nie …

Kaleidoskop. Die Sätze in dieser Geschichte drehen und wenden sich. Aber ich behalte sie im Blick. Das was sie mir erzählen. Sie flüstern. Decken auf. Sie sezieren. Sind gnadenlos. Beschönigen nichts. Beton hat kein Blut. Schon klar. Marianne denkt, er habe aber eine Seele und sie hat viel dafür getan. Mit ihrem Ehrenamt. Es ist ihr Kiez. Sie hängt an ihm und dass die Zeitungen so darüber berichten, ist nicht richtig. Immer verwenden die Fotografen die falsche Perspektive. Halten die Kamera, dahin wo am meisten Dreck liegt. Das geht doch so nicht und doch geht es so. Immer weiter. Immer schneller. Diese Schreckensnachricht heute, will sie gar nicht lesen. Muss es aber doch. Sie verändert alles. Einfach alles …

Totgeprügelt. Kaum noch zu erkennen. Schon wieder ein Bandenkriegsopfer? Jetzt muss etwas passieren. Jetzt. Günter und Marianne sind in der Nacht in Hausschuhen raus. Jetzt machen sie mobil. Sind bei Mutlu. Es geht doch auch um seine Jungs. Ein Toter auf der Straße ist hier am Kotti so selten nicht. In diesem Fall aber ist genug genug. Auch für Stanca, die ihn gefunden hat.

Eine Bürgerwehr soll die Straßen wieder sicher machen. Jetzt. Weil jetzt richtig ist. Für die, die in Ruhe hier leben wollen. Die zur Arbeit gehen jeden Tag, zu einer von und mit der sie nicht reich werden. Die aber eine ehrliche ist und weil der Kotti eins ist: Ihre Heimat.

“Niemand hört sie. Das ist das Problem am Kotti, hier hört man niemanden, hier ist alles Rauschen und Brummen und Rumgegröle und Männer, die glotzen, rotzen und spucken.”

Textzitat Julia Rothenburg Mond über Beton

Julia Rothenburg, geboren 1990 in Berlin, wuchs in Kreuzberg auf, studierte Soziologie und Politikwissenschaft. Nach Koslik ist krank (2017) und hell/dunkel (2020) ist dies ihr dritter Roman und ich will jetzt mehr von ihr.

Mindestens ihren Koslik will ich noch kennenlernen, so beeindruckt hat sie mich. Mond über Beton ist stilistisch und sprachlich bis hierher mein Jahreshighlight 2021. Inhaltlich weil der Roman bei mir eine Betroffenheit ausgelöst hat, die auch nach dem Lesen noch anhält. Er hallt in mir nach, hat einen verdammt bitteren Nachgeschmack. Weil die Hoffnung, die uns alle nährt, die versteckt sich hier gut. Brutalität regiert die Tage und Perspektivlosigkeit. Brüder rennen gegeneinander, die sich gegenseitig das Gesicht in die Teppichflusen drücken, bis das Atmen schwer fällt und die Wut abflaut. Überhaupt die Wut, sie verbrennt alles und von ihr gibt es hier reichlich. Heillose und ungebremste. Sie scheint das schlagende Herz dieses Viertels zu sein zu sein, das einst hip war und jetzt so kaputt ist, dass es weh tut.

Julia Rotenburg hat gute Augen und ihre Ohren überall, darüber hinaus scheint sie eine Art Gefahrenradar aktiviert zu haben. Unterschwellig staut sie Spannung auf in ihrem Szenario, während sie Schicksalsschläge und gescheiterte Lebensentwürfe nachzeichnet. Von ihnen erzählt sie im Vordergrund, klug und treffsicher. Im Untergrund lässt sie es brodeln, erst köchelt es noch leicht und leise, dann so beginne ich zu ahnen, wird uns die Soße um die Ohren fliegen. Und zwar so richtig und die “rote Suppe tropft auf den Asphalt” um es mit Peter Fox zu sagen.

