Schalenmenschen (Lydia Steinbacher)

*Rezensionsexemplar*

Allerheiligen, 2019

Sind es nicht immer die unerwarteten Begegnungen, die unserem Alltag die Würze geben? Die das Salz in unserer Lebenssuppe sind? Da spielt es keine Rolle, ob man alte Bekannte wieder trifft oder neue Bekanntschaften schließt. Einige sind flüchtig wie ein Lufthauch, wie ein Irrlicht. Andere sind wie Streifschüsse, sie schmerzen sogar kurz und oft vergessen wir sie lange nicht. Es bleiben kleine unsichtbare Narben zurück. Manche sind kurz, berühren uns aber so intensiv, dass wir spüren, hier kann sich etwas aufbauen, vielleicht sogar eine Bindung, eine Freundschaft entstehen.

Wo wenn nicht hier, kann man förmlich in ihnen baden. Die Frankfurter Buchmesse, ist ein Ort der Begegnung und mich hat der Besucherstrom in diesem Jahr an die Küste des Septime Verlages gespült, eigentlich weil ich dort den Romanen des Norwegers Jan Kjaerstad begegnen wollte. Das bin ich auch, aber zuerst bin ich auf Herrn Schütz getroffen, der gleich mit beiden Händen meine Hand nahm, als ich mich vorstellte. Der mir geduldig zuhörte und der mir dann Julia Steinbacher und ihre Schalenmenschen mit einer Begeisterung ans Herz und in meine Hände legte, dass ich meine Scheu vor Erzählungen spontan beiseite geschoben habe. Die Furcht vor nicht zu Ende erzähltem, zu kurz gefasstem hielt mich bisher ab.

Schalenmenschen von Lydia Steinbacher

Schlicht und klar der Schutzumschlag, die Zeichnung der Kastanie ist von der Autorin selbst, so lockten mich Titel und die junge Autorin in dieses Büchlein. Und – es war Liebe auf das erste Wort bei mir und Frau Steinbacher und über die Signatur im Buch bin ich heute, nach dem letzten gelesenen Wort, noch glücklicher schon als auf der Messe. Warum?

Weil ich hier durch die Wüste laufen konnte, einen Marathon bestreite mit einem Mann, der jetzt nicht einmal mehr aus seinem Zimmer auf die Straße treten mag. Von Chancen erfahre, die das Leben bedeuten können.

Hier kann ich mich auf einem kostbaren Perserteppich ausruhen, der die Zeit und alles in ihr aufgesogen hat. Ein vertauschter Koffer führt mich zu einem Menschen, der den meinen schon geöffnet und mich darin erkannt hat.

Schalentiere haben einen Panzer, der sie vor Verletzungen schützt. Was ist das dann bei Schalenmenschen? Im besten Fall ein dickes Fell? Oder ist es eher der weiche, verletzliche Kern, der unter einer rauen Schale wohnt? Ich glaube, dann bin ich auch ein Schalenmensch. Auch ich habe mir ein paar Stacheln zugelegt um mich zu schützen, bei Alltagsverletzungen klappt das auch, aber … Mit diesem Aber beschäftigt sich Steinbacher.

In ihren Geschichten mit den offenen Enden und geschlossenen Leben. Mit geöffneten Händen und geballten Fäusten nehme ich sie in Empfang. Bin versessen auf jede weitere die kommt, vergesse die Zeit und lese, lese, lese …

Hier komme komme ich heim und bleibe fern, lebenshungrig und lebensmüde. Bin beharrlich und gehe verloren. Verzeihe und trage nach. Leide an einer unmöglichen Liebe. Gewähre alternden, eigenwilligen Professoren Obdach, schaue mit ihnen auf zur Milchstraße und greife nach den Sternen, um mich dann in meiner Lieblingsgeschichte im Nieselregen zu verlieren. So dachte ich zumindest bis zum Weiterlesen, das Nieselregen meine liebste Geschichte bleiben würde, bis zu dieser Einweihung. In der sich etwas ganz anderes verbirgt als die Überschrift vermuten lässt. Eine Geschichte, die mich mitnimmt und mit nimmt zu einem alten Haus, einer alten Frau, ihrem Bub und zu Schneekirschen, nein zu Schneeknirschen im Frühling. In sie bin ich auch vernarrt, kann mich nicht mehr entscheiden, an welcher Erzählung mein Herz am meisten hängt. Und wisst Ihr was das Gute daran ist? Ich muss es gar nicht. Sie dürfen mir ja alle gefallen und Euch übrigens auch!

