Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson)

Sonntag, 09.09.2018

Geht Ihr gerne in den Zoo? Ich für meinen Teil schwanke da immer zwischen Entsetzen und Faszination. Exotische Tiere einmal aus der Nähe sehen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, wenn da nicht die Gehege und Gitter wären. Sie wecken in mir immer eine Traurigkeit, die mich nur noch Zoos besuchen läßt wo man das Gefühl hat, die Tiere haben ausreichend Platz und die Haltung ist einigermaßen artgerecht. Darum soll es in Zoos ja auch gehen, um den Erhalt von bedrohten Arten – ein Spagat der nicht leicht zu schaffen ist. Warum erzähle ich Euch das? Zoos waren zu allen Zeiten, früher vielleicht noch mehr als heute magische Orte für Kinder. Um beides und um noch vielmehr geht es in dem Roman, den ich Euch heute vorstellen möchte und der mit einem Zitat beginnt, das so wunderschön zu ihm paßt:

“Die Hoffnung ist das Federding, das in der Seel’ sich birgt und Weisen ohne Worte singt und niemals müde wird.” Emily Dickinson

Guten Morgen, Genosse Elefant (Christopher Wilson)

Angst. Sein Vater hatte Angst, das spürte Juri ganz deutlich als er ihm jetzt den Mund verbot, weil er wie immer arglos drauflos plapperte und nicht darauf achtete was da aus ihm raus kam. Schon länger standen zwei Koffer im Flur, einen für den Vater und einen für ihn, und sein alter Herr hatte ihm eingeschärft, wenn SIE ihn abholen würden, müsse er seinen Koffer schnappen und sich zu seiner Tante durchschlagen. Dafür jedoch war heute keine Zeit geblieben, die drei Männer, die sie abgeholt und zur Tür hinaus gedrängt hatten, waren schweigsam und wollten ganz eindeutig sie beide mitnehmen – ohne Koffer!

Die Begegnung, die Juri – zwölfeinhalb Jahre alt, in dieser Nacht haben sollte, würde sein Leben noch deutlicher prägen, als es der Milchwagen getan hatte, vor den ihn das Leben geschubst hatte. Den Kopf zwischen Straßenpflaster und herannahender Straßenbahn aufgeschlagen, waren ihm bei dem Sturz alle Gedanken und Erinnerungen durcheinander geraten. Richtig ordnen hatte er sie nie wieder können und die Leute sagten über ihn “Idiot”. Ein Bein zog er seither nach und ein Arm war nicht mehr zu gebrauchen. Das elektrische Gewitter in seinem Kopf, das durch Schmerz, Angst und anderes ausgelöst wurde, bescherte ihm schwere Anfälle, ließen ihn wegtreten, seine Glieder zucken. Die besten Karten hatte er also nicht, im Leben gut zurecht zu kommen, wäre da nicht sein Gesicht gewesen. Alle die ihn ansahen, erkannten eine Freundlichkeit, die sie dazu brachte unaufgefordert die persönlichsten Dinge auszuplaudern, sich auf eine Art und Weise zu öffnen die Juri schon auch mal unheimlich war. All das was sie ihm da anvertrauten wollte er oftmals gar nicht wissen, oder zumindest nicht so genau.

So wie diesmal, als sie den Vater und ihn verschleppten, eigentlich und im Grunde ja nur, weil ihr Staatsoberhaupt medizinischen Rat brauchte. Aber warum sein Vater – der war doch Tierarzt, Tierneurologe und zwar ein ganz ein Guter? Er Juri, fungierte dabei gerne als sein Assistent. Der verwahrloste Zoo der Hauptstadt war sein Leben, sein Zuhause. Besonders die Elefanten hatten es ihm angetan.

Aber zurück zum Anfang, Jetzt also standen die beiden Vater und Sohn vor der Schlafstatt ihres obersten Befehlshabers und sie stellten eine Diagnose, die keiner hören wollte, am allerwenigsten der Patient selbst und in deren Folge der kleine Juri als Vorkoster erster Klasse eingestellt wurde und sein Vater verschwand …

Christoper Wilson lebt in London, man kann über ihn lesen, dass er die Psychologie des Humors studiert und erforscht hat, und das er heute kreatives Schreiben in Gefängnissen und an der Uni für die Arvon Foundation unterrichtet. Sein Roman schlägt einen Ton an, der mich sprachlos gemacht hat. Mal bitter, mal sanft, mal britisch schwarz humorig. Er führt sprachlich eine angenehm leichte Feder und verpackt was zu verpacken ist auf sehr besondere Art. Den zwölfjährigen Juri Zipit setzt er dabei als Erzähler ein und dieser plaudert, unverblümt mit uns, als würde er uns schon ewig kennen, und uns warnen wollen, dem Leben nicht auch in die Falle zu tappen.

