Helden der Nacht (Karl Wolfgang Flender)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 26.08.2018

In der Nacht sind alle Katzen grau, alle Schatten und eventuell, gegebenenfalls auch die Messer lang. Wenn sich in der blauen Stunde Nacht und Tag zur Begrüßung und zum Abschied die Hand reichen, Nachtschwärmer auf Frühaufsteher treffen und der Morgen mit Tassengeklapper erwacht, geht ihre Schicht zu Ende. Die Helden der Nacht, ob Krankenschwester, Feuerwehrmann, Schweißer oder Polizist dürfen jetzt nach Hause, fallen ins Bett, wenn wir unsere Kissen aufschütteln und aus dem Haus gehen.

Eine Berufsgruppe hat man dabei vielleicht nicht unbedingt auf dem Radar, als klassischen Ausbildungsberuf würde man ihre Tätigkeit wahrscheinlich eher nicht anbieten, ihr Ruf ist auch nicht immer der Beste und sie schon schon mal am Rande der Legalität unterwegs.

In meinem Kopf zumindest ruft diese Berufsbezeichnung, allen Klischees entsprechend, sogleich ganze Kinofilme wach. Einen Detektiv stelle ich mir immer mit wehendem Trenchcoat, hochgeschlagenem Mantelkragen und mit Zigarette im Mundwinkel vor. Wie er da lässig an einem Pfeiler im Schatten lehnt und alles im Blick hat, messerscharf kombinierend, nicht ausrechenbar jeden Fall knackt und die Polizei dabei schon mal ganz schön alt aussehen läßt. Pah, echte Helden brauchen keine forensischen Beweise, hier wird auf frischer Tat ertappt!

Ja, ich gestehe: Ich liebe solche Geschichten á la Miss Marple, Marlowe oder Sherlock Holmes. Hier besonders auch die Verfilmungen der BBC, die sehr gewagt, den guten Holmes in unsere heutige digitale Welt geschossen haben. Wen wundert es da noch, dass mich bei dem Blick auf diesen Buchdeckel sofort der Titel angelacht hat. “Helden der Nacht” klingt irgendwie verwegen, oder?

In dem brandneuen Roman von Karl Wolfgang Flender glaubt der gute Bryan zunächst auch noch an die Romantik des klassischen Detektiv-Daseins, vom Vater infiziert, bis – ja bis …

Helden der Nacht

Bryan hatte eben an die zahlreichen Nächte gedacht, in denen er angst- und erwartungsvoll zu Hause in seinem Bett gelegen und auf die Rückkehr seines Vaters gewartet hatte, wenn dieser wieder einmal zur Gangsterjagd, das glaubte er jedenfalls, aufgebrochen war. Sein Vater führte eine Detektei was in den Augen seinen kleines Sohnes ultraaufregend war. Jetzt, in dem klapprigen Renault Clio, mit defekter Heizung und ohne Möglichkeit seine Blase nach der fünften Dose Red Bull, die ihn wachhalten sollte, zu entleeren, war er anderer Meinung. Mit Romantik hatten diese nächtlichen Observationen untreuer Ehemänner und das Warten darauf, DAS ultimative Beweisfoto schießen zu können, rein gar nichts zu tun.

Er studierte ja eigentlich, ok, seit dem Ende des Semesters war er nicht mehr an der Uni gewesen, das auch weil sein Vater es so mit dem Rücken hatte, dass die Krankenkasse ihn jetzt zur Reha an den Balaton schicken wollte. Ohne Krankenvertretung würde der Vater aber keine Einkünfte haben, Bryan soll also bis zu seiner Rückkehr den Laden über Wasser halten. Klingt als Pflicht erst einmal harmlos, hätte es auch sein können, wäre da nicht sein Kumpel Kenny, mit besten Kontakten im DarkNet, auf eine nicht ganz legale Idee gekommen um die Geschäfte mal so richtig anzukurbeln, von der er nicht nur nicht mehr abzubringen war, nein er zettelte das Ganze auch noch ohne Rücksprache an. Ganz entspannt nach dem Motto “Digital first – Bedenken second” (Zitat Flender) 

Karl Wolfgang Flender, geboren 1986 in Bielefeld, promoviert derzeit an der FU Berlin in Literaturwissenschaft. Helden der Nacht ist sein zweiter Roman. Sein Debüt Greenwash, Inc. habe ich mir nach dieser Lektüre sofort auf den Zettel genommen und Flender hat sich, ich greife jetzt mal vor, aus dem Stand auf meiner Autorenmerkliste in die erste Zeile eingeschrieben.

Volltreffer! Zuerst hat er mich über die Sprache gekriegt, mit seinem Wortwitz, mit der Schlagfertigkeit in seinen Dialogen, mit der Treffsicherheit seiner Pointen. Griffig sind ihm seine Figuren gelungen, mit der richtigen Portion Eigensinn, herrlich unangepaßt, naseweis, Okay –  manchmal auch planlos, was sie nur noch liebenswerter macht. Die Grundidee ist sehr, sehr, sehr cool und schraubt sich spannend, gut konstruiert, Umdrehung für Umdrehung, bis zum Show Down in die Höhe.

