Dort dort (Tommy Orange)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 03.11.2019

“Ich würde lieber als Indianer sterben, als wie ein weisser Mann zu leben.” Sitting Bull, Häuptling der Sioux

7.000 US-Soldaten eskortierten 1838 die Cherokee, auf dem 1.600 km langen “Pfad der Tränen” von Georgia nach Oklahoma. Sie hatten sich geweigert das Land ihrer Ahnen zu verlassen. 4.000 Indianer starben auf diesem Todesmarsch. Nach Winterkriegen, Angriffen auf schlafende Dörfer, der Beinahe-Ausrottung der Bisonherden während des Eisenbahnbaus, mündete der Widerstand der nordamerikanischen Indianer gegen die Vertreibung aus ihren Stammesgebieten in einen letzten Kampf. Im Skeleton Canyon wurde am 4. September 1886 der Apachen-Häuptling Geronimo mit seinen Kriegern unterworfen.

Die komplette Landmasse zwischen Atlantik und Pazifik wurde jetzt von den Vereinigten Staaten kontrolliert und ein Umerziehungsprogramm für die Indianer wurde gestartet. Ihre Kinder galten als Mündel der Regierung, wurden den Eltern weggenommen und in Internate geschickt, diese Massnahmen griffen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Den Kindern wurden in den Schulen zuerst die langen Haare geschnitten, ein Trauma für die Sioux-Kinder. Denn nur Feiglinge oder Trauernde trugen kurze Haare …

“In den finsteren Zeiten, wird da auch gesungen werden? Da wird auch gesungen werden, von den finsteren Zeiten.” Berthold Brecht

Dort dort von Tommy Orange

Oakland. In einer Lawine aus Kombis und Vans erreichten sie das Powwow. Traumfänger und kleine Mokassins baumelten an ihren Rückspiegeln. Aufkleber mit markigen Sprüchen oder der Stammeszugehörigkeit prangten auf den Stoßstangen. Sie hießen Red Feather, Two Shoes, Little Cloud und Bear Shield. Sie waren jung, alt und alles dazwischen, sie waren Native Americans, und das Powwow war ein Ziel, auf das man hinarbeitete. Eine Quelle zum Geld verdienen, ein Platz für Tänze, ein Raum um sich zu begegnen, stammesübergreifend. Das Big Oakland Powwow mit seinen Trommeln.

Seinen Trommeln und Tänzern und Tänzen, die in einem Gewirr aus Federn zu einem einzigen Tanz werden. Gemeinschaft und ein Gefühl von Zugehörigkeit hier kann man sie spüren, aber nicht alle sind heute gekommen um zu feiern. Ein Schuss kann wie ein Pfeil sein, schnell und heiß und tödlich. Blut, das an Federn klebt …

Tommy Orange, geboren 1982, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. In Oakland aufgewachsen, lebt er mit Frau und Sohn in Kalifornien. Dort dort ist sein erster Roman und was für einer! Orange will klar stellen, er wird zitiert mit folgendem Satz: “Als Native-Autor hat man das Gefühl, dass man die Dinge richtigstellen muss. Es ist alles schon so oft falsch oder gar nicht erzählt worden.”

Er eröffnet mit einem erschütternden Prolog, mit grausamen Details aus der Geschichte der nordamerikanischen Indianer. Er schafft Betroffenheit und das ist gut so! Sprachlich ist Orange mal drastisch mal ausgenommen poetisch. Seine Prosa hat sich schneller als das Licht mit Widerhaken in meinem Herzen festgekrallt. Sein Grundton, der hier oben auf schwimmt, ist grandios, die Nominierung als Finalist des Pulitzer Preises 2019 nur folgerichtig, seine Auszeichnung mit dem American Book Abward 2019 freut mich.

Er erzählt uns von Thanks-Giving-Festen nach erfolgreichen Indianer-Massakern, während derer in Manhattan Indianer-Köpfe wie Fußbälle durch die Straßen getreten worden sind, irgendwann zwischen 1621 und 1637. Indianer-Köpfe auf Lanzen gespießt, Indianer-Köpfe in Whiskey-Krügen aufbewahrt. Indianer-Köpfe auf Münzen, auf Flaggen als Testbild im Fernsehen. Bevor SIE kamen hatten sie keine Nachnamen.

Blut ist dicker als Wasser und es bestimmt auch über Rechte und Pflichten. Die Blutanteils-Regelung von 1705 legt fest, wie viele und welche Rechte ein Native American hat.

Wir vergegenwärtigen uns eine Zeit, die die Verleumdung eines ganzen Volkes zur Folge hatte. Ich versuche zu verstehen, wie es sein muss, sich mit der Gegenwart zu verbinden, wenn man seine Wurzeln nicht mehr spüren kann und darf.

