Lincoln im Bardo (George Saunders)

*Rezensionsexemplar*
Sonntag, 22.07.2018

Vor kurzem erst, saß ich Wartezimmer beim Augenarzt und blätterte mich durch einen Stapel Zeitschriften. Mein Blick blieb an einer Schlagzeile, die auf einem großen deutschen Magazin prangte hängen. Sinngemäß stand da: “Notwendig für ein erfülltes Leben ist die Auseindersetzung mit dem Tod”. Prompt fing ich zu grübeln an. Was uns Angst macht, meiden wir. Schieben weg, was uns Kummer bereitet, der Gedanke daran, dass unsere Zeit hier begrenzt ist gehört oftmals dazu. Da können noch so viele kluge Köpfe dazu auffordern, achtsam jeden Moment, jeden Tag zu genießen, die uns geschenkte Zeit zu nutzen, es fällt uns schwer.

Ich für meinen Teil falle immer dann auf diese Gedanken zurück, wenn ich einen Menschen, der mir nahe stand zu Grabe tragen musste. Was Trauer mit uns macht, wissen wir alle. Da spielt es auch keine Rolle, welcher Religion wir uns zugehörig fühlen, oder welche Weltsicht wir teilen. Der Glaube an eine Wiedergeburt ist tröstlich, er hilft einen Verlust auszuhalten. Denken wir über unser eigenes Ableben nach, lassen wir dabei mal die organisatorische Seite für Begräbnis, finanzielle Absicherung unserer Angehörigen beiseite, schleicht sich doch recht rasch auch Furcht ein.

Noch ist niemand, von einzelnen Nahtoderlebnissen einmal abgesehen, von “dort” wieder zurück gekommen. Was oder wer wird uns erwarten? Im Buddhismus ist der Glaube an das “Bardo” verankert, an Zwischenreiche zwischen Leben und Tod. In dieser Lehre spricht man von vier Haupt-Bardos, von Zwischenzuständen, oder Übergängen, die sich auftun, wenn wir körperlich oder geistig von einem in den jeweils anderen übergehen. Diese Übergänge können wir auch bewußt bereits im Diesseits durchleben, immer dann, wenn eine tiefe Krise in unserem Leben einen solch geistigen Grenzgang erfordert. Wenn sich unsere tief sitzenden, fundamentalen Gefühle Bahn brechen, uns plötzlich gewahr wird wie schnell alles enden kann. In diesen Momenten ist unser Geist frei, wir sind intensiv aufgeladen, alles was vorher in unserem alltäglichen Bewußtsein war ist durchschnitten, wir sind bei uns selbst, auf unserem Grund angekommen. So wie er, der amerikanische Präsident Abraham Lincoln, dem George Saunders in seinem Roman nachspürt …

Lincoln im Bardo 

Eine einzige legendäre Nacht war es, die die Grenze zwischen Leben und Tod geweitet hatte. So viele von ihnen hatte man zu schnell, zu schmerzvoll ihrem Leben, dem Damaligen entrissen. In Kranken-Kisten hatte man ihre Leiber gebettet, sie hierher gebracht, in Gruben verscharrt. Ihren Hüllen waren sie zwar entstiegen, bewegten sich wieder frei innerhalb der Grenzen dieser Friedhofsmauern und doch hingen sie fest, in diesem “Zustand“. Abschied hatten sie vielfach nicht nehmen können. Die verzweifelten, vor Liebeskummer kranken Selbstmörder, die Geistlichen, die im Kindbett gebliebenen, die geschändeten Frauen, die Unfallopfer, Soldaten. Weiße gegen Schwarze selbst hier und jetzt auch Willie Lincoln. Der kleine, aufgeweckte, liebenswerte Sohn des amtierenden Präsidenten.

Angehörige, Freunde waren gekommen. Anfangs. Keiner war geblieben. Bei ihnen, die jeglicher Kommunikationsmöglichkeit beraubt, vergessen, unberührbar geworden waren. Bis heute, bis zu dieser Nacht. Als sich, ohne Laterne und mit zögerndem Schritt, Abraham Lincoln der Gruft näherte in die sie am Nachmittag seinen kleinen Sohn gelegt hatten und der das Tabu brach, welches eine Art Massenschockwelle unter den hier gestrandeten Seelen auslösen sollte: Er rückte den kleinen Sarg aus seiner Nische in der Wand, öffnete den Deckel, nahm seinen Sohn heraus und in die Arme!

Was war nur in ihn gefahren in dieser Nacht? Wir Leser erfahren es, aus ‘zig Mündern, mit geisterhaften Stimmen und wir beginnen sie zu verstehen. Halten uns auf zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen Licht und Schatten, zwischen dem Diesseits und dem Jenseits …

George Saunders hat in seinem Roman Lincoln im Bardo eine dem Buddhismus ähnliche Zwischenwelt nachempfunden. 2017 wurde er für diesen, seinen “New-York-Times-Bestseller”, mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und ich nehme es jetzt mal vorweg. Dieser Roman ist das ungewöhnlichste, was ich je lesend in meinen Händen gehalten habe. In seinem eigenwillig gestalteten Text läßt Saunders über 160 Stimmen zu Wort kommen. Wie eine Zitat-Sammlung aus historischen Quellen, sind sie teils fiktiv, teils auch echten Personen zuzuordnen. Was für ein Drahtseilakt, sie so aneinander, ineinander zufügen, dass sich ein Sinnzusammenhang ergibt, und was für einer. Einer an dem auch der Übersetzer Frank Heibert für mich einen großen Anteil hat, schließlich liest man ja nicht in der Originalsprache. Großartig hat er die Sätze von Saunders übertragen, dabei dialektische Eigenheiten einzelner Charaktere neu ausgeformt. Auch er ist preisausgezeichnet, u.a. für die Übersetzung von Saunders “Zehnter Dezember”.

