Der Tag endet mit dem Licht (Denis Pfabe)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 02.09.2018

Nachts im Museum? Diesen Gedanken finde ich spannend und überaus reizvoll. Besonders wenn sich die Räume leeren bin ich gerne in einer Ausstellung, lasse auf mich wirken was ich sehe, spüre der Stimmung im Raum nach. Kann mich auch schon mal ereifern wenn ich nicht verstehe, was der Künstler mir sagen will. Besonders Skulpturen haben es mir angetan, in manchen Räumen fühlt man durch eine Installation eine Energie, die man nicht mit Worten erklären kann.

Wer, was auch immer in ein Werk interpretiert, ist mir dabei völlig egal, mich muss es erreichen, egal womit. Da passiert es mir auch schon mal, dass ich still in einer Ecke stehe und mir plötzlich die Tränen am Gesicht entlang laufen, oder es steigt ein heißer Zorn in mir auf, für den es keinen Grund gibt. Das ist für mich Kunst, ich muss es nicht studieren, fühlen will ich es können …

Der Tag endet mit dem Licht von Denis Pfabe

Frida Beier war elf als sie ihr Auge verlor. Sie hätte gar nicht hier sein dürfen, hier gar nicht arbeiten dürfen. Lange bevor sie lesen und schreiben konnte, nahm ihre Mutter, die in einer kleinen Tüll-Weberei an der Mosel arbeitete, sie mit in die Fabrik. Frida hasste die Fabrik und liebte die Maschinen, verstand es nicht wie solche Monstren einen derart zarten Stoff hervorbringen konnten. Sie wollte helfen, Teil dieses Prozesses sein, entnahm die leeren Spulen und legte volle nach. Bis zu diesem Tag, an dem eine aus der Maschine sprang, bis zur Decke emporschnellte, an ihrem Gesicht abprallte, ihr das Auge nahm und eine Narbe schenkte, die sich quer über ihr Gesicht zog  …

Adrian Ballons Vater war ein schwacher Mann, ein Trinker und ein Mörder. Der Mörder seiner Tochter. Auf dem Arm hatte er sie gehalten, als er besoffen mit ihr die Treppe hinab gestolpert und auf sie gefallen war. Wenig später war das zwei Wochen alte Baby im Krankenhaus gestorben. Seine Frau sollte sich nie mehr von ihren hysterischen Anfällen erholen und fortan alle Kliniken des Landes kennen lernen. Adrian verlor so nicht nur die kleine Schwester, sondern auch die Mutter. Ins Lenkrad habe sie dem Vater gegriffen, den Wagen in den Gegenverkehr, in einen entgegenkommenden Laster gesteuert. So lautete zumindest die offizielle Version, an die Adrian nicht glaubte …

Denis Pfabe, geboren 1986 in Bonn, legt mit “Der Tag endet mit dem Licht” seinen Debütroman vor. Einen Roman der die Ich-Erzählerin Frida Beier auf eine Reise durch die USA ins Ungewisse schickt und der mit einer Gewissheit, endet die man so nicht kommen sieht. Er hat mich auf eine besondere Weise gepackt, mit seiner Reduziertheit, seiner Bildgewalt. Durch diese Ausstellung wäre ich auch gerne gewandert, in ihr allein gewesen, zwischen all den Fenstern …

Es geht um Adrian Ballon, einen fiktiven, in Texas geborenen Perfomance Künstler, der zur Vorbereitung einer Ausstellung durch die USA tourt, begleitet von einem Trupp Handwerker, mit denen er ganze Fenster/ Wandstücke aus Einfamilienhäusern sägt. Ganz legal gegen Vertrag mit den Eigentümern und gegen Entgeld versteht sich. Begleitet wird er von Frida, die er ausgesucht hat und zunächst weiß auch nur er warum genau sie. Später, viel später erfahren auch wir den Grund, genauso wie Frida, die geschmeichelt den Auftrag des älteren, berühmten Künstlers annimmt und mit ihm aufbricht. Sie soll sich zusammen mit seinem Galeristen um die Organisation kümmern und einen eigenen Beitrag zur Ausstellung leisten. Sie selbst arbeitet mit Stoffen und kann sie auch weben, auf uralten Maschinen. Eine ausgestorbene Kunst. Ein Karrieresprungbrett?

