Fräulein Nettes kurzer Sommer (Karen Duve)

Der Knabe im Mohr (Annette von Droste-Hülshoff)

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritt ein Quellchen springt,
Wenn es aus der Spalte zischt und singt! – 

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn der Röhricht knistert im Hauche!
Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben im Hage?

.....

“Für Annette aber war ein Vers soviel mehr, er war alles. Gefühl und Rausch, Ordnung der Gedanken und Ausweg aus der Verzweiflung, Schönheit und Bekenntnis. Alles eben …” (Textzitat)

Mit jeder Geschichte die wir beginnen verlassen wir festen Boden, wagen uns in ein neues Abenteuer, ähnlich einem Spaziergang im Moor, der faszinierend ungewiß ist, denn das Ende des Weges liegt häufig im Nebel. So, wie in jeder Lebensgeschichte, wo das größte Geheimnis, auch wann sie ihr Ende nimmt, für uns im Dunkeln liegt …

Der Knabe im Moor gehört zu meinen Lieblingsgedichten überhaupt, weil es so atmosphärisch, so gefühlsecht ist und meinen Gedanken, dass man nur SO schreiben kann, wenn man eine enge Verbindung spürt, sehe ich jetzt bestätigt. Das nachdem ich die Lebensgeschichte der Autorin, zumindest in Auszügen erlauschen durfte, die es dereinst ersonnen hat …

Fräulein Nettes kurzer Sommer (Karen Duve)

Winzig und zwei Monate vor der Zeit war sie auf die Welt gekommen. Einen Jungen hatte man erhofft und erwartet, am Ende war es wieder nur ein Mädchen geworden. Niemand hatte daran geglaubt, das dieser kleine Wurm überleben würde, schon gar nicht das er sich auch noch zu einem widerspenstigen Querkopf, ja zur altklugen Nervensäge entwickeln sollte. Ja, das Freifräulein Annette von Droste-Hülshoff war störrisch, dem Hauslehrer ging sie aus dem Weg, trieb sich lieber im Moor herum, den Rocksaum verdreckt, die Schuhe ruiniert, so traf man sie zumeist an. Zum Glück pflegte ihre Mutter einen verhältnismäßig modernen Erziehungsstil, und ließ schließlich doch zu, dass ihr Stiefbruder, Werner von Haxthausen, ihrer Tochter zum Mentor wurde, als diese mit zwölf Jahren auch noch zu dichten begann.

Wie man sich doch täuschen konnte! War ihr der Onkel bei den ersten Gehversuchen in Sachen Dichtkunst noch ein Mentor gewesen, so verlor sich sein Interesse an ihren Versen nicht nur, kaum war sie auf dem Weg eine junge und gar nicht einmal so unansehnliche Frau zu werden. Nein, er begann sie für ihren offen zu Markte getragenen Widerspruchsgeist sogar zu verachten und andere, besonders die Herren, mit seiner Überzeugung anzustecken …

Alles nur, weil die sittsame Langeweile zu der man die Mädchen damals erzog so gar nichts für Nette war. Sie hatte nicht vor, als Salondekoration mit dem Stickrahmen in der Ecke zu sitzen und ließ das jeden eben spüren, der es ihr aufzwang. Ihre Leidenschaft galt, neben der für das Klavier spielen und der für das geschriebene Wort, der Mineralogie. Ganz und gar undamenhaft war sie so meist mit dem Hammer im Gürtel unterwegs. Wie eine Besessene klopfte sie, die fußläufig um das Gut gelegenen Felsen ab, auf der Suche nach etwas Besonderem, brach um vier Uhr früh dafür mutterseelenallein auf …

Ich liebe diese Spaziergänge mit Annette im Roman, die leider von einer extremen Kurzsichtigkeit geplagt, und ohne ihre Longuette, nur die Umrisse ihrer Umgebung wahrnehmen konnte. Wie gut ich sie verstehe, wenn ich nur meine Brille absetze!

“Ihre Worte lagen auf der Stille wie zitternde Wassertropfen auf einem Blatt.” (Textzitat)

Wer so Metaphern einsetzen kann, dem applaudiere ich stehend! Karen Duve, fängt mit ihrer Ausdrucksweise, mit den Worten die sie wählt, diese Epoche wunderbar ein. Sie zeichnet ein glaubwürdiges Bild von Adel und Bürgertum, und von der Kluft dazwischen, die oft von dem Gebrechen der Armut, wie sie sagt, unüberbrückbar eingegraben ist. Für mich ist sie zudem wortschatzbereichernd, denn von “Krawallanten”, um nur ein Beispiel zu nennen,  hatte ich bislang noch nicht gehört.  Ein feiner, trockener Humor rundet Duves Sätze ab, immer da, wo er hin gehört.

Als Vorleserin ihres eigenen Romans hingegen, hat sie mir in der Hörbuchfassung nicht so gut gefallen. Sie wählt einen sehr normalen, bisweilen sogar emotionslosen, leicht abgehackten Stil, der ihrer gefühlvollen und gut ausformulierten Geschichte leider nicht gerecht wird. 

