Frankfurter Buchmesse 2022 – wieder live und in Farbe

Translate – Transfer – Transform. Lautet das Motto der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Man gibt Hörbüchern und Verfilmungen Raum, möchte Übersetzer:innen und auch Lektor:innen mehr Sichtbarkeit verleihen. Sehr verdient und überfällig, wie ich finde. Wie eingeschränkt wäre unsere Leseauswahl ohne ihre Können. In Halle 4 spielt für sie die Musik, in einem gläsernen Bereich werden hier z.B. Comics übersetzt, es wird diskutiert über das Arbeiten im Schatten großer Namen. Das Herz der Messe schlägt ebenfalls für uns “Normalbesucher” noch immer im Verborgenen. Hinter verschlossenen Türen verhandeln Literaturagenten, Autoren und Verleger um Manuskripte, Übersetzungs-, Hörbuch bzw. Filmrechte und Honorare, damit uns der Lese- und Gesprächsstoff auch in der Zukunft nicht ausgeht. So wurde denn auch die Messe Frankfurt selbst am 19.10.22 preisausgezeichnet, vom Verlag Hoffmann & Campe mit dem Julius-Campe-Preis 2022. Claudia Roth, MdB und Staatsministerin für Kultur und Medien hielt die Laudatio und würdigte die herausragende Rolle der Messe im Bereich der Literaturvermittlung, die auch während der Pandemie durch die Entwicklung neuer Formate den Austausch in der Buchbranche aufrechterhalten habe.

Büchermenschen anderer Länder begegnen kann man alljährlich im Pavillion des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse, das in diesem Jahr Spanien ist. Begonnen habe ich meinen Messebesuch traditionell hier, auch um zu schauen wie das Motto der Spanier “Sprühende Kreativität” dargestellt sein würde. Es waren um diese Zeit noch kaum Besucher anwesend als ich die Halle betrat um mich nur kurz danach von einem Zauber einfangen zu lassen wie ich ihn selten bis nie auf einer Messe erlebt habe. Eine, jetzt schwärme ich wieder, ätherisch schöne Präsentation kann man erleben, eine die die Magie der Geschichten Riuz-Zafons ebenso abbildet, wie die märchenhafte Buntheit und das Spiel von Form und Farbe, das man in Gaudís Architektur finden kann. Luftige, transparente, weiße Stoffbahnen, die in einem Rondell aufgehängt mit Licht bespielt werden, es regnet Wörter und glitzernde Sterne – ich halte meine Hände auf, um mich danach auf überdimensionalen Poolnudeln niederzulassen, die ein Riese vor eine gut gefüllte Bücherwand geworfen hat. Ganz schnell vergessen waren da die Staus und Baustellen auf meinem Weg hierher. Wie knapp es gewesen war, das ich überhaupt hatte herkommen können. Die Zeit flog nur so dahin, nachdem mich die gastlichen Spanier in ihrem Pavillon so bezaubert hatten. Das Gefühl, das sie mir gestiftet haben hat mich durch den ganzen Tag getragen. Schaut das Video dazu gerne auf meinem Instagram Profil nach, es hält einen kleinen Teil der Darbietung fest. Was man nicht sieht ist meine Ganzkörpergänsehaut, die Bilder, eines schon lange zurückliegenden Spaziergangs in Barcelona durch den Park Güell, die mir diese Performance in mein inneres Kino gelegt hat. Unbezahlbar.

Über den Messetag verteilt habe ich dann eine Menge interesanter Gespräche mit Literaturschaffenden angehört, meine Wunschliste wächst und wächst.

Sandra Kegel, Sebastian Stürtz, Dörte Hansen, Daniela Dröscher, Heinrich Steinfest, Simone Buchholz, Berit Glanz, Kim d’Horizon, Kiko Amat, Lara Moreno, Najat El Hachmi, José Ovejero, Jakob Thomä, Denis Scheck, für sie hatte ich ausführlich Zeit. Andere huschten wie Blitzlichter an mir vorbei, darunter die Politikerin Claudia Roth, Elke Heidenreich, Dr. Eckhart Nickel, Frank Goldammer. Wieder andere wurden sofort umlagert, Simone Buchholz nach einem Interview, auch Donna Leon mit Bienensocken und rotem Blazer am Diogenes Stand. Auch das macht diese Messe aus, dieses hautnahe erleben der Menschen, die hinter den Geschichten stecken. Wiedersehen und Kennenlernen konnte ich feiern. Von unübersetzbaren Begriffen aus dem Deutschen wie “Sitzfleisch” habe ich gehört, die auch das spanische Königspaar amüsiert haben. Konnte Ansichten teilen, mir eine Meinung bilden, die Perspektive wechseln, mich mit Themen beschäftigen, die sonst in meinem Alltag nicht vorkommen, konnte mich treiben lassen.

