Im Auge der Pflanzen (Djaimilia Pereira de Almeida)

Wieviel Glück doch in allem steckt das wächst. Wieviel Freude in allem das blüht. Was grün ist und gut erdet mich. Was duftet beflügelt mich.
“Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil.” – “Wenn du einen Garten, und dazu noch eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen.” Meinte schon der römische Politiker und Philosoph Marcus Tullius Cicero in einem Brief an einen Freund. Wer würde ihm da nicht beipflichten? Ich für meinen Teil freue mich schon jetzt wieder mit einem guten Buch lesend draußen sitzen zu können, den Duft unseres Lavendels in der Nase, das Summen seiner geflügelten Besucher im Ohr.

Er, Kapitän zu See Celestino sein Name, ist gar in einem Garten vor Anker gegangen. Nach Jahren in den seiner verstorbenen Mutter zurückgekehrt. Wir landen in der Kolonialzeit in Portugal mit ihm an, und dies soll sein letzter Hafen werden. Im Ort sagen sie er sei ein düsterer Gesell, weswegen ihn auch, alsbald schon nach seiner Heimkehr, der Herr Pfarrer besucht. Der ergründen soll was Celestino hinter der hohen Hecke, die sein Elternhaus in der Nähe von Porto umgibt, so treibt …

Im Auge der Pflanzen von Djaimilia Pereira de Almeida

Verwunschen, verwachsen, verwildert. Mit bloßen Händen hat er tagelang gegraben, gezupft, gejätet, gepflanzt und gewässert. Gepflegt was der Pflege bedurfte und jetzt wächst es. Üppig und duftend. Besonders die Rosen. Neben ihnen im Beet steht jetzt fassungslos staunend der Herr Pfarrer. Sie mussten sich irren. Wer solch einen Garten hegte konnte kein schlechter Mensch sein. Der hatte nicht mit bloßen Händen getötet. Dessen Seele konnte nicht schwarz sein. Konnte nicht …

Die Dorfbewohner mochten ihn trotzdem nicht und mieden ihn. Zwei Jahre lang wagte sich niemand mehr an sein Tor nachdem Padre Alfredo in besucht hatte. Seine Blumen neideten sie ihm. Seine breiten Schultern, seine schwieligen Hände fürchteten sie. Ihren Kindern hielten sie die Augen zu, kam er die Straße entlang. Schließlich war er ein Pirat. Gewesen. Fortgejagt hätten sie ihn. Wäre er jetzt nicht alt, gebeugt und fast blind.

“Dieser Ort war ein Ort von Männern des Meeres. Ihre fürchterlichen Geschichten kursierten solange, bis sie, wie der dichte Nebel, der morgens vom Strand aufstieg, eins wurden mit dem Stoff, aus dem die Häuser, die Zimmer, die Kleider, die Menschen, der Schlaf waren.”

Textzitat Djaimilia Pereira de Almeida

Djaimilia Pereira de Almeida, geboren 1982 in Luanda/Angola ist in Portugal aufgewachsen und lebt heute in Lissabon. Sie promovierte als Literaturtheoretikerin, schreibt für verschiedene Zeitschriften und Magazine und wurde nach einem Stipendium des portugisischen Kultusministeriums mehrfach preisausgezeichnet. Ihre Satzgebilde nur geschliffen zu nennen wäre eine maßlose Untertreibung. Sie funkeln, sie leuchten von innen, sind gesättigt mit Poesie, Melancholie und angereichert mit wohl dosierten Metaphern.

In ihre Sprache kann man sich nur verlieben. Bereits ihre ersten Sätze schlagen mich in Bann. Die Übersetzung von Barbara Mesquita, die u.a. auch die Texte von Patrícia Melo übersetzt hat, strahlt im Deutschen mit einer Opulenz und Sprachgewalt, die mich Staunen macht und die fraglos Pereira de Almeida im Originaltext gegründet hat.

Wenn es ihre Sprache nicht gäbe, man müsste sie glatt erfinden. Mit jedem einzelnen Satz lässt Djaimilia Pereira de Almeida Bilder wachsen wie die Natur Blütenknospen. Sie entfalten sich, je mehr man von ihnen liest, zu wunderschönen Gebilden. Sie verranken und verschranken sich. Drehen und winden sich um mich. Bis ich nicht mehr ein noch aus kann. Aus meiner Haut.

So wie Kapitän Celestino. Die Bilder in seinem Kopf wollen nicht schweigen. Können es nicht. Auch wenn der einstige Kapitän eines Sklavenschiffes noch so sehr versucht sie mit Blüten zu ersticken.

