English Monsters (James Scudamore)

Was wir sagen ist nicht was wir denken. “Das holen wir nach“, sagen wir. “Lassen wir es besser“, denken wir? Unsere Freundschaften, Bekanntschaften hat ein Virus befallen. Nur die engen sind geblieben und selbst die sind nicht mehr so wie zuvor. Umarmungen werden durch “virtuelle Hugs” ersetzt, in Kurznachrichtentexten füllen wir mit Emojis die Lücken, bei Zoom-Meetings entstehen peinliche Pausen. Korrespondenz verebbt. Miteinander schweigen will gelernt sein und es geht in Präsenz deutlich besser als mit Abstand. Weil man den anderen als Gegenüber auch dann noch spüren kann, weil sich Distanz so überbrücken lässt. Wie wird es sein, wenn aus dem Jetzt ein Später, ein Nachher geworden ist? Wie viele Freunde sind gekommen um zu bleiben? Wen lassen wir zurück? Freiwillig oder unfreiwillig? In dieser Geschichte haben sich zwei Schulfreunde aus den Augen verloren um sich Jahre später wieder zu treffen inmitten einer Wahrheit die beide immer verbunden hat …

English Monsters von James Scudamore

Eindrucksvoll ist diese Schule. Ein Eliteinternat. Altehrwürdig das Gemäuer. Eingeschüchtert begleitet eine Großmutter ihren Enkel zum Aufnahmegespräch. Die Frau des Schulleiter empfängt sie frostig. Es riecht nach Bohnerwachs und Tradition und eine Zeder wirft ihren langen Schatten auf den Nordrasen als sie eintreten.

Siebenhundert Jahre Schulgeschichte. Die Eisenbetten im Schlafsaal sind hier mit Nachnamen beschriftet. Eines trägt jetzt seinen. Max Denyer ist zehn Jahre alt als man ihn hier einschult. Allein mit einer Holzkiste, inklusive doppeltem Boden, die sein Großvater mit ihm gebaut, und der seinen Namen mit dem Lötkolben in den Deckel gebrannt hat. Fern einer Heimat, die zuletzt Mexico hieß, ohne elterlichen Beistand, weil der Vater immer für die Firma unterwegs ist in der Welt. Dafür finanziert die Firma aber auch die Ausbildung der Angestelltenkinder. Ein Privileg ist das. Nicht selbstverständlich. Auch wenn er jetzt auf sich gestellt ist, als Rädchen im Getriebe einer reglementierten Welt, zu der bald schon willkürliche Bestrafungen gehören wie die täglichen Mahlzeiten. Wie er seine Freiheit vermisst, die für ihn magische Zeit mit den Großeltern auf ihrem Bauernhof, der auch jetzt nur einen Steinwurf entfernt und doch plötzlich unerreichbar fern ist.

“Manieren machen uns zu Menschen”. Schläge auf die Hände. Mit dem Lineal, auf den unteren Rücken, die Beine, mit einem Strick der geknotet ist. Auf nackte Haut. Auf entblößte Herzen. Dorthin wo man ihre Spuren nicht sehen kann. Einfach wegen allem. Sie nennen das Charakterbildung. 

Im Schlafsaal macht des Nachts ein bestimmter Lehrer die Runde und er weckt immer einen Jungen auf. Hasenjagden werden veranstaltet, die Hasen haben aber hier zwei Beine und das Los entscheidet wer du bist. Hase oder Jäger. Bis auf’s Blut. Das wollen sie schon sehen. Aber Max ist schneller und gewieft auch. Er entgeht ihnen, was ihnen aber auch nicht passt. Ganz und gar nicht.

Gewalt im Schulalltag. Lehrkräfte, die sich wie Gefängniswärter gebärden. Streiche und Unerschrockenheit trotzen der Willkür. Um Loyalität geht es, um Ehrlichkeit und um ein Spiel, das sie “English Monsters” nennen, um eines mit versteckten Hinweisen, und um Heinrich V., den ein Lehrer zitiert dem sie zu folgen bereit sind.

Hier wohnen Heimweh, Schroffheit und Stolz zwischen Wandteppichen, Schwerter auf Samtunterlagen und Stille zwischen der Holztäfelung. Aber auch Freundschaft, Kameradschaft und Zusammenhalt haben ihren Platz. Finden Platz. Bindungen entstehen, die bis ins Erwachsenenalter halten.

James Scudamore, geboren 1976, britischer Autor, studierte Moderne Sprachen, wurde für zahlreiche Preise nominiert, stand auf der Longlist des Man Booker Prizes, lebt mit Frau und drei Kindern in Oxfordshire auf einer Farm mit Käserei. Als Sohn eines Vaters, der als Chemiearbeiter für seine Firma viel im Ausland arbeitete wuchs Scudamore u.a. in Japan, Ecuador, Brasilien und England auf. Der Guardian feierte seinen Roman English Monsters als düster und zärtlich zugleich, und für seinen wunderschönen erzählerischen Bogen, was für mich der Lockruf war.