“Viele von uns sind urban geworden. Weil wir in Städten leben oder weil wir im Internet leben. Im Hochhaus der unzähligen offenen Browserfenster. Früher nannten sie uns Bürgersteigindianer. Verstädterte, oberflächliche, unauthentische, kulturlose Flüchtlinge. Äpfel. Ein Apfel ist aussen rot und innen weiss.” (Textzitat)

Mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit arbeitet Orange gegen solche Anwürfe. Er ist ein aufmerksamer, empfindsamer Beobachter, achtet auf Details. Sie machen hier die Tiefe aus, loten den Schmerz aus, ich bewundere ihn für sein Erzählkonstrukt, seinen Erzählstil, den sein Übersetzer Hannes Meyer meisterhaft aufgegriffen hat. Ohne Pathos und Rührseligkeit stellt uns Orange reihum zwölf Figuren vor, die er an einem einzigen schicksalhaften Tag, bei einem Powwow zusammenführt. Eine jede mit einer geballten Ladung Vergangenheit im Gepäck …

Eine Summe von Einzelschicksalen und ein kollektives Gedächtnis. Ein fragmentarischer Roman, der zusammenfügt, was zusammen gehört, getrennt lässt, was unterschieden werden muss. Der Fragen nach Schuld und Vergeltung aufwirft.

Wir erfahren von Geschichte, die in einem Gesicht landet. In dem Gesicht eines sechsjährigen, der das Drom hat, wie er sagt, das fetale Alkoholsyndorm, weil seine Mutter getrunken hat, als sie mit ihm schwanger war. Zuviel Platz ist zwischen den einzelnen Teilen in seinem Gesicht, seine Lider hängen schlaff herab, alle die ihn anschauen, schauen schnell wieder weg. Er ist gezeichnet durch seine Geschichte. Durch eine Geschichte, der man nicht ins Gesicht sehen möchte. Aus einem Säuferbaby wird ein hünenhafter, dummer indianischer Erwachsener, so sagen sie es ihm. Alle Intelligenztests, die er gemacht hat sprechen eine deutliche Sprache.

Eine Waffe, die ein 3D-Drucker ausgespuckt hat, Munition dafür, die man bei WalMart kaufen kann. Federn und Perlen und einen den man für dumm verkaufen kann. Indianische Tänze und Trommeln, Trommeln, die man im Bauch spürt.

Misstrauen, finstere Gedanken und Gewalt. Perspektivlosigkeit und Depressionen als Folgen von Vertreibung und Entwurzelung. Selbstmordpräventionsprogramme, Drogenberatung, Heroin-Babies.

Medizinkisten, Glaube und Aberglaube. Man spürt das es wahr ist, was hier passiert, lange bevor man es weiß. Ein Blutfleck auf dem Rasen vor der Tür, neben dem man den Vater, den Bruder verliert.

Ein Roman wie ein Kaleidoskop. Der Bilder von Tätern und Opfern, von Wut und Resignation, von Selbsthass und unterdrücktem Zorn zeigt. Blitzlichter aus verschiedenen Leben, auf die man sich einlassen muss, die es auch auszuhalten gilt. Ihnen allen ist eines gemein, die Verlorenheit und eine Gesellschaft an der sie nie Anteil hatten. 

“Wir haben keine Zeit. Die Zeit hat uns. Sie hält uns im Schnabel, wie die Eule die Feldmaus.” (Textzitat)

Wenn eine Heimat sich verändert, kein Stein auf dem anderen bleibt. Dann gibt es das Dort dort nicht mehr. In Reservate wurden sie umgesiedelt, die dafür sorgten, das den Native Americans die eigene Identität verloren ging. Für viele von ihnen sind der Alkohol oder Fressattacken zum besten Freund geworden. 

Je älter ich werde, desto mehr erschrecken mich die Wahrheiten aus der Geschichte, die mir der Schulunterricht verschwiegen hat. Präsident Roosevelt wird hier zitiert mit folgendem Satz: “Ich behaupte ja nicht, das nur tote Indianer gute Indianer sind, aber in neun von zehn Fällen dürfte das schon der Fall sein und beim zehnten möchte ich auch nicht so genau hin schauen.”

Dieser Roman wühlt mich auf, diese Geschichten nehmen mich mit, schwer auszudrücken ist, was da in mir vorgeht. Ein Roman, der mir eine Tür öffnet, durch die ich hindurch gehen und Entdeckungen machen kann, auch wenn sie weh tun … Im Hörbuch gehen Geschichte und Vortrag eine Verbindung ein, die mich sehr angefaßt hat, das durch,

Christian Brückner, geboren 1943, der mit seiner Frau das Hörbuch-Label parlando gegründet hat. Der Schauspieler und Sprecher ist mehrfach preisausgezeichnet worden für sein Schaffen, 1990 mit dem Grimme Preis Spezial in Gold. 2005 dann der Deutsche Hörbuchpreis für das Gesamtprogramm von parlando, 2012 der Sonderpreis für sein Lebenswerk, 2017 Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik, 2018 das Bundesverdienstkreuz.

Wir kennen seine leicht heisere Stimme, als die deutsche Synchronstimme von Robert de Niro. Mit ihr macht er mir ein Schaudern. Der Stoff von Orange macht mir eine Gänsehaut. Brückner weiß genau, wann er sich zurücknehmen muss, wann er mir stimmlich Halt geben muss, wann er zornig werden darf und wann aufbrausend. Er ist ein Stimmungskünstler, eine Offenbarung für diesen Text, der selbst einer banalen Gebrauchsanweisung Gefühl einhauchen könnte. Er bebt mal vor Enttäuschung, mal vor Entrüstung. Er findet immer genau den richtigen Ton um wie beiläufig von Drama und Verderben zu Erzählen. Mich zu beruhigen weiß, wenn ich nicht mehr weiter kann …

“Am Ende sind alle hier nur als Indianer verkleidete Indianer”. (Textzitat)

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