Guldenberg (Christoph Hein)

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Auf dem Land. Überall ist Guldenberg und Guldenberg ist überall. Auch wenn dieser Romanschauplatz ein fiktiver ist, nachempfunden dem sächsichen Bad Düben, dem Ort in dem dieser Autor seine Kindheit verbracht hat, hat man keinen Zweifel an seiner “Echtheit”. Im Gegenteil, nicht weniges, erinnert mich an eigene Erfahrungen mit dem “Landleben”. Selbst Landei und zugezogener Dorfbewohner, der ich bin und der noch nach Jahren eine Art Fremdheit spürt und zu spüren bekommt …

Guldenberg von Christoph Hein

Fremden gegenüber ist man skeptisch hier. Fremde, die als Fremde kamen und Fremde bleiben, gehören nicht hierher. Haben einen, wenn man ehrlich ist, nicht gerade leichten Stand und für Fremdheit kann man ja auch sorgen, nicht?

Was andernorts geschah, konnte hier nicht passieren. Keinesfalls. Von eingeschlagenen Scheiben, Anschlägen, oder sexuellen Übergriffen las man nur in der Zeitung. Bis vor kurzem jedenfalls, bis SIE hierher gekommen waren. Die Flüchtlinge. Junge Männer, “unbegleitete Jugendliche” sagen sie, teils Vollwaisen, aus Syrien und Afghanistan, die nicht wussten wohin mit sich und die sich auch selbst gegenseitig nicht über den Weg trauten. Untergebracht hatte man sie im ehemaligen Seglerheim und die Brummig kümmerte sich um sie. Deutsch sollten sie lernen und sich benehmen. Was sie nicht taten. Das ist für viele hier offensichtlich …

Ein Klappmesser, seine Klinge zwanzig Zentimeter lang. Bauern ohne Kultur. Gulaschsuppe und ein Skat-Stammtisch, der jeden Donnerstag tagt. Beschmierte Haustüren, Ziegelsteine die ungebremst auf Fernsehsesseln landen und zerstochene Autoreifen. Willkommen in Guldenberg, wo die Welt noch in Ordnung ist.

Eine mutmaßliche Vergewaltigung. Sie ändert alles und die Stimmung kippt. Endgültig. Jeder im Ort hat eine Meinung, jeder sagt was, keiner weiß was. Die Schuldigen stehen längst fest. Nicht für die Polizei, aber für alle anderen.

Ein Sturm auf das Rathaus, ein Aufstand der Anständigen. So sehen sie das, so machen sie das. Kurz darauf fliegen die Molotow-Cocktails und es brennt …

Christoph Hein, geboren am 8. April 1944 in Heinzendorf/Schlesien, wuchs in Bad Düben bei Leipzig auf. Ausgezeichnet u.a. mit dem Grimmelshausen-Literaturpreis hat Hein zahlreiche Romane, Novellen und auch Theaterstücke und Essays veröffentlicht. Der Tagesspiegel zählt ihn zu den scharfsinnigsten Chronisten der deutschen Gegenwartsliteratur und ich war nicht nur wegen dieser Einordnung gespannt. Hein gehörte vor dem Mauerfall zu den wichtigsten oppsitionellen Autoren der DDR und erlangte in den 80ziger Jahren auch im Westen Bekanntheit.

Hein schaut dem Volk aufs Maul und in des Volkes Seele, wie schon Juli Zeh in ihrem “Unterleuten”. Beide spiegeln Probleme und den Alltag einer Dorfgemeinschaft, dies mit extrem erschreckendem Realitätsbezug. Bei Zeh ging es um die Windkraft die einen Ort spaltete, die Nachbarn zu Feinden werden ließ. Bei Hein ist es die Fremdenfeindlichkeit die einen Keil in ein Dorf treibt.

Zeh und Hein wissen, wo es um die Wahrung von Interessen geht, sind Konflikte vorprogrammiert, auch und besonders in Dorfgemeinschaften. Welche Sympathien man offen zeigt muss man sich stets gut überlegen und vorher. Sonst steht man ganz schnell am Rand und da will man nicht hin.

Ruhig, vertraut und gemütlich soll es in der von Hein gezeichneten vermeintlichen Idylle bitte bleiben. “Zigeuner” (sorry dafür, aber das ist der O’Ton hier), die die Beschaulichkeit stören, will man hier nicht im schönen Bad Guldenberg, einer katholischen 870 Seelen Gemeinde, die einen Pfarrgemeinderat unterhält, der mit seinem Vorsitzenden sowas wie einen zweiten Bürgermeister stellt. Die Macht im Ort scheint also zweigeteilt und erzeugt so nicht nur eine Krise.

Krise heißt Chance, aber die ergreift man hier nicht. Man rennt wie gegen Wände. Gegen Wände zementierter Überzeugungen.

Probleme über Probleme, solche die ein Priester nicht lösen kann und doch landen etliche davon bei ihm auf dem Tisch. Vielleicht vermag ja die nächste Sonntagspredigt zu helfen, er tippt zumindest mal fleißig auf seiner alten Olivetti.

Eiserne Fenstergitter und Kameras. Nach dem Brandanschlag ist vor dem Brandanschlag. Nichts ist besser, vieles schlimmer und bei mir beginnt es zu dämmern.