Meinen Mann habe ich schon infiziert mit dem Steinbacher-Virus und es ist spannend in Gesprächen zu entdecken, dass wir uns oftmals die gleichen Passagen gemerkt haben, dann aber uch wieder ganz unterschiedliche. Jeder von uns erliest sich diese Geschichten auf seine Art und immer trifft sie einen Nerv:

Lydia Steinbacher, geboren 1993, studierte Philologie, lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich. 2017 veröffentlichte sie einen Lyrikband (den muss ich mir anschauen!) der bereits auf großes mediales Interesse stieß, kann man im Klappentext über sie erfahren. Im persönlichen Gespräch, auf der Messe, wirkte sie sympatisch und zugänglich, auf eine sehr angenehme Art zurückhaltend und aufmerksam zugleich.

Stimmungen erzeugt sie schreibend beinahe chirurgisch präzise und so entstehen Bilder, die einfach nur wunderschön sind …

“Keine Lampe erleuchtet das Haus, aber durch die großen Fenster ohne Vorhänge lässt das Mondlicht sich ins Zimmer fallen wie ein müder Geist.” (Textzitat)

Unangestrengt und poetisch, verzaubernd, diese Verben beschreiben nur unzureichend, wie Lydia Steinbacher zu schreiben vermag und wie sie es geschafft hat, aus einer solchen Fülle von Empfindungen zu schöpfen. 

Jetzt sitze ich hier, bin am Ende der letzten erzählten Geschichte und bin am Ende mit meinem Schreiberlatein, weil mir nicht genug sein will, was ich zu dieser Sammlung von Erzählungen sagen kann. Zu diesen Geschichten, die mich sprachlos gemacht haben, die mich haben lachen lassen und Tränen weg blinzeln, die wahrhaftig sind, überraschend, verblüffend und wunderbar. Die tief gründen und tief gehen. Die schmerzen und bezaubern, berühren und sich wohltuend abheben. Eine jede von ihnen kriegt immer erst mit den allerletzten Sätzen die Kurve. Bis kurz vor dem Schlußpunkt ist man im Ungewissen, worauf das Erzählte hinausläuft, das finde ich großartig.

Geniessen kann man jeden Satz, unzählige Markierungen habe ich mir gemacht. Kunstvoll geschmiedet sind sie diese Satzkunstwerke, wehmütig, sehnsuchtsvoll, sie schmelzen wie eine gute Schokolade, nimmt man sie in den Mund. Ich habe es ausprobiert, mir einige von ihnen zu recht gelegt und laut vorgelesen. 

“Die Tropfen vom Himmel wollen heute wehtun, alle Schneckenhäuser der Welt zerschlagen. Das Wasser in meinen Haaren flüchtet sich in die gepolsterte Stuhllehne – wenn es Angst vor mir hat, kann ich es verstehen.” (Textzitat)

Habe mich in ihren Andeutungen verloren, Abschied genommen, Geschwister kennengelernt. Unvermeidliches ertragen, Paare, alte wie junge getroffen. Krankheiten erlebt und Fluchtgedanken gehegt. Habe eine alte Katze wiedergefunden und Erinnerungen auch. Mir bewusst gemacht, dass die Lebenszeit eines Menschen, wie ein Wimpernschlag verstreicht. 

Eine ganze Welt habe ich in diesem kleinen Buch gefunden, mit all ihrem Licht, mit all ihren Schatten und es hat auch selbst eine Schale. Seinen festen Einband, der es und sein Inneres schützt wie eine Muschel. In seinem Innersten verbirgt es nicht eine Perle, sondern zwanzig. Zwanzig Erzählungen und eine jede schimmert für sich …

“Der Herbst hat sich in den Platanen eingelebt, in den gebrechlichen Blättern, die hin und wieder zu Boden fallen und unter den Schuhsohlen Vorbeigehender zerrieben werden.” (Textzitat)

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2 Kommentare

  1. Petra
    3. November 2019

    Wow trifft es ziemlich gut, Dorothee. Für mich war und ist diese junge Autorin es eine echte Überraschung. Wie wunderbar, dass man noch solche Entdeckungen machen kann. LG von Petra

  2. Dorothee
    2. November 2019

    Wow…!
    Auch ich lese ungern Erzählungen, aber die von Dir benannten Textauszüge machen auch mir Lust auf dieses Buch!
    L. G. Dorothee

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