Geisterwand (Sarah Moss)

Etwa 800 Jahre nach Christus bestimmte ein Material eine ganze Epoche. Das Eisen. Man begann schneidende Waffen aus ihm herzustellen und nicht nur im Alltag waren plötzlich Messer und Speerspitzen hilfreich, auch für Folter und Kampf erfand man erwiesenermaßen nützliches. Die Sehnsucht nach Einfachheit, vielleicht ist das der Grund, warum sich in dieser Geschichte eine Gruppe von Menschen aufmacht, um einen Sommer lang in der Eisenzeit zu leben. Vielleicht haben Einzelne von ihnen aber noch ganz andere Ideen von dieser Zeit und von dem, was sie in ihr erleben wollen. Ich fürchte ja dem ist so …

Sie führen sie raus. Die Augen unverbunden, geweitet zum letzten Himmel, zum letzten Licht. Die letzte Kälte beißt ihr in Finger und Gesicht, die Steine – nicht die letzten Steine – schrammen ihre bloßen Füße. Sie taumelt. Sie halten sie aufrecht. Kein Grund, grob zu sein, jeder weiß, was nun kommt. Aus den Tiefen ihres Körpers, aus dem Mark ihrer Wirbelsäule und den geweiteten Blutbahnen unter den Rippen, aus der Leere ihres Schoßes und ihrer sich hebenden Brust zittert sie. Ein Körper in Angst”.

Textzitat Sarah Moss Geisterwand

Geisterwand von Sarah Moss

Ein Professor und drei Archäologie Studenten. Ein frühgeschichtlich begeisterter Busfahrer mit Frau und Tochter, letztere ist nicht freiwillig hier, verbringen einen Juli, in einem Moorwald in Northumberland, in der Nähe des Hadrianwalls.

Das Projekt “Eisenzeit”: Leben ohne Uhr. Essen was man sammeln und jagen kann. Leben ohne Zivilisationsannehmlichkeiten. Die Frauen gefügig und am Herdfeuer. Die Männer hart, selbstbestimmt und herrschend. Soweit das Bild.

Die Authenzität jedoch wird durch Tennissocken gestört. Ausgerechnet von ihm. Dem Professor für empirische Archäologie. Unverzeihlich. Seine Studenten mit ihren Anti-Atomkraft-Buttons, Nylonzelten und ihrer lockeren Einstellung stören das Bild ebenfalls. Was Sylvie’s Vater gehörig missfällt. Er kennt sich aus in der Wildnis. Er, der eigentlich Busfahrer ist, ein Fan der britischen Frühgeschichte und seltsam in der Vergangenheit verhaftet zu sein scheint. Seine Familie hat bis heute keine Pässe, war nie im Ausland. Seine Tochter, hat er nach Sulevia benannt, der Göttin der Quellen und Seen.

Es geht um Routinen und offenbar auch um Gefolgschaft. Um eine Hackordnung, der er, der Busfahrer, nur zu gerne vorstehen würde. Das ist kein Spiel hier. Für ihn. Und ihre Bildung würde ihnen nicht helfen. Hier nicht.

Jäger und Sammler. Felltaschen und ein Weg ins Moor. Wollte man Fleisch essen, musste man töten. Selbst ein Fisch kam schließlich nicht von selbst auf den Teller.

Moorleichen. Menschenopfer. Ein Ritual ein uraltes, plötzlich sind sich alle einig. Alle bis auf Sylvie, aber sie wagt es nicht “Nein!” zu sagen …

Sarah Moss, geboren 1975 in Glasgow, britische Schriftstellerin, veröffentlichte ihren ersten Roman 2009. Für ihren zuletzt erschienenen “Gezeitenwechsel“, der sich noch auf meinem Merkzettel befindet, wurde sie sehr gelobt und mein Interesse auf mehr von ihr ist jetzt geweckt.

