Eine fast perfekte Welt (Milena Agus)

Manchmal müssen es auch für mich die großen Gefühle sein. Ein bisschen Romeo liebt Julia. Eine Prise Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Der Wunsch nach einem Neuanfang. Leben und gefestigt sein von Traditionen, geerdet durch eine Heimat, die man stets in sich trägt, auch wenn man den Schritt in eine Auswanderung wagt, dem Ruf in ein Land mit unbegrenzteren Möglichkeiten folgt. Wenn wir alle die Voraussetzungen für ein erfülltes Leben in uns tragen, was uns die Autorin hier verspricht, wie stellen wir es dann an, sie auch gewinnbringend zu nutzen? Widerständen, die sich uns in den Weg stellen zu trotzen, auch dann, wenn sie aus der eigenen Familie kommen …

Eine fast perfekte Welt von Milena Agus

Sardinien, zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Wer auf einer Insel aufwuchs, dessen Herz musste für das Meer schlagen. Wenn er dann noch wie Raffaele als armer Bauernjunge lesen lernte und Herman Melville entdeckte, seinem Dasein als Hilfsarbeiter entkommen wollte, lag der Gang zu Marine irgendwie auf der Hand. In Kriegszeiten wurde jeder Mann gebraucht. Ein Krieg spielt nach seinen eigenen Regeln und hier spielt er Raffaele übel mit. Im April ’43 wurde sein Kreuzer von Bombern versenkt, er trieb stundenlang, sich an eine Holzplanke klammernd, im offenen Meer. Überlebte, um dann im September 1943 von den Deutschen gefangen genommen zu werden. Sie steckten ihn in ein Lager, Hinzert. Er überlebte abermals. Als das Lager von den Amerikanern befreit wurde, kehrte er heim. Hier hatte Ester fünf Jahre auf ihn gewartet. Nicht nur das Ester den Jungen in den sie sich verliebt hatte nicht wieder zurück bekam, wer Esters Mutter als Familienoberhaupt hatte, brauchte sonst keine Strafe mehr. Despotisch, boshaft, die Hand prügelnd gegen die Tochter erhebend, versagte sie ihr den Umgang mit Raffaele, der in ihren Augen ein Habenichts war. Ihr Bruder Felice wurde ihr hier zumindest kurzzeitig ein Verbündeter, dumm nur, dass er in Kriegszeiten von der kommunistischen Idee der Sowjetunion infiziert worden war und mit ihrem Raffaele in einem andauernden Clinch lag, den der amerikanische “way of life” faszinierte.

Raffaele träumte von der Freiheit. In der Kriegsgefangenschaft hatte er einen amerikanischen Soldaten kennengelernt, der alles über Jazz zu wissen schien, was der Klang seiner Trompete im Lager bewirkt hatte, hatte er bis heute nicht vergessen. New York, das klang wie eine Verheißung. Auf der Suche nach Arbeit verlässt er Sardinien, geht nach Genua. Verdingt sich als Industriearbeiter, lernt die Tochter eines Reeders kennen und lieben. Bei Besuchen in seinem Dorf versagt ihm jedoch seine Mutter diese Beziehung. Wenn er Ester, nachdem sie den ganzen Krieg über auf ihn gewartet habe hier sitzen ließe, sei ihr Leben gelaufen. Er schulde ihr eine  Hochzeit, die sich für die beiden dann auch anschließt. Ihr eheliches Glück jedoch trägt nur einen Namen, den ihrer gemeinsamen Tochter: Felicita.

“Ihr Mann, der ihr alles voller Stolz zeigte, sah nichts von dem, was sie sah. Für ein Bett, eine Kommode, einen Schrank, zwei Nachtkästchen und zwei zierliche Sessel, hatte er seine ganzen Ersparnisse der letzten zehn Jahre seit Kriegsende ausgegeben. Jetzt besaß er keine einzige Lira mehr.”

Textzitat Milena Agus Eine fast perfekte Welt

Man nahm sich immer mit. Die Stadt in ihrem gelobten Land hieß Genua. Ester aber war hier von Anfang an tot unglücklich, trotz ihrer kleinen Tochter. Eine eigene Wohnung war ihnen finanziell nicht möglich, ärmlich und am Ende einer Sackgasse waren sie in einem Hinterhof gelandet …

Milena Agus, geboren 1959 als Kind sardischer Eltern in Genua, auch heute lebt sie in Cagliari auf Sardinien. Es gibt einen Weltbestseller von ihr, der 2016 auch verfilmt wurde und den ich bislang verpaßt habe, dieser ihr Roman “Die Frau im Mond” erschien 2007.

