Krumme Type, krumme Type (Tom Franklin)

Sonntag, 10.03.2019

Wie schnell man doch am Rand steht. Die falsche Kleidung, die falsche Marke, das falsche Handy, zu dick, beim Sport eine Niete, ein Haarschnitt zum Kichern, ein Streber und anders halt. Verhöhnt, verlacht, um’s Taschengeld geprellt, verprügelt.

Szenen auch aus dem Alltag deutscher Schulen. Seit Generationen kämpfen Schüler mit Ausgrenzung, Eltern und Lehrer für Toleranz. Mobbing sagt man heute und hebt eine solche Auseinandersetzung in Zeiten von Social Media auf eine nächste Ebene. Verstärkt so für die Opfer die Fallhöhe und die Machtlosigkeit. Da braucht es eigentlich nicht noch eine andere Hautfarbe, Herkunft oder Religion.

Der Südstaaten-Roman, den ich heute mitgebracht habe spielt in der Zeit von 1979 – 2007, also lange nach Aufhebung der Rassentrennung in Amerika, weiß aber genau durch diesen anhaltend glimmenden Konflikt, in Sachen Intoleranz da so einiges zu erzählen …

Krumme Type, krumme Type (Tom Franklin)

“Nachts hörte man während dieser Kälteperioden öfter Geräusche wie Schüsse. Erst als er einmal einen in der Mitte abgeknickten Baum gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass die Kälte sie entzweibrach. Die jungen, die alten. Ein Baum, der eine weitere kalte Nacht auszustehen hat, explodiert plötzlich in seinem Kern, die obere Hälfte kippt, schwingt mit einem schrecklichen durchdringenden Ächzen nach unten und dreht sich, entzweigebrochen wie ein Gehängter”. (Textzitat)/

Chapot, Mississippi.

Als der Schuß sich löste und die Kugel in seinen Körper eindrang war er  nur leicht verblüfft. Er blickte in die Fratze des Monsters, das ihm schon vor rund zwanzig Jahren “krepiere” entgegen geschleudert hatte, er begrüßte es jetzt wie einen alten Bekannten. Ja, er war irgendwie auch erleichtert, nun würde es also endlich enden, dachte er, als sein Blut langsam aus ihm heraussickerte, sich Dumpfheit und Kälte um ihn legten …

Im Ort hatte man sich schon den ganzen Tag gewundert warum Larry’s Werkstatt Ottomotive Repair heute geschlossen war. Obwohl er schon lange, im Grunde seit der Übernahme des väterlichen Erbes keine Kunden mehr hatte, öffnete er jeden Tag zuverlässig, unverdrossen und pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. Constable Silas Jones beschlich ein ungutes Gefühl. Gut, seinen ehemaligen Schulkameraden hatte er lange ignoriert, sich wenig darum geschert wie man mit ihm umging, ihn behandelte. Kein Wunder im Grunde, nachdem was damals geschehen war. Man lebte hier schließlich in einer Kleinstadt. Das er aber auch ausgerechnet jetzt in einem Briefkasten nach einer Klapperschlange fischen musste, statt nach Larry sehen zu können, beunruhigte ihn gerade mehr als im lieb war …

Das Setting

Der Roman spielt in einer Gegend, in die die Holzindustrie brutale Wunden geschlagen hat, die Erde ist vielerorts kahl geschlagen und erodiert.

Im Sommer stehen in der Luft Schwärme von Moskitos, der nächste Geldautomat in Fulsom ist zwanzig Kilometer entfernt, selbst der Friseur ist gestorben und sein Sohn hat gleich das ganze Haus abtragen und fortschaffen lassen. Chabot/ Mississippi – wie ein Weiler am Rande der Zeit, Einwohner meistens so um die fünfhundert, Handys funktionieren manchmal, als eine eingeschworene Gemeinschaft harrte man hier aus. Wer nicht vom Sägewerk lebte, so wie Silas musste sehen wie er klar kam. Sein Dienst-Jeep war jetzt dreißig Jahre alt, hatte 230.411 Kilometer auf dem Tacho und schien geradezu süchtig nach allen Flüssigkeiten.

Statt Blut schien hier Sägemehl durch die Adern der Bewohner zu fließen, zäh und widerstrebend. Das Herz der Gegend war im Grunde ja auch das Sägewerk, endlos lange Güterzüge mit Stämmen passierten die Ortslage täglich.  Es wimmelte hier in den nahe gelegenen Sümpfen von allerlei Getier. Alligatoren, Schlangen und Geier sorgten für eine sichere Leichenentsorgung, wenn denn Bedarf bestand …

Die Typen

Vom Leben, von Worten, von Taten, von Sorgen, von Alkohol, vom Schweigen und Lügen, sind sie krumm gebeugt, die Figuren dieser Geschichte.

Larry und seine Offensichtlichkeiten. So übergewichtig, in sich gekehrt, ängstlich, duldsam, Asthmatiker, Stotterer bis zur sechsten Klasse. Hautfarbe weiß, Leseratte, bevorzugtes Genre Horror, Idol Stephen King. Er denkt, er sei befreundet mit Silas. Nahtlos stolpert er von einer beschissenen Kindheit in eine beschissene Jugend! Der Vater ein Säufer, der die Finger nicht von anderen Frauen lassen kann, seiner ist Larry so überdrüssig. Die Mutter gläubig und überfürsorglich.