Hein eröffnet mehr als einen Nebenhandlungsstrang und ich vermute, dass in diesem hier ein verzweifelter Unternehmer Maßnahmen ergreift, die der aufgeheizten Stimmung in die Hände spielen. Ihn hat ein Kunde hängen lassen und der so geplatzte Großauftrag erzeugt einen immensen Druck in seinem betriebswirtschaftlichen Kessel. Mit Druck kennt sich auch diese junge Dame hier aus, sie ist ungewollt schwanger, minderjährig und ihre Eltern dementsprechend “not amused”, Zeit und Gelegenheit das jemand in die Schuhe zu schieben? Bitte sehr …

Es wird aufgestachelt und Gerüchte werden verteilt. Verbal und inflationär. Der Dialog zwischen den Stammtischlern oder den Kunden im Zeitungskiosk waren für mich das Bemerkenswerte an diesem Roman. Hein bedient sich dieses Stilmittels, das es möglich macht die Vielstimmigkeit der vorherrschenden Meinung zu hören, ironisch und bissig sind da echte Kopfschüttler-Sätze dabei, und auch solche über die man einfach nur lachen kann.

So ist dies über weite Strecken eine Art Dialog-Roman. Das macht ihn sehr kurzweilig, und wer so wie ich Christoph Heins vorhergehende Veröffentlichungen nicht kennt und zum ersten Mal auch in Guldenberg unterwegs ist, insgesamt sechs Mal schon machte Hein diesen fiktiven Ort zum Schauplatz eines seiner Romane, kommt nicht in die Verlegenheit zu vergleichen und kann diese Geschichte für sich alleine genommen bewerten. Was offenbar Vorteile hat, glaubt man den eher enttäuschten Stimmen. Seine Geschichte war für mich bei aller Vorhersehbarkeit weder eine schlechte noch ein Highlight, sie kommt mir aber ein wenig vor wie von der Stange. Es fehlte mir das gewisse Etwas und ich hatte mehr Antipathie denn Sympathie für die Figuren, die schon auch etwas stereotyp auf mich wirkten, anders als bei Juli Zeh in ihrem Unterleuten.

Hein als Chronist, ich mochte seine Geschichte und dann mochte ich sie auch wieder nicht. Sie wirkt etwas konstruiert, ist aber flüssig erzählt und was passiert könnte so auch in der Zeitung stehen, oder den Abendnachrichten entsprungen sein. Nachrichten von denen man hofft, dass sie nicht wahr sind. Das übertrieben wurde. Es hat reichlich Stammtischweisheiten und sie werden laut hinaus posaunt auf das wir sie nur ja nicht überhören. Es hagelt rassistische Bemerkungen, die verwendete Sprache ist alles andere als politisch korrekt, allerdings passgenau und so wie hier hinter geschlossenen Gardinen das Kleinbürgertum gepflegt wird, man sich gierig Posten zu schachert und Grundstücke in Naturschutzgebieten, wie Lokalpolitiker korrumpiert werden ist echt übel, ich fürchte aber zeitlos aktuell und am Ende Gelände siegt des Volkes Wille? Schöne neue Dorf-Welt, kann ich da nur sagen.

Die ungekürzte Hörbuch-Fassung verdichtet mit und durch ihren von mir verehrten Sprecher in 6 Stunden 17 Minuten gekonnt das Drama:

Johann von Bülow, geboren 1972 in München, sein Filmdepüt gab er an der Seite von Franka Potente in “Nach fünf im Urwald”, wer mir schon etwas länger folgt weiß, ich schaue besonders gerne auf Stoffe die er vorliest. Weil er sich zurücknehmen kann, mit einer Unaufgeregtheit glänzt die mir sehr angenehm ist. Für ihn ist immer der Text der Hauptdarsteller und sein Vortragsstil ist so ganz und gar uneitel das ich mich davor verneige. Dabei mangelt es ihm nie an der notwendigen Empathie, im Gegenteil und so auch hier. Die Guldenberger sind nicht sicher vor ihm und seinem klaren Blick auf ihre Verfehlungen. Er ist in Topform, mal süffisant, mal ironisch, mal aufmüpfig, jede der Rollen steht ihm, und er kann sie alle. Dabei spielt er sich nie in den Vordergrund, er ist der stimmliche Hintergrund, für mich aber bei dieser Geschichte das Salz in der Suppe.

Mein Dank geht an Der Audio Verlag für dieses Besprechungsexemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    29. Mai 2021

    Liebe Mikka, hab vielen Dank für das schöne Kompliment und für Deine ausführliche Rückmeldung. Beides freut mich sehr! Für mich war es ja eine “Hein-Premiere”, was es manchmal leichter macht, weil macht eben nicht vergleicht. Ich habe Heins Personal hier als sehr lebensecht empfunden, was passiert ist nicht neu, aber wie Du so schön sagst, sehr gut verdichtet. Es gibt Stimmen die den Roman altbacken finden, mit den jungen Stimmen der Gegenwartsliteratur kann er nicht mithalten, das stimmt, wobei ich mir dieser Fraktion auch schon mal schwer tue. Also, es ist wie immer … Versuch macht kluch, oder so. LG von Petra

  2. Mikka
    29. Mai 2021

    Hallo,

    ich habe “Verwirrnis” von Christoph Hein gelesen und fand damals einfach keinen rechten Zugang zu den Charakteren, obwohl ich Thema und Setting sehr interessant fand.

    Daher hadere ich noch mit mir, ob ich “Guldenberg” lesen möchte oder nicht – aber die Geschichte reizt mich. Ich finde Geschichten, die in kleinen Städten und engen Gemeinschaften spielen, oft sehr interessant, weil da alles komprimiert und auf die Spitze getrieben wird.

    Eine sehr schöne Rezension!

    LG,
    Mikka

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