Drei Kameradinnen (Shida Bazyar)

Seit langem endlich wieder ein Frühstück im Garten. Gesicht in der Sonne, Kaffee in der Hand. Plötzlich ein wütendes Summen direkt über unseren Köpfen. Ein Bienenschwarm auf der Flucht, ein Volk gespalten und von einem Moment auf den anderen liegt Revolution in der Luft. Stadt ohne Namen. Tochter ohne Wurzeln, Dein Zorn lodert hell, schlägt Flammen, verschlingst Du Freund und Feind? Bedenke, es gibt keinen Weg zurück, ist man erst hier angekommen. Am “Point of no Return”. Dort stehst Du jetzt gerade und Deine Wut würde so gerne in Trümmer legen was du siehst …

Drei Kameradinnen von Shida Bazyar

Drei junge Frauen auf einem Dach. Bier in der Hand. Eine Kopftuch-Geschichte im Ohr. Sie lachen gemeinsam und entspannt über eine Pointe.

Wild und jung und frei, engagierte, selbstbewusste Freundin. Das ist es was sie ist. Saya, und diese Wut, die hatte sie schon als Kind. Die Wut verbrennt alles, sagt man oft landläufig, in dieser Nacht liefert sie Saya in den Knast ein und wir erfahren, von der Ich-Erzählerin dieser Geschichte, der Soziologiestudentin Kasih, die Sayas Freundin ist, warum. Hani die dritte im Kameradinnen-Bunde, kennt sich mit Zorn auch aus. So wie Kasih. Mit Zorn auf Männer die ihnen nachsteigen, die sie als Frauen aber nicht sehen, sie probieren es mit einigen von ihnen. Kasih ist gerade erst gescheitert mit Lukas und Hani, so versöhnlich und gutmütig, wird eh meist nur ausgenutzt. Im Job und überhaupt.

Warum es jetzt ausgerechnet Silvester ist und ich diese drei Freundinnen vor einer Hochzeit treffe zu der sie eingeladen sind, keine Ahnung. Warten wir’s mal ab. Alle drei sind sie also nicht gemacht für die Ehe, halten auch nix davon, was ich von ihnen aus erster Hand erfahre. Was man mir nicht verrät ist, in welcher Stadt diese Geschichte spielt, auch nicht woher die drei stammen, nur das es dort Krieg gegeben hat und das sie hier fremd sind, ihre neue deutsche Heimat “Siedlung” nennen, klug sind, und in der Regel kein Kopftuch tragen. Sich aber durchaus über Kopftuchträger*innen lustig machen. Sie dürfen das. Wir nicht. Das ist der Unterschied und um den geht es hier.

Ich werde direkt angesprochen als Leserin, ein Kniff der Autorin, der mich vereinnahmen soll? Wer weiß, bei mir zündet diese Raketenstufe aber nicht schon zu Beginn. Es dauert etwas, braucht seine Zeit. Derweil wird rückwärts erzählt, dann wieder seitwärts. Kindheit, Jugend, Gegenwart. Migrationshintergund. Ein Haus brennt. Ich versuche der Spur der Verwüstung zu folgen, durch Partys mit anschließendem Kater, sitze im Jobcenter mit am Tisch, erlebe Enttäuschungen hautnah und spüre, das der Tropfen, der hier das Fass zum Überlaufen bringt, Demütigung heißt und wir uns offenbar ab genau jetzt Sorgen um Saya machen sollten …

Die Hörbuchfassung dieses Romans liest Banafshe Hourmazdi, geboren 1990 im Ruhrgebiet, deutsch-iranische Schauspielerin, wohnhaft in Berlin und sie hat mir tatsächlich dieses Hörbuch verleidet. Leider leiert sie viele Passagen daher, dann wieder klingt es abgehackt und wie mit Vollbremsung endet jeder Satz bei ihr mit einem harten Punkt. Nach rund zwei Stunden Hörzeit war ich bereit für den Abbruch, wollte dann aber doch dieser besonders bei Instagram omnipräsenten und hochgelobten Geschichte noch eine Chance geben. Bin ich wieder einmal einem Hype aufgesessen oder was ist dran an diesem Roman von …

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, ganz in meiner Nähe übrigens, im schönen Rheinland-Pfalz, sie zog es nach ihrem Studium für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim nach Berlin. 2016 erschien ihr Debütroman “Nachts ist es leise in Teheran” der mehrfach preisausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis.

Sprachlich fühlte ich mich bei ihr wie im Schleudergang, einerseits ist sie sehr direkt und klingt so, wie ihr der Schnabel gewachsen scheint, respektive ihrem Romanpersonal, dann wieder mutet sie beinahe akademisch an, modern und wirkt unangepasst. Sie hält die Grundwut hoch, bleibt aber mit ihrer Geschichte insgesamt doch hinter meinen hohen Erwartungen zurück. An ihre Figuren komme ich nicht so ran wie ich es gerne habe. Kann gar nicht genau sagen warum nicht.