Landet beim Militär, wird dort Automechaniker. Ist als Erwachsener allen Widerständen zum Trotz ordentlich, sein Alltag stets durchgetaktet, bleibt auf Abstand, ist aber stets ausgesucht höflich, sich kümmernd um die Mutter, die nach des Vaters Tod immer weiter in die Demenz abrutscht.

“Wallace’ Besuche hatten ihm gezeigt, dass einsam zu sein ein Fasten ganz eigener Art war, dass wenn man so lange unterernährt gewesen war, selbst der verdorbenste Happen den Körper daran erinnern konnte, wie dringend er essen musste”. (Textzitat)

Silas und seine Heimlichkeiten. So gut aussehend, groß, und doch so feige, landet als Baseball-Held mit Stipendium in Oxford, späterer Constable, Afroamerikaner. Larry denkt, er ist sein Freund, ER weiß nicht was er ist. Bettelarm, ganz ohne Vater, den er schmerzlich vermißt wächst er auf, umzingelt von wechselnden, verbrecherischen Boyfriends der Mutter von denen sie sich nur mühsam absetzen können. Er schafft es sich von seiner beschissenen Kindheit in eine aussichtsreiche Jugend hinüberzuretten, dies allerdings nicht ohne das unermüdliche Zutun seiner Mutter.

Das Drama

Endlich! Mit sechzehn hatte Larry sein erstes Date, keiner wollte ihm glauben, dass ausgerechnet dieses Mädchen mit IHM ausgehen wollte. Auto-Kino war geplant, Bier, Kondome organisiert – dann aber sollte alles ganz anders kommen und er verlor Cindy Walker in dieser verhängnisvollen Nacht vor jetzt fünfundzwanzig Jahren, die sein Leben und das der Eltern für immer verändern sollte …

“Das Leben der drei hatte aufgehört, war wie zu einem Bild erstarrt, und die Tage waren nichts weiter als leere Vierecke auf einem Kalender. Abend fanden sie sich, wie dorthin gemalt, zu einer stummen Mahlzeit, die niemanden schmeckte …”. (Textzitat)

Thomas Gerald Franklin, geboren am 07. Juli 1963, amerikanischer Schriftsteller, stammt aus Dickinson/Alabama, ganz in der Nähe von Monroeville, der Stadt in der “Wer die Nachtigall stört” von Lee Harper spielt. Alle seine Romane spielen im amerikanischen Süden. Sein Roman Crooked Letter ist mittlerweile Pflichtstoff im Baden-Württembergischen Englisch-Abitur. Er lebt mit Familie in Oxford/Mississippi.

In Krumme Type erzählt er uns großartig, spannend, atmosphärisch dicht und raumgreifend von Vätern mit Benzin im Blut, die wie Chirurgen alte Autos operieren, von Vertrauensbändern die in der kalten Winterluft zwischen Vater und Sohn zerreissen, das bisschen Glück, das sich in einer dreckigen Werkstatt zwischen altem Gerümpel angesammelt hat, in den Staub tretend.

Wir erfahren von den üblichen Verdächtigen, von Vorurteilen, Schubladendenken, von Vergangenheiten, die sich wie Kletten an einen Hosensaum heften, die unmöglich abzuschütteln sind, die keine Zukunft zulassen. Von Wahrheiten, die für jeden anders sind. Von Furcht, Feigheit, alten Wunden, dunklen Geheimnissen und Gemeinsamkeiten, Alltags-Rassismus tief in den Südstaaten verortet.

Was hier zwischen den Jungs und überhaupt, so step by step an’s Licht kommt macht ehrlich betroffen. Während der eine im Koma liegend um sein Leben kämpft, operiert der andere am offenen Herzen der Wahrheit. Wie ein Florist bindet Franklin hier Erinnerungen in geschickten Rückblenden zu einem Strauß der Erkenntnis. Nach und nach hellt er so die blinden Flecken der Geschichte auf, ohne dabei jemals zuviel auf einmal zu verraten.

Er krönt seine Geschichte mit einem Show-Down in einer Schlangengrube, was in diesem Fall wortwörtlich zu nehmen ist. Wie er da noch einmal das Tempo anzieht ist Klasse und macht den Roman zum Krimi!

Sprachlich ist er leicht und erfrischend unterwegs, ja beinahe beiläufig plaudert Franklin für mich seine Handlung herbei. Trifft mich mit seinen Sätzen ins Mark, so das ich mich winden muss. Seine Szenerie habe ich dabei aquarellhaft vor Augen, leicht verschwommen, an den Rändern auslaufend verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Seine Protagonisten hat er wie hineingetupft in seinen Plot, sie verschmelzen mit ihm.

So ist es dann am Ende diese besondere Grundstimmung die sich in mir festgesetzt hat, die mir am besten gefallen hat. Die leisen Töne, die Zwischentöne sind es, die hier lange nachklingen. Also ein echter, wahrhaftiger Gänsehaut-Stoff !

Der gute Shakespeare würde sagen … und am Ende nichts als Schweigen … Franklin fragt … Wiedergutmachung unmöglich? … 

“Das Land hatte seine eigene Art, die Untaten der Menschen zuzudecken”. (Textzitat)

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