Wir starten mit Max 1987 mit der Aufnahme auf diese Privatschule. Die abgelegen und auch irgendwie schon äußerlich ehrfurchtgebietend ist. Hoch ragt sie auf am Berg. Im nahegelegenen Ort hat es nur ein Pub und eine Telefonzelle, man durfte wenn man “Freigang” hatte hierher, aber nicht telefonieren, wenn doch durfte man sich keinesfalls erwischen lassen …

Ein Klavier dient Max und uns als Zeitreise-Vehikel, ich kann den Staub riechen, spüre die folgsamen Hämmer, die dieses Instrument mit Musik durchdrungen haben. Max spielt. So gern und so landen wir mit ihm auf einem Klangteppich und im Jahr 1997, kurz vor Max’ einundzwanzigstem Geburtstag, da lerne ich Holly kennen. Ihr gegenüber spricht er zum ersten Mal offen über die Schule am Berg, die für ihn eine unter vielen gewesen ist, aber eine die entschieden hat. Entschieden hat über sein weiteres Leben. Wer er heute ist. Mit Holly kommt er hierher zurück. Zum Schülertreffen. Geht durch die Räume von einst, begegnet den Gespenstern jener Zeit und sieht Simon Drake wieder. Computer-Genie, der allen immer weit voraus war und ihm ein Freund. Von Anfang an. Der laut Max auch als Erwachsener “ein Mysterium ist, eingewickelt in ein Rätsel, das einen Hoodie trägt”.

Was mochte ich diese bildhafte Sprache gern! Die vergleichenden Bilder die Scudamore einsetzt, für geliebte Gegenstände aus dem Erbe von Max’ Großeltern ebenso wie für Stimmungen und Räume. Man versinkt in seinen Sätzen wie in einem dicken Teppich. Die Geschichte springt zwischen den Erinnerungen von Max und dem Jetzt hin und her, mal sind sie zart, zärtlich und wehmütig, besonders wenn er den körperlich und geistigen Verfall seiner Großeltern begleitet, dann wieder sind sie hart auf Kante, schmerzen mich durch die Seiten.

Es geht um eine Freundschaft, um das was vereint wenn es eng wird. Um Prägung. Um das was man vergessen kann, um das was man behalten muss, um das was man verliert. Um das was man gewinnen kann, wenn man wagt und vertraut.

James Scudamore unterfüttert fleißig seinen Spannungsbogen mit Erinnerungsbildern, weicht in Andeutungen aus, gründet Ahnungen, sein Erzählton hat etwas soghaftes, auf das ich mich einlassen musste. Gegenwehr zwecklos. Völlig! Da ist er der von Kritikern als wunderbar beschworene erzählerische Bogen. Er kommt auf den Punkt, das war zu befürchten. Heimlichkeiten, Verlogenheit, wer wusste wie viel? Alles ist noch viel schlimmer als man denkt. Scudamore enthüllt, sein Lehrpersonal deutet rassistische Beleidigungen als Tatsachen um und mir bleibt die Luft weg.

Er webt einen Internatszauber und zerschlägt ihn dann buchstäblich. Rasch ist man jenseits jeglicher Hogwarts-Romantik und jenseits vom “Club der toten Dichter”, an den ich mich erinnert fühlte. Jungs mit besonderer Begabung werden zerbrochen. Von Wölfen im Schafspelz.

Das Schweigen brechen. Was macht das? Mit dem/der betroffen ist selbst und mit denen, die plötzlich Teil dieser Wahrheit werden. Die sich ihre Ahnungslosigkeit nicht verzeihen können.

Es gibt sie diese Geschichten die mich immer noch kalt erwischen, die unerwartet im Grunde erwartetes erzählen und mich innerlich ganz wund zurück lassen. Ich dachte schon ich finde in diesem Jahr keine solche und dann ist sie da. Nicht gleich schon zu Beginn. Wie auf Socken, auf leisen Sohlen, schlichen sich die Geschehnisse in Scudamores Roman an mich heran, um dann einzuschlagen wie eine Granate. Er wühlt mich auf dieser Text. Mit Zorn, Mitgefühl und genauso wie Max mit dem Wunsch zu helfen in meiner Hilflosigkeit. Doch wie kann das gehen?

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, sagt ein Kalenderspruch, Rache ist Blutwurt ein anderer. In diesem Roman, der sowohl ein nachdenklicher als auch ein lebendiger ist, der mittels wie verschachtelt wirkender Rückblenden beeindruckend kontruiert ist, kann man beides haben.

Angesichts der jüngst aufgedeckten Missbrauchsvorwürfe von Schutzbefohlenen, die sich in der Obhut der katholischen Kirche befanden, hat dieser Roman eine ungeheuere Brisanz und Aktualität. Keine Frage. Aber das ist es nicht, was ihn für mich ausmacht. Die Figurenzeichnung, das Agieren dieses Romanpersonals, insbesondere die beiden Max und Simon sind mir so nahe gekommen, wie das selten passiert. Das mag nicht jedem so ergehen, aber ich glaube es wird bei ganz vielen die diese Geschichte lesen genau so sein. Denn Scudamore vermag es Töne in der Tiefe bei seinen Leser*innen anzuschlagen. Töne die, wie wenn man eine Basstrommel schlägt, lange im Inneren vibrieren. Mich hat er zudem stilistisch und auch sprachlich mit seiner aufwühlenden Handlung sehr beeindruckt.

Mein Dank geht an den Hanser Verlag für dieses Besprechungsexemplar.

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