Für immer die Alpen (Benjamin Quaderer)

Ist er das, ein Whistleblower? Ein Aufdecker, ein Hinweisgeber, ein Enthüller von Informationen, die nie hätten an die Öffentlichkeit gelangen sollen? Aus einem geschützten Raum, aus dem Keller einer Bank stammen sie, insoweit ist es zutreffend, dass die Allgemeinheit wohl hätte nicht von ihnen erfahren sollen. Wer aber eine konkrete, eine monetäre Forderung mit der Herausgabe von Informationen verbindet, ist keiner, der andere einfach nur verpfeifen will. Oder? Die Edward Snowdens unserer Tage jedenfalls hatten anderes im Sinn, als er hier, der …

Für immer die Alpen (Benjamin Quaderer)

Johann Kaiser, 54 Jahre alt, lebt an einem Ort, von dem wir nicht wissen dürfen wo das ist. Mit einer neuen Identität haben sie ihn ausgestattet. Was wir erfahren ist, dass er in einer Siedlung mit zweigeschossigen Häusern und zahlreichen Rasenrobotern untergekommen ist. Allmorgendlich seinen Kaffee auf der Terrasse trinkt, mit den bedeutendsten Tageszeitungen der Welt auf dem Tisch. In einer solchen hat er vor nicht allzu langer Zeit sein eigenes Konterfei entdeckt, verbunden mit der Frage und einer Schlagzeile, ob ihm denn zu trauen sei …

Als Hochstapler verleumdet (seine Sicht), als Verräter tituliert, beginnt er hier mit dem Schreiben, über keinen Geringeren als sich selbst. Klar stellen will er, wie alles wirklich gewesen ist. Also gut, hören wir ihm doch mal zu, was er über Kindheit, Jugend und sein Verhängnis zu erzählen hat. Was er berichtet über das WAS ihn hierher geführt hat und wer … Regelmäßig wechselten seine Aufenthaltsorte. Man folterte ihn in Argentinien. Er floh durch Europa. Wer ist dieser Mann mit den vielen Gesichtern?

Benjamin Quaderer, geboren 1989 in Feldkirch/Österreich, wuchs in Liechtenstein auf, wo er auch diesen, seinen ersten Roman starten lässt. Er studierte literarisches Schreiben u.a. in Wien. Wichtig scheint ihm zu sein, klar zu stellen, das er uns hier eine fiktive Geschichte erzählt und ich will es ihm gerne glauben. Mag ich doch diesen Johann Kaiser oder wie er sonst heißen mag, überhaupt und gar nicht. Besser also es gibt/gab ihn nicht wirklich. Zum Staatsfeind Nr. 1 im Fürstentum Liechtenstein wurde er (gemacht?). Nicht alle sind also gut auf ihn zu sprechen und so einige von ihnen kommen in dieser Geschichte auch zu Wort.

Im Sternzeichen des Widders geboren, bestiehlt er zunächst Heinrich Harrer, ja den Bergsteiger. Er trinkt als Kind mit ihm Buttertee und es wird ihm verziehen.

Von den Eltern “entsorgt”, mitsamt seiner Schwestern, für schwachsinnig erklärt, gerettet von der Fürstin von Liechtenstein höchstselbst, kommt er zu Pflegeeltern. Er ist ein Streber, wird verprügelt stellt sich trickreich tot um der Situation zu entkommen. Wir lernen diesen Jungen kennen und seine ersten Gehversuche als Gauner. 

Ja, er klaut tatsächlich das Moped seines besten Freundes und haut einfach ab. Auch wenn seine Motive nachvollziehbar und sein Handeln nicht böswillig ist, glaube ich, wir sind noch nicht am Ende dessen, was er zu tun bereit ist angelangt. Mit schmerzendem Hinterteil überquert er auf diesem Gefährt die Alpen.

“Es war einmal die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Einmal die Angst nirgendwo anzukommen und einmal die Gewissheit kein zu Hause zu haben. Es war einmal alles, genauso wie heute.”

Textzitat Benjamin Quaderer Für immer die Alpen

Eine Postkarte im Rucksack die als einziger Hinweisgeber dient, wohin seine Mutter verschwunden sein musste. Nachdem oder vor dem sein Vater “die andere Frau” gefunden hatte. 

Ankunft in Barcelona. Ein Kloster bietet ihm Zuflucht und von hier aus startet er seine Suche. Ein altes Foto soll helfen. Aus Johann wird Juan und drei Wochen lang bleibt er verliebt in diese Stadt und in ihr gleißend helles Licht.

Es gibt ein Wiedersehen mit DEM Bergsteiger, Heinrich Harrer, und seine erste große Lüge gelingt Johann hier. Fünfzehn Jahre ist er jetzt alt und er versteht es schon jetzt Erwachsene wie Jugendliche, Mitschüler und Lehrer für sich einzunehmen, mit Raffinesse nicht etwa mit Empathie. Ich sage nur “Hilti”.

Gute Zeugnisse, aber Auffälligkeiten im Verhalten werden ihm attestiert. Eine Tendenz zum Manipulativen, mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung. Das beschreibt ihn wirklich gut.

Man kommt schon ganz schön rum mit ihm, dem Johann, für mich gibt es sogar ein Wiedersehen mit meinem geliebten Rijksmuseum in Amsterdam, wo ich hinter einer Schulklasse her auf Rembrandts Nachtwache zu laufe. Solch eine Szenerie lasse ich mir gerne gefallen!