Mittagspause. In meinen Händen dampft eine Kartoffelsuppe. Ich sitze in der Sonne, zwischen einer Hainbuchenhecke, löffle und reflektiere. Die erste Runde durch Halle 3.0 liegt hinter mir und ich konstatiere, einige der etablierten Verlage zeigen deutlich weniger Bücher als vor der Pandemie. In einer Halle findet sich jetzt was zuvor in zweien Platz fand. Kürzlich war zu lesen, der Branche geht das Papier aus. Krieg und Krise fordern auch hier ihren Tribut. Die Messe hat sich strukturell verändert, die Gänge sind breiter geworden, die Stände größer, vor den Bühnen ist mehr Luft. Der Messe-Mittwoch ist am Mittag gut belebt, es hat noch immer weniger Aussteller als vor der Pandemie. Man trägt noch Maske, wenn auch vereinzelt, ich wie immer unter vielen Menschen, der Eingang City wurde verlegt, der Ausgang führt gefühlt einmal um den Block, diesmal gab es beim Einlass keine Taschenkontrolle. Auf der Freifläche fehlte mir Vertrautes, das gastronomische Angebot scheint mir gewachsen, ein halber Liter stilles Wasser kostet 4,25€. Nein, ich habe mich nicht verhört, das muss die Inflation sein. Das Leben schwappt herein.

Ein Blick auf die Uhr, ich muss mich sputen, will ich den Gewinner des Deutschen Buchpreises 2022 Kim d’Horizon noch live sehen. Es klappt, vor der ARD Bühne ist es voll geworden und gleich wird es laut. Solche Jubelschreie hatte ich hier bislang noch nicht gehört, lediglich Applaus wenn ein gefeierter Autor:in die Bühne betrat. Diesmal ist das anders, hier trägt jemand eine Menge Sympathie. Wie schon bei der Preisverleihung am Montag dieser Woche, feiert man Kim d’Horizon, kahlgeschoren von eigener Hand seit der Urkundenübergabe. Ein Zeichen zu setzen, um aufmerksam zu machen auf die Lage der Frauen im Iran, das war der Plan bei der Haarentfernung gewesen, jetzt seien die Haare ab und ja, wie immer sind nicht alle einverstanden damit, es hat Hassreden im Internet. <Blutbuch> heißt der im Dumont Verlag erschienene Siegertitel aus der Feder d’Horizons und ich bin noch immer unentschieden ob ich ihn lesen kann und will, fühle mich gleichermaßen angezogen und abgestoßen. Meist hilft ein wenig Abstand und den nehme ich dazu jetzt erst einmal ein.

Ausführlich Nähe gesucht habe ich zu den Indiependent Verlagen. Hier hatte ich auch meinen diesjährigen Fangirl-Moment, am Stand des Kanon Verlages traf ich auf Ludwig Lohmann von @blauschwarzberlin, diesen Literaturpodcast kann ich Euch nur ans Herz legen, mit dem ich etwas über Lyrik schnacken durfte und der mir einen Titel aus dem aktuellen Kanon Programm in die Hand gelegt hat, Bov Bergs Debütroman <Deadline>, der Sprache wegen. Apropos Lyrik, da fällt mir ein Satz von Erich Fried ein, das der Wagenbach Verlag auch auf seinen Taschen verewigt hat:

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Das lassen wir mal so stehen, oder? 

Gleich zwei meiner Lieblingstitel in diesem Jahr verdanke ich dem Schweizer Unionsverlag, dort habe ich erfahren, dass sich von Djaimilia Pereira de Almeida gerade ein zweiter Titel im Lektorat befindet, der im Februar 2023 erscheinen soll. Ich habe mir sofort einen Knoten in den Kalender gemacht und bin sehr gespannt, ob ich ein ähnlich begeistertes Leseerleben wie bei ihrem im <Auge der Pflanzen> haben werde. So herrlich poetisch war das! Kein Wunder auch, dass ich der Empfehlung und Entdeckung eines weiteren Autors aus diesem Verlag blind folge, es handelt sich um den Roman <Allerorten> von Sylvain Prudhomme mit dem ich sodann durch Frankreich unterwegs sein werde. Da kann der Winter ruhig kommen.

