Herkunft (Saša Stanišić)

“Ja, wie man es dreht. Herkunft bleibt doch ein Konstrukt, es ist doch nur eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch, oder mit etwas Glück ein Vermögen, das  keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft.”

Textzitat Saša Stanišić Herkunft

Heimat. Herkunft. Vertreibung. Flucht. Entwurzelung. Wer bin ich und wo komme ich her? Bin ich das was ich bin, weil ich dort her komme, wo ich her komme? Was prägt mich und wie sehr? Was bleibt mir aufgrund meiner Abstammung verwehrt?

Während sich in dieser Woche in Frankfurt die Buchmesse unter Corona-Bedingungen digital ihr Publikum und mich zu erschließen versucht und eine neue Preisträgerin ehrt (Anne Weber mit Annette, ein Heldinnenepos) und uns, mich Lesefan auf Abstand halten muss, sitze ich zu Hause am Küchentisch statt im Zuschauerraum des Blauen Sofas und rekapituliere den Roman des letztjährigen Gewinners des Deutschen Buchpreises. Saša Stanišić, der zur Beantwortung der “Herkunftsfrage” aus selbst erlebtem schöpft, aus einem Krieg ist auch er Anfang der Neunziger Jahre mit den Eltern hierher, nach Deutschland geflohen …

“Der März in Višegrad ist der verhaßteste Monat, weinerlich und gefährlich. Im Gebirge schmilzt der Schnee, die Flüsse wachsen den Ufern über den Kopf, auch meine Drina ist nervös, die halbe Stadt steht unter Wasser.”

Textzitat Saša Stanišić Herkunft

Herkunft von Saša Stanišić

07.03.1978, Višegrad, Bosnien. Ein Blitzschlag und eine Saugglocke holten ihn auf die Welt in diesem regnerischen März. Stress zu Beginn des Lebensweges und Stress dreißig Jahre auch später. Dafür sorgte ein handgeschriebener Lebenslauf der bei der Ausländerbehörde eingereicht werden will. Aber immer der Reihe nach.

Zuvor, also vor diesem Geburtstag, war der Sozialismus müde geworden, und der Nationalismus erwacht. Saša hatte zu der Zeit als Junge noch SEIN Jugoslawien, aber das nicht mehr lange, wie wir hören werden, denn 1992 zerschlug der Krieg Jugoslawien. 

Die Mutter Serbin, der Vater Kroate, er Jugoslawe und leidenschaftlicher Fußball-Fan, keine Frage, von Roter Stern Belgrad. Sein Fan-Schal war ihm ein Ganzjahres-Accessoire.

Stanišić erzählt uns nicht nur von dem was er verloren hat, sondern auch von den Dingen, die er besessen hat. Er zeichnet einen kindlichen Reichtum nach, wenn er von seinem Hamster namens Indiana Jones, von seiner Katzenaugensammlung, abgeschraubt von Autokennzeichen ins Schwärmen gerät. Oder von seiner Großmutter, die sehr wahrscheinlich der Mafia angehört hat und ihm stets riet, sich ein Leben lang an Worte zu halten. Wenn er erzählt von einer Kindheit, die er hatte, bevor der Krieg kam.

“Wir haben hier das Leben überlebt, da ist der Tod das kleinere Problem.”

Textzitat Saša Stanišić Herkunft

Wir begegnen mit ihm dörflicher Abgeschiedenheit und Pragmatismus. Wir erleben mit ihm, wie sich seine Großmutter, die einstige Kampf-Pilotin, die unzerstörbar wirkte, an die Demenz verliert. Drachen spielten schon früh in seinem Leben eine Rolle, denn in dem Ort in dem er aufwachsen ist, in dem ihn sein Großvater mit vier auf Spaziergänge mitnahm und schon früh über Politik belehrte, wo ihn seine Oma mit dem Nudelholz bedrohte, verehrte man Drachen. Es gab sie auf Amuletten, in Büchern und als Kerzen, die man anzünden konnte und die dann so sogar Feuer spieen.

Schlangen ringeln sich hier durch Hühnerställe und diese Frage schlängelt sich durch mich: Ist nicht eine Heimkehr immer auch eine Einkehr zu sich selbst?

“Und die Berge, die Berge meißelten den Hall freundlich und streng in die vom Frühling summende Luft.”

Textzitat Saša Stanišić Herkunft

Seine Großmutter führte ihn an den Ort, dem er entstammte, seine ganze Sippe. Er sollte schreiben über sie, über seine Ahnen, seine Vorfahren, aus der gleichen Quelle trinken wie sie. An ihren Gräbern sitzen um zu verstehen …

Saša Stanišić, geboren als Einzelkind, in Višegrad an der Drina, kam im Alter von vierzehn Jahren mit den Eltern nach Deutschland, in Heidelberg studierte er Deutsch als Fremdsprache und Slavistik. Dieser sein autobiographischer Roman ist sprachlich leichtfüßig, kommt anmutig daher und schleicht sich auf leisen Sohlen in mein Herz. Man mag in einfach, den Saša. Ihn und seine Geschichte. Ich erfahre eine Menge über ihn, verstehe mit der Zeit seine Angst vor Nierenbohnen, seine Skepsis vor Nudelhölzern und im erweiterten Sinne vor Teigwaren.