Wie gut bei ihr Inhalt und Sprache zusammen passen! Diese kurzen Sätze, die sie einstreut, sind so prägnant, bringen Situationen auf den Punkt wie ich es selten vorher gelesen habe. Damit hat sie mich von Anfang an gekriegt und wie sie die Fragmente, mit denen sie erzählt, wie bei einem Puzzle aus 1000 Teilen nach und nach zusammenfügt, entfaltet eine Wucht die mich sprachlos nach Luft schnappen und wie eine Klette an ihrem Text kleben lässt.

Not und Elend. Resignation und Gleichmut. Der Puls des Alltags beschleunigt sich durch Streitereien, durch Kämpfe, durch die Drogen, die hier längst ein gutes Geschäft sind, für diejenigen die an ihnen verdienen und für den Tod. Auch er verdient gut mit. Mutlus Söhne haben das jetzt auch kapiert und wollen mitmischen. Reich werden. Nicht nur Träume träumen. Machen. Macht haben. Zu den Gewinnern gehören. Verlierer gibt es schließlich schon genug.

“Auch ich hatte Eltern. Auch ich wurde geboren in diese Welt, die einen Abdruck auf einem hinterlässt, in der Sekunde in der man die Augen öffnet. Und auch, wenn man sie nicht öffnet.”

Textzitat Julia Rothenburg Mond über Beton

Mehr als bemerkenswert, ungewöhnlich und verblüffend fand ich den Stil dieses Romans. Mit einer Nüchternheit und Knappheit die mich sehr anfasst erschließt die Autorin mir ihre Figuren, dass sie dabei auch dem Beton, das ist wörtlich zu nehmen, Leben einhaucht, ist schlicht genial. Der Kotti selbst, der Beton, der monströse Wohnblock des NKZ, haben bei Rothenburg eine Stimme. Sie stellt sie einigen Kapiteln voran. Sie gehören ja schließlich mit zum Leben hier, wie das Atmen. Sind nicht bloße Rahmenbedingung. Da ist sie konsequent.

Rothenburg erzählt von Ario, der ein Landei ist. Ein Halunke. Zwinkernd stibitzt er Portemonnaies aus Hosentaschen. Von Burak der erst elf und schon ein Minigangster ist. Von der schönen Aylin, seiner Cousine, nach der sich hier alle Köpfe drehen und von Mutlu ihrem Onkel, der hier einen Laden aber keine Frau mehr hat, dafür aber seine beiden Söhne, die zu den coolsten gehören wollen. Von Marianne mit ihrem Günther und von Stanca, die einen Untermieter aufgenommen hat, ein Jüngelchen, ein piekfeines, dem sie aber nicht über den Weg traut.

Träume und falsche Vorbilder. Zufälle und Unfälle. Fenster für Fenster, Wohnungstür für Wohnungstür öffnet Rothenburg für mich. Gewährt mir Einblicke hinter die Gardinen, in Köpfe und Herzen. Leuchtet mit der Taschenlampe in Ritzen und Spalten, bis in die Dreckecken. Schafft Verbindungen, die unvorhersehbar aber zwangsläufig sind.
Dafür feiere ich diesen Roman. Sehr. Hier wurde ich zur Textzitate-Sammlerin, habe den Roman mit Markierungen übersät. Auch weil die Sprache hier “Ghetto” ist, ein bisschen, manchmal. Weil das muss so, das gehört so. Weil es schmerzt und kontrastiert und mitten auf die Zwölf trifft!

“Die Nacht ist schwarz. Immer ist die Nacht schwarz. Ist die Nacht kalt, und wenn der Alkohol alle ist, merkt man das. Immer nachts ist es so, als gäbe es kein Oben und kein Unten. Nein, kein Links und kein Rechts.”

Textzitat Julia Rothenburg Mond über Beton

Wenn die Zeit ein Messer ist, was ist dann der Schmerz? Ein Schnitt. Der tief geht. Blut auf Straße. Eine Geschichte von Montag bis Samstag. Eine Geschichte vom Anfang und vom Ende. Vom Mond über Beton. Eine die klar ist. Eine die wahr ist. Vielleicht. Auch.

Mein Dank geht an die Frankfurter Verlagsanstalt für dieses Rezensionsexemplar.

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