Lanny (Max Porter)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 04.05.2019

Spüren wir sie noch die Verbindung zur Natur? Zu allem was wächst, grün ist und gut? Erinnern wir uns noch an die Geschichten, die uns die Großeltern erzählt haben, manchmal in Form von Gedichten, oder auch in Liedern? Die nirgendwo aufgeschrieben sind? Die nur von Mund zu Ohr und von Ohr zu Mund weitergegeben wurden? Hören wir es noch? Das Wispern zwischen den Zweigen im Wald? Können wir sie noch sehen, die Schönheit, die Klarheit, die die Natur uns zu schenken vermag?

Was passiert mit uns, wenn uns verloren geht was wir lieben? Und ja, es gibt sie, die Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nie ganz verstehen werden, einen Fingerzeig des Schicksals, ein Flüstern …

Der britische Autor Max Porter hat nach seinem Debüterfolg “Trauer ist das Ding mit Federn”, für uns einen Mythos, ein Geschöpf aus alter Zeit erweckt. Gestaltlos aber allgegenwärtig, mit allem verbunden. Hat seine Gedanken für uns hörbar, lesbar gemacht und es scheint mit ihm zu kommuniziert, mit einem ganz besonderen Jungen …

Lanny (Max Porter)

Altvater Schuppenwurz erwacht. Dehnt streckt und wandelt sich, nähert sich seinem Dorf. Sucht nach ihr, nach der einen Stimme, im Gewirr all der anderen, im Chor all der Sätze und Gedanken. Nach ihm, dem einen Jungen, der mehr hören kann, mehr sehen, mehr verstehen kann …

Mutter, Vater, Lehrer und manch anderen weiß er zu verblüffen, mit seiner Art sich auszudrücken, mit seiner Hellsichtigkeit. Das in seinem Alter, ständig ist er auf Entdeckungsreise im Alltag unterwegs.

Mal verlachen und meiden ihn die Gleichaltrigen, mal bewundern sie ihn. Nein, Lanny ist nicht wie die anderen, aber was ist es, dieses etwas das ihn anders macht?

Er stellt sie, die Fragen, bei denen Erwachsenen die Antworten ausgehen, vor dem Einschlafen, nachts barfuß im Schlafanzug im Garten vor dem Haus, mit einem Baum flüsternd, den Vater mit Fragezeichen auf der Stirn zurücklassend.

Ausgestattet mit Feinsinnigkeit, strotzend vor Entdeckergeist gerät Lanny immer wieder auf Umwege, nach dem Sport, der Schule, dem Zeichenunterricht beim Irren Pete, einem alternden Künstler, dessen Haus so verlockend nah an Lannys geliebtem Wald liegt …

“Was meinst du was geduldiger ist, eine Idee oder eine Hoffnung?” (Textzitat)

Dieses Buch ist alles, alles andere als gewöhnlich. Geradeaus schreiben, das ist nichts für Max Porter. In dieser Geschichte gerät alles was wir kennen in Unordnung. Satzbau, Seitenaufbau und auch Wörter werden einfach wenn sie fehlen neu erfunden. Poetisch und auch irgendwie schräg, ideenreich, kraftvoll und doch auch einfühlsam. Das muss eine Herausforderung für Porters Übersetzer aus dem Englischen Uda Strätling und Matthias Göritz gewesen sein! Beiden fehlte es zum Glück aber nicht an Wortentsprechungen und sie schenken uns einen unglaublichen deutschen Text.  

Bogenförmig angedruckt wirbeln Gedanken- und Gesprächsfetzen durch die Seiten. Darüber das man strukturiert schreiben muss setzt sich Porter frech hinweg. Konventionen scheinen ihn nicht zu kümmern.

Bei mir und Max Porter war es Liebe auf den zweiten Blick. Pardon, Liebe auf den zweiten Teil. Hier ändert sich und er alles. Den Schreibstil, auf wörtliche Rede beginnt er zu verzichten, das obwohl es gerade jetzt viel zu sagen gibt, ausser Kommata scheint es keine Satzzeichen mehr zu geben. Gut, ab und an setzt er schon auch einen Punkt, dann ist es aber auch einer. So erzeugt er ein Drängen, das mich durch die Seiten fliegen lässt.

Alle scheinen mit sich beschäftigt, nur Lanny beschäftigt sich mit Allem. Seine Sätze öffnen mir das Herz, ganz weit. Umarmen möchte ich ihn dafür.

Mich den Lyrik-Fan, der gerne in geschmiedeten Sätzen badet, wohl formulierte Gedichte liebt, hat dieser Roman wirklich verblüfft. Es wollte ja erst, wie schon gesagt, anfangs nicht so richtig “klick” machen bei mir. Ich musste mich erst einlassen auf diesen sehr besonderen Erzählton, los lassen von Gewohntem. Phasenweise wollte ich schon aufgeben. Zum Glück habe ich es nicht getan! Habe mich einfangen lassen von Lanny, seinen Fragen, seiner kindlichen Weisheit, seiner Unbefangenheit, seiner Unvoreingenommenheit, seiner Warmherzigkeit und von der Dreistigkeit seines Autors und Schöpfers, einen solchen Text zu wagen. Die Zeit scheint er anhalten zu können, sie dehnt sich, während er mich voran treibt.

Er lässt mich eintauchen in das Dorf, die Haushalte, die Köpfe seiner Bewohner und in den Wald, als stillen Beobachter, das auf den Schwingen von Schuppenwurz, die Hände bindet er mir und ich zerre an meinen Fesseln. Über aufkeimende Gerüchte, Vorurteile und Vorverurteilungen lässt er mich nachdenken, fluchen, rufen und hoffen bis zur letzten Seite…

Lesen kann man diesen Roman auch als E-Book, genießen aber sollte man ihn, wenn es nach mir geht, aber als Print. Denn mit diesem kleinen, feinen, zweihundertzwanzig Seiten starken Buch hält man ein Schätzchen in Händen. Gewandet in dunkelgrünes bedrucktes Leinen oder Halbleinen, hat es eine wunderbare Haptik und ich streiche so gerne über seinen Einband, auch jetzt noch, als der letzte Satz längst gelesen, die letzte Silbe verhaucht ist …

G

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