Eine liebe Blogger Kollegin, @antje_liest, hat bei Instagram gefragt welche Buchtipps wir uns von der Messe mitgenommen haben. Das eben waren schon einmal zwei von meinen. Zwei spanische Titel habe ich mir direkt auf der Messe gekauft, als da wären <Goyas Ungeheuer>, ein Kunstkrimi aus Madrid von der Journalistin Berna González Harbour und <Träume aus Beton> den Roman, des als Shootingstar der jungen spanischen Literaturszene gehandelten Kiko Amat, dem ich auf der Bühne auch etwas habe zuhören dürfen. Er wirkt wie ein Rockstar – ich bin gespannt auf sein Schreiben, das mir ein Barcelona erschließen wird, wie ich es nicht kenne. Eines von ganz unten.

Auf meinen Merkzettel gesetzt habe ich Thomas Huerlimann und  <Der rote Diamant>, der nominiert ist für den Schweizer Buchpreis. <Doppelleben> von Alain Claude Sulzer, in dem es um das Leben der Gebrüder de Goncourt geht, denen wir den französischen Literaturpreis verdanken. <Susanna> von Alex Capus, der ebenfalls falls über eine reale historische Person erzählt, es geht um die Malerin Susanna Carolina Faesch, mit der man im Roman die Elektrifizierung von New York erleben und Sitting Bull kennenlernen kann. Na, klingt vielversprechend nicht?

Jörg Maurer auf Abwegen hat seine in Garmisch-Partenkirchen handelnden Krimis auf Seite gelegt und mit seinem <Shorty> einen neuen Helden erfunden. Einen der zugegeben schräg drauf ist, aber der Einstieg in den Roman beim Anlesen hatte mich irgendwie sofort, genauso wie Heinrich Steinfest mich vorlesend im Interview mit Denis Scheck für seinen neuesten Streich <Der betrunkene Berg> eingenommen hat. Im Mare Verlag habe ich <Das Fundament des Eisbergs> von Stefan Moster entdeckt. Seine Übersetzung aus dem Finnischen von Tristania hatte mich so berührt!
<Wie die einarmige Frau das Haus fegt> wollte ich immer schon wissen, den Kriminalroman dazu gibt es bei Culturbooks und er ist von Cherie Jones. In ein Gespräch mit Simone Buchholz bei der ARD bin ich hinein gestolpert, sie war zusammen mit Berit Glanz auf der Bühne, sie findet <Unsterblich sind nur die anderen>. <Unschuld> von Takis Würger, <Simón> von Miqui Otero und <Emil> von Mariam Kühsel-Hussaini, <Die Meerjungfrauen von Black Conch> von Monique Roffey, sowie <Raue Wasser> von Rebecca Pert rangeln ebenfalls um Aufmerksamkeit auf meiner Wunschliste und von Salman Rushdie habe ich einfach noch zu wenig gelesen, seine <Mitternachtskinder> und seine Autobiografie <Josef Anton> habe ich mir jetzt vorgenommen. 

Sollte mich doch einmal wieder die Lust auf Fantasy packen, bin ich ebenfalls versorgt, habe ich doch eine deutsche Ausgabe der Hobbits bei Ueberreuter entdeckt, <Quendel> heißt die Trilogie von Caroline Ronnefeldt. Last but not least behauptet im Programm von Nagel & Kimche Rachel Ferguson <Die Brontës gingen zu Woolworth> was soll ich da noch sagen, außer: Lesen!

Auf jeden Fall noch Danke, für eine inspirierende Zeit, wonach ich Durst hatte, habe ich erst gespürt als ich wieder auf der Messe war. Aufgesaugt habe ich alle Eindrücke wie ein trockener Schwamm, nicht viel geschlafen danach und wenn von Büchern geträumt. Von leuchtendem Buchstabenregen, spanischen Gitarrenklängen und von den Sternschnuppen, die ich früh morgens fast alleine im spanischen Pavillon aufgefangen habe.

Allen, die das Wochenende auf der Buchmesse noch vor sich haben wünsche ich eine grandiose Zeit. Ich werde in der ARD-Mediathek und beim Blaurn Sofa des ZDF noch etwas stöbern, welche Gespräche ich vor Ort verpasst habe und aufholen. Bleibt neugierig. Es gibt noch soviel zu entdecken! Das Lieblingsbuch der Unabhängigen zum Beispiel, von mir immer noch nicht gelesen, aber von Euch vielleicht, ist: <Eine Frage der Chemie> von Bonnie Garmus. Herzlichen Glückwunsch!

Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert