Die Surrealistin (Michaela Carter)

Eine ganz eigene Energie gehörte ihrer Malerei schon bevor sie ihn kennengelernt hatte. Sie verliebte sich nur in ihn und liebte die Malerei einfach weiter, sagte sie dazu befragt.

Zumeist malte sie Landschaften, aber immer fantasievoll. Bevölkerte sie mit Gestalten aus Visionen, mit Schreckgestalten und Geistern. Surreal. Dieser Kunstrichtung ordnete “Mann” sie zu und sich als Frau in dieser Kunst beweisen, das musste sie ein Leben lang …

Die Surrealistin von Michaela Carter

1997 New York City.
Hier beginnt es also, hier begegne ich ihr zum ersten Mal. Leonora Carrington (*1917, +2011), da ist sie bereits 80 Jahre alt.

Bei einer Ausstellungseröffnung, einer Retrospektive ihres Schaffens. 60 Jahre Leidenschaft gebannt auf Leinwand und immer noch fühlte sie sich wie entblößt unter all diesen Blicken, verwundbar. Leonora Carrington empfand es bei Ausstellungen immer so, als habe man ihre Kunst als Beweismittel gegen sie in Stellung gebracht. Ihr Innerstes lag dann offen vor den Betrachtern. Schutzlos.

Ein Interview hatte sie zwar zugesagt, aber sie hasste es, hasste es zu beschreiben was sie inspiriert hatte. Nie konnte sie in Worte fassen was sie sah. Ihre Übersetzer waren stets Hand und Pinsel. 

Sie sprach nicht über ihre Kunst. Punkt. Ihre Einstellung: Gemälde waren dazu da Unsagbares auszudrücken. Die Künstlerin gibt sich also zugeknöpft, gar nicht mal böswillig, aber ganz und gar verbindlich. Da hat es eine Reporterin wahrlich nicht leicht. Aber sie lässt nicht locker, oder von ihr ab.

Fragen über Fragen und natürlich ging es um ihn, um Max, um die dreißiger Jahre in Paris, im Café de Flores, mit ihm. Max Ernst. Um ihre Beziehung, ihren Altersunterschied. Er ging damals auf die Fünfzig zu und sie war Anfang Zwanzig gewesen. So jung. So voller Euphorie. Mit ihrer Kunst wollten sie die Welt verändern.

1937, London. Eine von Kunststudenten organisierte Dinnerparty. Unter den Gästen, es gab Zitronensorbet und irisches Shortbread, waren Lee Miller, barfuß und lässig rauchend und Max Ernst.

Hier blubbern Gespräche, steht man oder Frau vor einem schiefen Grinsen. Hier leuchtet Unbeschwertheit, lärmen Zikaden.

Was folgt ist eine leidenschaftliche, eine ekstatische Beziehung. Une femme sorciére, so sah er sie? Er fühlte sich offenbar verhext von ihr und sie wurde sein Modell, aber wollte sie das auch für ihn sein, seine Muse? Warum nicht, aber nicht nur. Sie wollte malen, ihm zeigen wer sie wirklich war. Das irische Feenvolk der Síd, hatte bei ihr als Kind Spuren hinterlassen und in ihren Bildern tauchten die Figuren, die sie der erwachsenen Leonora in ihre Träume schickten wieder auf … 

Es war zum Haare ausreißen und genau das tat ihre Mutter auch immer, direkt über dem einen Ohr, wenn ihr alles zu viel wurde. So wie jetzt als Leonora fortging, um in Sünde mit Max Ernst zu leben, als ihr Vater sie hinaus warf. Der sie kurz gehalten hatte während des Studiums, der hoffte sie würde dann aufgeben und um ihr zu zeigen, dass sie dort nicht hingehörte. Unter die Kunststudenten. Denn Kunst war brotlos. Da gab es keine Diskussion. Und sie, sie sollte sich gefälligst benehmen, wie es einer Frau zustand. Das aber hatte sie selten bis nie getan, ihren alten Herrn damit oft zur Weißglut gebracht und am Ende war sie gegangen.

Daran musste sie jetzt denken. Mit blanken Brüsten und Champagner in der Hand. Alles eine Frage der Moral. Wenn ihr Vater sie jetzt so sehen könnte, mit dieser Künstlerclique und alle benahmen sie sich daneben.

Ein Apartment im Quartier de Montparnasse, hohe Decken, tiefe Fenster, ein kleiner Balkon, das Paradies.

Tuben mit Ölfarbe, ihr chemischer und zugleich erdiger Duft. Ich schaue ihr über die Schulter. 

Fotografen, Musiker, Dichter, Schriftsteller und Maler, freies Denken und Leonoras erstes Surrealistentreffen im Café de Flore. Ich bin dabei.

Man tanzt. Es hat Jazz, wie man ihn noch nie gehört hat. Live spielt ihn Django Reinhardt und Leonora lernt Salvador Dali kennen.

Besuch. Nora öffnet die Tür und lässt Pablo Picasso ein, der Rotwein im Arm und einen Freund im Schlepptau hat. 

Südfrankreich. Das Ende eines Sommers, das diesmal so viel mehr bedeutete, denn ein Weltkrieg steht bevor. Moderne Kunst gilt jetzt als entartet. Wer nicht gehen will muss bleiben. Exil oder Gefangenenlager? Verleumdung, mehr brauchte es nicht für eine Gefangennahme. Krankheit, Fieber und Albträume.

Eine Verhaftung, Eine Fahrt in einem Geisterzug. Chaos im Land und auch Max Ernst flieht wie so viele. 

Dies ist die Geschichte einer untrennbaren Verbindung. Einer verhängnisvollen, einer die allen Widerständen zu trotzen scheint und doch scheitert. Schmerzvoll und zerstörerisch. Durch wessen Schuld? Der Krieg und verbohrte Ideologien zerschlagen ihre Beziehung von innen und von außen. Ihre Kunst hatten sie in die Welt tragen wollen. Sie alle, und jetzt standen ihre Träume zum Verkauf. Auf dem Schwarzmarkt.

“Lass dich nicht von ihnen zähmen.” Ein Satz wie ein Bollwerk, aber wird er hilfreich sein? Auf der Flucht, einsam unter Fremden. Die Nerven, zusammengebrochen, die Wirklichkeit verschwommen, während Leonora sich verliert, wie ihre geliebte Alice hinter den Spiegeln, sechs verlorene Monate lang. Nach der Verhaftung von Max Ernst 1939.

Und hier endet es also. In Mexico. Als letzte Weggefährting von Nora lerne ich Frida Kahlo kennen …

Der us-amerikanischen Autorin Michaela Carter, die am Yavapai College Kreatives Schreiben lehrt, umreißt faszinierend das Leben und Wirken dieser kreativen Geister. So bildhaft als sitze man im Kinosessel. Man schaut auf Szenen in Schwarzweiß und Farbe, aber immer in Breitwand. Die Besetzung – stets hochkarätig.

Die Zeit springt hin und her und die Geschichte mit ihr. Dreht den Kopf, wendet den Blick, mal betrachte ich das Geschehen durch die Augen von Nora, mal durch die von Max. Entdecke ihre Bilder, darf in ihren Ideen umhergehen, noch bevor sie entstehen, bevor sie sich auf der Leinwand manifestieren, und die dann mal aus reiner Fantasie, mal aus Albträumen gemacht scheinen.

Dieses “uns Eintauchen lassen” gelingt Carter ganz wunderbar. Ausgesprochen poetisch fängt sie dabei mit Worten ein, was zwischen den Figuren schwingt. Stimmungen, Gefühle, Begegnungen und Situationen, treffsicher und zum Schwelgen schön. Ich bin verliebt. Ganz eindeutig. In diese wilde, fantasievolle Leonora. In diese Bilder. In diesen Stil, den Ton, das Licht, die Geschichte …

Über Emanzipation in der Kunst lässt sich vieles sagen. Nicht aber, das es wirklich vielen Frauen gelungen ist sich durchzusetzen, Wertschätzung zu erfahren, für das was sie erschaffen haben. Auch die begabte Leonora Carrington musste immer wieder betonen, dass sie ihr Können nicht dem Strahlen von Max Ernst verdankte, das sie nicht nur seine Muse gewesen ist, die einzig denkbare Rolle, die Frauen in der Kunst seinerzeit zukam. Ihre Begabung entsprang ihr und sollte auch als solches wahrgenommen werden. Sie verdient es. Nicht nur mit Bildern verstand sie es sich auszudrücken, sondern auch mit Prosa. Auch ihre Geschichten sind surreal und fantastisch, wie kann es auch anders sein. Ich muss mindestens eine lesen!

Sprachlich und inhaltlich habe ich dieses Hörbuch so sehr genossen. Was mindestens zu gleichen Teilen dem ausgewogen formulierten Text, den lyrischen Passagen, der gelungenen Übersetzung von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann, sowie dem exzellenten Vortrag von Cathrin Störmer, geboren 03. April 1969 in Göttingen, deutsche Schauspielerin, wohnhaft in Zürich, zu verdanken ist. Die wunderbare Regiearbeit von Franz Wassmer nicht zu vergessen. Einzelne Passagen, die Gedanken- und Ideenwelten werden mit Hall abgesetzt, oder gar im Stil alter Schellackplatten. So gelungen!

So feiere ich heute, quasi im Nachgang den Weltfrauentag und diese unglaubliche Frau, diese unglaubliche Geschichte von Abhängigkeit und Befreiung. Von unbändiger Schaffenslust und abgrundtiefer Verzweiflung. Mit diesem Hörbuch, dass mir rund 15 3/4 Stunden lang pures Hörvergnügen geschenkt hat.  Schillernd, wagemutig und verwegen, aber auch verwundbar und verletzlich, zeichnet Michaela Carter zwei Menschen und ein Wegstück gleich zweier Lebenswege nach. Mit einem Text, der selbst wie ein Gemälde anmutet, eines das lebendig und bunt gemalt wurde. Der leidenschaftliche Pinselschwung seiner Schöpferin ist und bleibt dabei deutlich wahrnehmbar. Mal trägt sie etwas dicker auf, mal zeichnet sie ganz zart und in Pastell. So ist eine herrliche Symbiose aus Wort und Ton entstanden und ein Hör-Highlight für mich. Ohne Wenn und Aber!

Ich bedanke mich daher ganz ausdrücklich beim Verlag HörKultur für diesen ganz besonderen Tipp und für dieses Besprechungsexemplar. Was wäre mir entgangen, hätte ich es verpasst!

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