Ich lasse ihn mal zusammenfassen was Euch in dieser Geschichte erwartet:

“Es geht um Mord, Medizin und Theater, ums Kochen und Jonglieren, um Ränkespiel und Rollenspiel, um Elefanten und das Schicksal, all dies in einem Krimi, einer Gangsterstory, umwickelt mit mehreren Lagen Lügen, in eine Pappschachtel gestopft und weggesperrt in den Schrank unter der Treppe.” (Textzitat)

Noch Fragen? Dachte ich mir schon. Okay, ein bisschen mehr verrate ich noch. Juri Romanowitch Zipit ist wie gesagt zwölfeinhalb Jahre und lebt allein mit dem Vater, der Tierarzt ist, in einer Personalwohnung des “Hauptstadtzoos” neben dem Elefantengehege, hinter der Bisonweide gegenüber dem Seelöwenteich. Seine Mama ist vor Jahren schon in ein Gulag verfrachtet worden und seither nicht zurückgekehrt, ja und Juri vermisst sie. Wir schreiben das Jahr 1954, in dem Juri nach einer nächtlichen Entführung des Vaters zu einem Job kommt, der ihn für einige Wochen in die Datscha Stalins verschlägt. Aller Orten herrscht Mangel nur hier nicht.

Sein neuer Job als Vorkoster des “Stählernen”, könnte paradiesisch sein, ist aber mehr als anspruchsvoll und macht Juri in kurzer Zeit schlaflos, zu einem leichten Raucher und schweren Alkoholiker, wie er selbst sagt. Das er noch ein Kind ist, stört seinen Dienstherren dabei sowas von gar nicht, bei nächtlichen “Events” und ausufernden Gelagen, muss Juri sich durch alle Spirituosen, Zigarren und so allerlei essbares, was er noch nie zuvor gesehen hat, kosten.
Juri hält dabei Augen, Ohren und Herz offen und er ist bei weitem kein Idiot! Oh nein, er ist treu, loyal und den Menschen zugewandt. Dem alternden Herrscher wird er zum Ratgeber, zum Vertrauten, ja zum Gedächtnis, als die Schlaganfälle sich häufen und die Demenz fortschreitet.

Diese Idee ist so unglaublich wie erfrischend und sie greift auch nach mir wie eine kalte Hand. Denn längst nicht alle im Dunstkreis des Herrschers sind erbaut davon, wie viel Zeit und offenbar auch wie viele Geheimnisse ihr Chef diesem in ihren Augen idiotischen Jungen anvertraut. Sie, die Verschwörer drängen ihn, nötigen ihn, wollen ihn zum “Doppelagenten” umdrehen. Fassen ihn hart an. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus, ich schlage mir die Hand vor den Mund …

Die Zeilen fliegen beim Lesen nur so dahin und in der Leichtigkeit mit der Wilson schreibt stolpert man immer wieder auch über Passagen, die einen bremsen, einen Kloß im Hals machen und hart schlucken lassen. Holla die Waldfee – diese Geschichte hat einen Abgang, den man noch lange, ganz tief im Bauch spürt.

Besonders Juris Fragen sind es, die hingeworfen wie eine Handvoll Kiesel auf einen Strand, beiläufig fallen und die immer und jedes Mal ins Schwarze treffen, die Gespräche wenden, ja führen. Lebensklug und abgeklärt, extremst empathisch und herzerwärmend, hat er sich auch unter meine Haut, in mein Herz geschlichen. Durch Kinderaugen betrachtet muten die ausgebreiteten Welt- und Ansichten verblendeter Herrscher doppelt so schlimm an. Was Politik ist, und mit Menschen macht, lernt Juri schneller als ihm lieb ist. Der Blick auf Stalins Gewaltregime wird dabei sehr subtil thematisiert.

“Ideen sind mächtiger als Waffen. Wir lassen nicht jeden eine Waffe tragen, warum sollten wir sie also Ideen haben lassen?” (Textzitat)

Ich bin mir nicht sicher, was ich nach dem Lesen des Klappentextes erwartet hatte. Diese wahrhaft ungewöhnliche Geschichte mit einem kleinen Helden, dem, so hat man das Gefühl, schon lange in der Welt der Bücher ein Platz frei gehalten worden ist, aber wirklich nicht!

Juri rappelt sich immer wieder auf, tapfer hält er aus und durch. Seinen Mut, seine kindliche Weisheit und seine unerschütterliche Hoffnung, die wünsche ich uns allen!

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