Ja, es ist wichtig, sich mit dem Rechtsruck in unserer Gesellschaft zu beschäftigen. Auch mit Themen wie Benachteiligung, Migration und Chancengleichheit von Frauen. Mit Provokation und Wut und Hasskommentaren im Netz. Sie so wie Bazyar einzupacken macht sie einer jüngeren Zielgruppe zugänglich was mir gefallen hat. Gleichzeitig fühlte ich mich provoziert, weil mir, uns “Weißen” hier einiges unterstellt wird. Man unterlässt es gar gleich mir Dinge zu erklären, weil verstehen tue ich das eh nicht. Aha und Oha! Noch so ein Trick um mich auf den Tisch zu bringen? Und der funktioniert tatsächlich. Ich hasse Verallgemeinerung und pauschaliert wird hier gerne alles mögliche angenommen, vor allem politische Gesinnungen. Wenn dieses Stilmittel, dieser Erzählstil dazu dienen kann, sich gegenseitig den Spiegel des Missverstehens vorzuhalten, dann klappt das hervorragend. Ich nehme wieder in meiner Gefühlsachterbahn Platz und höre weiter. 

Diskriminierung im Alltag, Shida Bazyar spiegelt Verhaltensweisen. Das schafft sie, ohne zu moralisieren, obwohl ihre Protagonistinnen überaus heftig bewerten. Das Verhalten von Männern in “der Bahn” ebenso wie von das “weißen” Schwiegereltern in spe. Sie spiegelt uns, die wir ein geschütztes, gewaltfreies Leben abseits der Nachrichten leben. Ihre Erzählerin schimpft uns aus, weil wir einfach ausblenden was uns lästig ist. Wegsehen. Ich fasse mir an meine eigene Nase und denke nach.

Dies hier ist kein Wohlfühlbuch. Es ist unbequem und es schmerzt unsere Gesellschaft, die eine Neidgesellschaft geworden ist, so zu sehen, das ist erschreckend. Sind wir wirklich so zufrieden geworden, so ignorant offensichtlichem Hass gegenüber?

Bazyar verzichtet darauf Namen zu vergeben. Städte, Orte und auch die meisten Personen bleiben anonym, die Parallelen in ihrer Geschichte zu den jüngsten NSU Prozessen aber sind unverkennbar und unleugbar. Auch von Affenlauten in einem Fußballstadion ist die Rede und gleich hat man ein Bild. Jeder von uns weiß wo er steht, diese drei Kameradinnen fordern uns auf unseren Standpunkt zu überprüfen. Sie empören sich und uns. Besonders weil diese Geschichte mit einem anderen Blick erzählt. Sie irritiert ganz bewusst. Am liebsten wäre mir, das es anders ist auf unseren Schulhöfen, in unseren Klassenzimmern, den Jobcentern, in Beruf und Alltag. So ist es aber nicht. Deshalb ist es Zeit die rosa getönten Brillen abzunehmen und gegen solche zu tauschen, mit denen wir wieder scharf sehen. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wir haben es in der Wand. Wer wenn nicht wir?

“Und ihr so? Bei Leuten wie euch ist man sich ja nie ganz sicher, welche Absurditäten ihr für wahr haltet und welche nicht, ob und was ihr uns glaubt und was ihr Leuten wie Saya zutraut und was nicht.”

Textzitat Shida Bazyar Drei Kameradinnen

Über uns weiß sie alles, diese Kasih, so wie wir alles über sie wissen zu wissen glauben, und sie belässt es auch nicht bei einem provokanten Einwurf. Wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein, fällt mir dazu spontan ein. Wer frei ist von Vorurteilen auch.

Es steckt viel Hass in dieser Geschichte, aber auch eine große Traurigkeit, jenseits eines sich vor Empörung überschlagenden Internets. Die hört man zwischen den Zeilen heraus. Das mochte ich. Sehr. Diese Mischung, dieser Mix an Gefühlen den Shida Bazyar mit ihrem Text auslöst. Auch dann, wenn sie das Bild dieser scheinbar unkaputtbaren Freundschaft zeichnet. Einen ganz bestimmten Klang hat das, einen ganz bestimmten Ton, einer der es vermag Betroffenheit auszulösen und eine innere Anspannung die bis zum Romanende anhält. Das überrascht und in dem Saya in einen Tunnel gerät, sich in Ausweglosigkeit verrennt. Sie will Gleiches mit Gleichem vergelten. Sie gerät unter Verdacht. Wir trauen ihr alles zu? Ja!? Geschickt sät Shida Bazyar Zweifel. Was schreiben wir wem zu, nur weil er aussieht, wie er aussieht …

Dieser Roman wirft viele Fragen auf und mit Gefühlen nur so um sich. Kalt lassen wird er nur wenige, die einen lesen ihn so, die anderen anders. Auf jeden Fall aber ist er im Gespräch und das ist gut so. Wobei ich die Hörbuchfassung nur denen empfehle, die vorher eine Probe nehmen und mit der Sprecherin warm werden, sonst – besser lesen. 

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