Eine fast perfekte Welt ist aus dem Wunsch entstanden, ein Sardinien zu retten, dass es ohne Bücher möglicherweise eines Tages nicht mehr gibt.”

Milena Agus

In ihrem, druckfrisch seit 24.01.2020 erhältlichen Roman, blicke ich mit ihr auf drei Generationen einer Familie mit sardischen Wurzeln. Auf Felicita, die Tochter von Ester und Raffaele, die sich verliebt und nicht wieder geliebt wird, schwanger wird. Auf exzentrische Vermieterinnen und auf eine Großmutter, die erst krank und verbittert, in hohem Alter das Meer, von dem sie nur eine Autostunde entfernt wohnt, zu sehen kriegt. Und ich blicke auf einen türkisfarbenen Bucheinband, der unter dem Schutzumschlag mit dem Foto der jungen Frau hervor blitzt, so türkis wie das Wasser an einigen Stellen der Costa Smeralda.

Mit leichter Hand und mit großer Wärme, mit stets vorwärts gewandtem Blick entwirft Milena Agus ihre Geschichte, die mich in zwei schlaflosen Nächten bestens unterhalten hat. Sie erzählt mir vom Wohnen in Souterrains, von fensterlosen Zimmern, Plastikblumen, streng getrennten Wäscheleinen auf schmalen Terrassen. Von Stadtvierteln, die voll gepumpt sind mit arabischen Migranten, von verkauften und verratenen Kindern. Von dörflicher Bescheidenheit und Armut. Adel verpflichtet oder auch nicht. 

Ihre Figuren sind ihr außerordentlich gut gelungen und auch die Zeichnung einer Zeit im Aufbruch, eines Italiens, eines Sardiniens im Wandel. Die Liebe zu ihrer Heimat ist ihr deutlich anzumerken, und ich mochte auch sie, diese Heimatverbundenheit, die dieser Roman ausstrahlt. Sie und die Unverdrossenheit, mit der vor allem Felicita nach ihrem Glück sucht.

Sprachlich flüssig unterhält Agus und auch immer wieder mit poetisch schönen Satz-Einwürfen, mit denen sie das Gefühl zu vermitteln sucht, das sich einem mit positivem Blick im Leben immer eine Tür öffnet, wenn sich eine andere schließt. Man nur den Mut für Entscheidungen braucht um voran zu kommen, denn eine Entscheidung kann niemals falsch sein, entspringt sie doch immer in allem, dem Wissen, welches wir zu dem  Zeitpunkt haben, an dem wir sie treffen.

Wer nicht zurückblickt der bereut nicht. Ich bin verblüfft, wie dem Schoß einer Berufspessimistin, die ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs lebt wie Ester, eine solche Optimistin wie Felicita entspringen kann. Eine Tochter, die aus gebrauchten Dingen bemerkenswertes schafft, die ein Kind, einen Jungen in diese Welt entlässt, der dieser ein Geschenk machen will. Die mit einem Herzen aus Gold und einem herrlich trockenen, lebensweisen Humor ausgestattet ist. 

Für die Guten ist im Leben alles leichter, man darf rasten auf seiner Lebens-Reise, sich anlehnen, aber nie aufgeben lehrt mich Agus. Und wer hat denn gesagt, dass man nicht zeitlebens auf das Glück hoffen und nach ihm suchen darf? Eben …

Hoffnungen und Sehnsüchte werden von Generation zu Generation getragen. Dies ist eine Geschichte, die mir das Herz gewärmt hat. Eine, die einen Optimismus-Funken zu zünden vermag, die einfach einmal nur gut tut. Ach Mensch, Felicita! Du unverwüstliche Seele! Du bist wirklich die Beste wenn es darum geht Wracks zu bergen, menschliche meine ich. Du warst mir die Liebste in dieser Geschichte und ich würde Dich vom Fleck weg zu Freundin nehmen!

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2 Kommentare

  1. Petra
    3. Februar 2020

    DAS kann ich mir sehr gut vorstellen ;-). LG von Petra

  2. Dorothee
    2. Februar 2020

    DAS ist mit Sicherheit ein Buch für mich!!!
    Schönen Sonntag, Dorothee

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