Hier hat man einen Roman vor sich, der nahezu ohne wörtliche Rede auskommt, der sparsam mit Worten umgeht, als könnten sie am Ende nicht erreichen. Mal sind die Sätze ruppig, hart auf Kante, mal berührend. Es entsteht so eine Klarheit die schmerzt, eine Angespanntheit die drängt und mich als Leser durch die Seiten treibt. Ziemlich zu Beginn knallt es buchstäblich schon, und in einer geschickten Verwobenheit von Rückblenden löst Pfabe in der Folge diese Geschichte auf. Verlust, Wehmut und Trauer bevölkern die Seiten ebenso wie Kreativiät, Neugier und auch Mißgunst.

Wir reisen durch ein ländliches Amerika in wechselnden Mietwagen und immer ist es ein Ferrari. Schließlich ist der gute Ballon ein reicher Mann, spleenig und eigen, was sich in seinen Werken spiegelt, um die sich die Museen der Welt streiten. Das Röhren des Motor begleitet uns auf diesen Fahrten, vibriert in unseren Mägen, wir kehren ein in zahlreichen Diners, sitzen zwischen verschwitzen LKW Fahrern und waschen uns in einem See.

Auch Erpresser gilt es zu handeln, raue Männer denen völlig abgeht, welchem Antrieb ihr Auftraggeber folgt, was ihn am Laufen hält, die Schwungräder seiner Inspiration antreibt.

“Wild Pete’s Rodeo & Bar an der Interstate 10 war ein Höllenpfuhl mit Neonbeleuchtung auf dem Dach, dessen elektrisches Surren die sonstige Parkplatzstille wie eine andauernde Drohung durchschnitt. Jedes Mal, wenn die Tür aufgestoßen wurde, schwappte ein Gemisch aus Countrymusik und Männerstimmen zum Wagen herüber.” (Textzitat)

Hier kann man in Tüllbergen versinken, in neunzig Meter langen Bahnen, die Ballen sind schwer und werden von drei Männern aus einer zweihundert Jahre alten Maschine gehoben. Zerstörte Vorgärten müssen wieder gerichtet werden, nachdem schweres Gerät durch sie gebrettert ist um an die Fenster heranzukommen, die sich Ballon für seine Ausstellung ausgesucht hat. Wir stehen staunend bei Flutlicht in den Beeten und schauen auf dieses Spektakel. Packen mit an, wenn der Morgen graut, um die Blumen wieder zu ordnen.

Das Klicken des Revolvers, welches das Leben eines rastlosen, getriebenen Geistes beendet und eine junge Frau zur Multimillionärin macht, ist laut und vernehmlich zu hören. Ende und Anfang zu gleich …

Für meine Verhältnisse fasse ich mich an dieser Stelle inhaltlich bewußt kurz, möchte auf keinen Fall zuviel verraten von dieser dichten Geschichte, die in einem kleinen, feinen gebunden Buch eingefangen wurde. Die Quintessenz eines Lebens, erzählt in radikaler Schlichtheit. Befreit sie wenn Ihr mögt, taucht ein und lasst Euch durchschütteln …

“So wie der Taxifahrer zu Beginn unserer Reise, machte auch er sich nun, kurz vor dem Ende, ein Bild. Ein Bild von uns. Nur waren es dieses Mal Adrian Ballons Narben, die nicht verborgen blieben. Mir schien sogar, als musterte der Mann die ausgebeulte Overalltasche, als könnte er die Form des Revolvers darin ablesen.” (Textzitat).

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