Aber hier soll es um ihren “Geisterwand” gehen. Was für ein Roman! Wie tief Atem holen und Luft anhalten. Messerscharf, nein, rasierklingenscharf seziert Sarah Moss Handlung und Figuren. Bei ihr geht es viel um Körperwahrnehmungen und die bringt sie so auf den Punkt, das es mich im Wechsel schaudert und aufatmen lässt. Ihre Sylvie beobachtet mit wachem Blick Natur und Geschehen und schildert durch die Feder von Moss ihre Empfindungen so bildhaft, das ich mich mitten in der Geschichte wähne. Immer geduckt, immer auf der Suche nach Schutz, einem inneren Schutzraum.

Angst. Sofort packte sie mich. Ein unbestimmtes Unbehagen ließ mich bis zum letzten Satz nicht mehr los. Wenn es erste Sätze gibt oder gab, die mich in einem Roman bislang unmittelbar abgeholt haben, dann sind es diese hier. Kunstvoll verknappend und mit ungeheurer Eindrücklichkeit schreibt Sarah Moss. Sie hat mich regelrecht umgehauen mit ihren Satzschätzen, die mit eiskalter Hand und sparsamer wörtlicher Rede nach meinem Herzen greifen. Meisterin der Andeutung, Herrin über mein Kopfkino. Ich verneige mich. Auch vor dieser Übersetzung von Nicole Seifert, die auch schon die vorangegangenen fünf Romane dieser Autorin ins Deutsche übertragen hat.

Denn, Holla, die Waldfee! Wenn eine Geschichte Wucht hat, dann diese. Sprachlich und emotional. Einmal angefangen, will man sie, kann man sie nicht mehr aus der Hand legen. Sie entfaltet eine so unwahrscheinliche Sogwirkung das man liest wie im Rausch.

Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Das trifft bei mir auch bei einem Buch zu. Entweder es macht gleich klick, oder nicht. In diesem Fall hat es mehr als das getan. Es fällt mir gerade schwer mich zu ordnen und in Worte zu fassen was da beim Lesen mit mir passiert ist.

Gewalt in der Familie. Oft geht sie vom Vater aus, der Frau und Kinder schlägt, die sich trotz aller Übergriffe aber nicht von ihm lösen können. Das ist nicht neu. Leider. Sarah Moss aber erzählt auf eine sehr eigene Art davon und stellt ihre Geschichte in eine Umgebung und in einen Kontext, wie man es nicht gewohnt ist und auch nicht erwartet. Das macht diesen Roman von ihr zu einem besonderen. Zu einem Leseereignis trotz oder wegen dem was ihr geschieht. Sie sieht nicht weg, sie schaut genau hin, sehr genau. Was mindestens so sehr schmerzt beim Lesen, wie die Schläge mit dem Ledergürtel die Sylvie aushält.

Was für mich aber am schlimmsten war, jenseits aller Gewalt, war wie Sylvie dass erträgt, wie sie es als gegeben und unüberwindbar hinnimmt. Weil sie es nicht anders kennt. Wie die Mutter so die Tochter. Weil Männer das Sagen haben. Ihre Scham. Die Demütigung. Betrachtet man den “Täter”, ist nicht einmal Alkohol im Spiel. Was es nicht besser macht. Im Gegenteil. Daran reibt sich mein Herz wund und ich würde am liebsten laut schreien.

Wie viel Mut gehört dazu einzugreifen, wenn man als Außenstehender bemerkt, dass jemand Gewalt angetan wird. Wie macht man das dann ohne dem Opfer noch mehr zu schaden?

Was all das jetzt mit einer Geisterwand zu tun hat und was eine Geisterwand ist, verrate ich nicht. Zum Ende des Romans hin wird das Geheimnis gelüftet und dieses Eisenzeit-Abenteuer eskaliert. So viel will ich euch mitgeben auf den Weg durch diese Geschichte, die ihren Figuren alles abverlangt und ihren Leser*innen nicht minder: Seid auf der Hut. Stellt Euch auf Schmerz ein, auf Entbehrungen, auf Bilder, die wie ein verletztes, gehetztes Tier durch Euren Kopf jagen … Aufgewühlt wie ich bin, ordne mich noch und atme jetzt erst einmal aus. Geräuschvoll!

Mein Dank geht an den Berlin Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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