Wie in Zwiesprache mit der Geschichte, erzählt Saunders über Einzel-Schicksale im Schatten des amerikanischen Bürgerkrieg. Abraham Lincoln ist seine Schlüsselfigur, ihn zeichnet er im Spannungsfeld zwischen politischer Person, Mensch und Mann.

Insgesamt musste Lincoln den Tod von drei Kindern ertragen. War er Lichtgestalt oder Kriegstreiber, unfähiger Regent, charakterschwach oder eine außergewöhnliche Persönlichkeit? 1860 zum Präsidenten ernannt, ohne große Erfahrung mit politischen Ämtern, galt er als moderter Gegner der Sklaverei, als Pragmat. Ihm schien es wichtiger seinerzeit den Staatenbund aus Nord-und Süd zusammenzuhalten, militärisch durchzugreifen, gegnerische Bünde dieser Union zu zerschlagen war da eher nicht sein Bestreben.1862 im Todesjahr seines Sohnes William erlebte er dann auch im Amt seinen Tiefpunkt. Mit dem Angriff auf das legendäre Ford Sumter begann der Sezessionskrieg in all seiner Grausamkeit. Über Jahre hinaus sollte dieser das Land tief spalten. Lincoln zerrissen von Trauer, hatte plötzlich Land und Familie zusammenzuhalten. Seine Frau am Boden, kam tagelang, wochenlang nach dem Tod des Kindes nicht aus dem Bett, konnte ihm keine Stütze sein.

Es hätte ein Horror-Roman werden können, angesichts der zahlreichen Geister, die diesen Friedhof bevölkern, hier festhängen, über ihr Leben berichten, gerne dorthin zurückkehren würden. Sich nicht für tot, sondern für krank halten. Eines haben alle gemeinsam, der Schrecken über ihr eigenes Sterben sitzt ihnen noch in den Knochen.

Skurile Figuren sind diese Geister, überzeichnet fast wie in einem Comic.

Dramatisch, sanftmütig, schräg, schwarz humorig und auch mutig. Diese Geschichte unglaublich zu nennen, wäre eine schlichte Untertreibung. Überrumpelt, überrascht, verblüfft, bewegt und berührt hat er mich, dieser grandiose Roman. Dieses Feuerwerk an “Geistesblitzen”, dieses Kunstwerk aus Wörtern. Die letzten Sätze hängen noch in Luft, als ich das Buch zuschlage und mich traurig fühle, und froh, und wehmütig, und wund am Herzen. Schreien und Lachen könnt ich gleichzeitig. Ich erinnere mich an diejenigen, die ich schon habe loslassen müssen, und mir wird bewußt, das ganz gleich ob wir an die Unsterblichkeit der Seele, ihre Wanderschaft glauben, uns keiner mehr wegnehmen kann, was ein Mensch den wir lieben durften, uns geschenkt hat. 

Was hat dieser Text nur mit mir gemacht? Ich ringe nach den passenden Worten in dieser meiner Rezension und habe nicht das Gefühl ihm gerecht werden zu können. Ein großes, ein wahres, ein trauriges Buch. Grob und zärtlich, berührend und verstörend zu gleich. Inhaltlich wie strukturell absolut und unfassbar ungewöhnlich.

Aus dem Text: “Wie bei feuchten Augen ein Sternenfeld verschwimmt; die wunde Stelle auf der Schulter, wenn ein schwerer Schlitten geschleppt werden muss; der Name der Liebsten, mit behandschuhten Fingern auf eine vereiste Fensterscheibe geschrieben. Einen Schuh zubinden; ein Paket verknoten; ein Mund auf deinem; eine Hand auf deiner; das Ende des Tages; der Anfang des Tages; das Gefühl, dass es immer einen nächsten Tag geben wird. Lebewohl, alldem muss ich jetzt Lebwohl sagen.”

Viel Raum läßt er für eigene Gedanken und Fragen. Wie wird es sein, wenn wir selbst dereinst abdanken müssen? Welche Spuren werden wir hinterlassen haben? Wird man uns erkennen in den Stiefelabdrücken auf dem Rücken jener, die wir in den Staub getreten haben, oder in dem Lächeln, das sich auf die Gesichter derer stiehlt, die an uns zurück denken?

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2 Kommentare

  1. Petra
    26. Juli 2018

    Liebe Rika, vielen Dank! Ich wünsche Dir eine spannende Entdeckungsreise. LG von Petra

  2. 22. Juli 2018

    Hallo,
    ein wunderschön geschriebener Beitrag und auch das Buch klingt interessant. Das muss ich mir noch mal näher anschauen.
    Liebe Grüße,
    Rika

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