Modern ist Flenders Sprache und trotzdem geschliffen. Ist das vereinbar? Oh, ja, mit Worten kann er umgehen, das es eine Freude ist. Schlitzohrig und lässig versammelt er eine bunte Truppe schräger Vögel um Bryan, alles ehemalige Kollegen seines Vaters, die in Sachen Existenzsicherung auch so ihre liebe Mühe haben. Der gute Bryan hat seinen Platz im Leben noch nicht wirklich gefunden, auch wenn er weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen ist. Ich hab gerne mit ihm gesucht, nach Sinn und Unsinn.

Zwei Freunde, eine Idee, die die Welt aus ihren Angeln hebt und ihre Konsequenzen, treffen auf eine Polizei-Ermittlerin, die aufgrund ihrer unkonventionellen Methoden ein Beschwerde-Register füllt, das bis Timbuktu reicht. Ihr Chef – not amused, die Kollegen kopfschüttelnd – so what, sie steht drüber! Ihren Partner hat sie, nein, nicht bei einer Schießerei eingebüßt, auch wenn sie das Zeugen gegenüber schon mal behauptet, sondern an die Elternzeit verloren (und er will die Auszeit auch noch verlängern!) – an den Neuen wird und will sie sich nicht gewöhnen. Da geht sie viel lieber ganz andere Seilschaften ein und wenn es die mit einem Gauner ist!

Alle Wege, alle Spuren führen offenbar zu einem Risikokapitalgeber für Start Ups. Hier feiert man rauschende Partys in Arbeits-Erlebniswelten von denen wir Normal-Sterbliche nur träumen können.

Die feinen Rauchfäden eines Joints ziehen durch diese Buchseiten, so animiert haben die beiden Kumpels die besten Einfälle. Es werden Filmszenen und Mafia-Regeln zititiert (“Immer mit dem Gesicht zu Tür sitzen”) und danach gehandelt, okay – das klingt jetzt vielleicht eher weltfremd, erweist sich aber als äußerst effektiv.

Herrlich verpeilt, mit dem Herz am rechten Fleck und irgendwie doch auch semiprofessionell erschüttert Bryan das Lebenswerk “Privatdetektei” des Vaters bis in die Grundfesten. Obwohl, wenn man es genau nimmt, schliddern sie ja nur ins Unheil weil Kenny nicht genug kriegen kann und Bryan versucht sich an Schadensbegrenzung, oder?

Als es dann in einem brandenburgischen Boot-Camp für Männer, die mal wieder ganz Mann sein wollen, für Bryan, der im Alleingang die Welt retten will, so richtig eng wird, geht sogar dem abgebrühten Kenny der A…. auf Grundeis.

Anfangs hat mich irritiert, dass alle Figuren englische Namen haben, das wo doch die Geschichte in unserer Bundeshauptstadt spielt. Aber, das hier geschilderte Berlin könnte überall sein, na ja – überall ist weit gefaßt, eine Großstadt muss es schon sein. Nur hier gibt es den Nährboden für derartige Geschichten.

Eine Story, die sich zuspitzt, bis sie auf Messerschneide steht und auf ihr balancieren die drei Helden nicht nur des Nachts. Unbeschreiblich wem oder vielmehr was sie da auf die Spur kommen, einer Verschwörung so dicht, so geschickt gewoben und die Spinne lauert in ihrer Mitte. Und ja, da es ja bekanntlich keine Zufälle gibt, muss es wohl Bestimmung sein, was da kommt und wie es kommt.

Was hab ich mich gefreut! Der gute alte Detektiv-Roman ist zurück, und zwar ganz schön reloaded.

Oh ja, dit jefällt ma! Mit reichlich Situationskomik, clever, charmant, und in sehr modernem Gewand schleust uns Flender durch dieses Abenteuer. So cool, der Autor schreibt sich nach bester Hitchcock Manier selbst in die Geschichte. Wir begegnen ihm auf einer Party ganz zwanglos bei Sekt und Schnittchen.
Ich fühlte mich außerordentlich gut unterhalten und würde gerne sofort noch mal mit Bryan, Kenny und Colleen durch die Straßen von Berlin ziehen! Dann auf jeden Fall auch wieder im “Train” einkehren. Einer Bar im Speisewagen à la Orient Express, mit Kronleuchter, Plüsch und allem Tatütataa, wo einen der Barkeeper und die Cocktails gleichermaßen umhauen.
Erfrischend ist diese Geschichte, erschreckend die Auflösung, die Tarnung, der Fall, dessen Machbarkeit mich zwischen Unglauben, Entsetzen und Faszination schwanken läßt. Wenn hier ein Regisseur wie David Schalko oder Detlef Buck mit ihrem Händchen für die schrägen Typen ran ginge, würden wir, da halte ich jede Wette, alle begeistert mit der Nase vor der Mattscheibe kleben.
Druckfrisch, in dieser Woche erschienen, halte ich dieses Schätzchen jetzt zum Schluß mal noch ins Licht. Könnt Ihr es sehen? Nein? Kommt mal näher ran! Immer noch nicht? Dann hilft nur eins, Buch besorgen und los lesen bis die Augen müde werden. Dann auf den Nachttisch packen, Licht aus und auf die Lauer legen. Ihr werdet schon sehen und staunen, was für ein nettes Gimmick der Einband noch bereithält!
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