Pereira de Almeida verhandelt nicht. Sie konfrontiert ihre Hauptfigur. Schonungslos. Mit ihren Dämonen. Ihren Taten. Ein ganzes Dorf schaut ihm dabei zu. Reibt sich die Augen. Fragt sich, wie dieser grobe Mann nur so gut zu Pflanzen sein kann. Wie er so still geworden ist.

“Alles war anders und doch immer noch gleich. Im Halbdunkel gemahnte die Gestalt der Möbel an Gespenster. Im Schein der Helligkeit, die durch die Fensterritzen fiel, tanzte der zum Leben erwachte Staub im Raum.”

Textzitat Djaimilia Pereira de Almeida Im Auge der Pflanzen

Es ist seine letzte Station. Er weiß es. Wir Leser:innen auch.

Den Seefahrern seiner Branche klebt Blut an den Händen, das wissen wir auch, sie hatten schließlich nicht nur exotische Fracht verschifft und waren romantisch auf großer Fahrt gewesen, sondern hatten Menschen entwurzelt, sie ihren Unterdrückern zugeführt, sie zu Sklaven gemacht. Wenn diese nicht bereits unter ihren Händen, unter ihren Schlägen, an Hunger und Durst auf der Überfahrt gestorben waren.

Wie konnte “Mann” Frieden finden, wie Erlösung, war man ein Teil dessen gewesen was sie grausam nannten? Auf dem letzten Stück Weg das einem jetzt noch blieb?

Wie konnte man vergessen, vielmehr durfte man das überhaupt? Seine Erinnerungen kartieren, das tut sie, diese Autorin. Für ihn. Auf die denkbar ungewöhnlichste Art, die ich bislang zwischen meinen lesenden Händen gehalten habe.

Träume, Visionen, verlorene Zähne, jetzt hatte er nur noch den Krieg gegen die Disteln zu verlieren und sein Leben …

Wunderschönes Mahagoni aus Brasilien wird zu einem Wäscheschrank und schlägt eine Brücke in die Heimat.

Jung-Fledermäuse üben den Nachtflug und eine Handvoll Kinder fasst Vertrauen. Salziger Nebel weckt den Morgen, die Visionen der vergangenen Nacht verscheuchend. Die Einsamkeit, die zwischen den Blüten nistet, greift nach ihrem Gärtner. Als hätten seine fiebernden Träume nicht schon genug in ihm angerichtet, gräbt er nun an seinem eigenen Grab?

Wenn die Blumen schlafen tanzt des Nachts der Wind mit seiner Vogelscheuche, die Toten suchen ihn heim, während der Tod mit ihm alle Geduld der Welt zu haben scheint …

Ich liebe diese Bilder, auch die düsteren, diese Wortwahl, diese wunderbare Übersetzung von Mesquita, die wie ein Gemälde ist, ein surreales, die mir eine Gänsehaut macht, die nicht mehr weichen will. So gerne habe ich mir mit dieser schlanken, nur 134 Seiten starken Erzählung Zeit gelassen, sie wie eine Vers-Sammlung gelesen, mir ihre Wörter genussvoll auf der Zunge zergehen lassen. Ach, Celestino!

“Die Gestirne funkelten in ihrer geometrischen Zuverlässigkeit wie eine Stickerei im Spannrahmen des schwarzen, nahezu flüssigen Himmels. Die Arme und Beine ausgebreitet, blickte der Kapitän staunend in die Sterne. Unter ihm flüchtete sich die Erde in ihre lebendige, gnädige Wärme”.

Textzitat Djaimilia Pereira de Almeida, Im Auge der Pflanzen

Es gibt Geschichten die warten irgendwo in einem stillen Winkel darauf erzählt zu werden. Ich freue mich unbändig, dass diese hier mich gefunden hat und ich diese Autorin und ihre Übersetzerin für mich entdecken durfte.

Das neue Lesejahr ist noch jung und verheißungsvoll legt de Almeida die Messlatte hoch auf. Mit ihrem Wortkunstwerk, das ich als magisch empfunden habe. Weil es stilistisch herausragt aus dem Meer der Zeilen und Ideen. Gespickt mit unzähligen Satzmarkierungen verlasse ich mein Exemplar, mein Blick fällt noch einmal auf das wunderschöne Cover, ich atme aus und wünsche der Autorin und ihrem Celestino noch viele zufliegende Leser:innenherzen!

Mein Dank geht an den Unionsverlag für das Besprechungsexemplar.

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