Dieser sein Text enthält so viele Sätze, die ich mir markieren möchte. Die mich zusammen zucken lassen, die mich berühren, mich nachdenklich machen, vor denen ich mich verneige.

Wie er seine Empfindungen und die Schönheit Heidelbergs beschreibt, eine Aral-Tankstelle die Jugendtreff ist, Supermarktschlangen die sieben Sprachen sprechen, ist grandios. Die Fülle von Informationen und Ereignissen die er in einem Satz unterzubringen versteht beeindruckt mich. 

“Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen nicht entschlossen in den Weg.”

Textzitat Saša Stanišić Herkunft

Stanišić wirkt auf mich textlich ausgesucht höflich, sein Ton warmherzig, trotzdem er Verlust und Missstände aufzeigt, und es ist für mich schwer vorstellbar, dass er sich so richtig echauffieren kann. So wie über Peter Handke, dem 2019 der Literatur-Nobelpreis verliehen worden ist, und der ausgerechnet in dem Krieg  fragwürdig Partei ergriff, indem Stanišić alles verloren hat. 

Wer an den Ort, an dem er geboren ist, ob absichtlich oder zufällig, nicht mehr zurück kehren kann, der erfindet ihn sich halt. Saša spielt mit seiner Fantasie und wir malen uns nur zu gerne mit ihm aus, wie es hätte gewesen sein können.

Er beginnt damit Erinnerungen zu sammeln, als sie seiner Oma verloren gehen, ist Teil einer Familie, die der Wind seit dem Krieg in alle Winde, in die ganze Welt verstreut hat. Zugehörigkeit spüren, zu der man nichts beigetragen hat. Was wenn man die Sackgasse in der Sippe sein würde, bekam man keine Kinder, fragt er sich und uns.

Fragmentarisch plaudernd ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben,  denselben auf die Wunden legend, führt uns Stanišić durch seine Vergangenheit.

Er spricht von Brandanschlägen auf Flüchtlingswohnheime und von seinem Idol Kurt Cobain fast in einem Atemzug. Seine Schulzeit in Deutschland und das Erleben einer Gesamtschule, die Diskriminierung nicht duldete, die erste Liebe erleben wir mit ihm. Wünschen uns in einem Alltag anzukommen, wie ihn andere auch haben. In Sicherheit.

Fantasy-Rollenspiele mit siebzehn zog er dem Experimentieren mit bewusstseinserweiternden Drogen vor. Neue Freunde galt es zu finden, Tischfußballturniere, ein Stück Unbeschwertheit, ermöglicht durch den Umstand in einem Land zu leben, dass den Frieden kennt. Einfach mal für ein paar Stunden keine Angst haben.

Die Eltern schufteten um ihn zu schonen. Der Vater auf dem Bau, die Mutter in einer Wäscherei, die heißer war als die Hölle. Als Frau vom Balkan, deren Deutsch nicht weit reichte, blieben ihr andere Chancen verwehrt. Ihr, die Politikwissenschaft studiert hatte, als sie mit Saša gewesen schwanger war …

Herrlich unverkrampft erzählt er vom Ankommen und Zurechtfinden in Deutschland mit all seinen Regeln. Er hält uns den Spiegel vor und ich, ich schaue hinein. Erkenne, was Verbohrtheit und Ignoranz anrichten können, wie bedeutsam Sprache ist. Vorurteile gibt es zumeist auf beiden Seiten.

Die ungekürzte Hörbuch-Fassung seines Romans liest Stanišić selbst ein. Sein leichter Akzent sorgt dabei für Authentizität. Ich persönlich hätte mir aber einen anderen Sprecher gewünscht, der den leichten Humor noch etwas besser getragen hätte, die schönen, die poetischen Sätze, etwas mehr hätte in der Luft zwischen uns stehen lassen. Der den Plauderton, die diese Erzählung hergibt etwas weniger zerhackt getroffen hätte. Das ist aber auch schon das Einzige, was es zu jammern gibt. Wo er mich total hat abholen können, waren die Szenen aus den Fußballstadien. Hier habe ich ihm seine Leidenschaft komplett abgekauft. Mitreißend liest er diese Textpassagen, beinahe wie ein Stadionsprecher.

Meine innere Jury indes, bleibt etwas unentschieden, wenn ich mich frage, wem ich den Deutschen Buchpreis 2019 verliehen hätte. Angela Lehner, Noras Bossong und Raphaela Edelbauer, sowie Alexander Osang mit seiner Spurensuche in der eigenen Familie, so viele Titel, wie noch in keinem anderen Jahr, hatte ich 2019 von Long- und Shortlist gelesen oder gehört. Brüder von Jackie Thomae hätte ich dabei beinahe vergessen.

Tja, der Favorit meines Herzens im letzten Jahr war Raphaela Edelbauer mit Flüssiges Land , ihren Erzählmut und ihr literarisches Konstrukt hätte ich gerne belohnt gesehen. In diesem Jahr lag ich jetzt auch wieder treffsicher daneben. Thomas Hettche mit seinem Herzfaden hat an das meine angeknüpft und auch Valerie Fritsch hat mit ihren Herzklappen meine ins Schwingen gebracht. Wisst Ihr was, ich halte es ab jetzt einfach so und küre einfach meinen inneren Sieger. Warum muss es denn immer nur einen geben … ? Und ich höre demnächst noch Deniz Ohde und Streulicht. Bleibt neugierig!

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