Was schade ist, bei diesem literarisch schönen Text, der sehr bildhaft und herrlich unaufgeregt, wie ein breiter ruhiger Fluss von seiner Quelle bis zu seiner Mündung strömt. Die beschriebenen Szenerien dagegen kommen mir eher wie ein Gang durch ein Museum vor, all die schönen Ölgemälde, die es zu bestaunen gilt. Würdevoll erstarrt und soo gut getroffen, blicken mich die Figuren zwischen den gehörten Silben an.

Holprige Kutschfahrten gilt es zu überstehen, bei denen man acht geben musste, dass man sich nicht die Zunge abbiss, so viele Schläge galt es auszuhalten. Auf schlammigen Wegen blieb man vielfach stecken, konnte sich dann ohne fremde Hilfe nicht wieder befreien. Diese halsbrecherischen Fahrten räumen bei mir ein für alle mal mit dem Vorurteil auf, das Unterwegssein seinerzeit romantisch gewesen sein muss.

Medizinische Experimente auf den Richtplätzen. Studentische Dichtergilden, die sich schaudernd und zugleich fasziniert in geselligen Runden davon erzählen, wie man Nadeln in Pupillen und Rückenmark stach, um abgetrennten Gliedmaßen noch eine Regung zu entlocken und die Zeit maß, die ein Herz noch schlug, nachdem ein Körper seinen Kopf nicht mehr trug.

Ein Vulkanausbruch auf Java verdunkelt nicht nur vor Ort die Sonne und reißt eine ganze Insel auseinander, sondern sorgt auch dafür, dass der Himmel seine Schleusen über Europa öffnet und es dort nichts mehr gab außer Regen, Sturm, Gewitter und Hagel. Das, bis auf den Äckern die Kartoffeln, die Frucht faulte und am Ende die Enten schwammen. Missernten machten Mägde und Knechte arbeitslos und brachten Hunger und Armut über das Land.

Eine bunte Mischung aus Ereignissen kann man mit Karen Duve und Nette erleben. Im studentischen Leben von Göttingen etwa, wo wir um 1818 nicht nur in einem Hörsaal einer Geburt beiwohnen, sondern man auch auf den Straßen unterwegs sind, während die Studenten jenen die Scheiben einwerfen, die ihnen nicht genug Respekt entgegenbringen. Wilde Zeiten waren das fürwahr. Aber auch sanftere Zeitgenossen dürfen wir kennen lernen, die Gebrüder Grimm etwa, oder auch Heinrich Heine.

Von Handküssen, gestohlenen Küssen, Hauben und Rüschenkragen, von Gedichten und Geschichten. Herrlich romantisch werden hier noch Locken verschenkt.

Zwischen Freiherren und gnädigen Frolleins, zwischen Zofen und gelüfteten Zylindern verbringen wir eine Bade- und Trinkkur in Bad Driburg. Wo wir sogar einen Vetter von Herrn Knigge kennen lernen, dessen Benimmbuch gerade in aller Munde ist und wo ein Kurarzt unsere Nette quasi stilllegt, während die Sehnsucht sich in ihr einnistet wie eine zusätzliche Krankheit.

Wie verzweifelt muss ihr reger Geist gewesen sein, angesichts der gesellschaftlichen Zwänge und des Frauenbildes mit dem man sie hier gängelte. 

Man strafte sie ab, verspottete sie, das Schreiben verbot man ihr, je ernster sie es nahm. Von Unterstützung und Wertschätzung konnte jetzt, als sie eine erwachsene Frau war keine Rede mehr sein. 

MANN brüskierte sie, demütigte sie öffentlich, meinte sie so beherrschen, zähmen zu können und ich balle die Hand zur Faust bei diesen Szenen, entstammte doch alles was sie sagte, ihrer inneren Klarheit und geschah nicht böswillig oder mit verletzender Absicht.

Eine große unglückliche Liebe. Gebrochene Herzen und große Schuld. Blanker Hohn und keine Milde. Wer dieser Familie angehörte, hatte auf seinen tadellosen Ruf zu achten und ging er nur um ein Weniges fehl, so hatte er nichts mehr zu lachen …

Nachdem der letzte Satz abgelauscht ist, kehre ich dem 19. Jahrhundert wieder den Rücken, dankbar dafür emanzipiert und in einer deutlich komfortableren Zeit leben zu dürfen. Mein Bravo aber gilt dieser Sahneschnitte von einem historischen Roman, sowie Karen Duve, einer Wortschmiedin erster Couleur – und meiner Annette, in die ich schockverliebt bin, und der sie hier ein Denkmal setzt. Einer begabten und tragischen Frauen-Figur, der die Liebe zum geschriebenen Wort alles galt … 



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2 Kommentare

  1. Petra
    11. Juni 2019

    Ja, der passende Schauspieler als Sprecher vermag so mancher Geschichte noch etwas mitzugeben. Schön das Dir dieser Roman auch gefallen hat. LG von Petra

  2. Dorothee
    10. Juni 2019

    Ein toller Roman, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe!
    Tja…wenn Autoren selber lesen…das wird oft nix!
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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