Junge mit schwarzem Hahn (Stefanie vor Schulte)

Aberglaube. Zu allen Zeiten gibt und gab es ihn. In allen Kulturen. Einzig was ihn definiert unterscheidet sich dadurch, von welchem Standpunkt aus man betrachtet.
Wir nennen uns modern, belächeln bisweilen was man vor unserer Zeit mit abergläubischer Furcht für möglich gehalten hat. Dabei haben auch wir unsere Riten über die Zeit gerettet. So bringt für die einen die berühmte schwarze Katze, für die anderen Freitag der 13. der, die, das Unglück. Oder Wahrsager:innen lesen uns aus dem Kaffeesatz, aus den Linien unsere Hände. Sagen uns weis. Das Glück beschwören wir mittels eines vierblättrigen Kleeblattes oder wünschen es mit Toi Toi Toi. Als Kinder haben nicht wenige von uns an den schwarzen Mann geglaubt, in dieser Geschichte nennen sie ihn den Reiter …

Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte

Martin ist elf und jetzt ohne Familie. Denn sein Vater hatte alle erschlagen. Mit einem Beil. Er, Martin, überlebte. Gefunden haben sie ihn unter den Leichnamen seiner Geschwister. Weshalb alle denken, der Teufel habe ihm dabei geholfen. Zu überleben. Warum war sonst nur er übrig geblieben? Er und dieser schwarze Hahn, der ihm nicht mehr von der Seite weicht. Ein Bote des Teufels, wenn nicht der Teufel selbst ist das, flüstern sie. Nicht nur hinter Martins Rücken und so bleiben ihm der Hahn und der Hunger als tägliche und einzige Gefährten. Bis zu diesem einem Tag, wann der war spielt keine Rolle, an ihm aber kam ein Maler ins Dorf. Eine Auftragsarbeit hatte ihn gerufen, das Altarbild in der Kirche sollte er erneuern und zwischen Martin und ihm entspinnt sich alsbald ein Band. 

Martin drängt es zu gehen, mit ihm, dem Maler war das jetzt möglich. Martin wollte auf die Suche. Nach einem Räuber, einem Reiter, der Kinder stiehlt. Eine Legende so sagen sie ist er und doch verschwinden die Kinder. Immer wieder. Immer noch. Zuletzt ein kleines Mädchen und er, Martin, hat IHN gesehen. Martin will ihm auf den Fersen sein, mit seinem reinen Herzen vermag er Unrecht zu sehen. Seine Angst spricht zu ihm, wenn es eng wird und sein Hahn tut es auch. Was keiner wissen darf …

Die Zeit, in der diese Geschichte spielt ist nicht näher bestimmt, anfühlen tut sie sich mittelalterlich finster. Armut und Gestank bevölkern die Straßen, vom Krieg Versehrte säumen sie. Die Schenken sind voll mit Raufbolden und Missgünstigen, das Brot ist hart und schwer zu verdienen. Mehr und mehr rutscht die zunächst historisch anmutende  Erzählung ins Märchenhafte ab. Eine Burg auf einem Felssporn nebst böser Fürstin, die offenbar mit dem Alter ein Problem hat rückt ins Zentrum der Handlung. 

Stefanie vor Schulte beginnt jetzt die Genres zu mischen. Mit ihrer klaren, bisweilen stakkatohaft nüchternen Sprache, die sie dann wieder mit Sätzen garniert, die sich anfühlen wie die sprichwörtliche Kirsche auf der Torte, erschafft sie rund um ihren Helden, den sie mit Kinderaugen sehen und mit Kindermund sprechen lässt, einen faszinierenden Kosmos.

Ihren Martin als Hauptfigur stattet sie dafür mit detektivischem Geschick aus, mit einem reinen Herzen, mit einem Gespür für die Menschen, er kann in sie hineinsehen und das spüren sie. Trauen ihm deswegen nicht. Seinem freundlichen Gesicht. Seinem klaren Blick. Seinem Mund, der die Wahrheit ausspricht. Jederzeit. Mutig. Deshalb grenzen sie ihn aus. Erheben gar die Hand gegen ihn.

Er wirkt erwachsen für sein Alter, klug und alles was ihn umgibt aufmerksam beobachtend, empfindsam und mit einem ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Unbeirrt geht er seinen steinigen Weg und Stefanie vor Schulte steuert ihn dabei zielstrebig mitten hinein in so manches Ungemach, umgibt ihn nicht nur mit einer dunklen Fürstin und einem Spaßmacher der gleichzeitig ein Henker ist …

Stefanie vor Schulte, geboren 1974 in Hannover, lebt in Marburg, studierte Bühnen- und Kostümbildnerin, sie legt mit dieser Geschichte ihren ersten Roman vor.

Das hübsche Buchcover ziert ein Gemälde von Picasso, einen Jungen zeigt es, blumenbegrenzt, so habe ich Martin allerdings zu keiner Zeit gesehen. In all dem Jammer, in all dem Dreck. Ihre Hauptfigur blieb etwas zu sehr auf Abstand zu mir. Der Funke wollte nicht so recht überspringen zwischen uns beiden. 

Die Sprache die vor Schulte nutzt, finde ich hingegen mehr als bemerkenswert. Durch sie gelingt es ihr eine Atmosphäre zu schaffen, die düster ist, geprägt von Aberglauben und Legenden. Diese Grundstimmung ist es auch, die mir an ihrem Roman gefallen hat, auch wenn sie mich inhaltlich leider nicht komplett hat abholen können. Die Abdrift der Geschichte ins Märchenland war mir etwas zu viel. Auch das Ende eine Spur zu vorhersehbar.  Wer sich davon freimachen kann, den erwartet ein ungewöhnliches Leseabenteuer auf knackigen 224 Seiten.

Mein Dank geht an den Diogenes Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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