Rückkehr aus Australien, mit 27. Zurück im Elternhaus, aus dem seine Schwester Lotte gerade wegen einem Peter, den sie zu heiraten gedachte, ausgezogen war. 

Schwarzgeld, Steuerskandale, Erpressung, Majestätsbeleidigung, ein Geldwechsel-Deal der spektakulär platzt. Jachten, teure Immobilien, ungedeckte Schecks, mehr Schein als Sein? Tote Katzen auf der Fussmatte, Elektroschocks und Schläge, als Lohn für Schulden für Betrügerei. Haar- und silbenklein werden Kaisers Abenteuer wiedergegeben.

Wem gehört Geld? Den Reichen, den Banken? Philosophische Einsprengsel dienen als Rechtfertigung oder als Erklärung. Workplace-Violence. Aha – nie gehört. Die soll jetzt Schuld sein? Sie macht Opfer zu Tätern. Johann etwa auch?

Prall gefüllt wird am Ende des Romans das Leben dieses Helden sein, wechselvoll seine Geschichte. Plaudernd wurde ich entführt, war unterwegs auf einer Spurensuche. Unterhaltsam war das, für mich aber kein Highlight. Vielleicht auch, weil meine Erwartungen andere waren. Einen Gentleman-Gauner hatte ich mir erhofft, einen gerissenen aber liebenswerten Schurken. Getroffen aber habe ich einen Narzissten, ja Entschuldigung, für mich ist er das und jede Menge Ironie, die Steuersündern den Spiegel vorhalten soll?

Benjamin Quaderers Ton ist lakonisch, leicht von oben herab, wenn er seinen Helden erzählen lässt, von sich, von anderen, von dem was er angestellt hat, von allem. Sprachlich leicht verspielt im Sinne von, ich baue bunte Satzbilder, hat er mir stilistisch Freude gemacht. Er ist ein Satzschmied, sehr eloquent, hat offensichtlich Spaß am Formulieren.

Der Zugang zu seiner Figur allerdings ist mir verwehrt geblieben. Schade, denn wenn ich Sympathie aufbauen kann, bin ich gerne auch auf der Seite der Hochstapler und Gauner à la Oceans Eleven oder auch im Haus des Geldes. Wenn Ihr wisst was ich meine. Trickreich darf es sein, Action kann es haben, Spannung gerne. Cleverness? Auf jeden Fall! Aber immer muss es einen Helden, mindestens einen geben, zu dem ich durchdringen kann. Was mir hier gefehlt hat, ich mag diesen Kerl einfach nicht.

Vielleicht habe ich ihm ja aber doch Unrecht getan, diesem Johann und er ist doch das Opfer unglücklicher Umstände und missgünstiger Zeitgenossen. Ich beginne zu zweifeln, bin aber noch nicht soweit, dass ich ihm glauben will, was er da jetzt wieder vor mir ausbreitet. Wer sind hier die wahren Verbrecher? Ruhe bewahren ist da leicht gesagt!

Seinen Plot hat er gut gebaut, der Benjamin Quaderer, er lässt es in sprachlicher Opulenz schön hin und her wogen. Eine hohe Ereignisdichte ist hier anzutreffen, wegen der man seine Gedanken aber schon auch zusammenhalten muss. Es erfordert Konzentration hier am Ball und auf Stand zu bleiben.

In der Printausgabe des Romans hat es reichlich Schwärzungen im Text (für die Geheiminformationen!) diese werden in der Hörbuch-Fassung mittels Pieptönen wiedergegeben. Was sich für mich anfangs anhörte wie ein Störsignal, und lustig klang. Gegen Ende aber fiepte es so häufig, dass ich dann doch den Faden im Text verlor. Hier ist es sicher leichter lesend zu folgen. Nicht nur deshalb, bin ich froh, das ich beim Hören von einem Profi begleitet wurde, sondern auch weil ich ihn schon in der Hörbuch-Fassung von Steffen Kopetzkys Propaganda in den Tiefen des Hürtgenwaldes schätzen gelernt habe:

Johann von Bülow, geb. 26.09.1972, Theater-und Filmschauspieler. Ja, er ist nicht nur, verwandt mit Vicco von Bülow (sein Großonkel) alias Loriot, sondern er liest auch aus dessen unvergessenen Werken, das schon seit 2014. Sitzt ihm der Schalk im Nacken? Keine Ahnung, ich meine ihn aber schon hier gehört zu haben. Er passt sehr gut zu Quaderes Protagonist, legt ihn zunächst mit leicht überheblichem Ton an. Irgendwann löst er dann mit einer Grundempörtheit diese Stimmung ab. Von Bülow lässt mich rätseln, fluchen und Kaiser verdammen, herrlich griffig gestaltet er ihn aus, liest sich flüssig und sehr pointiert in 14 Stunden und 20 Minuten durch diese leicht gekürzte Lesung, der 596 Romanseiten zu Grunde liegen.

Tja, und was ist er nun, der Herr Kaiser? Ein Whistleblower wie eingangs vermutet, ein Dieb, ein Erpresser, ein Hochstapler, oder gar ein Held? Ich habe für mich entschieden, tut ihr es für Euch. Ich denke, wir werden hier noch zu diskutieren haben …

Mein Dank geht an Der Hoerverlag für dieses Rezensionsexemplar.

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